Antike Fragezeichen?
ODER: WAS KÖNNEN WIR AUS DER ANTIKE LERNEN?
Wie kam es dazu? hat man sich nach jeder Katastrophe gefragt. Eine restlose Antwort hat man nie bekommen. Und doch muß man sich immer wieder dieselbe Frage stellen. Denn die Hoffnung haben wir immer, daß wir früher oder später zu sicheren Anhaltspunkten kommen werden.
• ÄGYPTER
Das Studium der Geschichte des Alten Ägypten ist sehr aufschlußreich für die gesamte Menschheitsentwicklung. Zu der Zeit, als die Entwicklung des Pharaonenreiches zum ersten Mal in Handschriften dokumentiert ist (etwa 3400 v.Chr.), hatte das ägyptische Volk schon eine beträchtliche Höhe sozialer, wirtschaftlicher und politischer Organisation sowie geistiger Kultur erreicht. Ägypten muß eine lange, hochinteressante, aber von der Geschichtswissenschaft noch ziemlich unerforschte Vorgeschichte gehabt haben. Früher glaubte man nicht, daß eine Hochkultur im Steinzeitalter möglich gewesen wäre, eine Vorstellung, die heute überholt ist. Bei Ausgrabungen in Jericho fand man die Überreste einer Stadt, die aus dem 7.Jahrtausend v.Chr. stammt. Noch größere, ebenso alte Städte entdeckte man auch in Kleinasien; Städte mit Palästen und Tempeln, Märkten und Straßen, Städte, die ein hochentwickeltes soziales, wirtschaftliches und geistiges Leben gehabt haben müssen. Also eine frühzeitliche Hochkultur. Auch bei der Ankunft der spanischen Konquistadoren in Amerika fanden sich bereits Hochkulturen vor. In der aufsteigenden Dritten Dynastie war in Ägypten überall im Lande das Kupfer bekannt und in Gebrauch. Erst tausend Jahre später, also um etwa 2000 v.Chr., kam auch die härtere Bronze in Verwendung.
Die großen Herrscher dieser Zeit, Zoser und Sufru sind für uns nur geheimnisvolle Namen. Unbekannte Sinnbilder einer Kultur und einer sozialen Ordnung, die wir heute noch bewundern. Die Gesellschaft des Ersten Reiches kann man als staatssozialistisch bezeichnen. Der gesamte Boden des Staates war im Besitz der Pharaonen. Aber nicht nur die Bauern, sondern auch die Priester, Beamten, Kaufleute und Handwerker arbeiteten im Dienste des Pharaos. Dieser war das Symbol der nationalen Gemeinschaft und Geschlossenheit. Das soziale Leben beruhte auf einer auf Tradition und Erziehung beruhenden Rechtsauffassung, die zum Gesamtbewußtsein des Volkes geworden war. Es war für jedes Mitglied dieser Gemeinschaft, also auch für den Pharao, eine Verpflichtung, armen Menschen, die in Schwierigkeiten geraten waren, Hilfe zu leisten. Ämter und Titel wurden nicht vererbt. Die hohen Beamten mußten oft ihre Aufgabe wechseln, so daß sie einerseits eine vielfältige Erfahrung bekamen und sich andererseits nie zu feudalen Fürsten entwickeln konnten.
In dieser Epoche erreichte die ägyptische Wissenschaft und die Technik eine später nie gekannte Höhe. Die Pyramiden, diese gewaltigen Grabmäler, wurden von den Nachkommen Sufrus erbaut. Man betrachtet sie oft als Ausdruck eines pharaonischen Herrscherwahns. Diese Auffassung ist wahrscheinlich falsch, vielmehr sind die Pyramiden ein Triumph der damaligen Zeit. Man könnte sich in unseren Tagen ebenso die Frage stellen, ob die Resultate, die beispielsweise die Weltraumfahrt erbringen in einer Relation zu den gewaltigen Unkosten stehen, die sie verursachen. Sie werden allgemein als Großleistung menschlichen Denkens und menschlichen Schöpferwillens empfunden. Selbstverständlich stehen heute hinter diesen Bestrebungen auch strategische Überlegungen, machtpolitisches Denken und beinharte wirtschaftliche Interessen internationaler Konzerne. So gesehen läßt sich vermuten, daß ähnliche Gesichtspunkte auch für den Bau der Pyramiden maßgeblich waren.
Diese gigantischen Bauwerke, deren Rätsel von der modernen Forschung noch immer nicht ganz gelöst worden sind, waren sicherlich das Sinnbild der kulturellen Höhe ihrer Zeit, waren der Stolz des Reiches und seiner Bürger.
Die Auflösung des Ersten Reiches ereignete sich später. Wenn sie mit dem Pyramidenbau etwas zu tun gehabt haben sollte, dann nur indirekt. Manche Historiker vermuten, daß durch die teuren Bauten das Finanzsystem des Staates zerrüttet wurde, aber diese These kann nicht bewiesen werden. Hingegen ist erwiesen, daß die Pharaonen allmählich damit begannen, ihren führenden Mitarbeitern als Anerkennung ein Stück Boden mit privatem Besitzrecht zu vermachen. Dadurch entstand ein Adel, dessen Macht nicht vom Pharao, sondern von dem eigenen Grundbesitz abhängig war, die Nachkommen der treuesten Paladine wurden allmählich zu Machtrivalen der Pharaonen. Die sozialen Grundsätze des Ersten Reiches wurden zwar nicht wesentlich eingeengt, die sozialen Gegensätze jedoch zunehmend verschärft. Es kam, wie es kommen mußte: Am Ende dieser Periode brach ein Aufstand aus. Die Massen erhoben sich gegen ihre Unterdrücker und nach gewaltigen und grausamen Kämpfen, die man ruhigen Gewissens als Klassenkampf bezeichnen kann, siegten die Unterdrücker. Aber um die Ausdehnung des Reiches war es endgültig geschehen; der Staat zerfiel in viele Kleinstaaten. Schließlich griffen primitive Stämme aus Asien und Libyen ein. Das dritte Jahrtausend näherte sich seinem Ende.
Aus dieser finsteren Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Reich stammen einige Worte, die die Wesensart der von Osten eingedrungenen Fremdvölker beschreiben sollten: „Der elende Asiat: schlecht ist der Ort, wo er sich aufhält, schlecht ist sein Wasser, unzugänglich sein Land durch die vielen Bäume, und selbst seine Wege sind unbefahrbar der Berge wegen. Nie wohnt er auf demselben Platz. Seine Füße wandern immer. Seit der Urzeit kämpft er ohne zu siegen, aber er wird auch nie besiegt.“
Zur Zeit des Pyramidenbaues befand sich nicht nur die Technik, sondern auch die Wissenschaft auf einem Höhepunkt. Die empirischen Methoden standen im Vordergrund. Auf dem Gebiet der medizinischen Forschung zum Beispiel wurden Erfolge erzielt, die dann erst wieder im 18.Jahrhundert n.Chr. in das Wissen der Menschheit eingefügt werden konnten. Gleichzeitig mit dem Vormarsch des Feudalismus wurden die empirischen Methoden von methaphysischen Vorstellungen ersetzt. Die Vernunft wich zurück, der Aberglaube nahm zu. Auf Erfahrungen und Experimente aufgebaute Wirklichkeitsanalysen wurden gegen ungeprüfte Spekulationen und magische Vorstellungen ausgetauscht. Der langsame Rückfall der Wissenschaft auf schwachsinnige okkulte Handlungen gab sicherlich den Ausschlag beim Fall des Ersten Reiches.
Der Aufstieg des Zweiten Reiches unter den Pharaonen der zwölften Dynastie, wie Amenemhet I. und Sesostris I., bedeutete einen Höhepunkt, besonders auf dem Gebiet der Kunst und Literatur, die die Errungenschaften des Ersten Reiches übertraf. Die alte Rechtsauffassung mit ihren hohen sozialethischen Werten wurde wieder herge-stellt. Der Feudalismus konnte jedoch nicht gebrochen werden, wenn er auch unter den Pharaonen dieser Epoche sehr viel von seiner Macht verlieren sollte. Innerdynastische Gegensätze ermöglichten aber allmählich eine neue Machtentwicklung der Feudalfürsten; das Reich begann wieder zu zerfallen. So kam um ca. 1700 v.Chr. das semitische Nomadenvolk der Hyskos (Hirtenkönige) in das Land. Sie führten das Pferd und den Pferdewagen ein.
