Lübecks Sieg über England
Lübecks Sieg über England
Im Frieden von Utrecht 1474 sicherte sich die Hanse ihre Privilegien
Begriffe wie "ruhmvolle Vergangenheit" und "großeZeit" haben nicht nur als kennzeichnend für deutsche Art zu gelten. In der Besatzungszeit des Jahres 1945 sprach sich ein englischer Verwaltungsoffizier in Lübeck recht abfällig über den totalen Zusammenbruch Deutschlands aus und äußerte dabei mit Nationalstolz, sein englisches Vaterland habe noch nie eine Niederlage erlitten. Der Lübecker Gesprächspartner, kenntnisreich beschlagen im Bereich seiner heimischen Geschichte, erklärte dem Vertreter der Siegermacht, daß dieser sich zumindest für einen historisch belegbaren Fall im Irrtum befinde.- " Und von wem sollte England jemals besiegt worden sein?" fragte der Brite überlegen. "Von Lübeck", entgegnete der Lübecker schlicht,"beim Friedensschluß zu Utrecht im Jahre 1474."
Weltweite Wirtschaftsmacht
Mit ihrem weit gespannten Netz von Faktoreien und den "Kontoren" – Bergen im Norden, Nowgorod im Osten, Brügge im Südwesten und London im Westen – beherrschte die Hanse als Wirtschaftskonzern fast ganz Nordeuropa. Auf der britischen Insel hatte sie in London als gemeinsame "Gildenhalle" den Stalhof in Besitz, unweit des Towers, unmittelbar an der Themse; auch in Boston und in der Hafenstadt Lynn, dem alten Linn Regis, besaß sie Niederlassungen. Im 15. Jahrhundert hatte die Hanse ihre Wirtschaftsmacht in England in gewaltiger Expansion des Handels mit englischen Tuchen ausweiten können. Sie verfügte über ungewöhnliche Privilegien, die ihr weithin den Vorrang vor den einheimischen Kaufleuten sicherte; sie konnte frei Handel treiben, erfreute sich zahlreicher Zollprivilegien und stellte eine Gesellschaft dar mit weitgehendem Recht auf Selbstverwaltung. Doch früh regte sich in England verständlicherweise Widerstand der Einheimischen gegen die fremden Konkurrenten, die "Osterlinge"; die "Merchant Adventurers", die "wagemutigen Händler suchten die Eindringlinge vom heimischen Markt zu verdrängen, griffen immer wieder die hansischen Privilegien an und wehrten sich gegen deren Verlängerung. Mehrmals kam es vor allem in den 50er Jahren des 15. Jahrhunderts zu schweren Gewalttaten. Englische Schiffe kaperten Schiffe der Hanse, die Hansen enterten dafür englische Schiffe. Doch konnten die englischen Könige Heinrich VI. (1421 bis 1471) aus dem Hause Lancaster und dann auch Eduard IV. (1442 bis 1483)aus dem Hause York nicht so, wie sie wollten – oder wie sie doch auf Wunsch der "Merchant Adventurers" sollten -, da das Land von den Rosenkriegen erschüttert wurde, nach außen aber die Spannungen mit Burgund schwere Aufgaben stellten. Da heiratete im Jahre 1467 der junge Herzog Karl der Kühne von Burgund die Schwester des englischen Königs, den englischen Kaufleuten stand nun Holland und Burgund offen. England fühlte sich jetzt stark genug um gegen die Hanse anzutreten. Auslösendes Moment dafür, daß aus dem schwelenden Konflikt ein offener Brand wurde, war eigentlich eine englisch-dänische Auseinandersetzung. Entgegen bestehenden Verträgen waren Kaufleute aus Lynn und Bristol 1467 nach Island gefahren und hatten auf der Insel furchtbar gehaust. Sie hatten den königlichen Vogt erschlagen, die Kasse geplündert, Häuser eingeäschert und anderes mehr. Zur Vergeltung ließ der dänische König Christian, zu dessen Herrschaftsbereich Island gehörte, sieben englische Schiffe, die den Sund passierten, aufgreifen und ihre Ladung beschlagnahmen. Da die englischen Kaufleute keine Möglichkeit sahen, sich an dänischem Gut schadlos zu halten, so wollten sie doch die Gelegenheit benützen, um den deutschen Konkurrenten beizukommen. Und so stellten sie den Überfall auf ihre Schiffe als ein Vergehen der Hanse hin. Die Begründung für diese Behauptung wurde dadurch erleichtert, daß die Kaperschiffe deren sich der dänische König bei diesem Schlag bedient hatte, vorher schon für Danzig gefahren waren. Der "Geheime Rat" glaubte den Kaufleuten der "Merchant Adventurers" und setzten daraufhin den Großteil der deutschen Kaufleute ins Gefängnis. "Sii hebben unss gevangen geholden to London, Lynnen unde Bostoyne 39 wekken lanck", klagen die Betroffenen. Das gewalttätige