Vergleiche mit skandinavischen Ländern sind hierzulande in Mode gekommen. Kaum eine Woche vergeht, in der uns nicht eine „wichtige Stimme des öffentlichen Lebens“ mitteilt, dass irgendetwas in Skandinavien besser sei oder gehe als bei uns. Weniger erfährt man allerdings über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen der – unbestreitbaren – skandinavischen Erfolgsgeschichten. Der Verfasser, aufgrund von einschlägigen früheren Studien-, Forschungs- und Arbeitsaufenthalten nicht nur des Englischen, sondern auch des Schwedischen ausreichend mächtig, hat im Juni dieses Jahres die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Finnland bereist, nicht zuletzt auch, um Bekanntes zu überprüfen und Neues zu entdecken. In einer dreiteiligen Serie veröffentlichen wir seine Erkenntnisse.
Finnland
Wenig bekannt ist, dass Finnland ein zweisprachiges Land ist. Landes- und Amtssprachen sind Finnisch und Schwedisch. Das folgt aus der Geschichte des Landes. Bis man sich 1906 trennte, war Finnland Teil des schwedischen Königreiches. Die danach in Finnland verbliebenen Schweden und deren Nachkommen haben sich bis heute ihre sprachliche und kulturelle Identität bewahrt. Es gibt keine Probleme zwischen den so genannten Finnlandschweden und den Finnen. Beide feiern sie in diesem Jahr „100 Jahre Demokratie in Finnland“, wie eine Tafel am Parlamentsgebäude in Helsinki, das die Schweden Helsingfors nennen, verkündet.
Aufschlussreich, weil in Deutschland unbekannt, war für den Verfasser ein Besuch in der akademischen Buchhandlung, die im größten Kaufhaus Helsinkis, dem von einem Deutschen gegründeten Kaufhaus „Stockmann“, untergebracht ist. Deutschen „Buß- und Bessermenschen“ würde es wohl den Atem verschlagen ob der dort umfangreich präsentierten Literatur über den Zweiten Weltkrieg im Norden Finnlands, den die Finnen „Fortsetzungskrieg an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion“ (nach dem vorausgegangenen finnisch-sowjetischen „Winterkrieg“ 1939–40) nennen.
Ehrenvolle Bewertung Dietls
Dabei wird dem Oberbefehlshaber der deutschen Nordlandtruppen, dem Gebirgsjägergeneral und „charismatischen deutschen Kriegshelden“ Dietl, eine soldatisch ehren- und respektvolle Beurteilung zuteil, ganz im Gegensatz zu dessen Bewertung und Behandlung in Deutschland.
In der Eingangshalle des Offiziersheimes am Gebirgsjägerstandort Mittenwald in Oberbayern hing jahrzehntelang ein Ölgemälde des Generals, bis es inzwischen „auf Geheiß von oben“ entfernt werden musste. Davor hatte von den vielen, teils hochrangigen in- und ausländischen Gästen im Offiziersheim niemand Anstoß an dem Bild genommen. Vielleicht sogar im Gegenteil, denn der Verfasser, selbst in Mittenwald „gelernter“ Gebirgsjäger, hat bei seinen vielen, über Jahrzehnte gehenden Kontakten mit Kameraden aus anderen NATO-Staaten die Erfahrung gemacht, dass diese den Gefechtsfeldleistungen deutscher Offiziere und Soldaten eher mit Hochachtung als mit Verachtung begegnen. Möglicherweise auch deshalb, weil diese Leistungen inzwischen in vielfacher Weise Eingang in die Ausbildungspläne von Militärakademien rund um den Globus gefunden haben.
Wie gegenwärtig der Nordlandkrieg in Finnland noch immer ist, zeigt ein Bericht im Helsinkier „Hufvudstadsbladet“ am Besuchstag (06. 06. 2006) über deutsche Soldatenkinder, die ihre Väter gefunden haben. Denn „200.000 deutsche Soldaten waren in Nordfinnland während des Fortsetzungskrieges stationiert. Viele von ihnen hatten Romanzen mit finnischen Mädchen, die manchmal schwanger wurden.“
Unter dem Foto einer strahlenden Frau ist zu lesen: „Glückliches Ende. Nach 60-jährigem Warten fand Tuula Sippola ihren Vater – und sich selbst.“ „Ihr Vater heißt Gerhard, ist inzwischen 88 Jahre alt und lebt in Berlin. Nach einem ersten Treffen kommunizieren jetzt beide eifrig per e-Post, bis sie sich im Herbst wieder sehen werden“. Der Bericht schließt mit der Feststellung, dass finnische Frauen, die eine „deutsche Romanze“ hatten, nicht mit solchen Erniedrigungen oder gar mit Lynchen bestraft wurden wie Frauen in Norwegen und Frankreich.
Dazu passt, dass der seinerzeitige finnische General und Staatschef Mannerheim, der im Fortsetzungskrieg an der Seite Hitlers gegen die Sowjetunion gekämpft hatte, bevor er im Winter 1944/45 an die Seite Stalins gegen Hitler trat, von den Nachkriegsfinnen nicht verstoßen worden ist. Die Finnen wissen, dass aufgrund der damaligen Machtkonstellationen nur Mannerheims Taktieren zwischen den Diktatoren das Überleben ihres kleinen Volkes gesichert hat. Deshalb ehren sie den General auch heute noch mit der „Mannerheimstraße“ im Zentrum Helsinkis.