Diese Invasion war viel gefährlicher als das Eindringen der Fremdvölker beim Sturz des Ersten Reiches. Ganz Ägypten war über ein Jahrhundert von den im Deltaland regierenden Hyskosfürsten beherrscht. Die Mehrzahl der ägyptischen Feudalherren behielten ihre Stellung nun als Vasallen der Hyskosherrscher. Die breite Masse des Volkes ließ sich aber nie von den Hyskos infiltrieren. Die ägyptische Religion wurde in diesen harten Zeiten zum Sinnbild der nationalen Eigenart. Die ägyptischen Priester wurden die Führer der Widerstandsbewegung, und als der Freiheitskampf voll ausbrach, waren die Priester die natürlichen Propagandisten des kämpfenden Ägyptertums. Der Glaube als Ausdruck des unterdrückten nationalen Selbstbewußtseins flammte wie ein Flächenbrand über das ganze Land. Ahmose, ein tatkräftiger Fürst aus dem südägyptischen Theben, wurde zum Helden des Kampfes und gründete um 1850 die berühmte achtzehnte Dynastie. Der Feudalismus, der sich mit den Hyskos verbündet hatte, wurde hinweggefegt. An die Stelle des Adels trat das Priestertum als neue führende Klasse. Diese Tatsache gab dem nun folgenden Dritten Reich seine Prägung. Die Fremdherrschaft der Hyskos hatte dem ägyptischen Volk eine Erfahrung gelehrt, die es lange nicht vergessen sollte. Nun folgen die großen Kriegspharaonen. Thutmosis III., der größte Feldherr der ägyptischen Geschichte, führte seine siegreichen Truppen bis zum Euphrat; Palästina und Syrien wurden erobert. Ägypten war zur ersten Weltmacht der Geschichte geworden.
In dieser Periode trat eine ganz neue Erscheinung in der ägyptischen Geschichte in den Vordergrund. Neben den Pharaonen stehen zwei Königinnen, Hatschepsut und Teje, die eine bedeutende politische Rolle spielten. Hatschepsut war die Tochter Thutmosis I. und wurde mit Thutmosis III. verheiratet. Sie regierte lange mit ihm gemeinsam und ließ sich als Pharao bezeichnen. Während dieser Zeit wurden die kriegerischen Unternehmungen in Syrien fast eingestellt und erst nach ihrem Tode konnte Thutmosis III. seine berühmten Feldzüge beginnen.
Die Nachfolger von Thutmosis III. - Amenophis II. und Thutmosis IV. - waren tatkräftige Staatsmänner, die mit eiserner Hand die ägyptische Politik in Syrien und Nubien fortsetzten. Die innere Lage Ägyptens veränderte sich aber im Zeichen der Siege und der damit gewonnenen äußeren Sicherheit. Die aus dem Freiheitskampf gegen die Hyskos stammende kämpferische Haltung der Bevölkerung wurde Schritt für Schritt abgebaut. Amenophis III., der „Playboy“ unter den Pharaonen, führte keine Kriege. Er wirkte als Oberhaupt der Verwaltung und führte Inspektionsreisen in die verschiedenen Teile seines Reiches durch. Seine Gemahlin, Königin Teje, war bürgerlicher Abstammung und erhielt eine Stellung, die mit derjenigen Hatschepsuts in vieler Hinsicht zu vergleichen war. Wenn vermutet werden kann, daß es zwischen Hatschepsut und Thutmosis III. gewisse politische Spannungen gab, so scheint es, als ob Teje und Amenophis III. derselben Meinung waren und gut zusammenarbeiteten.
Man kann sich nun fragen, woher dieser neue Zug der pharaonischen Verfassung kam. Die starke konstitutionelle Stellung der Königin war in Ägypten früher nicht bekannt; die Antwort ist nicht schwer zu finden. Wir begegnen hier dem ersten Einfluß aus dem Norden. In Kleinasien hatten um etwa 2000 v.Chr. die Hethiter einen Staat aufgebaut, der sich zur ersten indogermanischen Großmacht der Weltgeschichte entwickelte. Die Hethiter hatten eine ganz andere Verfassung als die Ägypter und die semitischen Völker in Assyrien und Babylonien. Neben dem König stand eine Adelsversammlung, eine Art antikes Parlament, welche besondere Befugnisse hatte. Die Königin hatte ebenfalls eine Sonderstellung. Sie hatte in gewissen Fragen ein verfassungsmäßiges Vetorecht gegen die Beschlüsse des Königs sowie der Adelsversammlung. Die starke Stellung der Königin im hethitischen Reich hat zweifelsohne die Entwicklung in Ägypten beeinflußt, besonders als die Hethiter und Ägypter in Syrien mehrmals zusammengetroffen waren. Die Spannung zwischen den beiden Großmächten wandelte sich während der Regierung Thutmosis IV. in ein Bündnis um. Der betreffende Vertragstext wurde bei Ausgrabungen in Bogazköy, der Hauptstadt der Hethiter vor mehreren Jahren wiedergefunden. Gleichzeitig mit der Auflösung des vom Freiheitskrieg ererbten Geistes erstarrte die Stellung des Priestertums. Anfangs waren die Priester mit dem Volke verbunden, sie waren die führenden Träger des kämpferischen Willens der Massen. Mit der Zeit jedoch wurden sie sich ihrer Stellung als neue Herrscherklasse bewußt. Die Tempel wurden immer reicher, die Priester immer fauler. Die Zeit reifte zur großen Reformation, geprägt von Echnaton.
Echnaton, der Gatte der Nofrotete - sein Name war zuerst Amenhotep IV. - gehört zweifelsfrei zu den großen Gestalten der Weltgeschichte. Die Folgen seiner Regierung jedoch wurden für Ägypten schicksalsschwer. Schon als er Pharao wurde, war Echnaton überzeugter Anhänger eines monotheistischen Glaubens (Eingottglaube), in dessen Mitte die Sonne als Sinnbild der Allmacht und der Liebe stand. Seine neue Lehre war eine Kampfansage an die von den Priestern gepflegten religiösen Vorstellungen, aber damit auch gegen die Ideen, die einst den Freiheitskampf gegen die Hyskos getragen hatten. Das Priestertum konnte deshalb nicht nur die religiösen Vorurteile, sondern auch die nationalen Traditionen gegen den Ketzerpharao ins Treffen führen. Die in einer solchen Lage natürliche Gegenmaßnahme des Pharao wäre eine Kampfansage gegen die herrschende Klasse, das Priestertum, gewesen. Die Enteignung des Klerikalismus, die Entsendung halsstarriger Priester in die Kupfergruben der Sinaiberge, hätte die augenblickliche Lage, sowie die zukünftige Entwicklung völlig verändern können. Dazu hatte Echnaton jedoch nicht die nötige Kraft; er war ein Idealist und Träumer.
Nichts, was während 3000 Jahre ägyptischer Geschichte geschaffen wurde ist so lebendig geblieben, wie die Botschaft dieses königlichen Revolutionärs. Aber der Grenzschutz wurde sträflich vernachlässigt. Vergeblich baten die Garnisonen in Syrien und Palästina um Verstärkungen und Hilfe, umsonst auch die von nubischen Rebellen umschwärmten Stützpunkte im Süden des Reiches. Als Echnaton starb, kam die Reaktion; unbarmherzig und kompromißlos: Das Priestertum ergriff die Macht. Der schwächliche Thronfolger Tutenchamon vermochte nichts dagegen zu unternehmen. Erst der in Syrien wieder siegreiche Feldherr Haremheb konnte das Reich neu aufrichten. Als Begründer der neunzehnten Dynastie rettete er die Großmachtstellung Ägyptens. Aber die Macht des Priestertums war bereits gefestigt und gegen die Diener der Götter konnte selbst der Pharao nichts mehr unternehmen.
Nach einer neuen Periode von Größe kamen neue Völkereinbrüche in das fruchtbare Land. Um 1200 v.Chr. drangen die Stämme vom Norden wieder südwärts. Das hethitische Reich wurde zertrümmert und das griechische Mykene stand in Flammen. Von Kleinasien drangen wilde Horden weiter südwärts, und über das Mittelmeer kamen Seevölker. Sie landeten in Libyen und näherten sich dem ägyptischen Reich auch von der Westseite. Libysche Stämme hatten bereits während der Hyskosperiode in das Deltatal einzudringen versucht. Jetzt kamen sie mit den Seevölkern zusammen. Pharao Menephta schlug sie kurz vor 1200, aber der entscheidende Sieg kam erst 1191, als Ramses III. die von beiden Seiten anstürmenden Feindkräfte besiegte. Mit dieser Tat des letzten der großen Pharaonen war aber die Kraft des ägyptischen Volkes für immer gebrochen. Die Libyer, die vergebens das Deltaland zu erobern versucht hatten, befanden sich nachher in großen Scharen als Arbeiter im Lande.
