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Default Der Weg nach Lepanto

Der Weg nach Lepanto

Ein christlicher Mönch wird Admiral des Sultans

Das Kloster Castella lag an der Ostküste Kalabriens, nicht weit vom Strand, mit der Front nach Westen. Von dort konnte man die feine graublaue Linie des Gebirges sehen, von der Rückseite das Meer. Es war im September des Jahres 1517. Starker Ostwind wehte. Die Wellen, die er gegen den Strand warf, hatten Gesichter wie Untiere mit schäumenden Mäulern.
Die Siedlung, ein Fischerdorf, lag etwas weiter landeinwärts. Aufgeregt wie das Meer schienen die Dorfbewohner zu sein. Sie standen am Strand und redeten heftig miteinander. Und immer wieder legte der eine und der andere die Hand über die Augen, schrie etwas und deutete auf die See.
Der Prior, ein betagter Mann, betrachtete vom offenen Fenster des Klosters aus eine Weile den Vorgang. Dann rief er einen jungen Mann herbei. „Geh an den Strand, Luca, und erkundige dich nach dem Grund der Aufregung. Ich sehe nur Segel am Horizont!“
Giovanni Diogini Galeni ging. Sie nannten ihn Luca und den frömmsten Novizen in diesem Haus. Niemals hatte er die Mette zur Mitternacht versäumt, die Matutine nicht um drei Uhr in der Frühe, nicht die Prime um sechs Uhr und kaum einmal die anderen Stundengebete. Verwunderlich, daß er bei diesen Anstrengungen so stark und frisch geblieben war. Er ging gemessen, wie es seine Kutte verlangte. Zurück kam er gerannt, als sei der Teufel hinter ihm her. „Korsaren!“ schrie er gellend in die fromme Stille des Hauses. Augenblicklich verwandelte sie sich in ein schreckdurchtostes Lärmen.
Die Fischer und ihre Angehörigen rafften in fiebriger Eile das allernotwendigste zusammen und flüchteten landeinwärts. Sie liefen um ihr Leben oder ihre Freiheit. Der Prior verweigerte seinen Brüdern die Zustimmung zur Flucht.
Zwar wußte er um die Größe der Gefahr, die auf sie zukam. Korsaren, Seeräuber, das bedeutete immer Diebstahl, Brand, Tod, schlimmstenfalls Gefangenschaft und Hoffnungslosigkeit. Wie ein furchtbares Gespenst stand dahinter der Name Draguts, des Herrn aller Korsaren des Mittelmeers.
Die Nennung seines Namens löste zu jener Zeit im Mittelmeerraum das Gefühl dumpfer Angst und Bangnis aus.
Wenn der Prior seine Brüder dennoch nicht in die Flucht entließ, so lag das sicherlich weniger an seinem Wunsch, Märtyrer zu werden. Doch ging der Gedanke über seine Vorstellungskraft, daß die Anhänger des Islams, die “Ungläubigen“, wie sie der christliche Zeitgeist benannte, Gewalt über den Gott seines Glaubens und seine Diener gewinnen könne. Er irrte sich. Da waren sie schon heran mit Geschrei und geschwungenen Waffen. Er büßte seinen Irrtum als erster mit dem Tode. Ihm folgten die anderen Alten dahin, die Schwächlichen und die Kranken. Luca wurde mit einigen wenigen für würdig befunden, die Fußkette der Galeerensklaven zu tragen.
Nun fiel ein Vorfall wie dieser hier in Castella durchaus nicht aus dem Rahmen der Zeit. Und schon gar nicht war diese Art der Kriegsführung ohne Kriegserklärung mit jedem, der an Gut oder Leib Gewinn versprach, an der Küste oder auf See, eine Erfindung Draguts. Vor zwanzig Jahren hatte man den Namen Cheireddin Barbarossa ängstlich geflüstert. Vom Sultan als „Fürst der Fürsten“ über Algier eingesetzt, hatte er von dort aus das Mittelmeer beherrscht. Als er, neunzig Jahre alt, gestorben war, währte das Aufatmen nicht lange.
Dragut wurde sein Nachfolger, und dessen Auffassung von Seerecht und Menschlichkeit unterschied sich in nichts von der seines unseligen Vorgängers: Handelsschiffe wurden auf offener See überfallen, gekapert oder in Brand gesteckt, und die Gefangenen bekamen nur Daseinsberechtigung zugesprochen, wenn sie gut waren für ein enormes Lösegeld oder geeignet für Fußfessel und Galeerenbank.
