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„Imperium der Zukunft – Warum Europa Weltmacht werden muss“ von Alan Posener

Alan Posener hat ein neues Buch geschrieben. Seit Mitte September stellt er es vor. Aber alles, was er über sein Werk sagt und alles was darüber geschrieben wird, kann niemals die Lektüre dieses Universalkompendiums ersetzen, das so engagiert, belesen und pointiert daherkommt, wie es Sachbücher nur selten sind.

Von Hans Wagner

30.09.2007


„Imperium der Zukunft – Warum Europa Weltmacht werden muss“, von Alan Posener

Irgendwie gewinnt man den Eindruck, er habe nichts ausgelassen, was die vergangenen Jahrtausende geprägt hat und wundert sich am Ende, wie der Autor dies alles zwischen zwei Buchdeckel auf lediglich 224 Seiten hinbekommen hat.

Er spricht einleitend mit EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn über den Balkan – Serbien, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Albanien etc. Posener: „Was weder Napoleon, Trotzki noch Hitler geschafft haben, wovon katholische Reaktionäre und 1848er Revolutionäre träumten, das vollzieht sich heute gewissermaßen hinter dem Rücken der Geschichte: die Europäisierung Europas, die Einigung des Kontinents. ‚Das Ziel’, sagt Olli Rehn, ‚besteht darin, aus dem Balkan einen stinknormalen, langweiligen Ort zu machen, wie der Rest Europas’.“

Posener rühmt den Stadtschreiber von Ephesus. Er und viele andere der „namenlosen Kolonialbeamten sind die wahren Helden Roms. Sie verkörpern das, was das Imperium groß macht. Sie verteidigen die Ordnung, ohne die es keine Freiheit geben kann, und die Freiheit des Individuums, ohne die jede Ordnung zur Despotie wird.“

„Den Imperialismus neu denken“

Kurz darauf wird eine Szene aus dem Film „Das Leben des Brian“ wiedergegeben, mit wörtlichen Zitaten aus einer „der berühmtesten Szenen des Films, in der die „Volksfront von Judäa“ (Posener: „(VVJ – nicht zu verwechseln mit der ‚Judäischen Volksfront’ oder der ‚Volksfront zur Befreiung Judäas’) einen Anschlag auf die römischen Besatzer“ plant.

Knapp zwanzig Seiten später bekommt Afrika sein Fett weg. Es sei „erstaunlich, wie hartnäckig sich die antiimperialistische Erzählung von den schlimmen alten Zeiten des Kolonialismus und der schönen neuen Welt der Selbstbestimmung halten konnte.“ Posener: „Wenn Afrika 1960 noch Lebensmittel exportierte, heute jedoch Lebensmittel importieren muss, obwohl in der Zwischenzeit Entwicklungshilfe in Höhe von sechs Marshall-Plänen in den Kontinent gepumpt wurde, so hat das auch damit zu tun, dass von den 54 afrikanischen Staaten nur 16 wenigstens augenzwinkernd als Demokratien bezeichnet werden können und dass Günstlingswirtschaft und Korruption so allgegenwärtig sind wie aufgeblähte Staatsapparate, Stammesdenken, unkontrollierte Militärs und reformunwillige und unfähige Führer.“

„Den Imperialismus neu denken“ ist eine der Anregungen des Autors. Die Neudeutung oder Klarstellung von geschichtlichen Ereignissen sein Anliegen. Seitenweise erläutert Posener die wahre Rolle die König Herodes – der vermeintliche Kindermörder von Bethlehem – gespielt hat.
Was das alles mit Europa zu tun hat? Posener zielt auf dessen Wurzeln. Zum Beispiel: „Das Römische Reich“. Es „ist ein multikultureller Schmelztiegel, in dem selbst im abgelegenen Galiläa ein jüdischer Zimmermannssohn mit Siedlern aus Griechenland und Legionären aus
Gallien konfrontiert wird – und jene Siedler und Legionäre mit der Lehre des Judentums von dem einen, unsichtbaren, allmächtigen und liebevollen Vatergott. Kelten und Germanen lernen die hygienischen Vorzüge römischer Bäder ebenso kennen wie die modischen Mysterien asiatischer Kulte. In Nordafrika und Spanien studiert man griechische Philosophie und genießt die Gewürze und Düfte des Orients. An den wiederbelebten Olympischen Spielen – finanziert vom großen jüdischen König Herodes – können nun auch nichtgriechische Athleten aus allen Teilen des Reichs teilnehmen, und in allen Teilen des Reichs führt man die Komödien eines Plautus und die Tragödien eines Seneca auf. Das Mittelmeer ist in der Tat Mitte und Vermittlungsweg eines gemeinsamen Kulturkreises, auf den die Losung der Europäischen Union gut passen würde: ‚Einheit in der Vielfalt’.“

