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Furchtlos und Treu
 
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Default Der Schicksalstag Karls des Kühnen

Der Schicksalstag Karls des Kühnen

Glanz und Untergang des burgundischen Reiches

Die Eidgenossen selbst gedenken ihres Sieges hier bei Grandson sicherlich mit einem Gefühl des Stolzes, dem jedoch ein leises Unbehagen beigemischt ist. Hier begann der Stern des Mannes zu sinken, dem zwischen Franzosen und Deutschen ein mächtiges, reiches Imperium aufzubauen bestimmt schien. In seiner Niederlage wurde der Abstieg ritterlicher Macht und ritterlicher Denk- und Kampfesweise erschreckend sichtbar, und der Verlust seines nicht abzuschätzenden, riesigen Staatsschatzes an die armen Eidgenossen hatte ebenso moralisch wie wirtschaftlich negative Konsequenzen, an die man in der Schweiz nicht so gern erinnert wird.
Auch im Geschichtsbewußtsein der Franzosen nimmt der Tag von Grandson einen wichtigen Platz ein. Als der ehemalige französische Ministerpräsident Robert Schumann 1950 im Berner Museum den dort aufbewahrten Bruchteil der berühmten „Burgunderbeute“ besichtigte, stellte er die Frage: „haben sie jemals darüber nachgedacht, was aus Europa geworden wäre, wenn Karl der Kühne seinen Traum, ein Königreich Burgund zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich zu errichten, hätte verwirklichen können? Ihr Schweizer habt ihn besiegt, aber wir haben ihn zur Strecke gebracht.“ Und er erinnerte an das alte Volkswort über das tragische Schicksal Karl des Kühnen:
Bei Grandson das Gut,
bei Murten den Mut,
bei Nancy das Blut.
Hier, im Engpaß zwischen den Rebhügeln am Fuße des Mont Aubert und dem See, an der Straße von Neuchâtel nach Grandson, spielte sich am 2. März des Jahres 1476 das damals wie heute kaum faßbare Geschehen ab, das schon von den Zeitgenossen als eins der großen Ereignisse ihres Jahrhunderts erkannt wurde. Dem entspricht die reiche Überlieferung über die Schlacht, ihre politischen Hintergründe und Folgen und die einmalige, sagenhaft anmutende Geschichte der von den Schweizern erbeuteten Reichtümer. Allein der edelsteinbesetzte Hut Karls des Kühnen stellte einen Wert von etwa 20 Millionen Mark dar. Was Wunder, daß Gesandtschaftsberichte, bebilderte Chroniken, Annalen, Briefe, Rechnungsbücher, Kaufangebote, Verträge und nicht zuletzt die damaligen Tagsatzungen (Gemeindeversammlungen) eidgenössischer Städte und Kantone sich mit der Schlacht von Grandson und ihren Folgen befaßten.

Das persönliche Schicksal Karls von Burgund spielt sich auf einer Bühne voll dramatischer Gegensätze ab. Mittelalterliche politische Vorstellungen stehen gegen neuzeitliche Diplomatie, vertrauensselige Offenheit als Bestandteil einer ritterlichen Ethik gegen die moderne staatsmännische Kunst des Schweigens und des Abwartenkönnens. Und alle Fäden scheinen hinter der Bühne von einem einzigen Mann unmerklich auf das letzte große Ereignis in diesem Drama hin gelenkt zu werden : von Ludwig XI., dem König von Frankreich. Er war reiner Machtpolitiker im Stil Macchiavellis, verschlagen und grausam. Er war es, der Karl den Kühnen von Burgund schließlich „zur Strecke brachte“.

