Die Schlacht von Hemmingstedt
Die Schlacht von Hemmingstedt
Im Jahre 1500 kämpften die Dithmarscher Bauern für ihre Freiheit
„Der König zog, sich selbst und all seinem Volke zu großem unverminderlichen Schaden und Unglück, aus Meldorf mit seiner ganzen Macht und Heereskraft, auch mit großem Prahlen und mächtigem Schall der Trompeten, Trommeln und Büchsen, die Dithmarscher damit in Schrecken zu jagen, den Weg nach Hemmingstedt...Das Kriegsheer wurde sehr jämmerlich geschlagen, zu Tode getrampelt, ertränkt, ersoffen und erstickt. Da ist mancher edle und kühne Held erbärmlich umgekommen, der sein Schwert nicht einmal gezückt und geruckt hat...“
So lebt nach der Chronik des Johann Adolphi Köster von der Insel Büsum, der sich Neocorus (Küster) nennt, die Erinnerung an die Schlacht bei Hemmingstedt fort. Ein wuchtiges Mahnmal aus naturgewachsenen Steinen ragt von der Höhe der Dusenddüwels-Warf über die Marschlandschaft.
Jenes Kampfgeschehen zeigt mancherlei zeitkritische Probleme aus jenen Tagen des ausgehenden Mittelalters auf, z.B. den Freiheitswillen einer Bauernrepublik, der gegen die Herrschaftsansprüche der Fürsten und Adligen steht. Der Sieg, der den Dithmarschern vorerst die Freiheit erhielt, und die Niederlage des Königs hatten entscheidenden Einfluß auf die politische Struktur im nordelbischen Bereich und darüber hinaus: Die Bauernschaften im Bereich der Nordsee bis Friesland besannen sich auf ihre Eigenständigkeit und entwickelten Kräfte öffentlich-rechtlicher Selbstverwaltung. Die Niederlage Johanns, der – als König von Dänemark, Norwegen und Schweden sowie Herzog von Schleswig und Holstein – Herrscher der Union war, offenbarte aber auch die Anfälligkeit dieses uneinheitlichen nordischen Gesamtstaates, gab in Schweden den Anstoß zum Aufstand des einstigen Reichsverwesers Sten Sture und wirkte indirekt fort auf den Freiheitskampf Gustav Wasas.
Dem König Christian von Dänemark war es ein Vierteljahrhundert zuvor gelungen, sich vom deutschen Kaiser die Lehnsherrschaft über Dithmarschen, die erloschen war, zusprechen zu lassen. Nach diesem Dekret Friedrichs III., das im Jahre 1476 in Rothenburg ob der Tauber ausgefertigt war, wurde die dem Dänenkönig unterstehende Grafschaft Holstein-Stormarn um Dithmarschen erweitert und zum Herzogtum erhoben. Mit diplomatischem Geschick – doch vergeblich – hatten die Dithmarscher ihre Einwände erhoben. Sie appellierten an den Papst, betonten ihre Zugehörigkeit zum Erzbistum Bremen und bestritten damit ihre Reichsunmittelbarkeit.
Der Dänenkönig Johann – meist Hannß genannt -, der auf seinen Vater Christian folgte, bestand auf seinem Hoheitsanspruch und betrieb die Einverleibung des freien Bauernstaates in sein Herzogtum; er war dafür auch bereit, eine kriegerische Auseinandersetzung in Kauf zu nehmen. In ultimativer Form ließ er seine Forderungen nennen: „He sette wol vöftein dusent Mark an.../Dartho wolde he buwen 3 Schlöte int Landt.“ Doch die Dithmarscher lehnten diese „Tributabgabe von 15 000 Mark“ wie auch dem Bau von „drei festen Schlössern“ in ihrem Lande ab.