Auch nubische Arbeitskräfte aus dem Süden wurden in großer Zahl beschäftigt. Diese Fremdarbeiter dienten aber als - um es modern auszudrücken - fünfte Kolonne. Es dauerte nicht lange, und ein Libyer wurde zum Pharao ausgerufen. Nach den libyschen Pharaonen kamen nubische, völlig negroide Typen, die mit der alten Kultur der drei großen Reiche nichts mehr gemeinsam hatten. Und als schließlich die Assyrer nachfolgten, war überhaupt kein Widerstandswille mehr vorhanden. Die assyrische Militärmacht eroberte das Land am Nil. Theben brannte und die Kunde von den Grausamkeiten bei seinem Untergang rollte wie eine Angstwelle über die alte Welt.
Noch einmal erhob sich jedoch dieses ruhmreiche Volk. Im Jahre 663 v.Chr. gelang es einem ägyptischen Fürsten, die Assyrer in blutigen und verlustreichen Kämpfen zu vertreiben. Er wurde Pharao unter dem Namen Psammetich I. Damit begann die sogenannte saitische Restauration. Die saitische Restauration war eine typische Erscheinung eines geschichtsromantischen Konservatismus. Psammetich versuchte, die Formen des Dritten Reiches, also Formen, die etwa 500 bis 600 Jahren vorher lebendig gewesen waren, wieder ins Leben zu rufen. Ägypten sollte noch einmal die Größe seiner Vergangenheit erleben. Sein Nachfolger, Necho, unternahm einen Feldzug nach Palästina und Syrien. Städte und Festungen fielen. Jerusalem wurde erobert. Aber er wurde bei der Euphratfestung am Karchemisch, wo einst die letzten Hethiter so tapfer gefochten hatten, von den Babyloniern geschlagen und mußte sich unter dem Jubel der Sieger nach Ägypten zurückziehen. Der Kern des saitischen Heeres bestand zum Großteil aus griechischen Söldnertruppen. Die griechische Kultur war im Aufblühen. In den Städten Kleinasiens, sowie auf den unzähligen Inseln des ägäischen Meeres war das abendländische Denken im Entstehen begriffen, zu gleicher Zeit, als die griechische Lyrik ihre Blütezeit erlebte. Die Pharaonen standen der griechischen Gegenwart näher als der ägyptischen Vergangenheit. Ihr Bemühen, die Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen, scheiterte. Dem Siegeszug der neuen persischen Großmacht konnten die Pharaonen nichts entgegensetzen. Im Jahre 525 stand der Perserkönig Kambyses II. am Nilufer. Der letzte saitische Pharao, Psammetich III., war der letzte in der langen Reihe der Pharaonen.
Der Untergang des Ersten Reiches ist leicht zu erklären. Die Auflösung des empirischen Denkens, sowie die verheerende Wirkung des langsam heranwachsenden Feudalismus führte allmählich zum Fall des Pyramiden-reiches. Noch einfacher sind die Gründe für den Untergang des Zweiten Reiches: innerer Zwiespalt und äußere Bedrohung. Der Untergang des Dritten Reiches ist schwieriger zu erklären. Es handelt sich hier um einen fortlaufenden Prozeß, der Jahrhunderte währte, eine langsame Verwässerung des ganzen ägyptischen Wesens. Die Vorherrschaft einer klerikalen Oberschichte hat die Verbreitung eines von Magie und Aberglauben getragenen Primitivismus gefördert. Diese Tatsache hat die breite Masse des Volkes von den noch vorhandenen kulturschöpfenden Kreisen entfernt. Trotz des fortschreitenden Verfalls gab es in Ägypten noch Dichter und Denker, die beispielsweise als Inspirationsquelle den Verfassern des Alten Testaments gedient haben könnten. In Hymnen und Weisheitsbüchern verspürt man ein Echo von Echnaton, das die Priester tolerierten, weil es ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte. Libyer und Nubier konnten als Nachfolger der großen Pharaonen geduldet werden, da sie nichts gegen den herrschenden Klerikalismus unternehmen konnten. Dies bedeutete jedoch den endgültigen Verfall des Staates und der Staatsverwaltung.
Dazu kommt eine entscheidende Frage, die leider von der Geschichtswissenschaft noch nicht klar beantwortet werden kann. Welche Rolle hat die Vermischung der libyschen und nubischen Arbeitskräfte für die ägyptische Urbevölkerung gespielt? Daß sie als fünfte Kolonne eine auflösende politische Funktion hatten, ist offenbar. Die Bedeutung der semitischen Arbeitskräfte aus Akkad in der sumerischen Gesellschaft gibt uns hier eine typische Parallele. Fremdarbeiter als Hilfskräfte eines Angreifers sind eine oft vorkommende Erscheinung in der Geschichte; lieferten sie aber auch durch die Vermischung die biologischen Voraussetzungen für die Vernichtung der ägyptischen Kultur? Erstens wissen wir nicht, wie tiefgreifend die Vermischung gewesen ist und zweitens können wir heute nachträglich nicht mehr die Bedeutung einer Veränderung der vererbten Eigenschaften für das Aufrechterhalten eines bestimmten Kulturmusters feststellen. Wir können hier lediglich Vermutungen anstellen, aber seriös wissenschaftlich belegte Beweise gibt es nicht. Hier kann uns nur ein enges Zusammenspiel zwischen biologischen und soziologischen Forschern zu einem Ergebnis verhelfen. Reiche sind entstanden und vergangen, aber während drei Jahrtausenden haben sich aus der Mitte des ägyptischen Volkes immer neue Führerpersönlichkeiten erhoben, die eine Niederlage in einen Sieg wenden konnten. Mit der Zeit jedoch waren keine Führer mehr da.
Die letzten, die Pharaonen aus Sais, vermochten nichts mehr zu unternehmen, weil die dynamischen Kräfte des Volkes verbraucht waren. Erklärungen dafür sind zuhauf vorhanden, ich habe sie hier aufgezeigt, wenn auch schlagende Beweise fehlen mögen.
• GRIECHEN
In der Geschichte Griechenlands begegnen wir einer neuen Problematik, der Problematik der Freiheit, und damit neuen Fragezeichen. Das freie Mitbestimmungsrecht völkischer Kräfte kennt die ägyptische Geschichte nicht, die assyrische oder babylonische ebensowenig, wie darzustellen ich versuchte. Einzig und allein bei den Hethitern finden wir erste Ansätze einer freien Verfassung, jedoch sind uns Historikern viel zu wenig Einzelheiten aus der hethitischen Geschichte bekannt, um wirklich sichere Schlußfolgerungen ziehen zu können. In Griechenland hingegen finden wir viel mehr Anhaltspunkte, hier stehen wir schon am Beginn unserer eigenen Geschichte.
Die freien Gesellschaftsformen in Hellas sind älter, als früher angenommen wurde. Die ursprüngliche Bevölkerung gehörte der älteren Mittelmeerrasse an und hatte eine zweifelsfrei hochstehende neolithische Bauernkultur entwickelt. Etwa um 3400 v.Chr. drangen neue Siedler in das Land ein, die ursprünglich runden Haustypen wurden durch regantuläre ersetzt. Diese sogenannte Diminikultur kam wahrscheinlich aus dem Norden; in Kleinasien hat man bis jetzt keinerlei Vorbilder dieser Haustypen gefunden. Die Diminivölker entwickelten allmählich eine gewisse städtische Kultur. Als um ca. 1900 v.Chr. die indogermanischen Jonier in das Land eindrangen, bedeutete dies den Untergang der Diminikultur. Die Verbindungen mit Kreta und den übrigen Teilen der ägäischen Inselwelt wurden abgebrochen. Langsam fing die Kultur wieder an zu blühen, auch auf dem griechischen Festland. Um etwa 1600 v.Chr. kamen die Achäer; diese neue Invasion bedeutete jedoch keinen Bruch in der kulturellen Entwicklung, im Gegenteil, die Verbindungen mit Kreta wurden wieder intensiver. In Attika hatten sich die Jonier niedergelassen, die Achäer gründeten Fürstentümer in Mittelgriechenland und auf dem Peleponnes; sie waren wahrscheinlich schon sehr früh in einer Art Staatenbund vereinigt. Der kulturelle Mittelpunkt war zuerst Orchomenos in Böotien, wurde aber später nach Mykene in Argolis verlagert.
