Stirpes  

Go Back   Stirpes > Ethnic Forums > Germanische Gemeinschaft > Deutsche Gemeinschaft > Geschichte, Kunst & Kultur
Blogs FAQ Calendar Search Today's Posts Mark Forums Read

 
 
Thread Tools Display Modes
  #1 (permalink)     Quote this post in a PM
Old Thursday, March 5th, 2009, 02:40
Aptrgangr's Avatar
Vigilante
 
Last Online: Wednesday, June 9th, 2010 05:58
Join Date: Aug 2005
Location: Starkenburg
Posts: 3,268
Default Franz von Sickingen

Das Leben
Des Reichsritters
Franz von Sickingen
Dr. Heinrich Ulmann
Vorwort

Sickingen drohte mit Feuer und Schwert, der hoch-
müthige, jähzornige Mann! Ich hass' ihn. Sein Ansehn
nimmt zu wie ein Strom, der nur einmal ein paar Bäche
gefressen hat, die übrigen folgen von selbst.
(Aus Göthe's Götz von Berlichingen)

Über Götz von Berlichingen, Ulrich von Hutten und viele andere Zeitgenossen gibt es auch heute noch Biographien und andere Bücher zu kaufen. Fragen Sie in einer Bücherei einmal nach einem Buch über Franz von Sickingen. Sie erhalten zur Antwort: zu diesem Thema ist nur ein Buch über die Herrschaft Landstuhl lieferbar. Franz von Sickingen stand in freundschaftlichem Verhältnis zu Kaisern, Königen und Fürsten. Ich kann es nicht nachvollziehen warum es heute keine Bücher über Franz zu kaufen gibt. Deshalb möchte ich Ihnen hiermit das Leben dieses berühmten Reichsritters näher bringen.
Dr. Heinrich Ulmann, der kompetenteste Verfasser in Sachen Franz von Sickingen, weihte 1872 dieses Buch seiner Braut. Sein Buch sollte zur geschichtlichen Wahrheit über Franz von Sickingen beitragen.
Dr. Heinrich Ulmann nahm Einblick in Akten und Urkunden in Archiven in Weimar, Kassel, Marburg, Koblenz, Wien, München, Nürnberg, Würzburg, Speyer, Frankfurt, Straßburg, Dresden, Konstanz und Karlsruhe.
Da es nur noch wenige Exemplare dieses Buches gibt, werden sie in der Hauptsache von Geschichts-Wissenschaftlern benutzt. Der "einfache Leser" kommt nur schwer an ein solches Buch. Die vielen von Dr. Ulmann eingefügten Fußnoten, in denen auf die einzelnen ungedruckten Papiere hingewiesen wird, habe ich weggelassen. Sie sind nur für den Wissenschaftler von Interesse. Einige Fußnoten, die auf geschichtliche Begebenheiten hinweisen, habe ich beibehalten. Weiterhin habe ich einige Fußnoten zur Erklärung vielleicht unbekannter Worte eingefügt. Ansonsten folgt dieser Text wörtlich (in der alten Schriftform mit den vorhandenen "Schreibfehlern") den Ausführungen von Dr. Ulmann.

Das Buch beschreibt hervorragend die politischen, religiösen und menschlichen Hintergründe aus der Zeit unseres Helden. Sein Nachkomme gleichen Namens, der Letzte der Linie Sickingen-Sickingen, ist bei Sauerthal, auf dem Hof Sauerberg, gestorben und fand auf dem Friedhof in Sauerthal seine letzte Ruhestätte.
Wiesbaden / Sauerthal im März 1996 Peter Gunkel

Auszug aus dem Vorwort von Dr. Heinrich Ulmann:
Das Erscheinen dieses Buchs rechtfertigt sich wohl von selbst. Wenigstens hat es dem Verfasser während der Arbeit an zustimmender Mahnung seitens der Fachgenossen nicht gefehlt. Eine Biographie im engsten Sinn hat wohl Niemand erwartet: Kundige wußten, wie dürftig für die innere Geschichte Sickingens die Berichte sind. Zwar ist, soweit möglich, keine Seite des Helden unberücksichtigt geblieben; der Hauptnachdruck ist aber gelegt auf die Rolle, welche derselbe spielte in den politischen Krisen seiner Zeit. Zum Verständniß war es hie und da erforderlich auf scheinbar abgelegene Gebiete abzuschweifen und dunklere Partien im politischen und socialen Leben jener Zeit erst zu erhellen, damit Sickingens Thun erkennbarer aus dem Bild sich hervorhebe. Ich hoffe dem Nahmen der Biographie dabei nicht zu viel zugemuthet zu haben, um soweniger, da ich der naheliegenden Versuchung widerstanden habe wesentlich tiefer einzugehen, als es der Zweck unbedingt erforderte.