Lösegeld konnte der fromme Mönch Luca mit dem besten Willen nicht in Aussicht stellen. Ein solches Versprechen hätten ihm seine Räuber freilich auch niemals abgenommen. So mußte denn also die Entwicklung einer – wie gesagt – alltäglichen Szene zu einem bedeutsamen Akt im Welttheater ihren Fortgang nehmen.
Sicherlich brauchte der gottergebene Beter geraume Zeit, um seine neue Lage in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit zu erkennen. Als ihm bewußt geworden war, daß er künftig ohne seinen bisherigen geistigen und seelischen Rückhalt auskommen müsse, erwachte in ihm ein neuer Sinn, der von da an seinen Lebenskurs lenkt.
Drei Rudersklaven auf der Bank und dreißig Bänke, das waren neunzig ehemalige Menschen gewesene tierähnliche Geschöpfe unter der immer drohnenden Nilpferdpeitsche des Aufsehers, unter dem surren und Schnurren der vom Koranleser heruntergeleierten Suren des heiligen Buches. Das bedeutete auch ein entrinnen nur in den Tod hinein, allerdings mit vier Abwandlungen: durch Krankheit, durch Erschöpfung infolge Unterernährung, durch allzu häufigen Biß der Peitsche oder durch Verstümmelung und Ertrinken beim Zusammenprall mit einem feindlichen Fahrzeug.
Gab es etwas, das unter solchen Aussichten den Willen zum Leben aufrecht halten konnte? Nur der Haß, der immer gut genährte, nimmermüde Haß. Der kam mit der Gewalt des Sturmes, der sich aus einem plötzlichen, riesigen Temperatursturz ergibt, und besiegte die Verzweiflung, die sich immer wieder einstellte.
Zuerst wandte sich der Haß gegen den Gott in Castella, dem er gedient und den er umworben hatte wie kaum jemand sonst und der ihn dennoch hatte fallen lassen in dieses grauenvolle Elend. Wie konnte er diesen Gott treffen, diesen verräterischen schwachen, der sich dem anderen als unterlegen gezeigt hatte?
Er äußerte die Bitte, Mohammedaner werden zu dürfen. Proselyten sind immer willkommen, besonders, wenn sie an der Kette liegen und leicht zu überwachen sind. Er durfte es werden. Sein Lebenswille wuchs. Die Kette mußte weg. Sie mußte weg. Er bat darum, den Koran studieren und die Gebete daraus über den geneigten Köpfen der Geschändeten lesen zu dürfen.
Er studierte und las vor. Die Fußkette fiel. Triumph! Aus Luca wurde Uluch der Befreite. Allah hatte es vollbracht. Uluchs Haß auf den Christengott wuchs jetzt zu der Stärke, die sich nicht mehr verringern sollte. Obwohl doch angeblich in der Übermacht, hatte der Dreifaltige versagt. Allah war es ein Leichtes gewesen, den sich zu ihm Bekennenden aus dem Zustand der langsamen Verwesung zu erlösen. Er war geschlagen und übel zugerichtet worden. Jetzt wollte er selber schlagen. so wurde aus dem sanften Beter ein unerbittlicher Peitschenschwinger, der mit der selben Inbrunst strafte, mit der er sich früher kasteit hatte. Die kindlichen Gesichtszüge veränderten sich schnell unter den unerhörten Anstrengungen seiner Umkehr und nahmen, umrahmt von einem schwarzen Bartwuchs von Ohr zu Ohr, jenen harten, verbissenen Ausdruck an, den die Menschen noch fürchten lernen sollten.
Weil das sanfte Gesetz des „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ endgültig von ihm abgefallen war, nahm es nicht wunder, daß er auf dem eingeschlagenen Wege schnell vorankam. unter der Obhut des allmächtigen Korsaren Dragut erhielt er bald ein selbständiges Seeräuberkommando. Seine Vorgesetzten müssen mit seiner Arbeitsweise zufrieden gewesen sein, denn es steht nirgends geschrieben, daß er von seinem Posten abberufen wurde.
Im Volke aber begann sein Ruf sich allmählich mit jenem feinen Schleier zu überziehen, der aus Furcht, geheimer Achtung und uneingestandenem Vergnügen gesponnen ist. Zahlreich waren die Gerüchte, die dazu beitrugen. Abgesehen von der mitleidlosen Härte, mit der er seine Unternehmungen durchführte und zu der sich mit der Zeit noch eine hämische Bösartigkeit gesellte, sprachen sie von seiner überaus großen Schlauheit und hinterlistigen Taktik, mit denen er seine Erfolge erzielte.