Das reiche Herzogtum Burgund
1463, zwei Jahre vor dem Regierungsantritt Karls des Kühnen, hätte sein Vater, Philipp III. Der Gute, die Hundertjahrfeier seines stolzen Herzogtums Burgund in der Residenzstadt Dijon begehen können. Ein zweiter Sohn Johannes II. (ohne Furcht) von Frankreich, Herzog Philipp von Valois, hatte damals Burgund als französisches erbliches Lehen empfangen.
Unheimlich mutet es an, wie dieses Geschlecht dann von Anfang an vom Glück begünstigt war. Wie Perlen sich zu einer herrlichen Kette reihten, kamen ständig neue Gebiete und reiche Besitztümer durch Erbschaft, Mitgift, Kauf und gewaltsame Erwerbung an dieses an sich schon reiche Haus.
Die mittelalterliche Vorstellung von der gottgegebenen Herrschaft auf Grund des Bibeltextes aus dem Buch der Könige ließ jedoch von Generation zu Generation einen maßlosen Hochmut emporwachsen. Er war beherrschende psychische Komponente neben aller ritterlichen Bravour, Großzügigkeit und Offenherzigkeit, durch die sich Johann ohne Furcht und Philipp der Gute auszeichneten. In greifbarer Nähe lag für Karl den Kühnen der Gipfel des Ruhms und der Macht. Doch da vollendet sich das Schicksal des Geschlechts jäh in Sturz und Untergang.
Karl wird in ein Hofleben hineingeboren, das von einer wohldurchdachten Ordnung beherrscht wird. Jeder und alles ist unter ein unerbittliches Zeremoniell gestellt. Der Herzog selbst unterwirft sich ihm genauso wie der kleinste Küchenjunge in diesem enormen, ämterreichen Hofstaat.
Mit zweiunddreißig Jahren hat er die reichsten und fruchtbarsten Länder Westeuropas geerbt, in denen die Kunst ihre Genies und gleichzeitig die notwendigen Geldgeber findet wie nie zuvor und danach. Alles bildet eine ästhetisch bewundernswerte Einheit: die Prachtentfaltung von Bauten, Möbeln, Gewändern, Bildern, Teppichen und Tafelgerät, und dies sowohl im weltlichen wie im sakralen Bereich.
Was an Vorstellungen vom Glanz der burgundisch-höfischen und der bürgerlichen Kultur aus jener Zeit überliefert ist, das sind, außer den Bauwerken mit den herrlichen Innenräumen, nur „Momentaufnahmen“ der höfischen Feste und des bürgerlichen Alltags. Bilder großer Meister, Chroniken mit kunstvollen Miniaturen und der bedauerlich kleine Rest kostbarer erzählender Bildteppiche lassen noch etwas vom Fluidum jener Zeit spüren.
All diese unvorstellbaren Schätze und Reichtümer haben noch nicht „jene gespenstige Unangreifbarkeit, die das Kreditwesen dem modernen Kapital verleiht“. Sie dienten – außer zur Freude am Wert und an der Schönheit – dazu, persönliche und familiäre Macht zu demonstrieren und durch Aufwand und Gepränge augenscheinlich den riesigen Kredit zu belegen, den der betreffende Machthaber jederzeit, ohne mit Wechslern und Wucherern feilschen zu müssen, in Kantonen, Soldaten und Verpflegung umzuwandeln in der Lage war.