Die Gesellschaft der Achäer wird oft als feudal bezeichnet, es scheint aber, als hätte das Königstum bei den Achäern eine wesentlich größere Rolle gespielt als beispielsweise später in den typischen mittelalterlichen Feudalstaaten. Das Königstum war sakral; die Tempel und die Tempelerde gehörten dem König. Ihm untergeben war ein gut organisierter Verwaltungsapparat. Gleichzeitig jedoch wurde die Bauernschaft „Damos“, eine Körperschaft mit eigenen Rechten, vom König respektiert. Die Handwerker in den Städten waren ebenfalls im Verband eigener, vom Staat anerkannter Körperschaften mit eigenen Rechten und Pflichten verbunden. Es handelte sich um eine Art primitiven Korporatismus. Die Körperschaften der Bauern und Handwerker wurden als legale Vertretungen ihrer Mitglieder anerkannt und nicht ausschließlich als Werkzeug eines allmächtigen Pharaonen, wie im staatssozialistischen Ägypten, benutzt.
Das achaische Griechenland hatte sehr rasch ein eigenes Profil erhalten. Im Anfang waren die Achäer geistig von Kreta mit seiner sogenannten kretischen oder minoischen Kultur abhängig. Die Kreter waren sozusagen die Franzosen des ersten Hellas, ihre Kunst war voll von Grazie und Farbe, eine naturalistische Kunst, die lächelnde Lebensfreude und Lebensbejahung widerspiegelte. Als sich die Achäer vom kretischen Einfluß unabhängig machten, wurde ihre Kunst immer mehr stilisiert, ein Ausdruck ihres kämpferischen Wesens. Die Achäer waren die Preußen Griechenlands in der Bronzezeit. Trotzdem brach ihre Kultur plötzlich zusammen, verschwand mit einem Schlag aus der Geschichte. Um 1250 kam die totale Katastrophe und in kürzester Zeit wurde die Blüte vernichtet.
Historiker fragen sich immer wieder, wie der Sturz der Achäer so blitzschnell erfolgen konnte. Der Angriff der Dorer geschah im Zuge der großen Völkerbewegung, die mit dem Sieg Ramses III. über die Seevölker 1193 v. Chr. endete. Die Achäer waren den Dorern sicher geistig, politisch und militärisch überlegen. Die Dorer hatten zwar schon eiserne Waffen, während die Achäer mit Bronzewaffen kämpften, jedoch kann diese Tatsache allein nicht entscheidend gewesen sein. Durch Dokumente, die bei Ausgrabungen in Pylos gefunden wurden, wissen wir, daß die Achäer über ein wohl organisiertes Verteidigungssystem verfügten und daß der Angriff der Dorer erwartet worden war; die Achäer wurden also keineswegs überrascht. Gewisse Tatsachen deuten aber darauf hin, daß es auf dem Peleponnes eine weit verbreitete fünfte Kolonne gab, die im entscheidenden Augenblick den Angreifern freie Bahn bereitete. Diese historische Tatsache können wir auch den Berichten späterer Historiker über die Herakliden entnehmen. Die Thronprädendenten der in Mykene regierenden Dynastie kämpften gegeneinander. Agamemnon kehrte durch das Löwentor als Sieger von Troja zurück, wurde aber brutal mit einer Axt von seiner Gemahlin, der haßerfüllten Klytemnästra, ermordet, an der sich später wieder Elektra, die Tochter Agamemnons rächen sollte. Die Überlieferung dieser blutigen Auseinandersetzung finden wir Aischylos „Orestie“, der ersten großen Trilogie des griechischen Dramas.
Die Legenden über Herakles, die später als dorische Propaganda zusammengestellt wurden, erzählen die Geschichte eines Helden, der im Dienste der herrschenden Dynastie zu großen Taten getrieben wurde, alles pflichtgetreu vollbrachte, aber später aus Ärger über die Undankbarkeit seiner Herren in ein fremdes Land zog. Herakles wurde so zum Sinnbild der vertriebenen Mitglieder der Dynastie. Die landesflüchtigen Herakliden versuchten in Thessalien Truppen gegen Mykene zu werben und erhielten sie auch, ebenso fanden die Dorer in Thessalien ihre Anführer. Somit war die politische und militärische Führung der Dorer achaisch. Auf dem Peleponnes erkannte man die Gefahr. Die Mauer über die korinthische Landzunge wurde erbaut, alle Festungen verstärkt. Angriff auf Angriff wurde zurückgeschlagen, aber letzten Endes siegten doch die Dorer. Mit der fünften Kolonne hinter den archaischen Linien und überlegenen dorischen Truppen traten die Herakliden zum endgültigen Sturm an. Ihr Sieg bedeutete den völligen Zusammenbruch der achaischen Gesellschaft. Die Herakliden herrschten als Armenadel über ein Land, in dem die sozialen Institutionen zusammengebrochen waren und die wirtschaftliche Blüte vernichtet. Ihre Machtstellung jedoch wurde Schritt für Schritt untergraben; ein Bauernadel erhob sich allmählich, der nichts mehr mit den mykenischen Traditionen gemeinsam hatte.
Nachdem Mykene, Argolis, Tirans und Pylos, sowie alle anderen achaischen Hauptorte von den Dorern eingenommen waren, flohen die führenden Persönlichkeiten nach Athen. In Attika hatten sich die Jonier auch diesmal gehalten. Die achaischen Emigranten wurden aufgenommen. Achaische Königssöhne wurden die Anführer der Jonier im Verteidigungskampf gegen die Dorer. Auf Dauer war es jedoch für die Emigranten nicht möglich, in Attika zu verbleiben, da das Land nicht reich genug war, ein Vielfaches seiner Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Die Achäer zogen weiter ostwärts; die Griechenstädte in Kleinasien wurden gegründet und hier lebten ihre Traditionen weiter. Einen Anklang an die heroischen Balladen, die an den Höfen von Mykene und Pylos vorgetragen worden waren, verspüren wir noch heute in Homers Dichtung „Illias“, die wahrscheinlich eine Zusammenstellung älterer Lieder als Grundlage hatte. Die „Illias“ vertritt die geistige Einstellung der achaischen Oberschichte, wie sie in den kleinasiatischen Städten geformt wurde. Die Gesichtspunkte der Bauern oder Handwerker sind nicht vertreten. Vielleicht ist Tersites, der Gegner der aristokratischen Führer, ein letzter Nachkomme der achaischen Bauerngemeinschaften, ein später Nachkomme des „Damos“. Homer macht ihn in der gleichen Weise lächerlich, wie die Arbeiterführer im 19. und 20. Jahrhundert von konservativen „Verteidigern“ der bestehenden Ordnung auf Grund ihrer nicht so gewählten Ausdrucksweise ins Lächerliche gezogen worden sind.
Erst bei den sogenannten Tyrannen kommt das Volk wieder zu Wort. Das Hervortreten dieser neuen politischen Führergestalten bedeutete eine soziale Revolution. Nicht nur die Kaufleute, auch die Massen der neuen städtischen Bevölkerung trugen die Tyrannen zur Macht; die dekadente Adelsherrschaft wurde gebrochen. Mit der Zeit entstand aber eine gewisse Zusammenschmelzung zwischen Adel und Kaufmannschaft, daraus entwickelte sich ein innerer Kampf zwischen konservativen Strömungen, die zur Oligarchie (d.h. die Herrschaft von wenigen) neigen, und radikalen, die sich von der Tyrannenherrschaft weiter zur griechischen Demokratie entwickelten. Hier war Athen das typische Beispiel. Nach Peisistratos, dem Herrn Athens in der letzten Hälfte des sechsten Jahrhunderts und dem Sturz seiner Söhne, folgte ein reaktionärer Konservatismus, der von den Spartanern unterstützt wurde. Die völkischen Kräfte jedoch drängten weiter nach, bis sie endgültig gesiegt hatten. Mit der Ära Perikles erreichte diese Strömung einen Höhepunkt.
Nun gibt es natürlich einen entscheidenden Unterschied zwischen der altgriechischen Demokratie und der modernen. In unseren Tagen sind alle Einwohner eines Landes demokratischer Prägung vollberechtigte Bürger mit gleichen formellen Rechten, wie es zumindest in der Verfassung steht. In Athen dagegen waren nur die Bürger attischen Blutes stimmberechtigt, die Sklaven hatten keinerlei Rechte. Zwar verfügen wir über keinerlei Angaben über die Anzahl der Sklaven zur Zeit des Perikles, es kann aber mit Sicherheit angenommen werden, daß sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung bildeten. Durch die Arbeit der unbezahlten Sklaven wurde auch die Mitwirkung der armen freien Bürger bei der Handhabung der Staatsangelegenheiten ermöglicht. Es muß aber andererseits hervorgehoben werden, daß die Menschen der heutigen Zeit durch Maschinen und Elektronik einen vollen Ersatz für die Sklaven im wahrsten Sinn des Wortes gefunden haben. Aus diesem Grunde wäre der Vergleich zwischen damals und heute gar nicht so weithergeholt, wie man bisweilen glaubt. unter der starken Führung des Perikles funktionierte diese Art der Demokratie in Athen selbstredend tadellos.