So wurde bekannt, daß er einen an Schiffzahl weit überlegenen und bewaffneten Geleitzug der Malteserritter, der Getreide geladen hatte, auf hoher See angriff. Vielleicht machte Angst vor dem Namen Uluch schon den halben Sieg aus: fast ohne Kampf wurden alle zwanzig Frachter genommen. Der Kommandant durfte, als Künder des Untergangs gewissermaßen, in einem Boot die Heimfahrt suchen. Er fuhr ins Verderben. In Malta wurde er nicht als Held angesehen, sondern auf Befehl des Großmeistes enthauptet.
Daß dieser Erfolg Uluch besonders gefreut hat, darf ohne weiteres angenommen werden. Aus seinem unerschöpflichen Vorrat aus Haß bekamen die Malteser ein gut Teil ab. Weshalb, wird sich noch zeigen. Wenn sich in seinen äußeren Lebensumständen in den folgenden Jahren auch nichts ändert, sein späteres Verhalten zeigt, daß der Zug ins Große eine besondere Merkwürdigkeit seines Wesens war. Und auch seine ständig wachsende Neigung zu politischer Entschlossenheit.
Im Reich der Osmanen herrschte von 1520 bis 1566 Süleiman I., genannte der Prächtige, der Zeitgenosse Karls V. Ihm verdankte das Reich seine höchste Blüte. Seine weitgezielten Unternehmungen, seine brutale Art der Kriegsführung und Glaubensausbreitung hatten erreicht, daß Europa vor ihm zitterte. Bereits seit Beginn des 14. Jahrhunderts operierten türkische Truppen in Südosteuropa, unterwarfen Bulgarien und siegten über die Serben; aber erst mit der Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II. 1453 bekam das Osmanische Reich eine zentrale Hauptstadt, von der aus Kleinasien geeint und der Angriff auf Europa vorangetrieben werden konnte.
Fast zum Dauerzustand wurde der Krieg mit der Republik Venedig, die schließlich ihre Besitzungen auf dem Peloponnes räumen und, um den Seehandel im Mittelmeer weiterhin aufrecht erhalten zu können, dem Sultan Tribut zahlen musste.
Sultan Selim I. , der Grausame (1512 bis 1520), schaffte in der Türkei einen rational verwalteten, einheitlichen Staat. Er eroberte Syrien und Ägypten und bekam schließlich fast alle arabisch sprechenden Staaten in die Hand. Selim I. wurde so zum Begründer des osmanischen Großreiches.
Durch diese Absicherung nach Osten und Süden waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß sein Sohn und Nachfolger, Süleiman I., der Prächtige, sein Augenmerk nach Nordwesten, auf die Eroberung Europas richten konnte. Süleiman I., der Prächtige, eroberte 1521 Belgrad, im nächsten Jahr vertrieb er den Johanniterorden aus Rhodos; und schon hauste er in Ungarn, das seinen König bei der Schlacht von Mohacs verlor. Der Happen Wien erwieß sich als zu dick für den Prächtigen. Er mußte ihn ausspucken, nicht ohne den Abscheu vor seinem Namen gründlich zu vermehren.
Vielleicht ein wenig ruhebedürftig, schickte er 1565 seinen getreuen Helfer im Mittelmeer, den Korsaren Dragut, mit Heeresmacht gegen die Insel Malta, um den verhaßten christlichen Ritterorden von dort zu vertreiben. Uluch war mit von der Partie. Er wollte den ersten Feldherrenruhm ernten. Doch verteidigte der Großmeister La Valette die Insel mit Erfolg. Die ihm ein qualvolles Ende zugedacht hatten, mußten unverrichteter Dinge abziehen. Allerdings ohne Dragut. Der war bei der Belagerung gefallen.
Als Süleiman selbst im Jahr darauf noch einmal in Ungarn einmarschierte und die Festung Szigeth belagerte, starb er.
Selim II. wurde sein Nachfolger. Gespannt blickte das christliche Europa auf ihn. Die Bilder aus jener Zeit zeigen ein etwas verschwommenes, etwas verdrießliches Gesicht, mit dem Bartkranz von Ohr zu Ohr und einem melancholisch hängenden Schnurrbart. Zwar liegt in seinen Augen ein Ausdruck von Verschlagenheit, der von voreiligen Schlüssen abrät. Aber immerhin wäre es nicht das erste Mal in der Geschichte gewesen, daß auf einen überragenden Herrscher ein bedeutungsloser gefolgt wäre. Die Stoßgebete der christlichen Völker im europäischen Raum zielten mit Inbrunst auf diesen Punkt.
