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Die schöne Bärbel von Ottenheim
Das schöne Bärbele.jpg Zeigt die Skulptur des Gerhaert von Leyden eine gräfliche Konkubine? Wenige Jahre vor dem zweiten Weltkrieg wurde dem Dunkel der Vergangenheit ein Kunstwerk entrissen, als dessen Schöpfer der größte deutsche Bildhauer des 15. Jahrhunderts gilt: Nicolaus Gerhaert von Leyden. Es ist ein Mädchenkopf aus rötlichem Sandstein mit grau-gelblicher Maserung, die das Antlitz in schrägsteiler Richtung überzieht. Von diesem Antlitz geht noch heute ein seltsamer Zauber aus. Das schwere, faltenreiche Tuch, das Kopf und Stirn bedeckt und nur auf der rechten Wangenseite einen dichten Haarzopf freiläßt, steht in lebhaftem Kontrast zu der Feinheit und Ausdruckskraft des Gesichts. Aus der schmalen, geraden Nase und dem festen Kinn mit dem Grübchen spricht ein starkes frauliches Selbstgefühl. Um den kleinen, etwas zugespitzten Mund spielt ein überlegenes Lächeln, während die volle Unterlippe verhaltene Sinnlichkeit verrät. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch den geheimnisvoll verschleierten Blick der brauenlosen, von scharfen Lidrändern umgrenzten Augen. Vor diesem Mädchenkopf stellt sich die Frage, ob er nur das Ergebnis einer genialen, wenn auch etwas verwegenen Künstlerlaune ist, wie Leo Bruhns annimmt, oder ob die Büste vielleicht doch eine bestimmte historische Persönlichkeit darstellt. „...sambt seiner Concubin...“ Am 14. Juli 1464 beauftragte der Rat der freien Reichsstadt Straßburg den Bildhauer Nicolaus von Leyden, das Portal der neuen Kanzlei künstlerisch auszugestalten. Der Vertrag sah ein Wappen vor, das von zwei allegorischen Frauenfiguren gehalten wurde, sowie andere Zierrate. Dazu gehörten auch zwei geharnischte Männer, die rechts und links vom Eingang in den Türleibungen standen, und die Büsten eines Mannes und einer Frau in der Nische über dem Wappen. Die Arbeit des Meisters fand, wie aus späteren Berichten hervorgeht, den Beifall der straßburger Bürgerschaft. Daniel Specklins Sammlung alter elsässischer Chroniken, die aus den achziger Jahren des 16. Jahrhunderts stammt, enthält folgenden aufschlußreichen Vermerk: „Als Herr Hans Melbrey und Herr Hans Drachenfels beide alte Amtmeister und Bau- und Lohnherr waren, da fing man an, die neue Kanzlei zu bauen mit dem schönen Türgestell und der Stadt Wappen ganz künstlich, wie es noch zu sehen ist, auch den steinernen Gang hinüber auf die Pfalz zu machen, und wardt fast alles in einem Jahr vollendet. Als aber Herr Jakob von Lichtenberg mit seiner schönen Bärbel oft von Hagenau gen Straßburg kamen und viel da wohnten, hat ihn der Werkmeister oben samt seiner Bärbel in Stein künstlich conterfeit und gehauen, wie noch zu sehen ist.“ Diese Überlieferung hat Bernhart Hertzog im Jahre 1592 in seine „Edelsasser Chronick“ aufgenommen, und auch bei Jakob Wencker, dem Verfasser des 1713 in Straßburg gedruckten „Apparatus et instructus archivorum“ finden wir die gleiche Notiz in etwas veränderter Form. Dort heißt es in der Schreibart der Zeit: „...Als Graf Jakob von Liechtenberg mit seiner schönen Barbel offt gen Straßburg kam und da wohnete, hat ihn der Werckmeister Nicolaus von Layden, ein künstlerischer Bildhauer und Steinmetz (welchen Kayser Friedrich III. einen Grabstein zu verfertigen in Anno 1467 zu sich erfordert und von der Stadt begeehrt) sambt seiner Concubin in Stein gantz artig gebildet, und zu einem Possen oberhalb derselben Thüren, da das Strassburgische Wappen ist, neben dem Schnecken (Treppenturm) im Hoff gestellt...