Vorgehen der Engländer war den Hansen so überraschend gekommen, daß sie nicht einmal Zeit fanden, ihre Schiffe zu warnen. Ahnungslos liefen noch zahlreiche Handelsfahrzeuge englische Häfen an und verfielen dort der Beschlagnahme. Doch der Friedensbruch erwies sich als politisch unklug, denn nun schlossen sich die Handelsstädte enger zusammen. Zwar gelang es den Engländern. Köln aus der gemeinsamen Front der Hanse herauszusprengen, die Kölner Kaufleute durften als einzige Gildehaus und Stalhof weiter benutzen, doch gewann Lübeck wieder mehr denn je die Leitung. Der Kaiser selber verwandte sich für die Freilassung der widerrechtlich inhaftierten deutschen Kaufleute, und auch König Christian von Dänemark bescheinigte den Hansen nochmals, daß sie an der Wegnahme der Schiffe unschuldig seien. Doch Einwendungen und Fürsprache waren gleichermaßen vergeblich wie auch die Bittschrift der einheimischen Tuchmacher und Lakenmacher, die durch das Ausbleiben der hansischen Abnehmer auf ihren Märkten erhebliche Einbußen erlitten. Sämtliche Hansestädte hatten ihren Handel mit England eingestellt, englisches Tuch wurde generell boykottiert. Der königliche Rat verurteilte die hansischen Kaufleute zum Schadenersatz. In London rief dieser Gerichtsentscheid eine erregte Volksbewegung gegen die Hansen hervor. Die Menge rottete sich zum Sturm auf den Stalhof zusammen und demolierte ihn gründlich. Das war gegen Ende des Jahres 1468. Sehr bald mußte König Eduard IV. erkennen, wie kurzsichtig das Vorgehen gegen die Hansen war. Seine innenpolitischen Schwierigkeiten machten ihm klar, welcher Vorteil daraus der hansischen Sache erwuchs und brachten ihn zum Einlenken. Er verschob die Vollstreckung des Urteils, entließ die hansischen Kaufleute aus der haft und verlängerte ihnen — allerdings gegen Zahlung von 4000 Nobel — die Privilegien.
Hanse-Fehde gegen England
Jetzt zeigte sich die Geschlossenheit des Städtebundes unter Lübecks Führung — genauer: unter Führung des Lübecker Bürgermeisters Heinrich Castorp."De gemene Kopman van de dudesche Hanse" war nicht gewillt, die Übergriffe hinzunehmen. Er plante vielmehr, seine Kaufleute aus England abzuziehen sowie die Einfuhr englischer Tuche in die hansischen Gebiete und die Ausfuhr hansischer Waren nach England zu verbieten. Man war entschlossen, England die Fehde anzusagen. Ohne die Zustimmung der Städte abzuwarten, eröffnete das Kontor zu Brügge sogleich den Kaperkrieg. Danzig schickte ebenfalls Kaper in See. Inzwischen wuchsen in England die inneren Schwierigkeiten. König Eduard IV. wurde von eben dem Grafen Warwick gestürzt, der ihm vor zehn Jahren zum Thron verholfen hatte. Der zeitweise geistesgestörte Heinrich VI. wurde aus seinem Gefängnis im Tower geholt und wieder auf den Thron gesetzt. Währenddessen festigte sich die Stellung der Hanse immer mehr. Castorp ging getreu seinem Wahlspruch vor: "Lasset uns tagfahrten (verhandeln). Mit Erfolg!", und er spann die diplomatischen Fäden, spielte Frankreich gegen England aus, und Burgund gegen Frankreich, - er verstand es, sich so zu verhalten, daß alle Mächtigen um die Gunst der Hanse warben. Dabei wußte Castorp sehr gut, daß einige feste kaperschiffe auch für die Verhandlungen recht "schlagkräftige" Argumente waren. Die Hanse verlangte von England nach wie vor die Aufhebung des Schadenersatzurteils, die Wiederherstellung der alten Rechte und Privilegien. Zu einem Kompromiß war sie nicht bereit. Als sich Eduard nach Holland in die Freiheit retten konnte, machte er, zum Einlenken genötigt, Vermittlungsvorschläge zur friedlichen Beilegung der hansischen Beschwerden. Doch die Hanse machte jetzt — es war Ende 1470 — mit den in Aussicht genommenen Kampfmaßnahmen und den angedrohten Repressalien ernst: Der hansische Kaufmann wurde aus England abberufen, die Ausfuhr in das Inselreich wurde eingestellt, der Import englischen Tuchs in das hansische Gebiet hörte völlig auf. Zahlreiche englische Schiffe wurden im Kaperkrieg als gute Prise in die Nordseehäfen geführt. Zwei Danziger Kaper schlugen sich erfolgreich gegen eine überlegene englische Flotte. Auch gegen die Kölner, deren Verhalten als bundbrüchig gegeißelt wurde, ging man in dem verwegenen Kaperkrieg vor.