Er war schwer zu erkennen , der neue Sultan. Vorläufig hielt er sich im Hintergrund und überließ seinem Kanzler, dem Großwesir Mehmed Pascha Sokolly, den Vortritt in das Licht der Rampe. Das konnte ein Zeichen großer Verschlagenheit sein. jedenfalls wirkte er beängstigend.
Und wer würde Draguts Nachfolger werden auf dem Thron des „Fürst der Fürsten“ in Algier, des Einpeitschers der Furcht vor der Willkür Konstantinopels? Diese Frage entschied sich schnell und geräuschlos. Uluchs Stunde war gekommen. Er plünderte jetzt auf Draguts Kommandoschiff die Küsten und Frachter mit einer noch gesteigerten Hingabe an Großgeschäfte. Und er zeigte neuerdings zudem einen erschreckenden Drang nach politischen Verwicklungen.
Da lagen Spaniens langgestreckte Küsten. Und nicht vergessen war der unentwegte Kampf Kaiser Karls V. gegen die verfluchten Korsaren in Nordafrika, die den Seeverkehr zwischen Spanien und den Besitzungen in Italien so empfindlich störten. Kein anderes Land im politischen und religiösen Bereich haßte Uluch mehr als dieses. Noch arroganter und widerlicher erschien es ihm, als Venedig, diese Stadtrepublik auf Pfählen, diese Gemeinschaft spießbürgerlicher Krämer, die auf ihren riesigen Handel und ihre Kolonien stolz waren und nicht merkten, daß ihr Reichtum sie immer mehr entnervte.
Nun, Karl V. war schon sieben Jahre vor seinem großen Widersacher Süleiman gestorben. Seit 1556 war sein Sohn Philipp II. König von Spanien, den Niederlanden, Burgund und Neapel. Als Uluch sein Augenmerk auf dieses Reich richtete, war Philipp gerade zu der Überzeugung gekommen, die Morisken zu vertilgen sei ein heiliges, gottgefälliges Werk. Sie bildeten die Reste der arabischen Bevölkerung, die nach 1492 – dem Jahr der Eroberung Granadas durch Aragon und Kastilien und der Beseitigung der maurischen Herrschaft – noch in Spanien verblieben waren.
Trotz ihrer Hinwendung zum Christentum waren sie immer wieder verfolgt worden Jetzt sollten sie endgültig verschwinden. Ihres Vermögens beraubt, jeder Gewalttat ausgeliefert, fast mehr noch bedrängt als die jetzt auch wieder verfolgten Juden, widersetzten sie sich dennoch der Übermacht und ließen es auf einen Kampf ankommen.
Uluch unterstützte sie in ihrem Krieg gegen die spanische Staatsmacht und die Inquisition durch Lieferung von Lebensmitteln und Waffen, ja, er sammelte eine bedeutende Flotte, wollte in Spanien landen und zusammen mit den Morisken die begonnene Revolution gegen das verhaßte christliche System vorantreiben. Aber Allah verweigerte seine Mithilfe. Die Landung mißlang. Bei einer stürmischen Rückfahrt mit flüchtigen Morisken an Bord verlor er einen großen Teil seiner Schiffe. Die Scharte auszuwetzen, warf sich Uluch voller Zorn auf Marokko und Tunis, um diese Länder seinem, ihm vom Sultan noch nicht zugesprochenen Reiche einzuverleiben. Bevor das geschah, kam aus Konstantinopel seine Ernennung zum Beglerbeg Nordafrikas, zum „Fürsten der Fürsten“, und bald danach seine Berufung nach Konstantinopel. Es gab keinen Zweifel: man brauchte ihn dort, seine wilde Energie, seine Kunst zu planen und listig zu handeln, seinen Haß. Vielleicht auch die Furcht, die seinem Namen voranging. Von einem gewissen Jussuf Nassi, war ihm anvertraut, daß die Disziplin der türkischen Gardetruppen, der Janitscharen, zu wünschen übrig lasse. Ja, und die Flotte sollte gründlich erneuert werden. nicht ohne einen sehr aufmerksamen Blick auf Spanien wird Uluch Ali seine Reise nach Konstantinopel angetreten haben. Der Moriskenkrieg war beendet. ohne sein Zutun. Auf die unerwartete Weise, die niemand vorauszusagen gewagt hätte, weil sie dem Geist der Zeit widersprach. Der verstorbene Kaiser Karl hatte einen unehelichen Sohn hinterlassen, den er mit der lebensfrohen Barbara Blomberg gelegentlich eines Reichstages in Regensburg gezeugt und kurz vor seinem Tode noch anerkannt hatte. Dieser Stiefbruder der regierenden Philipp, mit dem klangvollen Namen Don Juan d'Austria bedacht, bekam als Vierundzwanzigjähriger den Oberbefehl über die spanischen Truppen gegen die Morisken. Gefallene und verstümmelte gab es in diesem erbarmungslosen Krieg genug, aber keinen Sieg.
