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Old Tuesday, November 7th, 2006
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Die Ermordung Kotzebues

Ein politisches Attentat machte deutsche Geschichte

Ein Student ermordete einen Schriftsteller. August von Kotzebue war zwar ein recht produktiver Stückeschreiber; dennoch wäre sein Name sicher längst vergessen, hätte nicht sein Tod Geschichte gemacht. Die Antwort auf die Ermordung Kotzebues war die Metternich'sche Reaktion, waren die Karlsbader Beschlüsse, war die gewaltsame Unterdrückung der freiheitlichen Regungen bei der deutschen Jugend. Aus diesem Druck aber erwuchs Gegendruck, der sich schließlich Bahn brach und in der 48er Revolution. Es mag dahingestellt bleiben, ob der Demokratisierungsprozeß besser verlaufen wäre, hätte er sich nach den Befreiungskriegen kontinuierlich entwickeln können. Bestimmt aber wäre dieser Prozeß anders verlaufen...

„Hilfe, ein Mörder! Haltet ihn!“ Aus den Fenstern eines Hauses in Mannheim schrieen mehrere Damen laut um Hilfe. Auf der Straße trat ein etwa zwanzigjähriger junger Mann, der gerade erst aus dem Hause herausgestürzt war, vor die zusammenlaufende Menschengruppe und rief mit lauter Stimme: „Ja, ich habe es getan, so müssen alle Verräter sterben! Hoch lebe mein deutsches Vaterland, und alle, die den Zustand der reinen Menschlichkeit fördern helfen!“
Darauf ließ er sich auf die Knie nieder, sagte, nur für sich, das Gesicht nach oben gerichtet: „Ich danke dir, Gott, für diesen Sieg“, stieß sich langsam mit beiden Händen einen Dolch in die Brust und sank vornüber.
Ein in der Nähe stehender Schustergeselle sprang hinzu und zog dem jungen Mann den Dolch wieder aus der wunde. Eine herbeigeeilte Polizeiwache trug ihn auf einer Bahre in das nahegelegene Hospital. Diese Szene hatte sich vor einem Haus in der Nähe des Mannheimer Nationaltheaters abgespielt, wo inzwischen der Lustspieldichter August von Kotzebue an den Folgen mehrerer Dolchstöße gestorben war. Schon nach anderthalb Stunden machte man den ersten Versuch, den Mörder zu vernehmen. Da er nicht sprechen konnte, schrieb er mit Bleistift in kaum leserlichen Zügen: „A.v. Kotzebue, ist der Verführer unserer Jugend, der Schänder unserer Volksgeschichte und der russische Spion unseres Vaterlands.“
In einem Schreiben mit dem Titel „Todesstoß dem August von Kotzebue“, das der Mörder vor dem Tathause einem Bediensteten in die Hand gedrückt hatte, war in dunklen Andeutungen und verworrenen Gedankengängen ebenfalls von Kotzebue als dem scheinheiligen Verderber und Verräter des deutschen Volkes, dem Erzknecht der wollüstigen Herrschaft und der zügellosen Willkür der deutschen Regierungen, von christlicher Begeisterung des deutschen Bürgers und ähnlichem die Rede. Aus dem Pamphlet hatte man auch den Namen und Stand des jungen Eiferers erfahren: es handelte sich um den Studenten Carl Ludwig Sand aus Jena. Und in kurzer Zeit hatte man auch den Tathergang rekonstruiert.