Die „Idee des Herrschers“
Herzog Karl muß der Idee des Herrschers leben, er kennt keine andere Aufgabe. Sein Publikum ist nicht das Volk, über das er regiert, sondern ein kleiner Kreis ausgewählter Zeitgenossen, denen durch Geburt und Hofamt in diesem Spiel um Hoheit, Würde und Glanz selbst eine Rolle zugedacht ist. Eine Rolle außerhalb des gemeinen Alltags, den er selbst gar nicht kennt.
Glanzvolle Feste, durch Symbolik, feierliches Zeremoniell und feste Regeln bestimmt, lassen ihn, in einem fast stets gleichen Kreis, als die überragende Mitte erscheinen. Zieht er zu Felde, nimmt er seine zwei zerlegbaren Holzhäuser und viele prächtige Seidenzelte mit, und das Zeremoniell erfährt wenig Änderungen. Nur im Ordenskapitel seiner hochadeligen „Clubkollegen“ - in dem von seinem Vater gestifteten Ritterorden vom goldenen Vlies – ordnet er sich in eine Gruppe ein.
Sein Vater hat für seine französischen Lehen eine gewisse Unabhängigkeit von Frankreich erreicht. Der Sohn kennt nur einen Gedanken, von dem er besessen ist: Abrundung seiner Gebiete und Unabhängigkeit vom Deutschen Kaiser, dem er für seine deutschsprachigen Gebiete, die Freigrafschaft Burgund um Dole und Besançon, lehenspflichtig ist. Wie einem fanatischen Sammler gewisse seltene Stücke, so fehlen ihm noch die Schweiz uns, als Verbindungsstück zu seinen niederländischen Besitzungen, Teile von Elsaß und Lothringen.
Hätte er dann noch Savoyen dazu, besäße er fast ein europäisches Zwischenreich, ähnlich dem von Karl dem Großen an seinen Sohn Lothar vererbten, das vom Mittelmeer bis zur friesischen Nordseeküste reichte und die wichtigsten Handelsstraßen des damaligen Europa umfaßte. Vielleicht wäre auch noch die Königskrone zu gewinnen, über die schon sein Vater vergeblich mit dem deutschen Kaiser Friedrich III. verhandelt hatte. Schon durch seinen immensen Reichtum würde er für die Königswürde manche günstigen Voraussetzungen mitbringen.
Sein Staat trägt trotz der vielgestaltigen Landschaftsbereiche und der sprachlichen Verschiedenheiten durch die angestrebte Verwaltungseinheit bereits gewisse moderne Züge. Die ständig verfügbaren Geldmittel aus dem reichen Steueraufkommen erlauben dem Burgunder Herzog, ein stehendes Heer zu halten, das durch leicht zu ergänzende Söldnertruppen verstärkt werden kann. Neueste Waffen, die ohne Rücksicht auf Kosten angeschafft werden, reich gefüllte Proviantlager, mit dem süßen Burgunderwein als Reserve, und beste Unterkünfte der Soldaten scheinen diese burgundischen Truppen unüberwindlich zu machen. Wahrlich, diese Konzentration des Reichtums in einer Hand mußte ein Albdruck für Karls große Gegenspieler sein! Er selbst dagegen fühlt sich sicher in dem Glauben, sein Gold und seine Macht genügten, den Gegner abzuschrecken und zur Anerkennung seiner unumschränkten Herrschaft zu zwingen.

Die Feinde mehren sich
In seinem Hochmut und seinem ungezügelten Zorn begeht er immer wieder charakteristische Fehler, daß seine geschickteren Gegenspieler ihre politischen Schachzüge danach einrichten und dabei selbst im Hintergrund bleiben. Ein aufregendes politisches Spiel, wenn man die Vorgänge in den verschiedenen Lagern verfolgt.
In Berlin gibt es ein Portrait Karls des Kühnen von Rogier van der Weyden, eines der wenigen, die wir überhaupt von ihm besitzen. Trotz seines hohen Bildungsstandes ist er in einem primitiven Aberglauben befangen und will sein Bildnis nicht in anderen Händen wissen. Er ist auffällig rundschädelig, schwarzhaarig, mit Augen, die kühl und herrisch zu befehlen gewohnt sind und durch den Betrachter hindurchzublicken scheinen. Er träumt von der antiken Größe eines Alexander, aber er lernt nicht aus dem vergangenen Geschehen.
Zu seinen frühverstorbenen drei Frauen scheint er kein besonders inniges Verhältnis gefunden zu haben; nahe steht ihm nur seine einzige Tochter Marie, die Nichte des englischen Königs und spätere Gemahlin Kaiser Maximilians. Sie wird damit die Großmutter Kaiser Karls V., in dem wir manche Züge des stolzen Burgunders wiederzufinden glauben.
Noch zu Lebzeiten seines Vaters hatte sich Karl in zahlreichen Kriegszügen mit dem Thronfolger und späteren König Ludwig XI. von Frankreich im Felde gemessen. Fast Jahr für Jahr wird gekämpft an der Somme, bei Lüttich und bei Dijon. Bei einer Zusammenkunft der beiden Gegner in Peronne wird Ludwig gefangengesetzt, aber später wieder freigelassen. Nach einjährigem Waffenstillstand bemächtigt er sich 1471 einiger Städte an der Somme, worauf Karl mit einem großen Heer in Frankreich einfällt und das Land bis nach Rouen verwüstet. In weiten Gebieten weiß die Bevölkerung nicht mehr, welchem Herrn sie die Treue zu halten hat. Und oftmals werden die Städte nicht nur geplündert, sondern es wird auch ein Teil der Bevölkerung hingerichtet. Mit Erzherzog Sigismund von Österreich kommt es zum Konflikt über die Grafschaft Ferrette und die Landgrafschaft Elsaß. Der hier von Karl eingesetzte Gouverneur Peter von Hagenbach unterdrückte die freien Reichsstädte, denen die Eidgenossen zu Hilfe kamen. Der burgundische Vogt wird gefangengenommen, verurteilt und im Mai 1474 hingerichtet.
So hat sein Expansionsdrang Karl eine Fülle von Gegnern geschaffen. Die Frage ist, wer dem aus scheinbar unversiegbaren Quellen schöpfenden burgundischen Kriegsherrn die entscheidende Niederlage beibringen wird.