Ein erbärmlicher Auftrag für den dem Leben zugewandten jungen Menschen, der Auftrag eines ihm nicht gerade wohlwollenden Halbbruders: hinter ihm ein Aufsichtsrat verkalkter Generale, keine selbständige Bewegungs - und Entschlußmöglichkeit, eine engstirnige Bürokratie in Madrid und das höchst deprimierende Gefühl, sein Herr Bruder warte nur auf einen Fehler von ihm, um ihn in die Finsternis der Anonymität fallen zu lassen.
Trotz allem beendete Juan diesen mit aller Grausamkeit auf beiden Seiten geführten Krieg auf eine sehr eigenwillige Weise. Er nahm Verhandlungen mit dem tapferen Moriskenführer auf, man kam zu einer Einigung, sicherte Leben und Eigentum der Verfolgten und erhob sie damit in den Stand williger Untertanen. Ein befremdender Vorgang sicherlich in den Augen der Welt, besonders aber in denen Uluch Alis. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte er das Tun und Treiben dieses jungen Mannes, seitdem dieser nicht ohne Erfolg mit dreißig Galeeren gegen Uluchs Piratentum an der spanischen und nordafrikanischen Küste operiert hatte. Don Juans Äußerungen, die Uluch von seinen Gewährsleuten in Spanien übermittelt wurden, werden ihm ein verächtliches Kofschütteln abgenötigt haben. Sie rochen nach Neuerertum, vielleicht sogar ketzerisch, wenn man nicht gewußt hätte, daß der so jäh ans Licht der allgemeinen Aufmerksamkeit Gerückte ein frommer Christ war.
Es stand nicht gut um die spanische Königsfamilie. Der leicht schwachsinnige Kronprinz Don Carlos, Philipps einziger Sohn, hatte sich an einem Komplott zur Ermordung seines Vaters beteiligt. Die Verschwörung wurde entdeckt, und der Kronprinz im Januar 1568 ins Gefängnis geworfen. Hier starb er bereits wenige Monate später. Don Juan d'Austria aber, den sogar die Gegner Spaniens als mutig, gewandt und herzgewinnend bezeichneten, hatte am Madrider Hof keine Freunde.
Als Uluch Ali in Konstantinopel das weiße Haus am Bosporus bezog, in dem bereits Cheireddin Barbarossa residiert hatte, wußte dieser über diese Verhältnisse genau Bescheid, und er glaubte auch zu wissen, daß man diesen Gegner schlagen könne. Als einer der ersten Besucher wird Jussuf Nassi bei ihm erschienen sein, ein Mann unbestimmter Herkunft und der „Mund am Ohre“ des Sultans, wie Uluch bald erfuhr. Ihm wurde schnell deutlich, daß man ihn brauchte. Die türkische Flotte war veraltet. Sie sollte erneuert werden, um die Angriffspolitik im Mittelmeer verstärkt weitertreiben zu können. Die Schiffahrt und der Handel zwischen dem mächtigsten Gegner Spanien und dessen Kolonien in Italien sollte endlich zum erliegen kommen. Die Angst vor dem türkischen Namen mußte ins Ungeheure gesteigert werden. Immerwährende Überfälle auf die Küstenplätze! Wo der Schrecken vorwegläuft, ist der Sieg schon halb gesichert. Was hatten die Krämer Venedigs außerhalb ihrer Lagunenstadt zu suchen! Was auf dem griechischen Festland und in der Festung Lepanto im gleichnamigen Golf, was auf Korfu, auf Kreta und vor allem auf der Insel Zypern! Aber die Venetianer fühlten sich stark. Sie schmeichelten dem Papst Pius V. und trieben ihr Spiel mit ihm. Sie entzogen ihm die päpstlichen Vollmachten in ihrer Republik, setzten selbst die Priester und gar den Bischof ein, was immer das Vorrecht des Heiligen Stuhls gewesen war, und sie brachten es auch fertig, einen Priester wie zum Spaß am Turm der Sankt-Markus-Kirche in einem Käfig aufzuhängen und gegen gutes Entgelt darzustellen.