Am Morgen dieses 23. März 1819 war der Theologie-Student Carl Ludwig Sand von Lorsch kommend in Mannheim eingetroffen. Im Gasthof „Zum Weinberg“ frühstückte er. Gegen 11 Uhr läßt er sich von einem Bediensteten zur Wohnung des Theaterdichters August von Kotzebue führen. Der Dichter ist nicht zu sprechen. Sand geht ins Wirtshaus zurück und ißt zu Mittag. Gegen fünf Uhr spricht er wieder bei Kotzebue vor und wird diesmal vorgelassen. Die Wohnung Kotzebues liegt im 1. Obergeschoß eines Bürgerhauses. Ein Diener leitet Sand die Treppe hinauf und läßt ihn im Wohnzimmer, dem mittleren einer Flucht von fünf Zimmern, warten. Sand hatte sich als „Heinrich von Mitau“ melden lassen. Er trägt den sogenannten „deutschen Rock“: weißes Hemd mit Schillerkragen, rote Weste, schwarze Hosen, Schnürstiefel. Über dem schmalen, noch etwas kindlichen Gesicht, eingerahmt von langen, dunklen Locken, trägt er eine Schildkappe aus schwarzem Samt.
Kotzebue, im eleganten grauen Frack, begrüßt dem Fremden mit der Frage: „Sie sind aus Mitau?“ Sand zieht sofort den Dolch aus seinem Rockärmel, erwiedert: „Ja, und ich rühme mich Ihrer gar nicht, hier, du Verräter des Vaterlandes“, und stößt dem entsetzten Kotzebue das Messer mehrere Male tief in die Brust. Kotzebue sinkt zusammen. Als Sand sich umwendet zur Flucht, fällt sein Blick auf einen kleinen Jungen, den vierjährigen Sohn des Dichters, der plötzlich in der Tür erschienen ist. Der Anblick des Kindes verwirrt den Mörder so, daß er einen zweiten Dolch zieht und sich diesen selbst in die linke Brust stößt. Ein Bediensteter und die Tochter Kotzebues kommen ins Zimmer und bringen den blutüberströmten Kotzebue in einen Nebenraum, wo er nach wenigen Augenblicken stirbt. Sand zieht sich den Dolch wieder aus der Brust, geht ungehindert die Treppe hinunter und aus dem Haus hinaus. Doch zur Flucht ist es nun zu spät. Sand ist nach seiner Verwundung wohl auch zu schwach dafür. Er will seinem jungen Leben ein Ende machen.
Wochen und Monate wird Sand in Mannheim verhört. Seine wunden heilen nicht. Trotzdem muß er vom Krankenhaus ins Zuchthaus übersiedeln. Aber auch dort ist er in einem Krankenzimmer und liegt den ganzen Tag im Bett. Auf besondere Weisung des Großherzogs Ludwig von Baden wird der Gefangene streng, aber korrekt behandelt. Täglich zweimal erscheint der Arzt, genauso regelmäßig der Richter zum Verhör.

Wie wurde Sand zum Mörder
Carl Ludwig Sand war am 5.Oktober 1795 in Wunsiedel im Fichtelgebirge als Sohn eines preußischen Stadtrichters zur Welt gekommen. Sehr früh macht er eine schwere Blatternerkrankung durch. Er bleibt ein schwächliches, stilles Kind. trotzdem kommt er mit zehn Jahren ins Gymnasium. Väterlicher Freund ist dort der Rektor Saalfrank, dem er 1810 nach Hof und 1812 nach Regensburg folgt. 1814 beginnt Sand das Studium der Theologie in Tübingen. er ist ein fleißiger Arbeiter. In seinem „täglichen Stundenplan“ ist pedantisch jede Minute verplant: „Stehe auf um ½ 7 Uhr. Studiere die Universalhistorie; dann Kritik des Neuen Testamentes und die Psychiologie. Frühstücke und lese dazu für deine humanistische Bildung. Gehe um 9 Uhr in die drei Kollegien und schreibe fleißig nach. Esse zu Mittag. Gehe bis um ½ 2 spazieren; studiere dann die Thiersische (griechische) Grammatik und bereite dich auf das Kollegium um 4 Uhr vor, wozu du auch, wenn Zeit übrig bleibt, ein Stück aus dem Herodot lesen magst...Ist kein Kollegium, ...so arbeite für das Griechische oder Lateinische und repetiere auch fleißig des Aristophanes „Wespen“ und die zu studierenden platonischen Dialoge. Nach 5 Uhr repetiere immer, was im Kollegium vorgekommen, und nur selten magst du dir es erlauben, ein Schach zu spielen oder zum Vergnügen zu lesen oder dich mit anderen zu unterhalten; oder mit Bekannten spazieren zu gehen...“
1815 meldet sich Sand freiwillig zum Krieg der Verbündeten gegen den aus Elba zurückgekehrten Napoleon. Mit Körners Liedern in der Tasche zieht er über Stuttgart, Heidelberg, Mannheim bis Homburg an der Saar. Hier kommt die Nachricht vom englisch-preußischen Sieg bei Waterloo. Die Einheit Sands rückt zwar noch bis in die Gegend von Meaux und Fontainebleau vor, kommt aber nicht mehr zum Einsatz. Im Dezember kehrt Sand enttäuscht wieder in seine Heimat und zu seinen Studien zurück.