Die Vernichtung wird finanziert
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts kündigt sich auch auf dem Gebiet der Kriegsführung ein neues Zeitalter an. Der Ehrgeiz des Ritteradels, auf dem Schlachtfeld den Vorrang vor dem Fußvolk zu haben, wirkt sich verhängnisvoll aus. Man hatte nichts aus den für Frankreich so unglücklich verlaufenen Ritterschlachten von Crecy und Maupertuis (1436) gelernt, und Karl ist jedem fachmännischen strategischen Rat unzugänglich.
Sein französischer Gegenspieler ist jedoch schon in die neue Epoche hineingewachsen. Den Schweizern gegenüber, als Nachbarn Burgunds, hegt er stets Befürchtungen und sucht, sie sich lieber rechtzeitig mit Geld und Versprechungen als Freunde zu gewinnen. Er schließt mit ihnen daher den ersten Sold- und Pensionsvertrag der neueren Geschichte ab, den er recht billig erhält.
Als Ersatz für französische Hilfstruppen im Falle eines Krieges gegen Burgund zahlt Ludwig
80 000 Goldfranken - das ist der damalige Preis von vier schönen Diamanten - , ferner Jahrespensionen von 20 000 Goldfranken für die Bereitstellung von Truppen. Diese Summe, die der Gegner für den Untergang des Burgunders ausgab, war nicht größer als der Wert einer einzigen der großen Perlen aus dem riesigen Staatsschatz Karls des Kühnen.
Trotz leerer Staatskassen weiß der französische König – und gerade mit Hilfe der von Karl so verachteten armen eidgenössischen Bauern – den verhaßten Burgunder da zu treffen, wo er besonders verwundbar ist: an seinem Ehrgefühl. Der Zorn über seine Niederlage wird ihn selbst zu seiner Vernichtung mithelfen lassen.