Die Schwarze Garde
Es war zu Beginn des Jahres 1500, als der König seine Heeresmacht bereitstellte. Er konnte sich dabei auf seine Ritter, den roßdienstpflichtigen Adel aus Reichsdänemark, aus Schleswig und aus Holstein, stützen, doch die Zeitverhältnisse des ausgehenden Mittelalters machten inzwischen den Einsatz einer neuen Kräftegruppe unumgänglich: der Landsknechte.
Berühmt wegen ihrer Tapferkeit und berüchtigt wegen ihrer schonungslosen Unmenschlichkeit - „ein verwegen volck, mehr zum raub als zum ritterlichen fechten geneiget“ - war die „Schwarze Garde“ unter dem Junker Slentz. Als geschlossener Verband war dieser Söldnerhaufen, der "aus allen Nationen Teutschlandes, aus Schweizern, Niederländern, Brabandern, Italiänern, Franzosen, Spaniern, Schotten, so gar aus Mohren bestund und nichts als Teutsche zu Anführern hatte“, in vorangegangenen zwölf Jahren in Schweden, in Friesland und in zahlreichen Gegenden Norddeutschlands im Kampf eingesetzt gewesen.
Sie wirkten schon durch den Ruf ihrer Verworfenheit, „dat men vor dissem Volcke erschrack, wen men nur sinen Namen hörede“. Als eigenständig operierender Verband, der sich von dem Meistbietenden anwerben ließ, hatte die schlagfertige „Magna Guardia" bereits vielfach entscheidend politische Streitigkeiten beeinflußt. Der Beauftragte des Dänenkönigs fand damals den richtigen Augenblick, das Söldnerregiment unter Vertrag zu nehmen. Seine Kriegsstärke – aus den Soldlisten genau nachweisbar – betrug 3983 Mann. Beiden Partnern kam der Abschluß willkommen, denn die Garde war zu jenem Zeitpunkt ohne Verpflichtung und litt „grote Not und groten Hunger“; dem Dänenkönig andererseits war es klar, daß er seine militärischen Ziele ohne die Hilfe diese Kampfverbandes, der im friesischen Nordseegebiet Kampferfahrung im Einsatz gegen freie Bauern gewonnen hatte, nicht erreichen könne.
Mit dem 28. Januar des Jahres 1500 wurde der Dienstvertrag der Schwarzen Garde wirksam. De gemeine Mann erhielt monatlich vier Gulden, Fähnriche, Weibel, Büchsenschützen waren Doppelsöldner, der Monatssold der Offiziere betrug mit zwölf Gulden das Dreifache, der der Kapitäne der Kompanien 24 Gulden; Junker Slentz selbst erhielt 50 Gulden monatlich. Für die Kriegskasse des königlichen Auftraggebers bedeutete die Anwerbung der Schwarzen Garde einen monatlichen Aufwand von 17 000 Gulden.
Auf den Landsknechtshaufen folgte – in der taktischen Gruppierung, die den Eindringlingen verhängnisvoll werden sollte – das Reiterheer. Neben dem landeingesessenen Aufgebot aus dem königlichen Herrschaftsbereich umfaßte es zahlreiche freiwillige Teilnehmer, denen ein Feldzug ein willkommenes Abenteuer bedeuten mochte, darunter viele junge Adelige aus Braunschweig und Lüneburg, aus Pommern und Mecklenburg, aus Lauenburg und Friesland. Es handelte sich um etwa 800 Ritter mit ihren Knappen und Knechten, so daß die in den Quellen überlieferte Zahl von 2000 Reitern zutreffend erscheint.
Der König unterstellte diesen kampfkräftigen waffengewohnten Verband der Berittenen dem „Rider mit dem Banner“, der als Marschall den Danebrog führte: Hans von Ahlefeld, Amtmann zu Segeberg; er hatte den Ruf eines schonungslosen Tyrannen, der als „ des Königes negste Rath vor allen andern den Königh alle tydt [=Zeit] angereitzet hedde, dat he de Buren in Dithmerschen twingen scholde“.