Oft - und nicht zu Unrecht - ist behauptet worden, daß die Demokratie zu dieser Zeit eine getarnte, persönliche Herrschaft des Perikles war. Der Führer des Staates war Stratege, er stützte sich hauptsächlich auf die attische Flotte, deren Matrosen aus den breiten Schichten der Athener stammten. Die äußere Machtstellung sowie der Reichtum ermöglichte die Aufrechterhaltung der demokratischen Rechte. Es gibt dazu eine moderne Parallele. Die politische Machtstellung und der Reichtum des Westens ermöglicht in den Staaten der sogenannten „freien Welt“ eine demokratische Staatsform, wogegen die Länder der Dritten Welt, die Länder der Armut, meistens Diktaturen oder Halbdiktaturen sind. In den meisten Fällen unterdrückt und ausgebeutet von den US-Amerikanern und ihren menschenverachtenden Konzernen.
Aber wieder zurück: Der Ausbruch des ersten Peleponnesischen Krieges läßt ziemlich bald die Verfallserscheinungen der Demokratie an den Tag treten. Aber das demokratische Muster der attischen Gesellschaft war bereits so stark ausgeprägt, daß sich die Demokratie, trotz kurzer Perioden antidemokratischer Regimes, bis zum endgültigen Einmarsch und der Unterdrückung durch die Römer behaupten konnte. Andererseits muß hier festgestellt werden, daß die Demokratie eine auf Athen begrenzte Erscheinung war, die nie zum politischen Muster des ganzen Hellas werden konnte. Die spartanische Oligarchie, geprägt von einer Art statischem Konservatismus, zeigte sich ebenso zähe wie die Demokratie in Athen. Neben diesen beiden Staatsformen tauchte immer wieder das Tyrannentum auf. Auch in Athen und Sparta trat es öfters hervor. Es waren zwar nur kurze Zeitabschnitte, jedoch unumgängliche Zeugnisse der Tatsache, daß in dem bestehenden Muster etwas nicht klappte. Im Westen war das Tyrannentum der Höhepunkt der griechischen Machtentfaltung in Süditalien und auf Sizilien. Führerpersönlichkeiten wie Hieron und Dionysios in Syrakus wurden zu Sinnbildern der griechischen Kulturexpansion im westlichen Mittelmeerraum.
Der Niedergang Griechenlands war zweifellos eine Folge des Mangels eines einheitlichen Musters. Weder die attische Demokratie noch die spartanische Oligarchie hatten innere Stärke und Anpassungsfähigkeit genug, den griechischen Stadtstaaten eine gemeinsame Prägung zu geben und damit den panhellenischen Strömungen einen fruchtbaren Boden zu bereiten. Mit Sparta verglichen, scheint Athen eine dynamische Kraft in Hellas gewesen zu sein. Aber ist das nicht nur äußerer Schein? Wurde das demokratische Muster der Athener auf die Dauer nicht ebenso steif und unbeweglich wie der spartanische Konservatismus? Anders gesagt: die Demokratie in Athen rief keinen Schaden hervor, solange das Staatsruder in den Händen einer autoritären Führer-persönlichkeit lag. Als aber Perikles von der Bühne abgetreten war, begann der innere Zwiespalt und die Peleponnesischen Kriege zwischen Athen und Sparta führten schließlich zum völligen Zusammenbruch Athens. Die demokratische Tradition war jedoch so stark, daß Athen auch nach der Niederlage eine Demokratie blieb. Auch nach dem Tod Alexander des Großen lebten in Athen die demokratischen Institutionen weiter, und in Sparta herrschte, wie früher, der oligarchische Konservatismus. Die unglaubliche Zähigkeit des griechischen Musters war vielleicht die entscheidende Ursache und der Hauptgrund der kommenden Katastrophe. Den Römern fiel es unter diesen Umständen ziemlich leicht, wie schon vorher Philipp von Makedonien, die verschiedenen Strömungen und Stadtstaaten in Hellas gegenseitig auszuspielen.
Der Panhellenismus hatte Anhänger überall in Griechenland, besonders nach den Peleponnesischen Kriegen, als der Redner Isokrates, der erklärte Gegner von Demosthenes, als der große Prediger der griechischen Einheit wirkte. Philipp und Alexander benützten geschickt den Panhellenismus als Propaganda, anfangs mit Erfolg, jedoch nicht auf Dauer.
Der Konservatismus des Musters siegte am Ende über die Neigung zur Neuanpassung und Umstellung. Die lebendige Tradition wurde allmählich zu toten Formen verwandelt, sie wurde zum Dogma. Die genialsten Köpfe des Griechentums sprachen vor tauben Ohren. Aristoteles, sicherlich der Gipfel des Wissens und Denkens in Hellas, verwarf sowohl die Demokratie, als auch die Oligarchie und das Tyrannentum. Er wollte, allerdings vergeblich, das persönliche Führertum, die aristokratische Mäßigkeit und die aktive Mitbeteiligung der Massen in einer neuen organischen Einheit zusammenschmelzen. Praktisch ein antiker Vorgriff auf Hegels Lehren von These, Antithese und Synthese.
Wie Isokrates blieb auch er lediglich eine rufende Stimme in der Wüste. Die griechische Freiheit starb aus Todesangst. Wie in einer kollektiven Neurose klammerte sie sich an den längst überholten Formen fest. Als diese äußeren Scheinformen durch die römischen Legionen des Lucius Aemilius Paulus zerschlagen wurden, war die griechische Freiheit endgültig ausgelöscht, und sollte bis ins neunzehnte nachchristliche Jahrhundert ausgelöscht bleiben.
RÖMER
In der Geschichtswissenschaft läßt sich der Untergang einer Kultur nirgends so gründlich nachvollziehen als in Rom, vielleicht, weil wir die römische Entwicklung auf Grund des reichlich vorhandenen Materials besser kennen als irgendeine andere. Doch gibt es auch hier eine Reihe von Lücken in unserem Wissen. Insbesondere in der Geschichte der spätrömischen Soldatenkaiser fehlen uns wichtige, hochinteressante Dokumente. Der Niedergang des Imperium Romanum zeigt uns ein Wechselspiel verschiedener Kräfte, die alle die Entwicklung in die gleiche Richtung getrieben haben; religiöse, rassische, politische, aber vor allem soziale und wirtschaftliche Faktoren. Für unsere abendländische Kultur ist die römische Geschichte deshalb von höchstem Interesse, weil es so viele Parallelen gibt, aber auch bedeutende Unterschiede.
Die Auflösung des römischen Musters begann schon nach dem zweiten Punischen Krieg, das heißt, bevor der Werdegang Roms seinen eigentlichen Höhepunkt erreicht hatte. Rom war anfangs eine typisch aristokratische Gesellschaft mit strengen moralischen Prinzipien. Der latente Kampf zwischen Patriziern und Plebejern war nicht ein Kampf zwischen Herrschaft und Volk, sondern zwischen zwei Oberschichten. Die Patrizier bildeten einen bodenbesitzenden Landadel, wogegen die Plebejer eine von den süditalienischen Küstenstädten stark beeinflußte Kaufmannsklasse darstellten. Also nochmals: Die Plebejer waren eine Oberschichte und dürfen keineswegs mit den besitzlosen Proletariern verwechselt werden, obwohl beim Studium mancher Geschichtsbücher dieser Eindruck fälschlicherweise entstehen könnte! Die spätere Verschmelzung dieser beiden sozialen Gruppen (der Patrizier und der Plebejer) zu den Nobilitas bedeutete nicht nur den Sieg des Gesell-schaftsstils der Patrizier, sondern auch geöffnete Türen für den enormen Kultureinfluß aus Hellas.