Eine Chance wird verpasst
Als der englische König Edward II. aus dem Hause York, Karls Schwager aus dritter Ehe, in Nordfrankreich gelandet ist, kommt es nicht zu einem militärischen Zusammenwirken, denn Karl beginnt wegen der Absetzung des Erzbischofs von Köln eine erfolglose Belagerung der Stadt Neuß. Monat um Monat bleibt er halsstarrig dort liegen und verkennt alle Chancen, die sich ihm auf Grund der Landung seines Schwagers in Calais hätte bieten können.
Man muß sich fragen, ob Karl überhaupt die Gefährlichkeit seines Spiels zwischen drei feindlichen Mächten, ob er insbesondere die Entschlossenheit des französischen Königs, Burgund als selbständige Großmacht auszulöschen, richtig einschätzte.
Er konnte nicht erwarten, daß Ludwig seine Teilnahme an einem Adelsaufstand gegen die französische Krone vergessen würde oder ihm schimpfliche Gefangenschaft von Peronne vergab, wo ihm die Lehensfreiheit Burgunds von Frankreich durch eine erzwungene Unterschrift abgepreßt worden war.
Frankreich würde, wenn sich das burgundische Zwischenreich konsolidieren ließe, zu einer zweitrangigen politischen und wirtschaftlichen Macht herabgedrückt, und die Habsburger hätten im gleichen Fall eine wesentliche Minderung ihrer Machtstellung am Mittel- und Niederrhein hinnehmen müssen.
Dazu kam schließlich, daß der Burgunder Herzog, tiefverletzt durch die Weigerung des Kaisers, ihm die Königswürde zuzugestehen, mit hochmütigen Beleidigungen reagierte. Ein späterer Versöhnungsversuch hat an der machtpolitischen Konfrontierung dann nichts mehr geändert. Es geschah auf Betreiben des Kaisers, daß 1471 die Eidgenossen Karl den Krieg erklärten, der zu dieser Zeit noch immer erfolglos vor Neuß lag. Nach der Hinrichtung Hagenbachs läßt Karl die Berner Unterhändler entgegen jedem ehrlichen Kriegsbrauch töten. Die Auswirkungen dieses Falles vermag er nicht abzuschätzen. Denn jetzt kommt die Lawine ins Rollen. Allen Schweizern voran rufen die Berner gegen den Todfeind zur Rache auf. Und damit beginnt sich das Schicksal Karls zu erfüllen.
Die Eidgenossen hatten das Gebiet nordwestlich des Neuchâteler Sees erobert und Grandson mit einer Garnison besetzt. Karl der Kühne gewann dann die Stadt zurück und ließ die schweizerische Besatzung hängen. Kurz darauf treffen die gegnerischen Heere hier aufeinander.

Verhaftet in Illusionen
Auf der einen Seite steht ein von Rittern angeführtes Reiterheer mit vorzüglicher Artillerie. Die Geschütze sind nach neuesten technischen Erkenntnissen konstruiert. Munition Verpflegung, alles ist in reichlichem Maß in diesem burgundischen Zeltlager vorhanden, das nach zeitgenössischen Berichten die Ausmaße der damaligen Stadt Straßburg hatte. Das Lager Grandson mußte, hinter 800 Karren verschanzt, nach menschlichem Ermessen unangreifbar sein.
Auf der anderen Seite formierten sich die Gruppen des ersten freiwilligen Volksheeres, die selbstgewählter Drill, Ausdauer und der Wunsch nach Unabhängigkeit zu einer ausgezeichnet funktionierenden Fußtruppe hatten werden lasse, und für die es natürlich ein besonderer Ansporn war, wenn irgendwo reiche Beute winkte.

Die langen Spieße siegen
Im Morgennebel des 2. März 1476 reitet Karl in voller Rüstung seinem Reiterheer voraus aus dem Lager und auf den strategisch äußerst ungünstigen Engpaß zu. Vergeblich raten ihm seine militärischen Fachleute und Ingenieure, die eidgenössichen Fußtruppen hinter der wohlgerüsteten Verschanzung zu erwarten. Er lehnt brüsk ab. Sein Ritterideal verleitet ihn, nach dem Vorbild der berühmten mittelalterlichen Epen, Ruhm und Ehre tapfer im Kampf auf dem offenen Feld zu suchen. Er bedenkt dabei nicht, daß seine Feinde keine Ritter zu Pferde sind, sondern disziplinierte Fußtruppen, die zwar armselige Karrengäule mit sich führen, aber auch die in Mode gekommenen langen Spieße. Die Regeln ritterlichen Kampfes sind ihnen völlig gleichgültig.
Plötzlich stürzen die eidgenössischen Fußtruppen in geschlossener Formationen von den Vorbergen des Mont Aubert herunter, von wo sie nicht erwartet wurden. Karls Kavallerie gelingt es nicht, in die geschlossenen Heerhaufen der Schweizer einzubrechen. Die Pferde scheuen vor den langen Piken, die ihnen entgegenstarren. Und bevor die Burgunder noch ihre Artillerie neu in Stellung bringen und die Infanterie aus dem Zentrum auf die bedrohte Flanke werfen können, stürmen bereits der zweite und der dritte Heerhaufen der Schweizer auf die schlecht geordneten Reihen ein.
Die Verluste der Burgunder waren nicht sehr groß, aber sie mußten, nachdem sie jeden taktischen Zusammenhang verloren hatten, das Feld räumen. Vielleicht hat auf ihrer Seite demoralisierend ihre geheime Angst vor dem Zorn des Herzogs mitgewirkt, von dem man wußte, daß er nach einer Niederlage vor Mißhandlungen seiner Soldaten nicht zurückschreckte. Auch Karl gelingt die Flucht. Das riesige Lager steht verlassen und wartet auf den Zugriff der Sieger.