Den Namen Franz von Sickingen darf die Wissenschaft nicht untergehen lassen,
wenn sie sich nicht des Undanks schuldig machen will.
(Erasmus von Rotterdam)



Das Leben des Reichsritters
Franz von Sickingen 1481 - 1523
nach
Dr. Heinrich Ulmann (1872)
Herkunft und Jugend

Burg und Dorf Sickingen, an der Kreich im gleichnamigen Gau gelegen, waren als kurpfälzisches Mannlehen seit Langem im Besitz eines Rittergeschlechtes, dessen Glieder wir vom Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ab in mannichfachen Stellungen sich emporarbeiten sehen. Für Liebhaber alter Stammbäume sei es gesagt, daß schon weit früher die Sickinger nachweisbar sind. Für den Biographen kommen jedoch billigerweise nur die Vorfahren des Helden in Betracht, die schöpferisch thätig dem Letzteren vorgearbeitet und demselben die Wege geebnet haben. Nur diese, die man mit leicht verständlicher Uebertragung die Consulare der Familie nennen dürfte, verdienen ihren Platz in der Vorhalle des ihrem Nachkommen errichteten Erinnerungsbaus. Trotz frühzeitiger Zersplitterung des offenbar nicht großen Besitzes müssen die Sickinger es trefflich verstanden haben, das Ihre mit haushälterischer Sorgsamkeit zu erhalten und zu mehren. Durch Heirathen und erbetene Verleihungen, Fehden und Räubereien, vor allem den eifrig gesuchten Herrn- und Kirchendienst konnte das knappe Einkommen armer Ritter von Adel um ein Erkleckliches gesteigert werden. Nur so durch immer bereite Mittel zu etwaigen Unternehmungen konnten sie unter ihren Standesgenossen wie unter der benachbarten Fürstenaristokratie zu Ansehn und Geltung gelangen. Man stößt auf ihre Namen als pfälzische Hofmeister und Hofrichter, als Vögte zu Heidelberg und Bretten, ja zu König Ruprechts Tagen als Landvögte im untern Elsaß. Daneben tragen sie zahlreiche Lehen von geistlichen und weltlichen Herren. Ein Eberhard war Probst an der Dreifaltigkeitskirche zu Speier, ein Reinhard um die Mitte des Jahrhunderts Bischof in Worms.

Ein anderer Reinhard, des ebengenannten Zeitgenosse, ward durch seine Vermählung mit Schonette von Sien, Erbtochter dieses Stammes und Witwe des Boos von Waldeck, Großvater unseres Helden. Diese Ehe verschaffte seinen Nachkommen den Anspruch auf Folge in die Lehen der Herrn von Sien. Vermuthlich war er im Dienst der Pfalz: wenigstens ertheilten ihm der Pfalzgraf Friedrich und der Markgraf Jacob von Baden, beide Grafen von Sponheim, die wichtige Erlaubniß ihren Antheil der Ebernburg, der von Graf Johann um 1200 Gulden verpfändet war, von dem derzeitigen Inhaber der Verschreibung einzulösen. So faßte der Stamm Sickingen zuerst Fuß auf diesem für denselben später so bedeutungsvollen Boden. Die Art des Vorgehens bleibt für weitere Erwerbungen charakteristisch. Man trat für den Herrn, dem man diente, als Bürge ein oder war in der glücklichen Lage, demselben im richtigen Augenblick eine Summe Geldes vorstrecken zu können, wofür man sich dann natürlich mit Rechten und Anwartschaften beglücken ließ. Mit weit größerem Erfolg wußte Reinhards Sohn, Schwicker der jüngere genannt, die Gunst der Verhältnisse auszunutzen. Seine Lebensarbeit hat es seinem Sohne ermöglicht, eine noch über Deutschlands Grenzen hinausreichende Bedeutung zu erringen.

Schwicker zuerst in der mehr untergeordneten Stellung eines pfälzischen Amtmanns in Ebernburg, ward dann zum Amtmann in Kreuznach ernannt. Noch später sah er sich als Hofmeister zu den wichtigeren Geschäften zugezogen. Er war am Hof zu Heidelberg eine vielgesehene Persönlichkeit und jedenfalls auch der Verpflichtung seines Dienstbriefes gemäß mit Roß und Mann in der Pfalz Kriegshändeln verwendet. Daneben traf er theils als Rechtsnachfolger seines Vaters theils aus freier Hand für bedeutende Summen als Bürge für seine kurfürstliche Gnade ein, so daß schon 1482 die Höhe der Bürgschaftssumme sich auf 24300 Gulden, die Zinsen davon jährlich auf 1120 Gulden beliefen.