“ Hier wird, abgesehen von dem erhaltenen Vertrag zwischen Stadt und Bildhauer, der Name ausdrücklich erwähnt, und auch der Hinweis auf die Büsten ist deshalb so wertvoll, weil damals die Kanzlei niedergebrannt war. Wencker kannte jedoch zweifellos die bis 1686 unversehrten Figuren und wohl auch die sichergestellten Fassadenreste. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Büsten der Städtischen Altertumssammlung übergeben, und als man in den sechziger Jahren eine Kunstausstellung veranstaltete, stellte der straßburger Bildhauer Stienne von den beiden Skulpturen Gipsabgüsse her. Während der Belagerung der Stadt im Jahre 1870 wurden die Altertümer mit der Bibliothek sicherheitshalber in der Neuen Kirche untergebracht, schließlich aber doch ein Opfer der durch Artilleriefeuer hervorgerufenen Brände. Jedenfalls galten die Büsten von da an als verloren. Erst im Frühjahr 1914 tauchte plötzlich im Hanauer Museum der männliche Originalkopf wieder auf. Nach den Ermittlungen Geheimrat Backs soll ein deutscher Soldat den schwer beschädigten Kopf aus dem Schutt der Kirche aufgelesen haben. Auf welchem Weg die Skulptur nach Hanau gelangt ist, das mit dem lichtenberger Land jahrhundertelang enge Beziehungen unterhalten hat, wissen wir nicht. Fast zwanzig Jahre später wurde auch der Kopf der weiblichen Büste im Nachlaß eines pfälzischen Archäologen gefunden. Der Gelehrte hatte ihn einst auf seiner Hochzeitsreise bei einem Trödler entdeckt und gekauft. Über die Bedeutung des Fragments scheint er sich jedoch nicht klar gewesen zu sein, denn als er starb, fand man die Büste hinter dem Ofen. Der Direktor des Historischen Museums der Pfalz, Dr. Sprater, und sein Mitarbeiter Dr. Franz Klimm, konnten an Hand der Gipsabgüsse die Identität der in den Chroniken erwähnten Plastik mit dem bisher als verschollen gegoltenen Werk feststellen. Im Frühjahr 1935 erwarb das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt am Main die für den oberrheinischen Kunstkreis so bedeutsame Büste des Nicolaus Gerhaert von Leyden. Nicolaus von Leyden Der Name des Bildhauers wird zum erstenmal um 1462 in Trier erwähnt. Dort schuf er das Grabmal des Erzbischofs Jakob von Sierk sowie für den Domkreuzgang ein Muttergottesbild. Lange Zeit nahm man an, der Geburtsort des Künstlers sei Leye an der Mosel. Doch scheinen ältere Quellen auf Leyden in den Niederlanden hinzudeuten. Von 1463 bis 1467 arbeitete er in Straßburg. Damals entstanden in rascher Folge die Büsten am Portal der neuen Kanzlei, ein Relief „Maria mit Kind und Stifter“ und das Wandgrab eines Kanonikers in der Johanneskapelle des Münsters. Während eines längeren Aufenthalts in Konstanz schnitzte Nicolaus Gerhaert von Leyden für den Chor des Doms ein Holzepitaph. Inzwischen hatte Kaiser Friedrich III. den Bildhauer gebeten, nach Wien an seinen Hof zu kommen, wo er für die Majestät ein Grabmal schaffen sollte. Doch erst nachdem der Meister 1467 für den alten Friedhof in Baden-Baden einen Steinkruzifixus vollendet hatte, entschloß er sich zur Reise in die Donaustadt. In Passau richtete er