„Gesamtschule kostet erheblich mehr Geld“
02.10.2007 | 18:16 | MICHAEL FLEISCHHACKER UND MARTINA SALOMON (Die Presse)
Bayerns Wissenschafts-Minister Thomas Goppel über Schulsysteme, Uni-Quote und Sorge, dass künftig Studierende fehlen.

Die Presse: Die deutschen Studenten stürmen gerade die österreichischen Unis. Finden Sie die Quote von 20 Prozent EU-Ausländern gerecht? Die EU könnte uns dafür abstrafen.
Thomas Goppel: Wir erleben etwas Ähnliches: Studenten aus anderen Ländern Deutschlands und aus dem Ausland stürmen unsere bayerischen Universitäten. Wir werden wohl gemeinsam darauf achten müssen, dass sich das einpendelt.
Was raten Sie uns?
Goppel: Der Schritt Österreichs, eine Quote zu probieren und damit möglicherweise eine Klage zu provozieren, war besser, als gleich von vornherein nachzugeben.
Bildung ist nationale Angelegenheit. Schießt die EU nicht übers Ziel?
Goppel: Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft in Europa. Da kann man sich nicht immer aussuchen, was national und was international ist. Die Österreicher profitieren wirtschaftlich überdurchschnittlich vom EU-Raum. Unter diesen Umständen können sie bei der Ausbildung den anderen helfen.
Ist der Brain Drain nach Österreich kein Problem für die Deutschen?
Goppel: Die Tatsache, dass jemand geht, ist immer schlecht.
Allerdings werden wir derzeit nicht von Ihren Jahrgangsbesten überrannt, im Gegenteil.
Goppel: Wenn jemand unbedingt einen Beruf ergreifen will, ist das die zweite Qualifikationsschiene. Wir sollten nicht so tun, als wäre der „Einskommanuller“ (Notendurchschnitt, Anm.) automatisch der beste Arzt. Numerus Clausus ist nicht das beste Auswahlverfahren. Aber ich weiß momentan keinen anderen Weg.
Was halten Sie von Studieneingangsphasen mit Prüfung?
Goppel: Das kostet noch ein Jahr, und unsere Absolventen sind schon jetzt zu alt. Im übrigen werden uns in etwa zehn bis 20 Jahren die Studierenden abgehen. Wir werden dann um jeden Einzelnen froh sein.
Dann gibt's freien Uni-Zugang?
Goppel: Ich glaube, ja.
In Österreich ist Gesamtschule ein ideologisches Kampfthema. Bayern hat gute Ergebnisse mit dem differenzierten System, aber europaweit gibt es gute Erfahrungen mit der Gesamtschule. Spricht nichts dafür?
Goppel: Wenn Sie Schule unter optimierten Bedingungen anbieten, ist es zweitrangig, wie die Organisationsform aussieht. Unsere Gesamtschul-Versuche haben gezeigt: Sie kostete erheblich mehr Geld bei gleichen Effekten. Das brauchen wir nicht! Das Problem der Gesamtschule ist auch, dass man jemandem vorgaukelt, er sei besser, als er ist.
Frühe Selektion könnte bedeuten, dass man Kinder aus bildungsfernen Schichten verliert.
Goppel: Wenn man die Schule falsch organisiert, ist das durchaus eine Gefahr – also wenn es bei Abschlüssen einer Schulart keinen Anschluss gibt.
Deutschlands und Österreichs Schulwesen wird von der OECD gleichermaßen vorgeworfen, zu wenig Chancengleichheit zu erzeugen.
Goppel: Wir sagen: Jeder hat die gleichen Möglichkeiten zur Ausbildung. Wer in Bayern oder in Österreich abschließt, kommt in der Tabelle aller Länder ganz weit vorn vor. Übrigens: Über 40 Prozent unserer Studierenden kommen nicht vom Gymnasium.
Aber in Städten ist die Hauptschule eine Sackgasse. Ihr Rezept dagegen?
Goppel: Der Hauptschüler braucht bevorzugt Ganztagsbetreuung und ersatzweise von der Gesellschaft jemanden, der ihn bei der Hand nimmt. Der Gymnasiast hat jede Menge Leute, die sich darum kümmern, dass er das Abitur schafft.
Zur Wissenschaft: Bayern wendet überdurchschnittlich viel Geld dafür auf. Sie kooperieren hier auch mit Oberösterreich.
Goppel: Ich schätze Landeshauptmann Pühringer, der seine idealen Voraussetzungen stets konzentriert.
Noch mehr im Fokus steht Niederösterreich, das gerade eine Elite-Uni gründet.
Goppel: Wir gehen mit dem bayrischen Elitenetzwerk und der bundesweiten Exzellenzinitiative einen anderen Weg, indem einzelne Spitzenangebote an verschiedenen Standorten nach einem wettbewerblichen und wissenschaftsgeleiteten Verfahren gezielt fördern.
Wo ist Oberösterreich speziell gut?
Goppel: Zum Beispiel in Nanotechnologien, in den Life Sciences, in Ökologie. Wir haben kürzlich gemeinsam festgestellt, dass wir uns in der Verbindung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft noch ein ganzes Stück weit gegenseitig helfen und weiter bringen können.
Die künftige NÖ-Eliteuni sucht gerade Leute, ohne das Fach zu definieren. Was ist die zukunftsträchtigste Richtung in der Wissenschaft?
Goppel: Das zukunftsträchtigste Thema ist das, bei dem Sie Professoren finden, die in ihrem Fach besonders innovativ sind.
Wie stehen Sie zur „eingetragenen Partnerschaft“ Homosexueller, die die ÖVP bei uns nun befürwortet?
Goppel: Ich bin dagegen, weil ich das nicht für die reguläre Entwicklung der Gesellschaft halte. Von der natürlichen Anlage der Ehe geht es darum, Kinder aufzuziehen. Toleranz heißt, ertragen, dass jemand anders ist, heißt aber nicht, garantieren, dass jeder bekommt, was er will. Das soll nicht zur Norm und zum Anspruch erhoben werden.
Zur CSU: Sind Sie erleichtert, dass der Wechsel nun abgeschlossen ist?
Goppel: Acht Monate Diskussion, über die Frage wie es weitergeht, sind nicht gut und nicht lustig. Aber die CSU hat das gut bewältigt.
Wie sehen Sie die Rolle der Fürther Landrätin Gabriele Pauli?
Goppel: In einer demokratischen Partei muss man das ertragen. Frau Pauli muss aber überlegen, ob sie in einer Gemeinschaft richtig angesiedelt ist, in der die Dinge ganz anders gesehen werden, als sie sie formuliert. Ihrem Antrag auf eine siebenjährige Befristung der Ehe haben die rund 1000 Delegierten eine klare Absage erteilt. Ob sie dann da bleibt, ist ihre Entscheidung, nicht unsere.
Quote:
ZUR PERSON
Thomas Goppel (60) ist seit 2003 bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Davor war er CSU-Generalsekretär. Goppel war Montagabend Gast beim Politischen Salon der „Presse“ und des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2007)
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