Nach Neocorus' Chronik kam als drittes Kontigent des Heeres „des andern gemeinen Kriegsvolkes solch eine grothe Antall, de nich tho tellen [= zählen]“. Es war die Landwehr der Bürger und Bauern, die der König aufgeboten hatte, an 3000 Mann.
Entsprechend der Entwicklung der Feuerwaffen um jene Zeit war der Feldzug auch artilleristisch vorbereitet: mit schwersten, mauerbrechenden „Hauptbüchsen“, die mit 26 Pferden bespannt waren. mit „ganzen Schlangen“, die zehnpfündige Kugeln schossen und – bei einem Eigengewicht von einer Tonne – von sechs bis acht Pferden gezogen wurden, mit Falkonen, deren Geschosse sechs Pfund wogen, mit Mörsern, die Brandmunition verschossen.
Die Kriegsstärke dieser umfangreichen Truppenaufstellung bedingte wiederum einen umfangreichen Troß; eine kritische Sichtung der überlieferten Zahlen führt zu dem Ergebnis, daß zu dem schwerfälligen Heereswurm mindestens 1000 Troßfahrzeuge gehörten. Im ganzen war es somit eine Heeresmacht von 12 000 Mann, die damals Anfang Januar des Jahres 1500 in die Bauernrepublik einfiel.
Das Dithmarschen, obwohl staatsrechtlich zum Bistum Bremen gehörend, bisher de facto als Freistaat leben konnte, war entscheidend durch seine natürliche Lage bedingt, die ihm für jene Zeitverhältnisse auf allen Seiten Schutz gewährte: Im Westen und Süden machten Nordsee und Elbe einen Angriff unmöglich, an der Nordgrenze, die die Eider bildete, breiteten sich ausgedehnte Sümpfe aus, die keinen Truppenaufmarsch zuließen, und auch die offene Grenze gegen Holstein im Osten war mit ihren sumpfigen Niederungen des Tieflandes für kriegerische Verbände kaum passierbar. So waren die einrückenden Truppen auf die dammartige Straße angewiesen, die über den holsteinisch-dithmarscher Geestrücken führt. Sie waren damit aber in ihren strategischen und taktischen Entscheidungen gebunden. Das kam den Abwehrmaßnahmen des Verteidigers entscheidend entgegen.
Der Winter als Verbündeter
Der König vertraute auf die zahlenmäßige und materielle Überlegenheit seiner Angriffsformationen, er setzte, um den Verteidigungswillen der Bauern zu brechen, als psychologische Waffe den Ruf ihres unerbittlichen Vorgehens gegen die gesamte nichtkriegführende Bevölkerung ein. Wohl niemand auf der Seite der Angreifer rechnete damit, daß den Feinden ein Ausweg bliebe, der Vernichtung oder Unterwerfung zu entgehen.
Die Dithmarscher mußten strategisch und taktisch gut vorgehen, um ihre zahlenmäßige und materielle Unterlegenheit auszugleichen. Die früheren Kriegserfolge hatten den Heimatstolz und das nationale Selbstbewußtsein des bäuerlichen Freistaates gestärkt und wertvolle Erfahrungen eingebracht: Als Graf Gerhard von Holstein 180 Jahre zuvor – im Herbst 1319 – mit überlegener Heeresmacht in Dithmarschen einfiel, um es zu unterwerfen, hatten die Dithmarscher ihm kampflos die Geest überlassen, ihn in die tief gelegenen Teile des Landes gelockt und dort vernichtend geschlagen. Unter vergleichbaren strategischen Bedingungen erlitt im Jahre 1404 das holsteinische Heer in der Paßenge der Süderhamme eine entscheidende Niederlage, bei der einer der Heerführer, Graf Gerhard IV., den Tod fand.