Die Burgunderbeute
Zunächst zaghaft und staunend ziehen die spießtragenden Bauern und Städter der Eidgenossenschaft in die riesige Lagerstadt ein. „..und man vand herberg genuog darzuo essen und trinken und wes man bedarfft, denn es war ein gross schön leger und alles des man so erdenken mocht, darhine genuog was und was denselben wart an gold, silber oder anderen dingen, das trugent sie nocht deselben tages heimlich und verstolenchlichen mit ihnen hinweg und wurden al wägen und karren und ross von dem genommen guot als swer und vast geladen das man si vast nit wol dannen mocht bringen.“
Erst zu spät wurde von den Eidgenossen erkannt, daß ihnen da der reichste Staatsschatz eines europäischen Landes in die Hände gefallen war, dazu der riesige Privatbesitz des reichsten Herrn Europas.

Vergebliches Rüsten
Der Burgunder Herzog läßt den Eidgenossen nicht lange Zeit, den Rest des nicht geplünderten Beuteanteils amtlich zu registrieren und gerecht zu verteilen. „Er stirbt fast vor Begierde, sich zu rächen und seine Ehre wiederherzustellen“, berichtet ein zeitgenössischer Diplomat von ihm nach Mailand.
Jedermann konnte das bemerken, und daher erfahren die eidgenössischen und französischen Kundschafter sehr schnell, daß Karl alles zu Geld mache, was für ihn erreichbar sei. Sogar den Karthäusern in Dijon habe er das Pflegegeld abgenommen, das seine Eltern „auf ewig“ für ihre Grabstätte dort hinterlegt hatten.
Und tatsächlich setzt nun das Einschmelzen von Kirchenglocken im Herzogtum sowie ein fieberhafter Ankauf von Kriegsgerät in Italien und Genf ein. Die Anwerbung von Söldnern in der Lombardei bleibt ebensowenig verborgen wie die Lieferung von Stoffen und Zelten aus den Niederlanden und das Horten von Lebensmitteln. Allenthalben sind die Fernstraßen von Neapel bis Brüssel mit Truppenkonvois versperrt, die sich konzentrisch in Richtung Lausanne bewegen. Aber am Abend des 22. Juni 1476 ist das burgundische Heer vor Murten wiederum vernichtend geschlagen. Die Eidgenossen ziehen froh in das Lager ein und erwarten ein zweites Goldwunder wie in Grandson.
Tief enttäuscht bemerken jedoch die Chronisten, die Beute sei nur „ein kinderpiel und eitel bettelwerk“ gewesen, trotz des wiederum kostbar ausgestatteten herzoglichen Zeltes. Es wird mit Teppichen, Gold und Silbergeschirr und allen Kleinodien darin dem Verbündeten Rene´ von Lothringen zugesprochen.
Und da die Eidgenossen Gefallen am Plündern gefunden hatten, folgt dem Sieg ein noch etwas peinliches Nachspiel: Stadt und Kathedrale von Lausanne werden auf dem Heimweg ebenfalls geplündert. Die verspätet eingetroffenen Berner holen sich den übriggelassenen Rest am nächsten Tag, so daß die Stadt nach dem Bericht eines Chronisten bis auf die hölzernen Löffel und Schüsseln gänzlich ausgeraubt wurde. Im Herbst verlangen die Eidgenossen von ihrem Bündnispartner Ludwig XI. die ihnen zugesagte Entschädigung von 80 000 Gulden. Angesichts der leeren französischen Staatskassen müssen sie sich jedoch mit 24 000 Gulden zufriedengeben und sich dafür verpflichten, den Krieg gegen Burgund weiterzuführen.

