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Default Kriegsschuldfrage

Über das wahre Ausmaß des Verrates in den eigenen Reihen haben die wenigsten auch von Historikern eine klare und auch nur annähernd volle Vorstellung.

Die „Rote Kapelle“ ist allgemein bekannt; in ihr waren Adelige, Offiziere und Intellektuelle zusammengeschlossen; 68 von ihnen wurden gefaßt. Durch Funk wurden über 500 Verratsmeldungen über taktische und operative, sowie strategische Pläne der Deutschen Wehrmacht, Truppenverlegungen, Bewaffnungen, Nachschubtransporte, Angriffstermine usw. gemacht.

Noch schwerwiegender war der Verrat der „Roten Drei“, die in der Schweiz von dem aus religiösen Gründen den Nationalsozialismus hassenden Rudolf Rössler geführt wurde. Von dieser Gruppierung wurde praktisch alles verraten, was im Führerhauptquartier; im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und im Oberkommando des Heeres (OKH) beschlossen wurde. Durch sie saß der sowjetische Generalstab gleichsam im Führerhauptquartier bei den geheimsten Besprechungen. Oft kannten die Russen die Pläne eher als die deutschen Fronttruppen, so daß sie leicht Gegen- und Abwehrmaßnahmen treffen konnten. Das „Unternehmen Zitadelle“ beispielsweise wurde quasi von A bis Z verraten, wodurch im Sommer 1943 im Kursker Bogen den deutschen Panzertruppen das Rückgrat gebrochen wurde. „Zitadelle“ kann auch als letzte deutsche Großoffensive an der Ostfront bezeichnet werden.

Ähnlich verhängnisvoll war das Wirken der „Gruppe Hirse“ in Japan, die in der deutschen Botschaft in Tokio saß und deren wichtigster Mann Dr. Richard Sorge war. Er verriet den Sowjets, daß Japan nicht an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die UdSSR eintreten werde, weshalb im Winter 1941/42 etwa 2 Millionen ausgeruhter und bestens ausgerüsteter mit Winterausrüstung versehener sowjetischer Soldaten an die Fronten vor Moskau, Leningrad und Rostow geworfen werden konnten.

Wer Rösslers Informant war, wissen wir immer noch nicht - werden es auch nie mehr erfahren. Vielleicht stammte er aus der „Schwarzen Kapelle“, deren Mitglieder durchweg aus dem Zossener Großen Generalstab (OKH) in der Bendlerstraße kamen und mehr als 30 hohe Offiziere, meist Generäle, umfaßte. Zu diesem Kreis gehörten aber auch viele Diplomaten und Angehörige der Industrie und des Kapitals. Sie standen in engster Verbindung mit dem Leiter der deutschen Abwehr, Admiral Canaris, über den und dessen späteren General Oster die Westmächte genauestens informiert worden sind. Oster, damals noch Major, verriet den Angriffstermin des Norwegenunternehmens und des Frankreichfeldzuges 1940. Canaris bewegte Franco dazu, nicht an der Seite Deutschlands in den Krieg einzutreten, wodurch Gibraltar in britischer Hand blieb und Rommels Afrikakorps der Nachschub durch britische Luft- und Seestreitkräfte abgeschnitten wurde.

Ihnen alles war eine gemeinsam, was einer von ihnen, der das „Ansehen“ dieser „Herren“ auch noch heute vehement verficht, in folgende Worte gekleidet hat: „Diesen Erfolg Hitlers unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu verhindern, auch auf Kosten von Hunderttausenden Soldaten und Zivilisten, auch auf Kosten einer schweren Niederlage des Dritten Reiches, war unsere vordringlichste Aufgabe“. (Fabrian von Schlabbrendorff in: „Offiziere gegen Hitler“, Seite 38). Er hat bis heute nicht begriffen, was der ehemalige deutsche Bundespräsident Dr. Eugen Gerstenmaier immerhin - wenn auch spät - erkannte: „Was wir im deutschen Widerstand während des Krieges nicht wirklich begreifen wollten, haben wir nachträglich vollends gelernt: Daß dieser Krieg eben nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt wurde. ( Aus FAZ, 21.3.1975).