Auch diesmal wussten die Dithmarscher die Naturgegebenheiten für die strategische Anlage ihres Abwehrkampfes zu nützen: die unwegsame Marsch und das nahe Meer; dabei kam ihnen die Jahreszeit wirksamm zur Hilfe. Sie mieden bewußt eine offene Feldschlacht auf trockenem Gelände. Daß sie dabei Plünderungen und Verwüstung des freiwillig geräumten Gebietes in Kauf nehmen mußten, erhöhte ihre Erbitterung und den Abwehrwillen. Doch so zwangen sie dem Eindringling ein Kampfgelände auf, das ihn nicht zur Entfaltung seiner Überlegenheit kommen lassen sollte.
Ohne jeden Widerstand konnten also die Truppen des Fürsten – es war Dienstag, der 11. Februar 1500 – in die Bauernrepublik eindringen. „Des Donredages togen se nha Meldorpe unverdraten...“ Bereits zwei Tage später, am Donnerstag, „zogen sie unverdrossen vor Meldorf“ und traten zum Angriff an.
Die Dithmarscher hatten ein kleines Kontigent von einigen hundert Söldnern angeworben und es hier zur Verteidigung der Stadt eingesetzt. Fluchtartig hatte sich die Bevölkerung zurückgezogen, nur Alte, Kranke und Kinder waren zurückgeblieben. Der Einsatzwert der fremden Söldner erwies sich als sehr gering. Dem Angriffsgeist der „Schwarzen Garde“ zeigten sie sich weit unterlegen; wer sich nicht zur Flucht wandte, lief zum Gegner über.
Dessen Vorgehen gegen die wehrlose Bevölkerung überschritt nach den vorliegenden Quellen jedes Maß. Reimar Kock in seinem Chronicon, das – fünf Jahrzehnte nach der Schlacht niedergeschrieben – auf ernstzunehmender, kritischer Quellenverwertung beruht, berichtet von Grausamkeiten gegen Kinder, die „Herodianische Tyrannie“ dargestellt hätten. Nach seiner Darstellung war es so furchtbar, „dat mi By nah gruwet tho schriuen“ (daß mir beinahe graut zu schreiben) , doch dann berichtet Kock in Einzelheiten, wie „die Holstenn Vnd Dehnen sampt der Garde“ geplündert, in unmenschlicher Grausamkeit - „Dat mochte wol Gott erbarmen...“ - Kinder und Mütter niedergemetzelt und dabei „ein wolgefall daran gehebt“ hätten - „Summa: se hebben nemandt leben laten.“
Doch vergeblich wartete man im Dänenlager auf Unterhändler, die die Kapitulation anbieten sollten. Die Angreifer hatten vorausgesetzt, daß sich die Grausamkeiten demoralisierend auf die Dithmarscher auswirken würden, doch genau das Gegenteil war der Fall.
Die Dithmarscher erkannten, daß es bei solchem Feind kein Verhandeln gebe und daß von ihm keine Gnade zu erwarten sei. Nur aus dieser Einstellung sind der fanatische Widerstand wie auch die Gewalttaten zu deuten, mit denen die Bauern später für das unmenschliche Vorgehen Rache nahmen.
Späher hatten große Wegsperren bei der Heider Hamme festgestellt, die die Bauern besetzt hielten, und das Gelände ließ kaum eine andere Möglichkeit, als der Landstraße von Meldorf in nördlicher Richtung zu folgen. In diesem Entschluß ließ sich der König durch einen Einheimischen, der bei ihm im Hauptquartier erschien, bestärken: Es war Carsten Holm, der den König Johann überreden konnte, in Richtung auf Heide zu marschieren, „dar de Ditmerschen des Kriges Volckes und des Köninges nicht vermoden weren“ (wo die Dithmarscher das Kriegsvolk und den König nicht vermuten werden).