Wilder Kaperkrieg
Es erwies sich als kluger Beschluß der Hanse, den vertriebenen König Eduard zu unterstützen. Er konnte — während der Krieg gegen England weiterging — mit ihrer Hilfe nach England zurückkehren und den Thron zurückgewinnen. Spannungsreiche Monate folgten: Eduard konnte auch jetzt die Bedingungen der Hanse nicht ohne weiteres erfüllen, da er auf die Unterstützung des städtischen Bürgertums in England angewiesen war, und dieses Bürgertum war antihansisch eingestellt. Es wurde verhandelt, man gewährte sich gegenseitig Privilegien und hob sie wieder auf. Dabei lief der Kaperkrieg weiter. Die Interessen der einzelnen Hansestädte traten nicht selten in Widerstreit wie auch die verschiedenen politischen Parteien und der "pressure groups" in England. Karl der Kühne von Burgund, mit dem englischen König verbündet, wünschte im Interesse seiner Handelspläne völlige Einstellung der Feindseligkeiten. Eduard selber knüpfte insgeheim Verhandlungen mit dem Kontor zu Brügge an. Doch bis zum Sommer 1473 dauerte der Kriegszustand noch an. Kaperschiffe der Hansen und besonders das riesige Krawel "Peter von Danzig", das unter dem Kommando des gefürchteten Seehelden Paul Beneke stand, hielten auch den neutralen Seehandel in Atem. Beneke kaperte damals in kühnem Handstreich die unter burgundische Flagge segelnde "Sankt Thomas, die einer florentinischen Handelsgesellschaft gehörte und mit reicher Befrachtung von Brügge auf dem Wege nach Florenz war; unter den zahlreichen Schätzen hatte das Schiff Hans Memlings Altarbild "Das jüngste Gericht", das soeben fertiggestellt war, an Bord. Beneke übergab seine Beute der Marienkirche, und trotz zahlreicher Einsprüche verblieb das unschätzbare Gemälde in Danzig.
Hansen für den Frieden
Damals im Juli 1473 begannen in der alten Bischofsstadt Utrecht mit einem Waffenstillstand die bedeutungsvollen Verhandlungen zwischen der Hanse und England. Es war eine stattliche Versammlung von Ratssendboten aus zahlreichen Hansestädten, auch die hansischen Kontore waren vertreten; von der Gegenseite hatten sich Gesandte des englischen Königs, der Herzöge von Burgund und der Bretagne, der niederländischen Lande und Städte eingefunden. Die Vertreter der Hanse — und Heinrich Castorp als deren Sprecher — standen durchaus im Mittelpunkt des Kongresses. Ihre Forderungen waren einfach und lauteten eindeutig auf Schadenersatz, auf Aufhebung des Gerichtsurteils und auf Bestätigung der Privilegien. Schritt für Schritt gaben die englischen Unterhändler nach, nicht zuletzt, weil Heinrich Castorp sehr deutlich durchblicken ließ, daß die Hanse beim scheitern der Verhandlungen leicht einen Pakt mit Frankreich schließen könnte. Die Engländer willigten in die Wiederverleihung der alten Vorrechte ein, sie stimmten zu, die Rechtskraft des Urteils von 1468 gegen die hansischen Kaufleute aufzuheben und alle Prozesse gegen die Hanse niederzuschlagen. Die Hansen waren hier ziemlich schnell zu einem Erfolg gelangt. Mit ihrer Forderung, England solle die Kölner preisgeben, konnten sie sich nicht sogleich durchsetzen. Als die englischen Unterhändler sie jedoch mit Ausflüchten hinzuhalten suchten, drohten sie mit sofortiger Abreise. Der Vertrag, der in Utrecht geschlossen wurde, mußte vom englischen Parlament bestätigt werden; den waffenstillstand verlängerte man bis zum 1.März 1774. Die große Mehrheit des Inselreichs wollte Frieden mit der Hanse.