Eine hervorstechende Eigenschaft des Menschen in der altrömischen Republik war die Solidarität mit dem Staat und seinen Institutionen; es war dies die Folge der religiösen Einstellung der Römer. Die Götter und das Göttliche an sich wurden als äußere Dimension der Dinge aufgefaßt. Jede konkrete Sache hatte eine göttliche Seite; die Dinge verhielten sich zu den Göttern wie Patria, das Vaterland zu Jus, dem Recht. Die Verletzung der Verfassung war eine Sünde gegen den heiligen Geist, den das Recht war die göttliche Seite des Staates, des Vaterlandes. Glaube, Moral und Tat standen so in einer unauflösbaren Wechselbeziehung zueinander. Diese im wahrsten Sinne des Wortes religiöse Einstellung zur Umwelt erklärt die Haltung der römischen Staatsmänner und Feldherrn; sie erklärt auch die römische Treue zum gegebenen Wort. Diese Treue wieder erklärt die Stärke des wachsenden Imperiums. Rom hielt sein Wort gegenüber den besiegten italienischen Städten und Stämmen. Als Hannibal kam, standen diese Städte zu ihrem Wort gegenüber Rom. Die Härte des römischen Bauernadels hatte ihre weltgeschichtliche Probe bestanden.
Das aufwärtsstrebende Rom war eine fest geschlossene Aktionsgemeinschaft; eine Einheit in Glauben, Benehmen und Zielsetzung. Die führenden Funktionen wurden von Männern ausgeübt, die aus der gleichen Schicht kamen, Männern, die jedes Jahr ausgetauscht wurden. Noch stand man nicht vor den Problemen einer Hochkultur mit ihrer komplizierten Sozialstruktur. Ein Mann mit normalen geistigen Fähigkeiten, der in einer staatstragenden Familie erzogen war, konnte ohne größere Schwierigkeiten die Aufgaben meistern, vor die er gestellt wurde. Mit der Erweiterung der römischen Machtsphäre durch die Punischen Kriege wurden die Voraussetzungen des Staates verändert. Auch wenn die Verfassungsmäßigen Formen erhalten wurden, auch wenn Konsuln, Quästoren und Liktoren jedes Jahr wechselten, entstand neben der Verfassung das Bedürfnis nach führenden Persönlichkeiten, die auf längere Sicht eine Frage oder ein Problem lösen konnten. Das Aufkommen der Cäsaren wurde so unbewußt langsam vorbereitet. Gleichzeitig wurden auch die Handels-verbindungen auf den ganzen Mittelmeerraum erweitert. Eine neue Klasse kapitalistischer Kaufleute entstand, die sogenannten Aequiten, die sich außerhalb der alten Oberschichten entwickelte. Die Nobilitas, die aus Patriziern und Plebejern zusammengesetzte herrschende Klasse, geriet bald in Opposition, oder wenn man will in einen Abwehrkampf, einen Klassenkampf gegen die drohende neue Klasse der Aequiten.
Als Hauptstadt des wachsenden Weltreiches zog Rom eine Reihe neuer Menschen an. Die rassische Struktur der Bevölkerung wurde langsam aufgelöst, die Einmischung von außen wurde zunehmend stärker. Auf die militärische Eroberung Griechenlands folgte die geistige Eroberung Roms durch die Griechen. Die Grundstruktur des römischen Glaubens wurde durch die zu literarischen Figuren verwandelte griechische Göttergalerie ersetzt. Die eigentliche Kernzelle des römischen Wesens war somit paralysiert. Während die römischen Naturgötter Sinnbilder der Realität gewesen sind, waren die griechischen Geschichtsgestalten ohne der lebendigen Wurzel eines echt religiösen Bewußtseins.
Die Punischen Kriege gegen Karthago bedeuteten auch den Beginn der Ausbeutung des fruchtbaren italienischen Agrarlandes. Die ursprünglichen Grundbesitzer verloren den Boden an die Kapitalisten in Rom und zogen in großen Scharen in die Hauptstadt des Imperiums. Besitzlos und elend wurden sie so zum Grundstock einer neuen Klasse, der Klasse der Proletarier. Die zurückgebliebenen Landbewohner wurden Pächter im Dienste der in Rom ansässigen Großgrundbesitzer. Dieser Prozeß entwickelte sich Schritt für Schritt und wurde zu einem der schicksalsschwersten Faktoren der römischen Geschichte.
Die Eroberung des geistig überlegenen Griechenlands ermöglichte den endgültigen Sieg der griechischen Kultur in Rom. Dadurch wurde allmählich die altrömische Struktur aufgelöst. Die römischen Götter wurden mit den griechischen identifiziert, obwohl ursprünglich keine Identität vorhanden war. Die Kernvorstellung der römischen Religion, das Göttliche als äußerste Dimension der Dinge, verschwand. Die Götter wurden, wie ich schon erwähnte, zu literarischen Figuren, oft fast schon Witzfiguren degradiert und verloren dadurch völlig die Suggestionskraft echter religiöser Glaubensvorstellungen. Aber damit war auch der Boden der typisch römischen Gesellschaft aufgelockert. Die äußeren Formen wurden zwar Jahrhunderte hindurch mehr oder weniger aufrechterhalten, aber nur als sterbendes Echo einer für immer abgeschlossenen Vergangenheit. Dieses Echo war aber so stark, daß es noch während eines halben Jahrtausends das Gefüge des römischen Reiches zusammenzuhalten vermochte.
Ein typischer Vertreter des beginnenden römischen Verfalls war Cato Censor. Er begann augenscheinlich als überzeugter Verfechter der altrömischen Sitten und Gebräuche; in Wirklichkeit war er der Sprecher des neuen Kapitalismus. Als die Römer einst die italienischen Städte besiegt hatten, machten sie die Besiegten zu gleichberechtigten Bundesgenossen. Catos berühmte Worte im Senat: „Ceterum censeo, Carthaginem esse delendam“ („Übrigens bin ich dafür, daß Karthago zerstört werden müsse“), stehen im schroffen Widerspruch zu den früheren römischen Methoden. Die vollkommene Zerstörung des blühenden Karthagos war eine Schandtat im Dienste der neureichen, menschenverachtenden Kapitalistenklasse. Ein Konkurrent sollte für immer liquidiert werden. Für Cato war das alte Rom eine glänzende äußere Fassade, seine Politik war „zeitgemäß“ - im schlimmsten Sinne des Wortes. Hand in Hand damit kamen die dem Kapitalismus eigenen Degenerations-erscheinungen in jeder Hinsicht. Man könnte diesen nun einsetzenden Verfallsprozeß des Imperium Romanum wohl am besten mit „mors lenta“, den langsamen, den schleichenden Tod, einem aus der forensischen Wissenschaft stammenden Begriff veranschaulichen.
Ein anderes Beispiel der Veränderung erhält man durch einen Vergleich zwischen der Lösung des Konfliktes von Patriziern und Plebejern und der sturköpfigen Politik der Senatsaristokratie während der Bürgerkriege im letzten Jahrhundert v.Chr. Es begann mit dem Widerstand gegen die Bodenreformen der Brüder Gracchus. Das unwürdige Auftreten der Senatoren, als Tiberius Gracchus von Mitgliedern der hohen Versammlung ermordet wurde, ist ein Beispiel des Verfalls der Senatsaristokratie. Die Aequiten, die außerhalb des Senats standen, stellten sich aus reinen Zweckdenken meistens auf die Seite der Massen. Das erste Zusammenspiel zwischen Demokratie und Kapitalismus, dem wir in der Geschichte noch so oft begegnen werden. Der als Feldherr erfolgreiche, aber als Politiker nur mäßige Marius wurde der Sprecher der Massen. Reformen wurden durchgeführt, aber als Gegenstoß errichtete Sulla, der konservative Führer der Senatspartei, ein Terrorregime. Damit hatte sich aber auch die Senatsaristokratie außerhalb der verfassungsmäßigen Formen und Gesetze gestellt. Der Boden für die Diktatur war somit vorbereitet.
Cäsar war der Erbnehmer des Marius. Er ergriff nicht nur als siegreicher Feldherr in Gallien, sondern auch als Führer der Volkspartei die endgültige Macht in Rom. Seine relativ kurze Machtperiode gehört zweifelsfrei zu den großen Epochen der Weltgeschichte. Was er als Soldat immer anstrebte war ein Imperium, zusammengefügt aus gleichgestellten Völkern. Cäsar stand so den Idealen der altrömischen Republik viel näher als den formellen Republikanern im Senat. Im Gegensatz zu ihnen verstand er sehr wohl, daß diese Ideale erneuert werden und sich einer neuen Zeit anpassen mußten, wenn Rom in der Mitte eines lebendigen Imperiums stehen wollte. Nach der Ermordung Cäsars wurden diese Gedanken nicht weitergeführt. Der Sieg Augustus’ bedeutete den Sieg des Konservatismus. Statt der Gleichberechtigung der Völker verwirklichte Augustus die Hierarchie des Imperiums: An der Spitze Rom, dann Italien, dann der Westen und am Ende der Osten. Das Unmögliche dieser Konstruktion sollte sich später zeigen; der Osten, die unterste Stufe des Reiches zeigte sich als die wirtschaftlich stärkste. Auf die Dauer hätte sich der Osten nie unterworfen. Diese Tatsache rief eine Spannung hervor, die dann zur Teilung des römischen Reiches führen sollte.