sich eine Werkstatt ein und begann mit der Ausarbeitung einer Bildnisplatte des Kaisers. Von 1472 an hielt er sich vorwiegend in Wiener-Neustadt auf. Doch bereits ein Jahr später ereilte den rastlos Schaffenden der Tod. „Weltliche Halbfiguren“ Die Kunstwissenschaft hat sich erst nach der Entdeckung des weiblichen Kopfes eingehender mit den Büsten des Kanzleiportals befaßt. Beim Studium der nicht retuschierten Gipsabgüsse erkannte man, daß die beiden Halbfiguren ursprünglich ein untrennbares Ganzes gebildet hatten. Die junge Frau und der bärtige Mann waren von dem Künstler in einer Fensternische über dem Stadtwappen zusammengefaßt worden. Die Fensterbank, auf die sich die beiden stützten, ist an ihrer Unterseite ausgekehlt, und damit ist die Haltung der Büsten genau bestimmt. Bei der Frau endet der Fenstersims – vom Betrachter aus gesehen – auf der rechten Seite und biegt im rechten Winkel zum Fensterposten um. Verschiedentlich wird behauptet, die Frau taste mit ihrer linken Hand nach einem Fensterriegel, sie vergesse jedoch in der Lebhaftigkeit des Schauens wirklich zuzugreifen. Bei dem Manne ist zwar im Abguß der Fensterpfosten nicht erhalten, doch muß er sich, so wie die Figur behandelt ist, nach links angelehnt haben. Die Frauenbüste war somit zweifellos rechts von dem Manne postiert. Beide blickten aus etwa vier Meter Höhe auf den kleinen Platz herab. Diese Konzeption ist an sich nichts Neues. Wir begegnen weltlichen Halbfiguren, die sich über eine Brüstung neigen, bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, so an des Fassade der Sankt-Marien-Kirche in Mühlhausen und um 1408 am Portal des Regensburger alten Rathauses. Hier lehnen sich zwei Gewappnete, der eine mit einer Hellebarde, der andere mit einem zum Wurf erhobenen Stein, aus zwei Fenstern, die über dem Stadtwappen angebracht sind. In Mühlhausen sind es sogar vier Halbfiguren, die, teils gestikulierend, teils still, auf das Volk herabsehen. Zwischen 1445 und 1450 wurden an der Fassade des Palais Jaques Coeur in Bourges die Fenster mit Männer- und Frauenfiguren in zeitgenössischer Tracht versehen. Ob sie bestimmte Personen darstellen, konnte bisher nicht erwiesen werden. Als wahrhafte Porträtdarstellungen galten dagegen Graf und Gräfin von Eppstein, das sogenannte „Gothaer Liebespaar“ des Hausbuchmeisters, und die Halbfiguren des Bildhauers Ludwig Juppe am Schloß des Landgrafen von Hessen in Marburg an der Lahn. Da diese Bilder und Büsten jedoch erst um 1480 beziehungsweise 1493 entstanden, können sie Meister Nicolaus Gerhaert von Leyden nicht zu seiner Portalgestaltung angeregt haben. Dem Stil nach zu urteilen kann eher Ludwig Juppe von dem straßburger Bildhauer beeinflußt worden sein. Die zwei Gestalten, die sich aus dem Doppelfenster herausbeugen, sollen der Überlieferung nach Landgraf Wilhelm II. und die Landgräfin sein. Der Kopf des Mannes fehlt zwar, doch befindet sich ein Porträt von ihm, mit der turbanartigen Kopfbedeckung, in der Hessischen Chronik des Wilhelm Dilich aus dem Jahre 1605, die nach der marburger Büste gezeichnet worden sein soll. Auf Grund der Andeutungen Specklins, der zeitweise Hanau-Lichtenbergischer Baumeister war, und der auf ihm fußende Chronisten Hertzog und Wencker bezeichnet man heute die beiden straßburger Büsten als „Graf Jakob von Lichtenberg“ und „Bärbel von Ottenheim“. Ob sie diese Bezeichnungen mit Recht tragen, bleibe einstweilen dahingestellt. Die Überlieferung, seit Jahrhunderten im Volke lebendig, ist jedenfalls bisher jedem anderen Deutungsversuch überlegen. Hören wir daher zunächst, was sie uns über den Grafen und seine Geliebte zu berichten hat. Zwei gräfliche Brüder In Specklins Elsässer Chronik wird als „Herr zu Buchsweiler, Inweiler, Brumath und Wörth“ ein Graf Jakob von Lichtenberg erwähnt. Er herrschte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts über viele Dörfer, Weiler, über Burgen, Wälder und Fischwasser, so daß sein Geschlecht zu den mächtigsten im Elsaß zählte. Und weil sich die Lichtenberger als Herren auf eigener Scholle fühlten, suchten sie ihren Machtbereich durch Fehden und Heiraten zu erweitern. Ständig hatten sie Erbstreitigkeiten auszutragen, und ihre Händel pflegte die rauflustige Sippe so erbittert durchzufechten, daß gar mancher Ritter ins Gras beißen mußte. Graf Jakob von Lichtenberg heiratete mit fünfzehn Jahren eine Gräfin von Mörs und Saarwerder. Man nannte sie schon dazumal nur das „goldene Kalb“. Weit älter als ihr Gemahl, dabei maßlos geizig uns so häßlich, daß sie stets einen Schleier trug, war sie dem lebensfrohen Jakob bald ein Dorn im Auge. Denn der Graf liebte die Freuden des Lebens, liebte festliche Schmausereien, Turniere und schöne Frauen. Er hatte in Heidelberg und Straßburg die Rechtswissenschaften studiert, sammelte Kunstwerke, ließ Kirchen bauen und betrieb mit besonderem Eifer die Alchimie, worunter man zu jener Zeit vor allem die Kunst des Goldmachens verstand. Sein Bruder Ludewig (oder Ludemann) dagegen soll ein roher und heimtückischer Geselle gewesen sein und nur auf die Stunde gewartet haben, in der er Jakob beerben könne. Denn die Ehe Jakobs blieb kinderlos, während Ludewig zwei verheiratete Töchter hatte. Die „Hexe“ aus Ottenheim Eines Tages wollte es der Zufall, daß ein Mädchen auf dem Schloß nach Arbeit vorsprach, an dem Jakob großen Gefallen fand. Er reihte die aus Ottenheim stammende Tochter eines armen Handwerkers in sein Gesinde ein, und weil sie von der Landwirtschaft und der Verwltung der Güter weit mehr verstand als der Graf und zudem auf dessen Vorteil bedacht war, schenkte Jakob ihr alsbald rückhaltlos sein Vertrauen. Hertzog bemerkt zwar in seiner Chronik, Bärbel sei erst nach dem Tode der Gräfin nach Buschweiler gekommen, als „Concubina dieweil die Gräffin ihm keine kinder verliess“. Aber in der noch erhaltenen Urkunde, in der Graf Jakob am 19. September 1460 Bärbel zahlreichen Hausrat, Vieh und Lebensmittel übermachte, wird dieser Akt damit begründet, daß „Barbel von Ottenheim uns lange zit getruwelichen gedienet hat“. Das Mädchen muß daher wohl schon früher, vermutlich zwischen 1450 und 1455, in Buchsweiler Aufnahme gefunden haben. Dort gelangte Bärbel alsbald zu Einfluß und Macht. sie wurde die Geliebte des Grafen, sehr zum Ärger Ludewigs und aller jener, die in der ungleichen Verbindung eine Schande und noch mehr wohl eine Störung ihrer eigenen Pläne befürchten mußten. Doch Bärbel war ihrer Liebe sicher. Sie wußte ihre Schönheit und ihren Verstand zu ihren und des Grafen Gunsten zu nutzen. Sie nahm den vernachlässigten Haushalt in straffe Führung, zwang die Säumigen zu harter Arbeit, entlarvte Diebe und Verschwender