Alle Forderungen erfüllt
Auch König Eduard bewilligte alle hansischen Forderungen. Bedeutungsvoll war — besonders für die Lage Kölns — der Vertragspunkt, daß der Ausschluß aus der Hanse zugleich den Verlust der hansischen Privilegien in England nach sich ziehen sollte. Unter den paktschließenden Städten nahm Lübeck eindeutig die Führungsposition ein. Das Friedenstraktat wurde namens der Hanse unter dem Siegel Lübecks ausgefertigt. Als sich die Travestadt dann angesichts des belastenden Kostenaufwands bei der Durchführung der Vertragseinzelheiten zurückhalten wollte, erklärten die andern Ratsgesandten einmütig: "Wolden sick de van Lubeke nehdeme se dat houet van de hanse weren, daruth trecken, bedüchte ene nich redelick" ("Wollten sich die Lübecker, wo sie doch das Haupt der Hanse seien, dem entziehen, so würde man das nicht als redlich ansehen"). Am 24. Februar 1774 wurden die langwierigen Verhandlungen abgeschlossen. "Wii hebben eynen ende myt de Engelschen gemaket", betonten die lübischen Ratssendboten in einem Schreiben an Danzig selbstbewußt "Lieber wollen wir mit allen Fürsten der Welt verhandeln als mit den hansischen Ratssendboten", erklärten die englischen Gesandten am Schluß erschöpft. Zu einem wesentlichen Teil war dieser Erfolg Heinrich Castorp zu verdanken. Als überragende Persönlichkeit hat er ein Vierteljahrhundert lang entscheident die lübische Politik gelenkt. "Wir können zwar leichtlich die (Kriegs-) Fahne auf den Stock binden, aber es kostet große Mühe und Sorgen viel, sie wieder abzulösen", war eine Leitlinie seines Vorgehens. Er bemühte sich immer darum, zuerst alle Möglichkeiten für Verhandlungen voll auszuschöpfen, ehe man zu gewaltsamer Entscheidung schritt. Dieser friedliche Grundsatz hat sich während seiner Amtszeit fruchtbar bewährt; seine Gegner wußten, daß sich hinter solcher Zurückhaltung nicht etwas Schwäche verbarg. Um jene Zeit erhielt das Holstentor die Inschrift:" Concordia domi – foris pax", die Castorps weitschauende Politik treffend kennzeichnet: "Eintracht drinnen – draußen Friede". Die Forderungen der Hanse waren alle erfüllt: Das Urteil war aufgehoben, die Prozesse niedergeschlagen, die Privilegien uneingeschränkt anerkannt. Von besonderer Bedeutung für die "Kaufleute von dem Bund der teutonischen Hanse" war es, daß ihnen der Stalhof zu London und der zu Boston zu dauerndem Eigentum – "nah dem Wasser" – gelegenes Haus in Lynn. Dieses Haus gehört zu der bemerkenswerten Gruppe mittelalterlicher Bauten, die sich in Norfolk erhalten haben, und ist erst vor kurzer Zeit restauriert worden. Die zahlreichen Gebäude sind, teils als Wohn-, teils als Lagerhäuser, um einen Mittelhof errichtet und stoßen mit ihrer Rückseite am Ouse-Fluß unmittelbar an den Kai.
"Foris pax"
Mit Recht konnte Lübeck behaupten, daß der Bestand seiner Freiheiten gefestigter sei als je zuvor. Der Vertrag bedeutete praktisch die Kapitulation Englands vor der Hanse und war für die englischen Kaufleute ein schwerer Rückschlag bei ihrem Versuch, ihren Handel auszuweiten. Erst ein volles Jahrhundert später konnten sie in Skandinavien, in Deutschland und in den Ostseeprovinzen Fuß fassen. Im Frühjahr 1475 waren die Ausführungsverhandlungen so weit gediehen, daß König Eduard und der Londoner Rat den hansischen Kaufleuten die Stalhöfe in London, in Boston und in Lynn zu dauerndem Eigentum übergeben konnten; die drei Städte erhielten zusätzliche Garantien. Ebenso traten die anderen Friedensbestimmungen in Kraft. London erkannte die hansischen Freiheiten an und erneuerte die Urkunden, die z.T. bereits vor zwei Jahrhunderten ausgestellt waren. König Eduard ließ den Frieden feierlich verkünden. Das Kontor in London, das die Volksmenge weitgehend zerstört hatte, war inzwischen wieder hergestellt. Der englische König schützte Handel und Schiffahrt vor den Übergriffen und Gewalttaten der englischen Piraten und überwachte die Einhaltung des Vertrags. Sehr schnell erholte sich der Handel von den Wunden, die ihm die lange Kriegszeit geschlagen hatte. Die Jahre des Friedens wurden für den hansischen Handel in England eine Zeit des Aufschwungs. Innerhalb von wenigen Jahren stiegen die Zollausgaben von jährlich 130 Mark lübisch auf 957 Mark, die Tuchausfuhr von 6100 Stück auf das Vierfache. Mit dem Verlust der Privilegien im Jahre 1598 begann der Niedergang des Stalhofs. Im Jahre 1603 wurde er geschlossen, um die Mitte des 19. Jahrhunderts an englische Kaufleute veräußert.
Lübecks Sieg über England von Richard Carstensen, entnommen aus "Damals".
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