Es muß überraschen, daß sich der König entschloß, zu jener ungünstigen Jahreszeit – inzwischen hatte Tauwetter eingesetzt – in die Marsch hinabzusteigen, und tatsächlich überliefern die Quellen auch dramatische Szenen vom Einspruch der kriegserfahrenen Landsknechte. Junker Slentz konnte sich mit seinen Bedenken nicht durchsetzen. „Euren Sold müßt ihr verdienen“, erklärte der König und verdächtigte den Führer der Garde damit, er wolle den Feldzug bewußt in die Länge ziehen. Auch eine Abordnung der „Magna Guardia“, die den Plan für aussichtslos erklärte, wurde abgewiesen. Selbst die Adligen versuchten, den König umzustimmen. Es war allzu offensichtlich, daß sie als gepanzerte Ritter in dem begrenzten, aufgeweichten Gelände nicht zur taktischen Entfaltung kommen könnten. Der König dagegen war sich der Überlegenheit seiner Truppe höchst sicher: Die Dithmarscher „weren doch nur pauren (Bauern) vnd sie Kriegsleut“. Der Abwehrplan der Dithmarscher waren einfach: Sie mußten das feindliche Heer in der Marsch zwischen Meldorf und Hemmingstedt zum Kampfe stellen, bevor es anschließend wieder zu der trockenen Geest hinaufstiege. In diesem Gelände würden die feindliche Reiterei und die Artillerie kaum zur Geltung kommen. Der Dänenkönig erkannte nicht die tödliche Gefahr, in die er sich auf dieser sechs Kilometer langen Strecke begab; er war entschlossen, den unterlegenen Gegner vor sich her zu treiben bis in die sumpfigen Niederungen der Eider.
Der Plan bewährt sich
Am 17. Februar marschierte der königliche Heerbann aus Meldorfs Stadttoren heraus, voran die Schwarze Garde, die zwei Späher vorausgeschickt hatte und Fahrzeuge mit Pioniergerät wie auch leichte Geschütze mitführte, insgesamt etwa 3500 Mann; annähernd dieselbe Stärke wies die Landwehr auf, die dem Landsknechthaufen folgte, darauf die Reiterei, über die Hans von Ahlfeld das Kriegsbanner schwenkte. Unmittelbar schloß sich der Tross an; bei ihm befand sich der König. Dieser unbeholfene Heerwurm wies – bei gedrängter Gliederung – eine Länge von über sechs Kilometer auf. Als gegen Mittag an der Schanze die erste Feindberührung erfolgte, hatte der Troß das Stadttor noch nicht passiert.
Auf der engen verschlammten Landstraße sah sich die Truppe bald eingekeilt. Rechts und links zogen sich Entwässerungsgräben hin, und die angrenzende Marschwiesen, schon für Einzelpersonen kaum begehbar, waren völlig ungeeignet für die Bereitstellung einer Angriffstruppe. Von oben kamen eisige Hagelschauer und peitschender Regen, der zähe Kleieboden hielt die Füße der Marschierenden und die Hufe der Pferde in dem moddrigen Sog fest.
Vom König Hannß wird berichtet, daß er bei dem furchtbaren Wetter voller Zorn „satanam compellans“ (den Teufel beschworen) habe, als er die enge Landstraße dahinzog. Unheimliche Stimmung lag über dem Heereszuge, auch über der Ritterschaft, die – nach dem Gedicht Liliencrons - „lachend und wie zum Fest“ ausgezogen war.
Plötzlich schlug von dem Erdwall, der den Weg sperrte, der Vorhut Feuer entgegen. Einer der beiden Späher, die der Marschspitze auf Sichtweite vorausgingen, wurde von einem Geschoß zerrissen. Die Vorhut, auf dem ungünstigen Gelände eingeengt, war hilflos dem Feuerüberfall ausgesetzt.
Die kriegserfahrenen Führer der Landsknechte ließen mit dem mitgeführten Schanzmaterial das Gelände befestigen und formierten ihre Haufen aus dem Marsche heraus zur Angriffsposition. „Pulsis qui se objecerant hostibus“ berichtet die Überlieferung über einen Anfangserfolg: Sie schlugen die feindlichen Dithmarscher, die sich ihnen entgegengeworfen hatten. Doch bei der Ebene neben dem Weg, in der sie sich entfalten wollten, handelte es sich um die Marsch mit ihrem grundlosen Boden. Die Söldner sanken knietief ein, waren durch die zahllosen Gräben behindert und rettungslos festgekeilt.