Was von Schlabbrendorff neutral mit „auf Kosten einer schweren Niederlage des Dritten Reiches“ ausdrückt, bedeutet tatsächlich den Tod von Hunderttausenden in Fallen, Hinterhalt, Kesseln und mörderischer Gefangenschaft geratener deutscher Soldaten. Wenn der Feind alles weiß, was das Oberkommando beabsichtigt, wenn die eigene Spionageabwehr nicht für Deutschland, sondern für dessen Gegner arbeitet, dann ist es gar keine Frage, daß der Krieg nicht gewonnen werden konnte. Es ist ausschließlich ein Verdienst der damaligen deutschen Soldaten und dieser Generation an sich, daß in diesem Krieg zunächst durch die deutschen Truppen in der Geschichte beispiellose Erfolge erzielt werden konnten, und es mehr als 50 Staaten erst nach 6 Jahren gelang, uns niederzuringen.

Die französischen Historiker Pierre Accoce und Pierre Quet haben es so ausgedrückt: „Diese Offiziere bekämpften nicht nur Hitler, sondern auch seine Mystik, jene des Hakenkreuzes. Diese doppelte Zielsetzung wird Deutschland - dessen sind sie sich bewußt - in den Abgrund stoßen. Sie hören trotzdem nicht auf, überall zuzuschlagen, bis sie sicher sind, daß das Ungeheuer an seinen Wunden verbluten wird. Vergebens sucht es die tötenden Hände, vergebens richtet es sich, gegen seinen Blutverlust ankämpfend, wieder auf. Sie schlagen unerbittlich zu, bis es endgültig im Sterben liegt. Erst dann erschlaffen die Arme dieser Offiziere. Sie betrachten einander auf den Ruinen, dann trennen sie sich und treffen sich nie wieder. Sie haben das Vaterland verloren, aber sie sind das Ungeheuerliche losgeworden“. (Aus dem Buch dieser Herren mit dem Titel „Moskau wußte alles“, Seite 64).

Die Franzosen idealisieren hier allerdings etwas - sehr oft spielte nur die gekränkte Eitelkeit von Männern mit, die nach dem 1918 erfolgten Sturz des deutschen Kaiserreiches an Einfluß verloren hatten, sich durch den Nationalsozialismus eine Restauration der alten Zustände und ihrer alten Privilegien erhofften und sich darin getäuscht sahen, da im nationalsozialistischen Deutschland nicht nach der Herkunft, sondern nach der Leistung beurteilt wurde. Dies ist auch sicherlich ein Grund dafür, daß so viele Verräter Adelsnamen trugen, und sie fanden sich im Offizierskorps, in der Abwehr und im diplomatischen Dienst, der ja schließlich durch seine Auslandsverbindungen ideale Optionen zur Nachrichtenübermittlung gab.

Daneben kamen Verräterkreise aus dem politisierenden Christentum und - nur ganz vereinzelt - aus dem Marxismus sozialdemokratischer und kommunistischer Prägung. Letztere saßen einmal nicht in einflußreichen Stellen, zum anderen war durch die Sozialreformen des Nationalsozialismus eine Massenbasis für den Marxismus nicht mehr vorhanden, und die von den Landsern selbst erlebten Zustände im „Arbeiterparadies“ Sowjetrußland heilten auch die letzten aus ihrem utopischen Wahn.


Aus denselben Quellen könnten aber die Verräter von heute kommen, und deshalb ist die eingehende, geschichtliche Betrachtung so wichtig. Wir erkennen daraus, daß dann, wenn volksfremde Ideologien und Religionen über das Volk gestellt werden, die Abwehrkraft entscheidend geschwächt wird und eine Verwirklichung der Ziele und Bedürfnisse des deutschen Volkes nicht möglich ist. Wenn da jemand sagt: „Erst kommt meine Klasse, Kirche, Berufsgruppe, mein Stand, meine Privilegien - dann erst mein Volk“, dann ist er unser Feind! Denn dann schürt er den Klassenkampf; bishin zum Bürgerkrieg, der uns lähmt. Erst wenn wir die uns aufgezwungenen Schranken, die uns Deutschen von Deutschen trennen, niederreißen, werden wir es wieder erringen - das Reich!