und ließ einen jeden, der sich ihr widersetzte, im Hungerturm büßen. Daß man sie verdächtigte, sie verdanke ihren bösen Einfluß auf den Grafen nur dem Teufel, ließ sie kalt. Solange Jakob sie liebte, fühlte sie sich als dessen rechtmäßige Gattin. Denn die Gräfin hatte sich schon lange auf eine ihrer Burgen zurückgezogen. Sie siechte dahin und starb um 1460, von niemandem beweint. Graf Jakob aber legte von nun an alle Schlüsselgewalt in Bärbels Hände. Er besiegelte und verbriefte ihre Rechte, und während er gegen die Forderungen der Staufenberger und Hochgeroldsecker focht, Bündnisse plante und mit dem Markgrafen von Baden konspirierte, verhandelte seine Ottenheimerin mit Vögten und Amtsleuten und wuchs immer mehr in ihre Rolle als Herrin hinein. An Festabenden saß Bärbel in rauschender Seide unter den Männern, in ihrer Schönheit verführerischer als je. Der „Weiberkrieg“ Doch eines Tages – so berichtet der Chronist Hertzog – zogen die Bauern von Buchsweiler zu Jakobs Bruder nach Ingweiler, um ihm ihr Leid über die harte Herrschaft der „Hexe“ aus Ottenheim zu klagen. Und als Bärbel die Weiber die ihren Männern habe nachjagen lassen wollen, hätten die Weiber sich mit Heugabeln, Bratspießen, Äxten und ähnlichen Waffen versehen und sich heftig zur Wehr gesetzt. Inzwischen sei Ludewig ihnen mit bewaffneter Mannschaft zu Hilfe geeilt und habe Buschweiler besetzt. Jakob sei in seiner Burg belagert und schließlich zu einem Vertrag gewungen worden, nach dem Bärbel nach Speyer ziehen und er versprechen mußte, er werde niemals seinen Bruder enterben. Hertzog flechtet in seinen Text einen Reim ein, der seine Auffassung von diesem „Weiberkrieg“ deutlich widerspiegelt. „Eine Hur auff einem Schloß/Ein Bettler auff eim Ross/Ein Laus in einem Grindt/Nicht findt sich stolzeres Gesindt.“ In Wahrheit hatte Ludewig, wie aus verschiedenen, von Ernstotto Graf zu Solms-Laubach mitgeteilten Urkunden vom Mai 1461 hervorgeht, sich mit Straßburg und anderen Feinden Jakobs verbündet unter einem „völlig unwahrscheinlichen Vorwand“ und ohne Ansage seinen Bruder überfallen. Das Ergebnis dieser Familienfehde, bei der es zweifellos um die Sicherung der von Ludewig erwarteten Erbschaft ging, war ein am 2. Juni 1462 durch Vermittlung des Grafen Ludwig von Zweibrücken und Bitsch und Georg von Ochsenstein zustande gekommener Vergleich. Darin wurde Graf Jakob in seinen Rechten weitgehend beschränkt, während Bärbel „item geloben und sweren“ mußte, „sich zu fugen strax und unverzüglich gon Speyer in die stadt und iren lebtagen lang darin zu bliben und zu Jakoben unserm vettern nimmerme zukommen...“ Die Ottenheimerin begab sich daraufhin auf ihren Hof in Hagenau, den ihr Graf Jakob geschenkt hatte, und heiratete später den Fürsprech (mittelalterl. Ausdruck für Rechtsanwalt) Eucharius. Doch ist die Geschichte dieser Liebe damit nicht zu Ende. Als Ludewig im Jahre im Jahre 1471 mitten aus seinem ränkevollen Leben gerissen wurde, nahm Graf Jakob die Concubine wieder zu sich. Die Bauern murrten zwar und streuten bitterböse Gerüchte aus von mitternächtlichen Hexenzusammenkünften, Giftmischereien und Zauberkünsten. Da verunglückte Graf Jakob plötzlich auf der Jagd, und – soll er noch im Tode Bärbels Seele gegrüßt haben. Der Tod im Kerker Nun war die schöne Bärbel von aller Welt verlassen, der