Ihr Vorstoß blieb im Feuer der Verteidiger liegen. Die Geschütze, mit denen Junker Slentz die Sperre durchbrechen wollte, kamen nicht zur Wirkung, weil die Lunten im peitschenden Regen erloschen.
Auf Tod und Leben
Die Bauern, die – mit dem Gelände ihrer Heimat verwachsen – dem Gegner den Kampfplatz aufgezwungen hatten, befanden sich taktisch in unvergleichlichem Vorteil: Ihre Abwehrstellung lag auf einem Hügel, sie waren auf trockenem Boden und auch in der Kampfmoral den Truppen des Königs überlegen, denn – wuterfüllt über deren grausames Vorgehen in Meldorf – trieb sie der unbeugsame Wille, die Freiheit ihrer Heimat zu bewahren.
Ihr Führer war Wulf Isebrandt, ein Bauer aus Oldenwöhrden, der offenbar im Auslande Kriegserfahrung gesammelt hatte. Er nutzte das Überraschungsmoment aus und befahl einen Ausfall von der Höhe der Schanze; es galt, die in Stellung gebrachten Geschütze auszuschalten. Die Söldner, trotz der ungewöhnlichen mißlichen Lage in ihrem Kampfgeist noch ungebrochen, konnten die Bauern mit einer undurchdringlichen Wand von Speeren zurückweisen; zahlreiche Dithmarscher blieben vor der Abwehrlinie liegen, als ihre Haufe sich auf die feste Schanze zurückzog. Doch trotz Verluste, die der kühne Ausfall ihnen eingebracht hatte, traten sie bald darauf zu einem zweiten an.
Die Landsknechte waren offenbar auf diese draufgängerische Wiederholung nicht vorbereitet; sie konnten nicht verhindern, daß die Bauern in jähem Vorstoß bis zu den Geschützen vordrangen und sie umstürzten. Die schweren Waffen, die eine Entscheidung im Fernkampf hätten beeinflussen können, waren ausgeschaltet.
Es blieb jetzt nur ein Angriff der Fußtruppe. Die Zeit drängte, dnn auf der verstopften engen Straße war die Garde wehrlos dem Feuer der Dithmarscher von der Dusend-düwels-Warf her ausgesetzt. Von Süden drängten die anderen Truppen nach und verstärkten unaufhaltsam die Bewegungslosigkeit.
Schnell entschlossen, ließ Thomas Slentz sein Fußfolk zum Umfassungsangriff bereitstellen. Auch Dithmarscher Quellen nennen ihn „virtute bellica ornatissimus“ (einen Krieger im Glanze höchster Tapferkeit). Die acht Kompanien – es waren an die 2700 Mann - , die Offiziere der Schlachtreihe voraus, traten an. Wenn das unwegsame, schlickige Gelände auch die übliche Wucht des Anlaufs nicht zuließ, so kamen sie dennoch recht gut voran. Mit gefällten Spießen drangen sie gegen die Ostflanke der Schanze vor. Schon, „meineden de Garde, de Sake were gewunnen“. Wenn jetzt die Umfassung gelang, der Zangenangriff auf die Verteidiger der Schanze, bestand für deren Freiheitskampf wenig Hoffnung mehr.
Doch die Männer der Bauernrepublik erkannten die kritische Lage. Sie wußten, daß sie diesen kühnen Vorstoß nur noch mit dem Einsatz der letzten Kräfte zurückschlagen konnten, jetzt ging es um Freiheit oder Tod.
Wulf Isebrandt befahl den Gegenstoß. „Se warpen van sick Kreftete, Höde [= warfen Panzer und Helme ab], se gingen to stryde...barvot [= gingen barfuß in den Streit]“ und erhoben ihr Kampfgeschrei: „Help Maria milde.“ Die Überlieferung berichtet auch von einer Jungfrau, die mit einem Banner voranschritt. So hat das Aufgebot der Freiheitskämpfer „das fußfolck mit freuden angegriffen“ und sich ins Kampfgewühl gestürzt. „Bis retropulsi revertunur, bis se ex fuga colligunt“, berichtet eine Quelle: „Zweimal wurde ihr Angriff abgeschlagen, zweimal sammelten sich die zurückflutenden Kämpfer“ und setzten zu neuem Stoß an.