Die Rolle der Burschenschaften
Anfangs 1816 muß er nach Erlangen umsiedeln, weil die bayrische Regierung den Besuch der „ausländischen“ Universität Tübingen nicht mehr erlaubt. Die Heimatstadt Wunsiedel mußte nach dem Wiener Kongreß von Preußen an Bayern abgegeben werden. Sand war also jetzt bayrischer Staatsbürger. Hier in Erlangen beginnt Sand, sich intensiver mit den neu entstandenen Burschenschaften auseinanderzusetzen.
Die Befreiungskriege gegen Napoleon (1813 Völkerschlacht bei Leipzig) hatten unter den deutschen Studenten eine starke nationale Strömung verursacht. Die studentischen Landsmannschaften verbanden sich 1815 unter Führung von ehemaligen Angehörigen der Freiwilligenverbände – eine besondere Rolle spielte das Lützow'sche Freikorps – in Jena zur ersten deutschen Burschenschaft. Auch die Anhänger der Turnbewegung unter Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) waren beteiligt.
In kurzer Zeit gab es an allen deutschen Universitäten Burschenschaften. Sie traten ein für die staatliche Einheit Deutschlands und für verschiedene Reformen des studentischen Lebens. Am 18. Oktober 1817 fand auf Einladung der Jenaischen Burschenschaften das Wartburgfest statt. Auf diesem ersten gesamtdeutschen Studententreffen auf der Wartburg bei Eisenach wurden die Lieder der Reformation und der Freiheitskriege gesungen. Unter Beteiligung des Jenaischen Historikers Luden „Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober“ verfaßt und staatliche, wirtschaftliche und kirchliche Einheit, einheitliches deutsches Recht, verfassungsmäßige Erbmonarchie, rede – und Pressefreiheit, Selbstverwaltung, allgemeine Wehrpflicht und eigenständige deutsche Politik gefordert. Als ein Siegesfeuer für die Leipziger Schlacht schon am verglimmen war, schleppten Berliner Turner aus dem Jahnschen Kreis einen Korb voll Bücher heran und übergaben sie dem Feuer. Die Schriften, die der „Undeutschheit und Volksfeindlichkeit“ das Wort redeten, wurden verbrannt. Unter den Büchern war auch eine „Deutsche Geschichte“ von August von Kotzebue, aber auch viele andere Schriften von bekannten Zeitgenossen, von Staatswissenschaftlern und Publizisten, eine preußische Gendarmerieordnung von Herrn von Kamptz und ein Buch von Immermann über die studentische Politik. Jedes Buch wurde erst mit einer Mistgabel hochgehalten, man verlas Titel und Verfasser, dann wurde das Buch unter allgemeinem Beifall ins Feuer geworfen. Den Büchern folgten die „Requisiten der Reaktion“: ein preußischer Ulanenschnürleib, ein nassauischer Korporalstock und ein hessischer Zopf wurden verbrannt.