Das letzte Gefecht
Am Weihnachtstag sammeln sich die Eidgenossen und marschieren bei klirrendem Frost in Richtung Nancy, wo Karl jetzt sein Lager aufgeschlagen hat. Zwölf Tage danach soll endlich die Entscheidung fallen, die ganz Europa seit einem Jahr mit größter Spannung erwartet hat. Am Morgen der Schlacht, es ist der 5. Januar Anno 1477, liegt eisige Kälte wie ein Symbol des Todes über dem Schlachtfeld bei Nancy. Erst am Abend findet man den letzten der Burgunder Herzöge mitten unter den Toten, ihnen allen nun im Tode gleich, ohne Rüstung, die heute in Leningrad ist, ohne seinen berühmten Helm, den Rene von Lothringen an König Ludwig XI. sendet. Man erkennt ihn nur an seiner Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, die ihm die Plünderer scheu belassen haben. Niemand rühmt sich, mit ihm gekämpft zu haben, und niemand weiß um seine letzte Stunde.
Der historische Betrachter kommt nicht los von der Vorstellung, daß Karl den Tod als einzigen Ausweg gesucht haben könnte. Wie arm muß der Reichste der Christenheit auf dem eisigen Schlachtfeld gewesen sein, ohne alle Tröstungen, die seine Vorgänger und er selbst ein Jahrhundert lang aufgehäuft haben als Hilfe für diese letzte Stunde.
Unwiederbringlich ist ihm durch den Verlust bei Grandson alles genommen worden, was er in der Angst vor dem Tod immer um sich wissen wollte: seine kirchlichen Kostbarkeiten als Geschenke und Dank an die vielen Heiligen, die ihm Hilfe in jeder Notlage bringen sollten, und ein unermeßlicher Schatz an Edelsteinen, Perlen, Kleinodien, die ihm nicht mehr Medizin sein und auch nicht mehr Kraft, Mut und Schutz verleihen können. Nicht einmal seine Ritterheere vermochte er bei Murten wiederzugewinnen, wie er so brennend begehrt hatte.

„Wo sind sie nun, die Großen dieser Erde?“
„Und sie teilten seine Kleider“ schon bei Lebzeiten in Grandson, scheu und triumphierend zugleich von einer schon damals fast mythisch gewordenen Gestalt. Um wieviel mehr liegt eine uneingestandene Angst über der Gestalt des Toten, der nun „endlich zur Strecke gebracht“!
Was besagt nicht die symbolhafte Geste, mit der man den heimlich entwendeten Helm seinem Todfeind in Paris überbrachte! Was bedeutet die Aneignung seiner berühmten Rüstung, einst Ausdruck von mittelalterlichen Pracht und persönlicher Macht? Ihm – Karl, letzter Herzog von Burgund und Herr über viele Länder und Reichtümer – ihm blieb nur, sich einzureihen in das zeitgenössische Bild des Totentanzes, als „auch einer“, von denen der burgundische Poet und Chronist Chastelain schrieb: „Wo sind sie nun, die Großen dieser Erde?“


Marga Mosebach, „Damals“ Jan. 1970


Karl der Kühne.jpg Burgund2.jpg


http://i11.tinypic.com/2upqsl3.jpg
__________________
Aptrgangr sagt:
I am republican anyway
Lutiferre sagt:
me too, but thats mostly because i am against monarchy





„Noch sitzt Ihr da oben, Ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, doch dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott!“
(Theodor Körner 1791-1813)

Last edited by Aptrgangr; Wednesday, November 1st, 2006 at 16:12.
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