Dieser Hartnäckigkeit konnte die Garde nicht widerstehen. Mit dem Wanken der Schwerbewaffneten, die in der taktischen Formierung wie im Gebrauch ihrer Waffen behindert waren und zahlreiche Offiziere verloren hatten, wuchs der fanatische Angriffsgeist der freien Bauern. Zu den Kämpfern von der Schanze stießen nun, da sich das Kampfgeschehen an der Dusenddüwels-Warf konzentrierte, die Abteilung hinzu, „so an andern Orden Wachte geholden“, und griffen als willkommene Hilfe in den Kampf ein.
Inzwischen war eine neue Waffe eingesetzt: Man hatte die Schleusen geöffnet. Unaufhaltsam überschwemmte das Wasser die tiefgelegene Marsch und nahm den Landfremden jede Orientierung. Ein gesammelter Angriff der Dithmarscher – es waren jetzt an die 200 bis 3000 Mann – brachte die Entscheidung der Schlacht.
Die Garde war völlig demoralisiert. Junker Slentz fand im tapferen Kampf den Tod, alle Offiziere waren gefallen, Befehle kamen nicht mehr durch, die Formationen waren längst zersprengt. „In diesem allgemeinen Durcheinander wandten sich die Soldaten der Garde zur Flucht“, berichtet die Überlieferung des Petrus Parvus, und zwar „primum omnium“: als erste des gesamten Heeresverbandes. Das war eine Ungeheuerlichkeit: Die weitberühmte „Magna Gardia“, der von Friesland bis weit hinauf nach Schweden Furcht und Schrecken vorausgezogen waren, floh vor den Bauernhaufen, die mit entfesselter Wut auf ihre verhaßten Feinde eindrangen.
Rücksichtslos machten sich die zurückflutenden Gardisten den Fluchtweg auf der vollgestopften Landstraße frei, stießen die eigene Landwehr in die Gräben und trampelten über sie hinweg. In einer Stärke von zwei Kompanien entkamen die Reste der zerschlagenen Truppe, für deren Bestand diese Niederlage zugleich das Ende bestellte.
Was nun folgte war gnadenlose Vernichtung. „Sü dich nicht um, sü dich nicht um!“ war die Losung, mit der die Dithmarscher, von ihrem Erfolge berauscht, über die Truppen der zweiten Welle, d e Landwehr, herfielen; es waren holsteinische und friesische Bauern, ohne Kriegserfahrung und unzureichend bewaffnet. Ohne ernsthaften Widerstand ließen sie sich von der Fluchtwelle mitreißen: Es ist „aldar keines halten gewest“, die Massen verstopften in hemmungsloser Panik die Straße, rannten auf die überfluteten Wiesen, stürzten in die Gräben, ertranken. Die Bauern die ihre Spieße als Springstöcke benutzten, beherrschten die Lage völlig.
Wulf Isebrand drängte seine Kampfhaufen weiter, denn auf die Landwehr folgte das Reiterheer der Adligen. Sie waren eingekeilt vom Troß hinter ihnen und der Masse der vorne Flüchtenden und waren trotzdem entschlossen, Widerstand zu leisten. „Die Reisigen haben das fussvolck angeschrihen, sich zu wenden, sie wollten neben In abtretten =[neben ihnen von den Pferden sitzen]
,vnd zu streiten – es ist alles vmb sonst gewesen.“ Die Adligen waren auf diese Entwicklung des Kampfgeschehens in keiner Weise vorbereitet. Sie waren „mit goldenen Ketten und Ringen über den Fingern und Fäusten, mit Perlen und anderem Geschmuck ausgeritten – nicht wie zur Fehde, sondern wie zur Brautfahrt“, berichtet Reimar Kock in seinem Chronicon.