VERRAT IM OKW

Überzeugungstäter als Spione sind billig und überdies äußerst zuverlässig. Das wurde auch im Oberkommando der Wehrmacht deutlich: Mitten aus dieser Zentrale erhielten die Sowjets den ganzen Krieg hindurch präzise Informationen aller Art. Auch über die Vorbereitungen zu der letzten deutschen Großoffensive in Rußland im Sommer 1943 gegen den Kursker Bogen, dem „Unternehmen Zitadelle“.

Im Sommer 1942 wurde in Warschau ein für die Sowjets arbeitender Agentensender geortet und ausgehoben. Das mag für einige Truppenführer der Wehrmacht beruhigend gewesen sein - immerhin hatten die beiden Agenten, ehemalige polnische Offiziere, den Russen so hervorragende Nachrichten geliefert, daß man es nicht wagte, Hitler einen Bericht darüber vorzulegen. Aber im Generalstab des Heeres hatte man damals weit größere Sorgen. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges formulierte sie Generaloberst Halder, bis 1942 Chef des Generalstabes, so: „Nahezu alle deutschen Angriffshandlungen wurden unmittelbar nach ihrer Planung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), noch ehe sie auf meinem Schreibtisch landeten, dem Feinde durch Verrat eines Angehörigen des OKW bekannt. Diese Quelle zu verstopfen, ist während des ganzen Krieges nicht gelungen.“

Was das bedeutete, wird klar, wenn man in russischen Dokumenten ließt, wie treffend damals die deutschen Pläne zur Kursker Schlacht dargelegt wurden. Da hieß es zum Beispiel: „Das Oberkommando der Front legte am 21.April in einem Bericht an das Hauptquar-tier die für den Sommer 1943 erkannten Absichten des Gegners folgendermaßen dar: ‘Der Gegner bereitet sich zur Offensive vor und wird konzentrische Angriffe aus dem Raum Belgorod-Borissowka nach Nordosten und aus dem Raum Orjol nach Südosten unternehmen, um unsere Truppen westlich der Linie Belgorod-Kursk einzuschließen. Im weiteren wird der Gegner entweder versuchen, seinen Vorstoß nach Südosten in den Rücken der Südwestfront zu wiederholen, um dann nach Norden einzuschwenken, oder er wird in diesem Jahr von einem Stoß nach Südosten absehen und nach den konzentrischen Schlägen aus den Räemen Belgorod und Orjol nach Nordosten vorstoßen, um Moskau zu umgehen’.“An anderer Stelle heißt es, nicht weniger profund orientiert: „ Da der Gegner jedoch sehr starke Stöße mit entscheidungssuchender Zielsetzung vorbereitete, zog das Hauptquartier am Kursker Bogen umfangreiche Reserven zusammen, die nicht nur für die Verteidigung, sondern auch für die.......Offensive vorgesehen waren.“

Ohne je darauf hinzuweisen, woher die Informationen stammen, erwähnen die sowjetischen Dokumentationen mit kaum verhohlenen Stolz ihr Ausmaß: „Obwohl der Gegner sehr bemüht war, seine Offensive geheimzuhalten, erkannte sie das sowjetische Oberkommando doch rechtzeitig. Der Aufklärung gelang es, nicht nur die allgemeine Idee und die wahrscheinlichen Stoßrichtungen, sondern auch die Gruppierungen, ihre Zusammensetzung und zahlenmäßige Stärke, die voraussichtlichen Reserven und die Termine ihres Eintreffens und schließlich auch den Zeitpunkt des Beginns der Offensive festzustellen.“

Und an anderer Stelle: „Das Oberkommando der Front wies darauf hin, daß sich der Gegner hauptsächlich auf Panzer- und Luftwaffenkräfte stütze und schlug vor, bereits jetzt den Plan für eine große Luftoperation auszuarbeiten, um dann die gegnerische Luftwaffe auf ihren Flugplätzen zu vernichten. .Außerdem müßte man sich sehr gründlich darauf vorbereiten, massierte Panzerangriffe des Gegners abzuschlagen und seine Panzer zu vernichten.“