Unter den Studenten auf der Wartburg war auch Carl Ludwig Sand. Er war als Zugordner und als Fahnenbegleiter eingeteilt, aber er glaubte noch ein übriges tun zu müssen: so verteilte er auf dem Hof der Wartburg selbstverfertigte Flugblätter, in denen in ziemlich wirren Worten „Römer, Möncherei und Soldaterei“ als „die Urfeinde des deutschen Volkstums“ beschrieben wurden.
Der Name Kotzebue muß sich Sand beim Wartburgfest eingeprägt haben. Sand zog anschließend nach Jena, um dort seine Studien zu vollenden. Schon in Erlangen war er Mitglied der „Frankonia“ gewesen, trat jedoch wieder aus und machte den Versuch, eine eigene Burschenschaft zu gründen. Der Versuch mißlang. In Jena wurde er Rechnungsprüfer und zweiter Schreiber der Jenaer Burschenschaft. In Jena lernt Sand auch Karl Follen, den Lehrer des politischen Mordes, kennen. Follen kam von Gießen, wo er als junger Dozent der Rechte tätig gewesen war. Die Lehren Rousseaus und der Jakobiner verbanden sich bei Karl Follen in merkwürdiger Weise mit der neuen idealistischen deutschen Philosophie eines Fichte und Hegel. Follen hatte schon in Gießen eine Gruppe Radikaler um sich gesammelt, die sich die „Schwarzen“ oder „Unbedingten“ nannten.
Sie forderten absolute Demokratie als die einzig vernünftige und deshalb rechtsmäßige Staatsform:
Deutschland sollte eine einige, unteilbare Republik sein, in gleich große Gaue eingeteilt, durch einfache Mehrheitsbeschlüsse aller regiert, mit gleichen Rechten, Pflichten und Besoldungen aller. Was zu dieser klaren Vernünftigkeit in Widerspruch stand, war widerrechtlich und mußte vernichtet werden.
Die tatsächlichen Beziehungen Sands zu Follen wurden nie aufgeklärt. Sicher ist nur, daß er Follen als einen nahezu idealen Menschen verehrt hat. Bei den Untersuchungen nach dem Mord an Kotzebue kam lediglich heraus, daß Follen an Sand zwanzig Reichsthaler für die Reise nach Mannheim gegeben hatte. Man weiß auch, daß Sand ursprünglich über Frankreich nach Nordamerika fliehen wollte, genau der Weg, den Karl Follen später wirklich genommen hat.
Es ist zumindest nicht auszuschließen, daß Follen um die Tat gewußt hat. Sand selbst vertrat die Ansicht, daß er den Richtern gegenüber nur in Bezug auf seine eigenen Person zur Wahrheit verpflichtet sei. So ist seine eigene Aussage in der Frage der Mitwisserschaft ohne Bedeutung.
Es kamen außer Follen auch noch andere Mitwisser in Frage. so schreibt Hermann Sand, der aus der Familie des Attentäters stammt: „Im Fichtelgebirge in Wunsiedel wird heute noch ein Tisch gezeigt, der früher im Löchleinstaler Wirtshaus (Warmensteinach im Fichtelgebirge) gestanden hatte und Hunderte von eingeschnittenen Namen und Zirkeln enthält,...die Stelle wo der Name des Kotzebue-Mörders stand (C.L.S. mit Zirkel), mußte herausgesägt werden und durch Einfügung eines passenden Stückes Holz ersetzt werden. Dort in Warmensteinach soll es auch gewesen sein, wo um das Leben Kotzebues gewürfelt wurde. Das Los soll dreimal auf Sand gefallen sein.“
Auch will ein Bekannter von Hermann Sand wissen, daß einer seiner Vorfahren, ebenso wie Carl Ludwig Sand, Mitglied der Erlanger Burschenschaft „Teutonia“, der heutigen „Bubenreuter“, mit diesem um die Ausführung der Tat gewürfelt habe.