„Der Westfälische Staat hat die Reichsidee desavouiert“

Vom „Westfälischen Frieden“, der nach dem Dreißigjährigen Krieg den „Westfälischen Staat“ hervorgebracht hat, ist lange die Rede. Er ist es nach Posener, der überwunden werden muss. Denn mit ihm war „die Reichsidee desavouiert“. Um dies zu erklären, scheut der Autor keine Mühe. Er stellt auf zwei Seiten diesem „Westfälischen Superstaat“ einem „Neo-mediävales Imperium“ gegenüber. Seine Quelle: „Der an der Universität Oxford lehrende polnische Politologe Jan Zielonka“, der dafür eine „vergleichenden Typologie“ beisteuert.

Vom „Mongolenführer Tamerlan – Timur der Lahme“, der in die Familie Dschinghis Khans“ heiratet, und dessen bevorzugtes Mittel der Unterwerfung das Massaker ist, bis hin zu Jürgen Rüttgers, dem CDU-Ministerpräsidenten aus Düsseldorf, spannt Posener den Bogen. Letzterer propagiere ein Europamodell, das ein wenig aussehe wie NRW: „Kleineuropäischer Protektionismus.“ - Ganz anders der eingangs zitierte Olli Rehn, der die „großeuropäische Entgrenzung“ auf seiner Agenda habe.

Russland, „Gasprom mit Atombomben“, diesen Titel verwendet Posener für den heutigen Staat der Russischen Föderation. Ein Reich des Bösen noch immer, dessen Existenz sich biologisch löse durch Suff und Sterblichkeit und dessen Wohnstätten sich schon heute entleerten und von Wäldern überwuchert würden.

Die Europäische Union soll ein liberales Imperium werden

Es treten auf: der Militärstratege Clausewitz und die Stadt Czernowitz in der Bukowina, an der „die Absurditäten europäischer Staatenbildung“ exemplarisch zu studieren seien, Napoleon und Gerhard Schröder, Georges W. Bush und Cäsar. U. v. a. m. bis zum Ausblick: „Asabia und der letzte Mensch.“

Und Europa? „Die Europäische Union soll ein liberales Imperium werden, keine westliche Neuauflage des Sowjetreichs; ein Europa der Vaterländer, kein Vaterland Europa; eine Supermacht vielleicht, ein Superstaat auf keinen Fall.“ „Europa ist das neue Imperium, aber seine Bürger wissen es noch nicht“, heißt es bei Posener.

Der Autor hat einen über sehr weite Strecken historisierenden Essay verfasst. Ohne Register, nur mit einer sparsamen Inhaltsübersicht zu Beginn. Ab Seite 208 kommt unter dem Titel „Binnenmarkt und Battlegroups“ schließlich jenes Kapitel, das in Vorabdrucken verbreitet wurde. Tenor: „Totgesagte, heißt es, leben länger. Wenn das stimmt, ist der Europäischen Union ein langes Leben beschieden. Denn nach Ansicht John Hulsmans, eines führenden Theoretikers der konservativen ‚Realisten’ in den USA, ist die Europäische Union ‚tot’. Gegenwärtig durchlaufe sie zwar noch die ersten der von Elisabeth Kübler-Ross beschriebenen fünf Phasen eines Sterbenden: Leugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Zustimmung. Doch sei an der Diagnose nicht zu deuteln: Europa werde den Nationalstaat nicht überwinden und keine gemeinsame Politik, schon gar nicht eine gemeinsame Außenpolitik entwickeln können. Mit seiner Diagnose steht Hulsman nicht allein da. Der große amerikanische Historiker Walter Laqueur, der noch 1992 ‚Europa auf dem Weg zur Weltmacht’ gesehen hatte, veröffentlichte 2006 ein Buch mit dem Titel: ‚Die letzten Tage von Europa’. Darin entwirft er die Schreckensvision eines Europa, das sich im besten Fall zu einem ‚kulturellen Themenpark für betuchte Besucher aus China und Indien’, im schlimmsten Fall aber ‚unter dem Eindruck massiver Einwanderungswellen ungefähr so entwickeln könnte wie Nordafrika oder der Nahe Osten’.“

Alan Posener wurde 1949 in London geboren und ist aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin. Er studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. „Dabei war er als Kader des Kommunistischen Studentenverbands und der maoistischen KPD aktiv“, heißt es in einer Biographie über ihn. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der ‚Welt am Sonntag’.

Das Eurasische Magazin veröffentlicht in dieser Ausgabe ein Interview mit Allan Posener zu seiner Neuerscheinung: „Imperium Europa – Imperium der Zukunft“.
[quelle]

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