Aber auch Stärke und Zusammen-setzung der deutschen Kräfte war den Russen bis ins letzte Detail bekannt: „Von Welikije Luki bis zum Kursker Bogen stand den sowjetischen Fronten die Heeresgruppe Mitte mit der 3.Panzerarmee, der 4.Armee, der 2.Panzer-armee sowie der 9. und der 2.Armee gegenüber. Die Heeresgruppe verfügte über 87 Divisionen, darunter 11 Panzer- und Panzer-grenadierdivisionen, und einer Brigade...Im Streifen dieser beiden Fronten und gegenüber der Mitte und dem linken Flügel der Woronesher Front verteidigte sich die Heeresgruppe Süd mit der 4.Panzerarmee sowie der wiederaufgestellten 6.Armee. Die Heeresgrup-pe Süd verfügte über insgesamt 43 Divisionen, darunter 13 Panzer- und Panzergrenadier-divisionen...Als Reserve hatte das deutsche Oberkommando an der gesamten sowjetisch-deutschen Front nur etwa acht Divisionen.

Von den 294 Divisionen des Deutschen Heeres waren zu Beginn des Sommer-Herbst-Feldzuges 196 Divisionen, darunter 26 Panzer- und Panzergrenadierdivisionen, gegen die Rote Armee eingesetzt. Das waren rund 70 Prozent der Landstreitkräfte. Darüber hinaus befanden sich 15 Divisionen, darunter eine Panzerdivision und sechs Brigaden der finnischen Armee, fünf Divisionen und zwei Brigaden ungarische Truppen, neun rümänische Divisionen, zwei slowakische Divisionen, davon war eine motorisiert, und eine spanische Division an der sowjetisch-deutschen Front bzw. im besetzten Gebiet. Damit standen den Sowjetischen Truppen insgesamt 232 Divisionen gegenüber.“

EINZELTÄTER ODER GRUPPE?

Die Sowjets wußten aber noch mehr: Sie erfuhren Einzelheiten militärischer Planungen in Deutschland, die dort nur einem ver-schwindend kleinen Personenkreis bekannt waren. Woher ? Sie kannten „Führerbefehle“, noch bevor sie bei den eigentlichen Adressaten angekommen waren. Woher? Sie waren über die Pläne und Daten und Schwerpunkte der Rüstung genauest unterrichtet. Von wem? Die geheimsten Anordnungen aus dem Führer-hauptquartier wurden ihnen sofort bekannt. Wie war das möglich? Der Spion, so schloß man logischerweise, müsse im OKW sitzen. Und dies in einem verhältnismäßig eng begrenzten Personenkreis. Aber wem sollte oder wollte man diese unvorstellbare Ungeheuerlichkeit unterstellen? War es ein Einzeltäter? War es eine Gruppe?

Eine ganze Reihe von Autoren und Historikern haben sich diese Fragen gestellt und nach Antworten gesucht, ohne jemals eine befriedigende zu finden. Zwei von ihnen seien hier zitiert: Paul Carell mit seinem Buch „Verbrannte Erde“ (Ullstein-Verlag, Frankfurt/M, 1966) und Bernd Ruland mit „Die Augen Moskaus“, (Schweizer Verlagshaus, Zürich 1973).