Sie wußten genau, diese Kaufherren aus den alten Geschlechtern, daß der hagere Greis auf dem Stuhl Petri in Rom nur noch einen glühenden Wunsch hatte: Er wollte einen Kreuzzug gegen die verhaßten Türken führen. Dazu war er aber auf Venedig angewiesen, ohne den Beistand dieser Stadt war der Plan undurchführbar. Von diesem geplanten Kreuzzug wußte man auch in Konstantinopel. Um jedem Gegner von vornherein überlegen zu sein, wollte man deshalb mindestens 220 Galeeren zur Verfügung haben. Dafür brauchte man etwa 40 000 Ruderer, christliche Galeerensklaven zumeist. Die moderne Bestückung der Schiffe und die Ausrüstung wurde einem anderen übertragen. Uluchs wilde Energie und finstere Entschlossenheit konnte sich also auf den Flottenbau, die Beschaffung der Galeerensklaven und die Reorganisation des Landheeres ausrichten. Mehmet Sokolly führte immer noch die Geschäfte des höchsten Amtes. Der Sultan? Hinter der vorgehaltenen Hand flüsterte Jussif Nassi und sah mit hochgezogenen Brauen Uluch ängstlich und beschwörend an: „Man nennt ihn „Mest“, den „Säufer“. Verratet mich nicht, Hoher Herr. Nennt mir eure Wünsche, wenn ihr welche habt.“
Uluch Ali besann sich nicht lange. „Hör zu, Mund am Ohr: Kommt es zum Kriege, wünsche ich mir den Oberbefehl über die Flotte!“
Als der Frühling 1570 heraufzog und rings um das Mittelmeer die Mandelbäume blühten, waren die Rüstungen am Bosporus abgeschlossen. Eine türkische Gesandtschaft traf in Venedig ein, die vom Rat der Zehn die sofortige, vorbehaltlose und entschädigungslose Abtretung der Insel Zypern forderte. Warum gerade die Insel Zypern? Uluch war überzeugt, daß der Ohrenbläser Jussuf Nassi seinem Herrn diesen Namen eingegeben hatte. Seit 1489 war sie in den Händen der Venetianer, obwohl zu zwei dritteln von Griechen bewohnt. Die Griechen aber betrachtete man in Konstantinopel als türkische Untertanen. Hielt man nicht schon seit 1456 Athen besetzt? Aber abgesehen von Prestigegründen sprachen auch wirtschaftliche und militärische Überlegungen für eine Besetzung Zyperns. Die Venetianer, so glaubte man, würden es auf keinen Krieg ankommen lassen. Trotzdem hatte man für alle Fälle die Flotte verstärkt. Den Oberbefehl erhielt Ali Pascha.
Der Rat der Stadt Venedig sagte der türkischen Gesandtschaft ein klares „Nein“, der sonst so sanfte Doge wehrte ärgerlich die unverschämten Ansprüche ab. Der Krieg war nicht mehr zu vermeiden. Nun mußte man Bundesgenossen werben.
Papst Pius V. sah das Ziel seines Lebens, den Kreuzzug gegen die Ungläubigen, in greifbare Nähe gerückt. „Gott hebt den Finger“, rief er, „ich gehorche!“ Vierzehn Galeeren vom Kirchenstaat und 40 00 Scudi sofort aus dem Schatz der Engelsburg, Besteuerung der Kardinalspfründe und andere Einnahmequellen der Christenheit werden zum Sprudeln gebracht! „Dieser Krieg ist ein heiliger Krieg. Gott mahnt uns. Wir glühen“, so verkündete der Papst. 140 Galeeren konnte Venedig stellen. Aber das war noch nicht genug. Das mächtige Spanien sollte zum Bundesgenossen werden.
Doch nun begann der Streit um den Oberbefehl der Liga. Zwar war Don Juan d'Austria trotz – oder vielleicht auch wegen – seiner großen militärischen Begabung am Hofe seines königlichen Bruders mehr geduldet als anerkannt, doch bestand Philipp II. diesmal mit einer bei ihm ungewöhnlichen Zähigkeit darauf, daß Spanien – und für Spanien eben Don Juan – den Oberbefehl beim Kampf gegen die Türken übernehmen sollte. Der Papst willigte ein, doch de Venetianer sträubten sich. Die Verhandlungen mit Philipp II. liefen noch, da griffen die Türken schon die Insel Zypern an, eroberten die Städte Nikosia und Famagosta und mißhandelten die tapferen Verteidiger auf entsetzliche Weise. Der Schrecken ist der stärkste Verbündete.
