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SPD und Grüne empört über Wolffsohns Nazi-Vergleich
Historiker sieht sich durch Tonlage der Kapitalismuskritik an antijüdische Hetze erinnert - Schartau: Unglaubliche Entgleisung Michael Wolffsohn, Historiker Foto: dpa Berlin - SPD und Grüne haben mit zum Teil drastischen Worten den Nazi-Vergleich des Münchner Historikers Michael Wolffsohn zurückgewiesen. Die Kapitalismuskritik aus der SPD auf eine Stufe zu stellen mit der antijüdischen Hetze der Nationalsozialisten sei "unanständig und eine Verhetzung, die man nicht hinnehmen darf", sagte der stellvertretende NRW-Ministerpräsident Michael Vesper (Grüne) der WELT. Auch Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke äußerte scharfe Kritik an Wolffsohn: "Die Debatte um Unternehmensverantwortung und staatliche Gestaltungsfähigkeit unter den Bedingungen der Globalisierung ist absolut notwendig. Es wäre schädlich, wenn sie durch Wolffsohns unsäglichen historischen Vergleich in eine völlig falsche Richtung gelenkt würde", so Lemke. Während sich SPD-Chef Franz Müntefering, der die Debatte angestoßen hatte, sowie die erweiterte Parteispitze nicht äußern wollten, fand der Vorsitzende des Bundestagswirtschaftsausschusses, Rainer Wend (SPD), die deutlichsten Worte: "Der Mann hat sie nicht alle." In der "Rheinischen Post" hatte Wolffsohn der SPD vorgeworfen, sie würde in ihrer Kapitalistenschelte Unternehmer mit Tieren gleichsetzen. In den Äußerungen schwinge mit, daß diese "als Plage vernichtet, ausgerottet werden müssen". Weiter erklärte der Professor: "Heute nennt man diese ,Plage" ,Heuschrecken", damals ,Ratten" oder ,Judenschweine"." Die SPD-Spitze ließ alle Anfragen zu einer Stellungnahme hierzu abblitzen. Jede Reaktion auf Wolffsohns Vorwürfe sei schädlich, hieß es hinter vorgehaltener Hand, und würde die Partei in eine Ecke drängen, in die sie ganz gewiß nicht gehöre. Allein der wahlkämpfende NRW-SPD-Chef Harald Schartau meldete sich mit der Einschätzung zu Wort, Wolfssohn habe sich mit seiner "unglaublichen Entgleisung" endgültig "aus dem Kreis ernstzunehmender politischer Kommentatoren verabschiedet". Müntefering hatte Mitte April eine Kapitalismusdebatte ausgelöst, als er internationale Finanzinvestoren, die Firmen übernehmen, um sie zu zerlegen und wieder abzustoßen, mit Heuschrecken verglich. Im Gespräch mit der WELT wies Wolffsohn den Vorwurf, er habe dem SPD-Vorsitzenden Nazi-Methoden unterstellt, scharf zurück: "Ich möchte meine Kritiker fragen, wo in meinem Artikel der Name von Franz Müntefering auch nur ein einziges Mal genannt wird?", sagte der Historiker. Als Sohn und Enkel von Holocaust-Überlebenden und als Historiker "beunruhigt mich die Tatsache, daß es in Deutschland wieder Denk- und Sprachmuster gibt, in denen Menschen als Tiere bezeichnet werden", so Wolffsohn. Er sei nicht 1970 als Jude nach Deutschland in der Erwartung zurückgekehrt, "daß derartige Vergleiche wieder allgemein akzeptiert werden". Tatsächlich taucht in seinem Beitrag für die "Rheinische Post", in dem die Kapitalismusdebatte lediglich einen kleinen Raum einnimmt, der Name des SPD-Vorsitzenden nur in der Überschrift auf - sie lautet "Über Münteferings Stil". Doch diese Zeile stammt von der Redaktion. Wolffsohn hatte seinen Beitrag mit den Worten "Zum 8. Mai" überschrieben. Wolffsohn hatte bereits im Mai vergangenen Jahres mit umstrittenen Äußerungen zum Thema Folter erheblichen Wirbel verursacht. Damals hatte er die Folter oder ihre Androhung als "legitimes Mittel" im Kampf gegen den Terrorismus verteidigt. Im Regierungslager, vor allem im grünen Teil, werden indes die Zweifel an der Richtung der gesamten Diskussion immer lauter. Zwar bezeichnete der Grüne Vesper die Kapitalismusdebatte als "notwendige und vernünftige Wertediskussion", die Tonlage sei aber mittlerweile "völlig inakzeptabel". Münteferings Heuschrecken-Vergleich bezog Vesper ausdrücklich in seine Kritik mit ein: "Das ist nicht die Sprache der Grünen. Tierbezeichnungen für Menschen finde ich grundsätzlich nicht in Ordnung." Mit Erleichterung nahmen viele Grüne zur Kenntnis, daß Wirtschaftsminister Wolfgang Clement als erster SPD-Spitzenpolitiker nun ein Ende der Kapitalismusdebatte gefordert hat. Die Mehrheit der Grünen-Bundestagsfraktion betrachtet die Diskussion ohnehin mit wachsender Skepsis. Müntefering wecke Ansprüche, die er nicht erfüllen könne, heißt es. "Wie will die SPD denn das Kapitalismus-Bashing in konkrete Beschlüsse umsetzen, ohne den Standort Deutschland in Mißkredit zu bringen?", fragt sich ein Mitglied der Fraktionsspitze. Bei den dominierenden Pragmatikern um die beiden Vorsitzenden Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt wächst zudem das Unbehagen davor, daß das mühsam aufgebaute rot-grüne Reformer-Image durch die Kapitalismusschelte wieder zunichte gemacht wird. A.G./caf/ped Artikel erschienen am Mi, 4. Mai 2005 Quelle: http://www.welt.de/data/2005/05/04/714382.html |
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