Die Kampfeswut der Dithmarscher steigerte sich ins ungemessene, als sie auf die verhaßten Edelleute stießen. „Es kam in summa um der rechte Kern des holsteinischen Adels...dazumal mußten allda in Dreck verfaulen so viel herrlicher und tapferer Ritter“, heißt es in dem Bericht der Saxonia. Der Bannerträger der Ritterschaft, Hans von Ahlefeld, suchte verzweifelt den ihm anvertrauten Danebrog zu retten und wand sich das Tuch um den Leib, bevor er fiel.
Vor drei Jahrzehnten wurde an dieser Stelle – zwischen Epenwöhrden und Dehling – beim Straßenbau ein Massengrab freigelegt, bei dem es sich um die Gefallenen des Reiterheeres handeln dürfte. Die Menschenschädel weisen ungewöhnliche Vestümmelungen auf, Zertrümmerungen wie von Schlägen mit Morgensternen und Beilen; hier dokumentiert sich, mit welcher grenzenloser Raserei gekämpft wurde.
Daß Wulf Isebrandts Kampfplan, die völlige Vernichtung der dänisch-holsteinischen Angriffstruppen, nicht zur Tatsache wurde, bewirkte eine Maßnahme des König Hannß: Er ließ den Führern des Trosses befehlen, die Landstraße vor Meldorf freizumachen; rücksichtslos wurden die Fahrzeug ein die Gräben geschoben – ein großer Teil seiner schwer bedrängten Truppen konnte so entkommen. In Richtung auf Hademarschen ging der Fluchtweg – erst in Rendsburg sammelten sich die zerschlagenen Reste. Dort fand sich auch König Hannß ein.
Für die freien Bauern muß das Ergebnis ihres Kampfes, der nach der ungeheuren Spannung und der unerhörten Anstrengung nun so eindeutig entschieden war, kaum faßbar gewesen sein. Auf der ganzen Ausdehnung des Marschlandes zwischen Meldorf und Heide war das Gelände mit Toten – Erschlagenen und Ertrunkenen – bedeckt, unermeßlich war die Beute an Waffen leichter und schwerer Art, an Fahrzeugen, an Pferden, an Schmuck und Gerät. Die Siegreichen Bauern weigerten sich, den verhaßten Adligen ein Begräbnis zu gewähren. Lange ließ man sie unbestattet liegen. „Dar hedden de Voegel und Hunde den Winter genoch to eeten.“ Erst durch Vermittlung von auswärtigen Geistlichen genügte man dann der Menschenpflicht, die Toten beizusetzen.
Gegenüber den zeitgenössischen Deutungen der Katastrophe, die – für die Besiegten – als Strafe Gottes aufgefaßt wurde und für die Dithmarscher als Zeichen göttlichen Erbarmens und göttlicher Gnade, gab König Hannß in Rendsburg eine realistische Erklärung:
Nicht durch die Tapferkeit der Feinde seien sie besiegt, sondern durch die ungewöhnliche Ungunst des Geländes und die verhängnisvollen Witterungsverhältnisse. Er läßt dabei unberücksichtigt, daß es die Aufgabe einer verantwortungsbewußten Führung gewesen wäre, diese natürlichen Gegebenheiten, die ja voraussehbar waren, in den Feldzugsplan einzubauen. Mit Recht wirft die Geschichte dem König vor, daß er den Gegner völlig falsch eingeschätzt hat.
Richard Carstensen, „Damals“ Heft 11, 1973
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Aptrgangr sagt:
I am republican anyway 
Lutiferre sagt:
me too, but thats mostly because i am against monarchy
„Noch sitzt Ihr da oben, Ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, doch dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade Euch Gott!“ (Theodor Körner 1791-1813)
Last edited by Aptrgangr; Tuesday, December 25th, 2007 at 19:26.
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