Rache ihrer Feinde ausgeliefert. Angeblich wurde sie alsbald von der Sippe Ludewigs beim Hexengericht angeklagt, was keineswegs verwunderlich wäre, denn selbst Specklin berichtet ja in seinen freilich nur in Abschriften lückenhaft erhaltenen Collectaneen, Graf Jakob sei „ein in negromantia (der schwarzen Kunst) gelerter herr“ gewesen, - „er kunde vil seltzamer bossen machen, auch hin und wider faren in lüften“. Warum sollte man nicht annehmen, daß Graf Jakob solche Künste von der „Teufelin“ Bärbel gelernt habe? In Wirklichkeit hatte man es auf ihren Hof abgesehen, der ihr urkundlich verbrieft war, aber es war in jenen Zeiten ja auch nicht schwer, aus einer unbequemen oder erfolgreichen Frau niederen Standes eine Hexe zu machen. Wenn sich erst einmal die Folterknechte mit einem solchen armen Menschen befaßten und ihm die Daumenschrauben anlegten, würde er schon gestehen, daß er im Auftrag des Teufels gehandelt hat. Bärbel wurde jedenfalls vom Rat der Stadt Hagenau „etlicher ursachen halb“ verhaftet und in den Turm geworfen. doch noch bevor ihr der Prozeß gemacht werden konnte, nahm sich die Ottenheimerin im Kerker das Leben. Die Sippe Ludewigs legte jedoch Wert darauf, die Tote auch weiterhin als Hexe zu schildern. Specklin, der ja eine zeitlang Beamter der Hanau-Lichtenberger gewesen war, sagt von Bärbel: „Herr Jacobs von Liechtenberg madona, die schön Baerbel genandt, wahr ein gottloses Weib, die ist hiernach von wegen vieller boesser missethaten zu Hagenau gericht worden.“ Das ist die Geschichte der schönen Bärbel von Ottenheim und ihres Liebhabers Jakob von Lichtenberg. Betrachtet man die beiden Büsten des Nicolaus Gerhaert von Leyden, dann wird man zugeben müssen, daß sie geradezu unheimlich genau die Gesichter dieser ungewöhnlichen Menschen so wiedergeben, wie wir sie uns aufgrund der Chroniken vorstellen. „...auch was die Form verhüllt...“ Und doch muß man gegen eine solche Deutung der Figuren als „Bärbel und Graf Jakob“ gewichtige Einwände geltend machen. Zunächst einmal scheint es den historischen Umständen nach völlig undenkbar, daß der Graf und seine Geliebte es ausgerechnet in den kritischen Jahren 1463 und 1464 wagen durften, die Stadt Straßburg zu betreten, obwohl der Lichtenberger dort einen Hof bei Jung St. Peter besaß. Noch im Jahre 1464 lehnte der Graf eine Zusammenkunft vor den Toren Straßburgs mit der Begründung ab, der Ort – es war eine Kartause – sei ihm zu unsicher. Doch davon abgesehen – was hatte eigentlich ein Mann, der sich wider jedes Recht als Obervogt von Straßburg aufspielte und zudem mit einem Mädchen aus niederem Stande in einem illegalen Verhältnis lebte, über dem Stadtwappen am Portal der Rathauskanzlei zu suchen? Auch kann man wohl kaum einem so ernsten Künstler wie Nicolaus Gerhaert von Leyden unterstellen, er habe in seinen Büsten eine Skandalgeschichte verewigen wollen, die sich gerade damals in dem Hanau-Lichtenberger Land, also in der unmittelbaren Umgebung Straßburgs, abspielte. Berücksichtigt man indessen, daß die Büsten erst im Spätsommer 1464 vollendet wurden, zu einer Zeit, in der der Graf der von ihm getrennt lebenden Bärbel die ihm zustehende Hälfte am Stephansfelder Hof mitsamt Hausrat übereignete, dann darf man immerhin annehmen, daß Meister Nicolaus Gerhaert von Leyden vielleicht doch an das Liebespaar