Niemand weiß genau, unter welchem Einfluß Sand seinen Entschluß, Kotzebue zu töten, gefaßt hat. Am 5.Mai 1818 schreibt er in sein Tagebuch“..dem Kotzebue das schwert ind Gekröse“. Doch scheint des feste Wille zur Tat erst gegen Ende des gleichen Jahres gereift zu sein. Unter dem 31. Dezember steht im Tagebuch „...so begehe ich den letzten Tag des Jahres 1818 in ernster, feierlicher Stimmung und bin gefaßt, daß dies der letzte Christtag gewesen sein wird, den ich eben gefeiert habe. - Soll es etwas werden mit unserem Streben, soll die Sache der Menschheit aufkommen in unserem Vaterlande, soll in dieser wichtigen Zeit nicht alles wieder vergessen werden und die Begeisterung wieder aufleben im Lande, so muß der Schlechte, der Verräter und Verführer der Jugend, A.v.K., nieder – dies habe ich erkannt. - Bis ich dies ausgeführt, habe ich nimmer Ruhe, und was soll mich trösten, bis ich weiß, daß ich mit ehrlichem Willen mein Leben darangesetzt habe?“ Die Studenten, die sich um Karl Follen gesammelt hatten, nannten sich, wie erwähnt, die „Unbedingten“. Sie wollten die Welt nach Gesetzen der Vernunft regeln. Als Folgerung dieser Erkenntnis forderten sie die Tat, die unbedingte Tat.

Ein deutscher Lustspieldichter
August von Kotzebue hat ein abenteuerliches Leben gelebt. Am 3.Mai 1761 in Weimar geboren, mit 16 Jahren auf die Universität zu Jena, dort erste Berührung mit dem Theater als Laienspieler. Nach Rechtsstudium Anwalt in Weimar (1780) - Schon ein Jahr später geht er auf eine Empfehlung hin nach Petersburg, macht dort in Staatsstellungen sehr schnell Karriere und wird 1785 geadelt. Schreibt bereits fleißig erzählerische und dramatische Werke, die auch Erfolg haben. Nach dem Tod seiner Frau lebt Kotzebue kurze zeit in Paris und Mainz, kehrt dann aber nach Estland auf ein kleines Gut in der Umgebung von Mitau zurück und lebt dort als Schriftsteller. 1798 folgt Kotzebue einem Ruf als Hoftheaterdichter nach Wien, verläßt diese Stelle nach zwei Jahren, um über Weimar wieder nach Rußland zurückzukehren. Bei der Einreise wird er verhaftet und nach Sibirien verbannt, durch einen Zufall nach einigen Monaten rehabilitiert und mit einem Krongut sowie der Direktion des Deutschen Theaters in Petersburg entschädigt.
Nach der Ermordung seines Gönners, Kaiser Pauls I. von Rußland, kehrt Kotzebue nach Deutschland zurück, wo er in Weimar, Jena und schließlich Berlin lebt und in seiner Zeitschrift „Der Freimütige“ gegen Goethe und die Romantiker polemisiert. Reisen nach Frankreich und Italien sind Intermezzi, bevor er erneut seinen Wohnsitz nach Rußland verlegt und von dort jetzt Napoleon auf seine spitze Feder nimmt.
Während der Freiheitskriege folgt er dem russischen Hauptquartier und gibt in Berlin ein „Russisch-deutsches Volksblatt“ heraus. 1817 wird Kotzebue zum persönlichen Berichterstatter des russischen Zaren Alexander I. ernannt und erhält Auftrag, bei einem Jahresgehalt von 15 000 Rubeln, aus Deutschland über den Zustand der Literatur und die öffentliche Meinung zu berichten. Wieder gründet er eine literarische Zeitschrift, in der aber auch die Politik nicht zu kurz kommt. Insbesondere gilt sein Spott den Ideen der deutschen Burschenschaften. das wiederum genügt, ihn als russischen Spion und bar jeder „nationalen und sittlichen Gesinnung“ einzustufen.
