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Default Der seltsame Stellvertreter Adolf Hitlers

Rudolf Heß

Der seltsame Stellvertreter Adolf Hitlers


Heute vor 20 Jahren starb Rudolf Heß. Er erhängte sich im Gefängnis. Obwohl sein politischer Einfluss nie besonders groß war, bietet seine Person für Forscher durchaus reichlich Stoff. Bis heute geheimnisumwittert sind vor allem die Umstände seines Fluges nach England.

Er war offiziell der „Stellvertreter des Führers“, doch nennenswerten politischen Einfluss hatte Rudolf Heß nie. Auch zeithistorisch sind an seinem Leben nur zwei Fakten interessant: sein bis heute rätselhafter Flug nach England im Mai 1941 – und sein Tod heute vor genau 20 Jahren.

Am 17. August 1987 fand ein Doppelposten im Alliierten Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau den 93-Jährigen in einem Gartenhäuschen im begrünten Hof der Haftanstalt. Er war leblos und hatte ein Elektrokabel um seinen Hals, mit dem er sich stranguliert hatte. Der seit mehr als zwei Jahrzehnten letzte Insasse des Gefängnisses wurde ins britische Militärhospital gebracht, wo um 16.10 Uhr sein Tod festgestellt wurde. Nach 46 Jahren in Haft endete das Leben der wohl seltsamsten Figur aus Hitlers Umkreis.

Rudolf Heß, geboren 1894 in Alexandria, diente im Ersten Weltkrieg als Leutnant bei der bayerischen Fliegertruppe und rutschte, wie viele verbitterte Frontoffiziere, schon zu Beginn der Weimarer Republik in revanchistische, nationalistische Kreise, in seinem Fall in die Nähe der rechtsextremen Thule-Gesellschaft. Seit 1920 war er Mitglied der NSDAP und gehörte zum erweiterten Führungszirkel um Hitler. Nach dessen Verurteilung wegen des Putschversuchs stellte sich Heß und saß mit dem „Führer“ zusammen in der Festung Landsberg ein. Jahrzehntelang galt als gesichert, dass Hitler „Mein Kampf“ Heß diktiert habe. Doch jüngst entdeckte und nachweislich echte Konzeptpapiere dieses Bekenntnisbuches lassen dies zweifelhaft erscheinen.

Abgedriftet in okkulte Kreise

Fest steht immerhin: Ab 1925 galt Heß als Privatsekretär Hitlers, ab 1933 trug er den Titel „Stellvertreter des Führers“. Seine Funktion beschränkte sich jedoch auf die Leitung der Parteiorganisation der NSDAP; politischen Einfluss hatte er auch in dieser Funktion nicht. 1939 designierte Hitler Luftwaffenchef Hermann Göring offiziell zum „zweiten Mann“ – eine deutliche Zurücksetzung für Heß. Nicht zuletzt deshalb driftete er weiter in okkulte Kreise ab. Am 10. Mai 1941, mitten im schwersten Luftangriff auf London während des gesamten Krieges, flog Heß nach Schottland, um einen Frieden zwischen Deutschland und Großbritannien zu vermitteln. Er wurde festgenommen und kam bis zum Tode 46 Jahre später nie wieder in Freiheit.
Die Umstände seines Fluges sind bis heute geheimnisumwittert, denn einerseits verbreiten deutsche und britische Publizisten zweifelhaften Ansehens seit Jahrzehnten wilde Spekulationen, andererseits hält die britische Regierung noch immer die Akten des damaligen Geheimdienstes MI6 zurück. Weil auch die Akten über Heß' Tod noch weitere zehn Jahre gesperrt bleiben sollen, ist die Ausgangslage geeignet für Verschwörungstheorien. Danach habe Premierminister Churchill den angeblich im Auftrag Hitlers vorgetragenen Friedensplan vorsätzlich abgelehnt, um Deutschland zusammen mit der Sowjetunion und den USA niederwerfen zu können. Historiker urteilen dagegen, dass Heß auf eigene Initiative gehandelt hat und Hitler empört reagierte.

Länger in Haft als jeder andere NS-Täter


Der britische Autor Martin Allen versuchte, gestützt auf angeblich neue Dokumente, diese Feststellung zu widerlegen – doch stellten sich seine „Beweise“ als Fälschungen heraus. Inzwischen ist Allens Ansehen durch eine weitere auf Fälschungen beruhende These völlig demoliert, laut der Briten 1945 SS-Chef Heinrich Himmler vorsätzlich vergiftet hätten. In Wirklichkeit beging Himmler Selbstmord.

Heß wurde im Nürnberger Prozess zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und saß länger als jeder andere NS-Täter hinter Gittern – wohl auch, weil er sich in Haft weiterhin zu Hitler bekannte. Eine vorzeitige Entlassung scheiterte immer wieder am Veto der Sowjets. Schon deshalb hätte der britische Geheimdienst keinen Grund gehabt, Heß umbringen zu lassen, wie Rechtsextremisten spekulieren.

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