gedacht hat, als er die Gesichtszüge der beiden, ihre Mitwelt so erregenden Menschen in mehr oder weniger verschleierter Abänderung in seinen Skulpturen wiedergab. Auf Grund des heute vorliegenden historischen Materials können wir leider einen Beweis dafür, daß die Kanzleibüsten Jakob und Bärbel darstellen, nicht erbringen. Solange jedoch keine überzeugenderen Deutungen sowohl dem repräsentativen Charakter des Gebäudes wie den Zeitverhältnissen gerecht werden, sollte man es bei den alten und vertraut gewordenen Namen belassen. Denn wie die Chroniken uns immer wieder bestätigen, muß die schöne Ottenheimerin selbst nach ihrem Tode noch eine unheimliche Macht ausgeübt haben. Das Mädchen, das liebe und Glück, Neid und Haß und die Härte der Staatsgewalt an sich erfahren hatte, bezauberte noch lange die Phantasie der Menschen. Und nachdem man sie zur Genüge geschmäht, sah man in ihr nur mehr die leibgewordene Schönheit – die Heldin, die sich der Rache des Volkes entzogen hatte. sage und Dichtung bemächtigen sich ihrer Gestalt, und so lag es wohl nahe, in der Büste am straßburger Kanzleiportal schließlich die künstlerische Gestaltung eines Schicksals zu erblicken, das mit Bärbels Namen verbunden war. Innerhalb der deutschen Renaisanceplastik nimmt die Bärbel, wie wir sie fortan nennen wollen, eine bedeutende Stellung ein. Mit Recht spricht Wilhelm Pinder von „dem genialsten und für Deutschland folgenreichsten Büstenpaar“. Auch die künstlerische Qualität des Mädchenkopfs läßt einen Vergleich mit ähnlichen Porträtbüsten der großen Italiener durchaus zu. In ihrem Gesichtsausdruck erinnert die straßburger Büste an die Porträtplastik der Mariatta Strozzi von Desiderio de Settigamo (früher im Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin). Hier wie dort scheinen die Augen unter die Bogen zu schwimmen, die Nasenflügel zu vibrieren, und die Lippen sich erwartungsvoll zu spitzen. Während jedoch Marietta Strozzi in Tracht und Frisur die Merkmale ihres Standes zeigt und in ihrer ganzen Haltung ihre aristokratische Herkunft verrät, wirkt die Bärbel robuster, körperlicher und wissender als die sich im Glanze ihrer aufblühenden Schönheit darbietende Italienerin. Die Ottenheimerin ist ein Kind des Volkes, eine Elsässerin aus dem Hanau-Lichtenberger Land, ein weibliches Wesen voll bezaubernder Anmut und Eigenart, und bei dieser Feststellung sollten wir es belassen. Wer zuviel hinter die Kulissen der Weltgeschichte such, wird enttäuscht werden. Denn nicht nur die Form ist, wie Goethe sagt, „ein Geheimnis den Meistern“, auch was die Form verhüllt, spricht zu uns aus einer Welt, die wir nur erahnen, aber niemals mit Gewißheit klar erkennen können. Gert Buchheit, „Damals“ Heft 9, 1971 http://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaft_Lichtenberg Graf Jakob von Lichtenberg.jpg Bärbel v Ottenheim.jpg
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Aptrgangr sagt: I am republican anyway ![]() Lutiferre sagt: me too, but thats mostly because i am against monarchy ![]() „Noch sitzt Ihr da oben, Ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, doch dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott!“ (Theodor Körner 1791-1813)
Last edited by Aptrgangr; Monday, November 13th, 2006 at 16:14. |
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