Als ihm in Weimar der Boden zu heiß wird, zieht er 1818 um nach Mannheim. Seinen über 200 effektvoll gebauten Stücken wird sogar von Gegnern bescheinigt, daß sie „die Zuschauer unterhalten und der Kasse nutzen“ (Goethe).

Reaktionen
Trotz der Sympathien, die dem in Mannheim dahinsiechenden Sand von allen Seiten zuströmen, ist das nach mehr als einem Jahr Untersuchung gefällte Urteil keine Überraschung: Tod durch Enthaupten. Am Pfingstsamstag, dem 20. Mai 1820, wird Sand vor den Toren Mannheims auf einem mannshohen Schafott hingerichtet. Die Richtstätte ist umgeben von einem Bataillon Infanterie mit geladenen Gewehren.
Bis zuletzt hatte man versucht, in den Verhören die vermeintlichen Hintermänner herauszufinden. Man konnte und wollte nicht glauben, daß der Mord die Tat eines Einzelnen, eines Phantasten, gewesen sei. Dieser Mord war willkommener Anlaß, gegen alle diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, die auch in Deutschland den Idealen der Französischen Revolution oder auch nur der nationalen Einheit anhingen.
Auf den Trümmern dessen, was Napoleon in Mitteleuropa hinterlassen hatte, war von den Fürsten Europas längst wieder ein System aufgebaut worden, das an die vorrevolutionäre Gedankenwelt anknüpfte. Auf dem Wiener Kongreß 1814/15 wurde die territoriale Neugliederung geregelt. Im „Deutschen Bund“ schlossen sich 39 souveräne deutsche Einzelstaaten, die größten waren Österreich und Preußen, zusammen. Und in der Heiligen Allianz, auf Vorschlag von Rußland gegründet, sollten christliche Grundsätze in der Politik, sowie die Erhaltung der monarchistischen Staatsform, gepflegt werden. Alle diese Zusammenschlüsse standen im Grunde im Zeichen der Verneinung der liberalen Strömungen, wie sie überall in Deutschland spürbar waren. Ein besonderer Exponent dieser im Prinzip reaktionären Politik war Fürst Metternich, seit 1809 zuständig für die österreichische Außenpolitik. Zu seinem Konzept des europäischen Gleichgewichts konnten keine Bewegungen passen, die die mühsam wiederhergestellte Ordnung gefährdeten.
So nennt denn auch Metternichs vertrauter Mitarbeiter Friedrich von Gentz die Ermordung Kotzebues ein „unverkennbares Symptom des Grades der Bösartigkeit, den das pestilenzialische Fieber unserer Tage in Deutschland angenommen hat“. Und Metternich versichert schon am 9. April 1819, zwei Wochen nach dem Mord, er werde nicht lau vorgehen, „mein tägliches Kämpfen geht gegen Ultras jeder Art...“
In vertrauten Ministerbesprechungen in Karlsbad entstehen die sogenannten „Karlsbader Beschlüsse“, welche vom Bundestag des Deutschen Bundes gutgeheißen werden.
Man verbietet die Burschenschaften und das Turnen, führt eine politische Überwachung der Hochschulen ein, die Vorzensur sowie eine Komission zur Untersuchung staatsgefährlicher Umtriebe. Es gibt Maßregelungen und Verfolgungen, die u.a. auch die Patrioten E.M. Arndt, Turnvater Jahn und J. Görres hart treffen. Das geistig Leben wird eingeengt, and die Kandarre genommen. Aus dem „Fanal der Freiheit“, das die Ermordung Kotzebues hätte werden sollen, wird ein System des geistigen Terrors und provinzieller Engstirnigkeit.



Kurt Jäger, „Damals“ Heft 2/1971
__________________
Aptrgangr sagt:
I am republican anyway
Lutiferre sagt:
me too, but thats mostly because i am against monarchy





„Noch sitzt Ihr da oben, Ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, doch dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott!“
(Theodor Körner 1791-1813)
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