Augustus wollte das soziale Muster der Republik wieder aufrichten, aber die Voraussetzung dafür - das Vorhandensein einer lebendigen und tatkräftigen römischen Aristokratie - fehlte eben. Die soziale Gruppierung des kaiserlichen Roms wurde deshalb zu einer äußeren Hülse ohne lebenden Inhalt. In derselben Weise wollte Augustus auch die alte Religion wiederherstellen, aber hier fehlte ebenso der Geist der Vergangenheit, wie auf sozialem Gebiet. Die Religion der Kaiserzeit wurde zur Kultur ohne Glauben. Die in der Volksversammlung aktiv mitwirkenden Massen des römischen Volkes wurden mangels Erwerbsmöglichkeit durch die kostenlose Verteilung von Getreide und Brot ungewollt zu passiven Nutznießern des Staates. Die immer größer werdende Einwanderung fremder Volkselemente löste allmählich den Kern des Volkes auf. Die formelle Senatsaristokratie war machtlos, weil es dieser bereits größtenteils degenerierten Schichte an Verstand, Mut und Kraft fehlte, ihren Willen durchzusetzen. Die Massen waren ohne Widerstandskraft und Widerstandswillen, deshalb ging die Macht Schritt für Schritt in die Hände der Elitesoldaten, der Prätorianer, über. Nur die Waffen entschieden! Im Zweiten Jahrhundert n.Chr. versuchten Kaiser wie Nerva, Trajanus, Hadrianus oder Antonimus Pius die Selbstverwaltung der Gemeinden wieder ins Leben zu rufen, aber völlig vergebens. Die Massen fürchteten die eventuellen Folgen einer aktiven politischen Betätigung. Sie überließen widerspruchslos die Macht und die Arbeit den kaiserlichen Verwaltungsorganen; sie bezahlten ihre Steuern, auch wenn diese immer höher wurden, nur um möglichst in Ruhe gelassen zu werden.
Die Erhöhung der Steuern war die Folge der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung. In den Städten im Osten des Reiches blühte das Handwerk, aber ansonsten war die Produktion in den Städten eher gering. Fast alle Großstädte lebten von der Ausbeutung des von Sklaven bestellten Agrarlandes. In den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit wurden die Einfuhren, besonders aus Persien, mit römischen Exportprodukten bezahlt. Der Rückgang der wirtschaftlichen Entwicklung, teilweise bedingt durch das Versiegen bedeutender Metallvorkommen, machte eine ständige Erhöhung der Steuern notwendig, denn die Staatsausgaben wurden mit dem sinken der wirt-schaftlichen Leistungsfähigkeit nicht geringer sondern höher. In den Städten wurden Handwerker-Kooperationen gegründet, ursprünglich, um Organe der Selbstverwaltung zu werden, sie wurden letztlich jedoch nur als Werkzeuge der Steuerverwaltung benützt und damit verloren sie ihren eigentlichen Sinn. Das Agrarland wurde in große Gebiete aufgeteilt, jedes Gebiet erhielt einen kaiserlichen Beamten, der die Steuern eintreiben sollte. Allmählich wurden diese Steuerbeamten jedoch die eigentlichen Besitzer des Gebietes und legten damit den Grundstock zum Feudalismus des kommenden Mittelalters.
In dieser Zeit trat das Christentum als geistiger Modernismus mit seinen für die damalige Zeit revolutionär anmutenden Thesen hervor. Das konservative Festhalten an altrömische Formen kennzeichnete fast alle großen Kaiser. Eine Synthese zwischen altrömischer Tradition und Christentum wäre an und für sich nicht gänzlich unmöglich gewesen, aber wie so oft in der geschichtlichen Entwicklung wurde das Neue als drohende Gefahr aufgefaßt. Die großen Kaiser bekämpften das Christentum, weil es die römischen Formen zu zersprengen drohte. Dennoch griff das Christentum wie eine Epidemie um sich.
Im zweiten und dritten Jahrhundert bildeten die Versammlungen der Urchristen ein Netz, welches schon bald das ganze Reich umspannte. Die Literatur wurde immer ärmer, die Philosophie entartete in reinem Aberglauben; allerlei Scharlatane hatten überall ihr Publikum. Das letzte Aufblühen antiker Kultur war die große Debatte innerhalb des Christentums zwischen Männern wie Tertullianus, Origines, Cyprianus, Paulus von Samosata und anderen. Diese Debatte war ein Dreiecksdrama zwischen der vom Judenchristentum ausgehenden Linie über Paulus von Samosata zu Arius, dem Apostel der Germanen, der gnostischen Linie (von: „Gnosis“, d.h. soviel wie Gotteserkenntnis verbunden mit der Erlösungslehre), die in sehr mäßiger Form von Origines vertreten wurde, der Mittellinie der Kirche, verteidigt von Tertullianus und Cyprianus. In der judenchristlichen Auffassung war Christus der große Prophet, der Idealmensch, für die vom Gnostizismus beeinflußten Flügel des Christentums dagegen war Christus nur ein metaphysischer Begriff (Metaphysik ist die Lehre von den letzten Gründen aller Dinge: auch Übersinnlichkeit), eine Emanation aus dem Göttlichen (das ist das Hervorgehen aller Dinge aus dem unveränderlichen, vollkommenen, göttlichen Einen), und man machte einen großen Unterschied zwischen dem göttlichen Christus und dem irdischen Menschen Jesus. Christus habe Jesus schon vor dem Tode verlassen, weil ein Gott nicht sterben kann. Zwischen diesen beiden Standpunkten ging nun die kirchliche Mittellinie. Christus, der Prophet, der Idealmensch, war zu wenig; Christus, der Sohn Gottes, dieser Kernpunkt des christlichen Glaubens durfte nicht über Bord geworfen werden. Christus, der Gott, das metaphysische Wesen, war noch unmöglicher. Vor der „Irrlehre“ des Gnostizismus wurden die Verteidiger des Christentums im dritten Jahrhundert durch das Vorhandensein der konkreten Bibeltexte gerettet. Sie beweisen unzweideutig, das Christus eine historische Persönlichkeit und kein Produkt metaphysischer Spekulationen gewesen war. Die wesentlichste Bedeutung in der Mittellinie hatte Tertullianus’ Lehre von der Dreieinigkeit. Man hat später diese Lehre als ein Bekenntnis zu drei Göttern interpretiert. Cyprianus legte klar, daß diese Auffassung völlig falsch sei. Wenn man, so meinte er, Gott mit der Sonne vergliche, dann wäre der Sohn die Sonnenstrahlen und der Geist die Sonnenwärme. Ins Verständliche übersetzt: Wenn Gott die dynamische Kraft des Guten im Dasein ist, dann ist der Vater die Verkörperung dieser Kraft in der Geschichte und der Geist der aktiv wirkende Einfluß dieser Kraft unter den Menschen, das heißt: die Inspiration. Gegen Ende seines Lebens zeigte Tertullianus die Tendenz, die Dreieinigkeitslehre in metaphysische Bahnen zu lenken und näherte sich so der Lehre Paulus’ von Samosata.
Es wäre nicht unmöglich gewesen, die verschiedenen Strömungen, die Auslegungen innerhalb des Christentums, zusammenzuhalten. Der Unterschied zwischen den Lehren des Origines und Paulus von Samosata war nicht so groß, nicht so wesentlich. Der Druck von außen, der Einfluß des Verfalls, der stetig wachsende Aberglaube in der in Auflösung befindlichen antiken Kultur, machte sich auch in den Gemeinden immer mehr bemerkbar. Die ideologischen Auseinandersetzungen, die sich während der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts auf einer geistig sehr hoch stehenden Ebene abgespielt hatten, sanken allmählich immer tiefer. Die Argumente wurden immer primitiver, die Gegensätze immer schroffer, so daß es schließlich so weit kam, daß die Christen unter Diokletian verfolgt wurden. Das Christentum war vom Kaisertum fast schon anerkannt worden, als dann plötzlich ein Sturm losbrach, der unter den Christen mehr Opfer forderte, als in vergangener Zeit. Im Laufe von 250 Jahren der sogenannten Christenverfolgungen waren etwa 2.000 (zweitausend!) Menschen wegen ihres christlichen Glaubens ums Leben gebracht worden. Alle anderen genannten, manchmal astronomischen Zahlen, entspringen einem reinen Zweckdenken späterer Kleriker. Wenn man Morde überhaupt vergleichen kann, dann handelt es sich,, verglichen mit heutigen Verhältnissen, um „geringe“ Zahlen - diese Zahl entspricht etwa 1nem Prozent der Opfer der sog. „Säuberungsaktionen“ in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg! Und damit habe ich nur ein „demokratisches“ Beispiel gegeben.