Homogene Finnen und ihre Spitzenleistungen
Bei einem Aufenthalt in Helsinki/Helsingfors sieht und spürt man, was der „Economist“ vom 08. Juli 2006 in seinem „Loblied auf Finnland“ (In praise of Finland) anlässlich dessen Übernahme des EU-Vorsitzes konkretisiert:
Die Finnen sind, 15 Jahre nach dem Kollaps der Sowjetunion, zufrieden. „Ihr kleines Land (5 Millionen Einwohner) befindet sich an der Spitze oder nahe daran auf fast allen internationalen Vergleichstabellen: erster auf der Liste der wettbewerbsfähigsten Länder des Weltwirtschaftsforums und zweiter auf der Liste der wettbewerbsfähigsten Firmen; erster in der OECD-erstellten Weltrangliste über die Leistungsfähigkeit des Bildungswesens; zweithöchste Ausgabe für Forschung und Entwicklung in der EU.“
Das Land kehre gerade seinen demografischen Niedergang um: „Seine Geburtenrate ist eine der höchsten in Europa.“ Das geschieht ohne Zuwanderung. Tatsächlich führt der Bericht den Erfolg Finnlands auch darauf zurück, dass „nur wenige (Länder in Europa) ethnisch so homogen sind.“
Finnische Schulen
Der weltweit bekannte Erfolg finnischer Schulen ruht im Kern auf zwei Säulen. Eine spricht der zuvor zitierte „Economist“ an: Der Pisa-Primus „Finnland zahlt seine Lehrer gut, räumt ihnen ein ungewöhnliches Maß an Freiheit ein (nicht nur Lernen auf eine bestimmte Prüfung) und unterstützt sie, wenn sie um Hilfe nachsuchen.“ (Vgl. dazu den Hilferuf der Lehrer der mittlerweile „berühmten“ Berliner Rütli-Schule). Auch hat der Lehrerberuf in Finnland ein hohes Sozialprestige. Allein die Ausbildung zum Lehrer zählt schon viel.
Die zweite Säule ist einer Reportage über Edmund Stoibers Besuch der deutschen Schule in Helsinki (vier Fünftel der Schüler dort sind Finnen) in Bayern 5 (Radio)/im Deutschlandfunk am 21. 04. 06 zu entnehmen. Sie setzt sich aus zwei Stufen zusammen:
1. Organisatorisch: Bis zum Alter von 16 Jahren darf kein Kind sitzenbleiben. Bei Lernproblemen wird es stattdessen individuell gefördert. Danach dauert es drei Jahre bis zum Abitur, das 60 % schaffen, wohlgemerkt, das finnische Abitur, keine „Dünnbrett-Matura“.
2. Ethnisch: Zu dieser Erfolgsquote merkte der Bericht immerhin noch – mutig – an: „Allerdings gibt es in Finnland keine Integrationsprobleme, denn der Ausländeranteil liegt unter 2 %.“
Dass es an deutschen Schulen mit hohem Ausländeranteil (80/90/ja
100 %) das Leistungsniveau drückende Integrationsprobleme gibt, wird somit immerhin, wenn auch indirekt, eingeräumt.
Eine Lösung wurde aber nicht aufgezeigt. Der pädagogische und methodische „Schnick-Schnack“, den die Medien beflissen zum „Integrationsgipfel“ bei der Kanzlerin streuten, wird es bestimmt nicht richten können. Darauf vertraut man auch in der Schweiz nicht, die ebenfalls von mäßigem Pisa-Abschneiden ihrer Schüler „gezeichnet“ ist. Der Präsident der schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), Hans Ulrich Stöckling, führte dies im Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 03. 07. 2006 ohne „politisch korrekte“ Verbiegungen unumwunden auf die „hohe Zahl ausländischer Schüler aus bildungsfernen Schichten“ zurück. Doch er sieht auch Licht am Ende des Tunnels: „Das ändert sich jetzt, da die bilateralen Verträge die Gewichtung bei der Migration vermehrt auf Herkunftsländer mit höherem Bildungsstand verlegen.“ Also Schülerwechsel statt Methodenwechsel, frei nach dem Motto: Gute Schüler sind bei jeder Methode gut, aber gute Methoden machen aus schlechten Schülern nicht immer gute.
Schlussfolgerung
Wer immer sich mit den Gesellschaften und Volkswirtschaften skandinavischer Länder befasst, gelangt am Schluss zur Frage nach deren Erfolgskonzepten. Die Antwort ist denkbar knapp: Es herrscht mehr Demokratie im Inneren und mehr eigene Interessenwahrnehmung nach außen als bei uns. Die Volksabstimmungen zum Euro sowohl in Dänemark als auch in Schweden mögen hier als Belege für beides genügen.
Die hier angesprochenen Einzelereignisse aus den Bereichen Wirtschaft, Demografie, Migration, Bildung, Geschichtsverständnis und Meinungsfreiheit sind alle Ausfluss der hohen skandinavischen Demokratiekultur, die diese Länder dort hingebracht hat, wo sie heute unbestritten sind: an der Spitze! Und Deutschland? Quo vadis?
Gerhard Reiber