Paul Carell dokumentiert, mit welcher Präzision die Russen ihre Fragen an die Mittelsleute in Deutschland stellten und mit welcher Präzision diese beantwortet wurden. Da funkt Moskau:
„An Dora.-Wo befinden sich die rückwärtigen Abwehrstellungen der Deutschen auf der Linie südwestlich Stalingrads und entlang dem Don? -Direktor.“
Wenige Stunden später:
„An Dora.-Wo sind jetzt 11. und 18.Panzer-division und 25.mot Division, die früher im Frontabschnitt Brjansk eingesetzt waren? -Direktor.“
Während der Einkesselung der 6.Armee in Stalingrad:
„Senden sie Angaben über konkrete Maß-nahmen, die das OKW in Verbindung mit Vorstoß Roter Armee bei Stalingrad zu treffen beabsichtigt.“
Eine Woche später:
„Die wichtigste Aufgabe für die nächste Zeit ist die genaueste Feststellung aller deutschen Re-servedivisionen im Hintergrund der Ostfront.“
Und abermals zwei Wochen später:
„Werther soll klar angeben, wieviel Reservedivisionen insgesamt aus Ersatz bis 1.Januar gebildet werden. Antwort eilt.“

Diese Funksprüche sind authentisch! Sie wurden samt und sonders beantwortet. Sie wurden auch von deutscher Seite mitgehört, zum großen Teil aber erst später dechiffriert. Die darin genannten Decknamen sind inzwischen ebenfalls entschlüsselt. ‘DORA’ stand für den Chef des sowjetischen Agentennetzes in der Schweiz, den gebürtigen Ungarn Alexander Rado; ‘DIREKTOR’ war der Deckname des Leiters des militärischen Nachrichtendienstes in Moskau.

‘WERTHER’ schließlich scheint die wichtigste Figur gewesen zu sein, der geheimnisvolle Agent mit den Nachrichten direkt aus dem OKW und dem Führerhauptquartier. Die Aufträge für ihn waren ebenso lapidar wie ungeheuerlich. Etwa:

„Sofort bei Werther Pläne des OKW beschaf-fen über Ziele Heeresgruppe Kluge.“
Oder:
„Sofort.........bei Werther in Erfahrung bringen, ob Wjasma und Rschew evakuiert werden.“

‘Werther’ antwortete präzise und prompt. Eine Anfrage vom 7.Mai 1943 nach allem „über die Pläne und Absichten des OKW“ beantwortete er schon zwei Tage später ausführlich. Aber auch ungefragt kamen von ihm Informationen, so am 13.Mai 1943: „Deutsche Aufklärung hat russische Kräftekonzentration bei Kursk, Wjasma, Welikije Luki erkannt.“

„Wer war dieser Mann, der diese Nachrichten lieferte?“ fragt Paul Carell in seinem Buch. Und er gibt eine Antwort: „Seit über zwanzig Jahren wird ‘Werther’ gejagt. Aber noch niemand ist es geglückt, ihn zur Stecke zu bringen.“

An diesem Punkt beginnt Bernd Rulands Buch. Er schreibt unter anderem: „Spekulationen, Gerüchte, Kombinationen, Vermutungen - das Karussell der Thesen dreht sich seit 25 Jahren unaufhörlich: in zahllosen Zeitungsartikeln, in vielen Büchern, in Rundfunk- und Fernsehsendungen...“

GEHEIMSTE MELDUNGEN

„Fast alle bisherigen Hypothesen sind falsch, alle Verdächtigungen haltlos, die meisten Mutmaßungen abwegig. Die richtige Ant-wort auf die Frage, woher ‘Moskau alles wußte’, wird überraschen - weil sie, im Grunde, so einfach ist...

Aufgrund meines Aufgabenkreises während des Zweiten Weltkriegs als ‘Fernschreiboffizier’ in der Nachrichtenzentrale des OKW in Berlin bin ich durch Zufall hinter das Geheimnis gekommen...Ich habe geschwiegen, habe keine Meldung gemacht, keine Konsequenzen gezogen und dabei auf jenes Glück vertraut, das ein Soldat nicht nur an der Front braucht, um zu überleben. Ich werde in diesem Bericht nur in aller Sachlichkeit Tatsachen registrieren. Die Lösung des Rätsels ist ebenso verblüffend einfach wie überraschend...

Die wichtigsten und ergiebigsten Nachrichten-Lieferanten für Roessler waren vom Mai 1941 bis Mitte Mai 1944 waren zwei junge Damen: Nachrichtenhelferinnen aus der Fernschreibzentrale OKW/OKH in Berlins Bendlerstraße. Hier wurden neben ‘gewöhnlichen’ Fernschrei-ben mehr geheimste Meldungen (‘Chefsache-nur durch Offizier’ und auch ‘Geheime Kommandosache’) befördert als auf irgendeiner anderen Fernschreibstelle der deutschen Wehrmacht.