Nun war also höchste Eile geboten. Nun endlich willigte Venedig in den spanischen Oberbefehl ein, und zwar, wie es heißt, überzeugt durch ein Bibelzitat. Die Erzählung über Johannes den Täufer in der Bibel wird eingeleitet durch die Worte: „Fuit homo missus a Deo, cui nomen erat Joannes. (Von Gott wurde ein Mann geschickt, dessen Name war Johannes).“ Auf Grund dieses Satzes war es sowohl dem Papst als auch König Philipp völlig klar, daß der Oberbefehlshaber nur „Johannes“ heißen dürfe. Unter dem Druck der Ereignisse schlossen sich schließlich auch die Venetianer dieser Auslegung an. Als sich die Flotten der christlichen Liga und der Türken bei den Curzolarischen Inseln am 7. Oktober 1571 gegenüberlagen, konnten die Christen knapp 240, die Muselmanen dagegen fast 300 Galeeren ins Treffen führen. Oberbefehlshaber hier der junge Don Juan d'Austria, unehelicher Sohn Karl V., Bruder des regierenden Königs Philipp II. und nach allem bisher gezeigten Verheißungen einer lichteren Zukunft, dort ein gewisser Ali Pascha. Uluch Ali hatte das Oberkommando nicht erhalten. Sein Zorn muß furchtbar gewesen sein, als ihm die Ernennung zum Admiral und Führer des linken, südlichen Flügels der Flotte ausgehändigt wurde. In der Schlacht stieß er auf seine alten Feinde, die Malteser, die damals, 1565, seinen Angriff auf Malta abgewiesen hatten. Man verspürt fast seine Wut, mit der er sich auf ihre Schiffe gestürzt haben wird: er eroberte das Admiralsschiff, schlug dem Komtur im Zweikampf den Kopf herunter, nahm das Schiff in Schlepp und zog die Admiralsflagge im Kielwasser hinterher.
Aber dieser Sieg des Uluch Ali blieb ziemlich der einzige Erfolg, den die Türken in dieser Schlacht verbuchen konnten. Die Flotte der christlichen Liga blieb gegenüber der größeren türkischen Flotte siegreich, weil, wie die Legende zu berichten weiß, die Christusfigur, die am Schiff des Oberbefehlshabers Don Juan als Galionsfigur angebracht war, sich persönlich für den Sieg eingesetzt hat. Dabei mußte die Christusfigur, so wird weiter erzählt, sogar einmal ihren Leib zur Seite biegen, um einer türkischen Kanonenkugel auszuweichen.
Es ist unwahrscheinlich, daß der „Christo de Lepanto“ - er wird heute in der Kathedrale von Barcelona aufbewahrt – als Galionsfigur gedient hat. Das Kreuz ist etwa drei Meter hoch, der Corpus hat Lebensgröße. Auch die Admiralskajüte dürfte für das Kreuz entschieden zu klein gewesen sein. Am wahrscheinlichsten ist noch die Lesart, nach der das Kruzifix am Vordermast des Flaggschiffes befestigt war.
Aber der Sieg der christlichen Flotte ist vielleicht doch nicht ausschließlich dem wundertätigen Christus zu verdanken. Die Schiffe der Liga waren schwerer als die der Türken. Auch waren die spanischen und venetianischen Schiffe mit schwererer Artillerie ausgerüstet. Die meisten der christlichen Soldaten trugen schützende Panzer, an denen die Pfeile der türkischen Bogenschützen wirkungslos abprallten. Dagegen zeigten die Schüsse der spanischen Arquebusen bei den Türken eine verheerende Wirkung.
So endete diese letzte und größte Galeerenschlacht der neueren Geschichte mit einem überlegenen Sieg der Christen. Während auf türkischer Seite lediglich 50 Schiffe zurückkehrten, hatte die Liga nur 17 Schiffe verloren. Die 50 geretteten türkischen Schiffe waren fast ausnahmslos die des linken Flügels, den Uluch Ali befehligt hatte. Ali Pascha, der türkische Oberkommandierende, war gefallen. So blieb es ihm erspart, sich selbst erdrosseln zu müssen.