Die diokletianischen Verfolgungen riefen in den christlichen Gemeinden einen Haß hervor, der für lange Zeit dem Christentum schaden sollte. Man meint fälschlich, daß Menschen die unter Druck gesetzt werden, immer ihre innersten Kräfte freimachen, daß der Druck also immer positive Wirkungen erzeugt; das stimmt jedoch nicht. Wird der Druck zu stark, brutalisiert er die Menschen, er erzeugt Haß. Eine nicht weg zu leugnende Eigenschaft des menschlichen Wesens an sich. Aber wie fast immer im Leben, gibt es auch hier einen Mittelweg, einen modus vivendi unter den Extremen, der allein zum Ziel führt. Durch die diokletianischen Verfolgungen, aber auch durch den Einfluß des Verfalls außerhalb der Gemeinden, kam unter Konstantin dem Großen ein Christentum zur Macht, das an seinen innersten Wurzeln bereits Schaden erlitten hatte. Ein böses Omen, ein Menetekel, für die darauffolgenden Entwicklungen des Abendlandes. Das Läuten des Sterbeglöckchens des römischen Weltreiches war nun nicht mehr zu überhören.
Der Kampf zwischen Kaisertum und Christentum war von einer Seite aus gesehen ein Kampf zwischen Konservatismus und Modernismus, von einer anderen Seite aber die Folge eines großen Mißverständnisses. Auch die großen Kaiser, die den Einfluß des Kaisertums zum Höhepunkt führten, waren auf religiösem Gebiet durchaus tolerant. Die Anerkennung des Kaisers als Gott war eine lediglich äußerliche Form ohne irgendeinen religiösen Inhalt, quasi nichts anderes als eine Anerkennung der Loyalitätsverpflichtung gegenüber dem Reich und seiner Rechtsordnung. Nie etwas anderes. Die Christen faßten jedoch diese abstrakte Anerkennung als Verneinung des einzigen Gottes auf. Sie waren bereit den Kaiser anzuerkennen, den Gesetzen zu gehorchen, als Treueste in den Legionen an den Grenzen zu dienen etc., nur ihr Bekenntnis zu einem einzigen Gott durfte nicht verletzt werden. Spätere Konflikte hätten leicht vermieden werden können, hätten die Kaiser diese Handlungsweise verstanden. Die Forderung der Kaiser, unbedingt als Götter anerkannt zu werden, rief den christlichen Fanatismus hervor, ein Wechselspiel der Mißverständnisse, das zum Unheil führte. Dieser sicher damals aus der Wiege gehobene christliche Fanatismus forderte bis heute Hekatomben von unschuldigen Opfern. Das Christentum hätte damals die erneuernde Kraft des Imperiums werden können. Als es im vierten Jahrhundert diese Möglichkeit tatsächlich bekam, war es jedoch geistig so geschwächt, daß es die Weiterentwicklung des Verfalls nicht mehr aufzuhalten imstande war. Dazu kam, daß die Vertreter des christlichen Kaisertums die Kirche als unabhängige Macht im Reich anerkannten, statt Staat und Kirche zusammenzuschmelzen. Theodosius der Große schuf den ersten totalitären Staat der abendländischen Geschichte, mit der Kirche als staatstragende Partei und dem Katholizismus als die „reine Lehre“, als „Weltanschauung“ des Regimes. Ambrosius, der Bischof von Mailand, vertrat als erster Mann der Kirche die klerikalen Interessen auch im Gegensatz zum Kaiser und legte damit den Grundstock zu den später auftretenden Gegensätzen zwischen Kaiser und Papst während des Mittelalters. Nach dem Tode Theodosius’ 395 n.Chr. erfolgte die endgültige Teilung des Reiches in ein weströmisches und oströmisches Reich als logische Folge dieser Entwicklung.
Die oströmisch-byzantinischen Kaiser wiederholten nicht diesen Fehler. Über tausend Jahre, bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 durch die Türken, überlebte das byzantinische Reich das römische Imperium. Die Auflösung in Rom war so weit gegangen, daß es niemand merkte, als schlagartig ein großes Kapitel der Weltgeschichte zu Ende war. Der letzte Kaiser, der 30-jährige Romulus Augustulus, nicht einmal Römer, sondern Perser, wurde von dem germanischen Heerführer Odoaker kurzerhand „pensioniert“. Er wurde in eine Villa auf der Campagna geschickt, wo er ruhig, problemlos und vergessen weiterleben konnte. Dagegen wurde das Ende des byzantinischen Reiches tausend Jahre später ein Heldendrama. Bis zum letzten Mann kämpften die Byzantiner, vom Abendland schmählich verlassen, heldenhaft gegen die gewaltige Übermacht der moslemisch-asiatischen Türken. Die letzten Verteidiger wurden, bis zum letzten Atemzug kämpfend, unter der Kuppel der Hagia Sophia von den anstürmenden Janitscharen hingeschlachtet.
Der langsame Verfall Roms bis zum endgültigen Untergang ist ein typisches Beispiel, ein Lehrbeispiel, der Wechselwirkung historischer Triebkräfte. Es ist ein schlagender Beweis dafür, daß nie und nimmer ein einzelner Faktor als Haupterklärung für ein Geschehen dienen kann. In der spätrömischen Geschichte begegnen wir allen Kräften, die bei der Ausformung der menschlichen Entwicklung wirksam werden. Wir begegnen den biologischen Unabänderlichkeiten, der Auflösung und Vernichtung der völkischen Basis des ursprünglichen Rom, den wirtschaftlichen Tatsachen, der Ausbeutung der Sklaven und des Agrarlandes und dem langsamen Niedergang der Produktionskraft. Wir begegnen den sozialpsychologischen Ursprungsketten, der Auflösung des sozialen Benehmensmusters, ohne daß etwas Neues zustande gebracht wurde. Wir begegnen den Folgen der individual-psychologischen Realitäten, dem Verschwinden der persönlichen Einsatzbereitschaft und des persönlichen Widerstandswillens unter dem Druck und der permanenten Drohung eines allmächtigen, aber zum Selbstzweck entarteten Verwaltungsapparates und einer immer schwereren Steuerbürde. Wir begegnen dem Einfluß der geopolitischen Umstände, der Verschiebung des Schwerpunktes vom Westen zum Osten und damit der Zersprengung der augusteischen Reichskonstruktion. Wir begegnen der Problematik des moralischen Gleich-gewichts zwischen Handel und Normen, der Schwierigkeit einer Hochkultur, in welcher die Kluft zwischen gebildeten Minderheiten und abergläubischen Massen immer größer wird, und schließlich den entscheidenden Folgen der Auflösung eines ursprünglich religiösen Musters, ohne daß ein neues, das sich dem Grundmuster anpassen kann, entstehen darf.
WIE KAM ES DAMALS DAZU?
Den Ketten der Gesetzmäßigkeiten der Physik, der Chemie und der Biologie sind wir in heutiger Zeit schon etwas näher gekommen. Die moderne Technik, besonders die Elektronik und die moderne Medizin sind Ausdrücke dieser Einsicht, aber die Ursachsketten der Geschichte kennen wir leider nur oberflächlich. Sie ist von zuviel menschlichen Faktoren und Begleitumständen abhängig, die objektiv nur schwer oder nicht mehr nachvollziehbar sind. Wir Historiker können nur versuchen, nach besten Wissen und Gewissen die Motive und die daraus resultierenden Handlungen und Auswirkungen zu interpretieren, was mit reinem Aufzählen von Namen, Daten und Ereignissen so gar nichts zu tun hat. Und gerade dieser Umstand des Erkennens der causalen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der verschiedenen Triebkräfte macht die Geschichtswissenschaft so überaus interessant.
Volkswirtschaft ist eine relativ junge Wissenschaft, Psychologie und Soziologie noch jünger, und das Grenzgebiet zwischen Soziologie und Genetik ist ein noch größtenteils unbekanntes Land. Was wir aber schon heute aus der Geschichte sehr wohl lernen können, muß gelernt werden, damit wir in Zusammenarbeit mit einer expansiven Forschung auf den Gebieten der Gesellschaftswissenschaften, der Verhaltensforschung und der Menschenkunde die immer komplizierter werdenden Probleme der abendländischen Hochkultur in Angriff nehmen können.
Dr. Faust
Last edited by Dr. Faust; Monday, October 3rd, 2005 at 10:55.
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