Die Offiziere, Soldaten und Nach-richtenhelferinnen, durch deren Hände die geheimsten Nachrichten gingen, erfuhren, um nur drei Beispiele zu nennen, mehr über die Truppenstärke, die Rüstung und die Pläne der Kriegsführung als irgendein kommandierender General............“

Über die Umstände, wie er von der Spionagetätigkeit zweier Nachrichtenhelferinnen erfuhr, berichtet uns Bernd Ruland:



„Ich hatte am Samstag, dem 14.Juni 1941, um 19 Uhr meinen Dienst angetreten und von dem Kollegen, den ich ablöste, einige Dutzend ‘Geheime Kommandosachen’ übernommen, die schleunigst befördert werden mußten...........Ich begrüße die zehn Nachrichtenhelferinnen, die hier in grauen Kitteln vor den Spezial-Fernschreibmaschinen sitzen.... Dabei auch Angelika von Parchim (der Name wurde geändert), deren wache Intelligenz, Freundlichkeit und Schnelligkeit bei der Arbeit mich beeindrucken.

Angelika macht zu meiner Überraschung einen verlegenen Eindruck, als sie mich plötzlich neben sich sieht. So habe ich sie noch nie erlebt. Sie nimmt ihre Finger von den Tasten der Maschine. Es entgeht mir nicht, daß sie zittern...

Ich will nicht weiter in sie dringen und nehme ein Fernschreiben, das neben ihr liegt. Es kommt aus dem Führerhauptquartier und ist an Generaloberst Fromm, den Chef der Heeresausrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, gerichtet und enthält, wie ich auf den ersten Blick bemerke, eine Liste dringend be-nötigter Divisionen und einiger Spezial-Formationen, die für das unmittelbar bevorstehende ‘Unternehmen Barbarossa’ beschleunigt aufgestellt werden müssen...

Erst jetzt entdecke ich das schmale, weiße Fernschreibband, das als ein lockeres Knäuel auf Angelikas Schoß liegt. Ich überfliege...einige Worte auf diesem Papierstreifen. Es ist mit sofort klar, daß es sich um eine Abschrift des Fernschreibens an Generaloberst Fromm handelt.“

Am Tag darauf, am 15.Juni 1941, genau eine Woche vor Beginn des Rußlandfeldzuges, habe ihm die Nachrichtenhelferin gestanden, daß sie solche FS-Streifen gelegentlich einem Schweizer Diplomaten übergebe, berichtet Ruland weiter. Und: „Erst nach dem Krieg erfahre ich von Angelika, daß es kein Diplomat der Schweiz, sondern ein deutscher Offizier war, dem sie die Abschriften von wichtigen Fernschreiben übergeben hat.“

Im weiteren Verlauf, behauptet Ruland, habe er erfahren, daß die erwähnte Nachrichtenhelferin und eine Kollegin von ihr - beide als politisch motivierte ‘Überzeugungstäter’ - alle jene Nachrichten beschafft haben, die dann von einem deutschen Offizier - offensichtlich ‘Werther’ - den Russen zugespielt wurden.

Bernd Ruland, er starb am 9.Jänner 1976, vermerkt in seinem Buch, daß er für den Fall seines Ablebens alle zu diesem Thema wichti-gen Dokumente bei seinem Sohn, der als Rechtsanwalt in Berlin lebt, hinterlegt hat. Bis heute sind allerdings diese dokumentarischen Beweise der Öffentlichkeit noch nicht vorgelegt worden...


Wie wir also sehen können, gibt es unzählige Vermutungen und Thesen über den Verrat in den obersten deutschen Stellen während des gesamten Zweiten Weltkriegs. Die volle Wahrheit wird aber vermutlich nie ans Tageslicht kommen... Jedenfalls danke ich Herrn Balder herzlichst für diese Dokumentation.
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