Hätte Uluch Ali als Oberkommandierender die Schlacht für Konstantinopel zu retten vermocht? Es gab genug Leute, die es behaupteten. Wahrscheinlich hätte dann Miguel Cervantes, der Dichter des Don Quijote, trotz seiner schweren Verletzung, die er im Kampf erhielt, diesen Tag nicht als den schönsten des Jahrhunderts gepriesen.
Der Westen bejubelte den Sieg und den Sieger und ließ ihn sofort durch seine großen Künstler verherrlichen. Der Osten blieb gelassen. „Ihr habt uns den Bart gerauft. Wir aber schlugen euch den Arm ab. Der wächst nicht nach!“ Sofort und sehr schnell wurde eine neue Flotte geschaffen. Man spürt Uluchs und seine unzerbrechliche Härte, wenn man erfährt, daß die Türkei nicht daran dachte, Zypern wieder herauszugeben, trotz der Niederlage, die doch den Glauben an ihre Unbesiegbarkeit zertrümmerte.
Die christliche Liga fiel sehr bald auseinander. Mit Recht sagte zweihundert Jahre später ein französischer Dichter spöttelnd, er habe den Eindruck, diese Schlacht, die man sie von Lepanto nannte, sei von den Türken gewonnen worden. Die politische Haltung der Türken änderte sich vorläufig nicht. Sie blieb gekennzeichnet von einem starren, unerbittlichen und rücksichtslosen Geist, der erst zwei Jahrhunderte später, in der Seeschlacht von Tschesme (1770), gebrochen wurde.
Dort erst wurde der Türke zum „Kranken Mann am Bosporus“ geschlagen. Zypern jedoch blieb 340 Jahre lang, bis 1914, türkisch.
Nach außen hin trat Uluch Ali in den Jahren nach Lepanto wenig mehr in Erscheinung. In den Straßen der Weltstadt Konstantinopel wird es sechzehn Jahren, die er noch zu leben hatte, die Rufe des Muezzins von den Türmen der Moscheen gehört haben, und vielleicht hat er manchmal an den jungen eifrigen Christ in Kalabrien zurückgedacht, der Luca Galeni geheißen hatte.
Wie fast jeder, der aus der Masse herausragt, blieb er wohl auch im Alter einsam. Scheu und Furcht waren seine Begleiter, Liebe gab und erhielt er wohl kaum, weder im Volk, noch bei Hofe. Und es liegt der Gedanke nahe, daß die Mächtigen das Osmanenreiches ängstlich darauf bedacht waren, ihn, die einzig heldenhafte Figur aus der Schlacht von Lepanto, nicht zu mächtig werden zu lassen. 1587 starb er, angeblich wurde er umgebracht. Um neun Jahre überlebte er seinen Gegenspieler von Lepanto, Don Juan d'Austria. Dieser war von der Regierung des spanischen Reiches nach Flandern geschickt worden, weil die Weltmacht mit dem kleinen aufsässigen Land mit Strenge nicht fertig wurde. Mit seinem großen Namen und mit der bei der Befriedung der Morisken bewährten Taktik, sollte er das Ärgernis aus der Welt schaffen. Der Anfang seines Wirkens in Flandern ließ einen endgültigen Erfolg erhoffen. 1578 aber, im Feldlager, starb er ganz plötzlich. An Gift, so sagte man. Überragende Gestalten sterben keines natürlichen Todes. Der würde sie nicht hoch genug über die Masse erheben. einen besonderen Tod auch mußte Uluch Ali haben, einen maßlosen gewissermaßen, wie sein Wesen und Wirken sich der Mitwelt gezeigt hatte.
Sein Gemüt, so heißt es, habe sich verfinstert. Die Erinnerungen an seine vielen Mordtaten habe ihn in die Schwermut getrieben, behaupteten seine Gegner. Im Zypernwein und durch unmäßigen Haschischgenuß habe er der Schwermut entfliehen wollen. Schließlich sei er von einem angeblichen Freund erdrosselt worden. Schon zur Zeit seines Todes hatte die türkische Seemacht erheblich an Bedeutung verloren.


Walter Winkler, „Damals“ Heft 1, 1971
__________________
Aptrgangr sagt:
I am republican anyway
Lutiferre sagt:
me too, but thats mostly because i am against monarchy





„Noch sitzt Ihr da oben, Ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, doch dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott!“
(Theodor Körner 1791-1813)

Last edited by Aptrgangr; Thursday, November 16th, 2006 at 12:51.
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