Solche Verdienste durften nicht unbelohnt bleiben. Im Lauf des Jahres 1482 ging die Herrschaft Ebernburg, Schloß, Thal, sowie die dazu gehörigen Dörfer Feil, Bingart und Narheim in den erblichen Pfandbesitz Schwickers über, mit allen Gerechtigkeiten und Obrigkeiten, soweit und in welchem Umfang Pfalz dieselben besessen. Nicht weniger Glück hatte unser Ritter in der Wahl seiner Lebensgefährtin. Diese Margarethe, Tochter des Wyrich Puller von Hohenburg, brachte ihrem Gemahl nach dem Tode ihres Bruders Richard den Theilbesitz von Landstuhl und Hohenburg zu. So erhob sich das Besitzthum, rechnet man dazu noch zahlreiche Lehen, die Schwicker von der Pfalz, von Veldenz, Lothringen, Zweibrücken, den Bischöfen von Worms und Speier, dem Stift zu Weißenburg u.a.m. sich hatte auftragen lassen und zu mehren fortwährend beflissen war, zu einem recht stattlichen Complex von Gütern. Freilich ging demselben jede territoriale Geschlossenheit gänzlich ab. Wir besitzen für Ebernburg und Landstuhl Urbarien aus dieser Zeit, die anschaulich vor Augen führen, aus wie vielen, oft verschwindend kleinen Einzelposten sich das Einkommen eines solchen Herrn zusammensetzte.

Es wäre sehr wenig dem Charakter der damaligen Zeit entsprechend, wollte man nach dem eben Ausgeführten sich die Vorstellung bilden, als ob Schwicker auf seinen Burgen stillsitzend und seine Renten sammelnd dieGelegenheit zu neuen Erwerbungen abgewartet hätte. Der Vater Franz von Sickingens war ein rauher Reitersmann, der in mancher Fehde sein Schwert gefürchtet gemacht hatte. Dem trotzigen, kecken Ritter dünkte es unerträgliche Schmach, daß ihm als Fremden dereinst in Köln der Dolch abgenommen worden war, den er satzungswidrig innerhalb des städtischen Weichbildes am Gürtel trug. Er schwankte nicht mit der mächtigen Stadt anzubinden, ja sein grimmiger Zorn verstieg sich bis zu dem feinausgedachten Plan, die stolzen Städter innerhalb ihrer Mauern zu überrumpeln. Er warb Kriegsknechte, welche im Jahr 1488 unter dem Vorgeben im Auftrage der Reichsstädte dem Reichsfeldherrn Herzog Albrecht von Sachsen gegen die Flamänder zuzuziehen, sich in Köln einquartierten. Am bestimmten Tag sollte jeder seinen Wirth erstechen und darauf die Stadt an verschiedenen Punkten in Brand gesteckt werden. Der Anschlag kam rechtzeitig zur Kenntniß des Rathes: es gelang, sich des Hauptanführers zu versichern, der vor seinem Tod Schwicker als Urheber namhaft machte. Weiteres über den Verlauf der Fehde ist nicht bekannt. Doch scheint dieselbe mit stillschweigender Gutheißung benachbarter Fürsten geführt und sehr einträglich gewesen zu sein.

Inzwischen hatte sich längst um Schwicker und Margarethe ein munterer Kinderkranz gesammelt. Nicht alle freilich durften heranwachsend die Stütze der Eltern sein. Schon 1477 entsagte Schonette den Freuden dieser Welt und ward, nachdem sie auf alle Erbansprüche verzichtet, Nonne im St. Johannenkloster bei Alzei. Eine andere Tochter Katharine starb jung, eine dritte, Gertrud, finden wir um die Wende des Jahrhunderts als Schwester des Ordens der h. Klara in Trier, und dann auf Anordnung der Oberen in dem neugestifteten St. Klarakloster zu Hogstraten in Brabant. Sie ist es, deren erhaltenen Briefen wir einigen, wenn auch ganz nothdürftigen, Einblick in das Leben der Familie verdanken. Dasselbe muß, wenn wir bei der einsam hinter ihren Mauern weilenden Nonne nicht eine zu große, der Sehnsucht entspringende Wärme der Empfindung voraussetzen müssen, ein recht inniges gewesen sein. Mit Eifer ist Gertrud beflissen, die Verwandten über ihr Loos zu beruhigen; mit besonderer Vorliebe weilt ihre Erinnerung bei ihren Geschwistern Franziscus, Barbele und Agnes. Von diesen finden wir die beiden letzteren später herangewachsen wieder als Hausfrauen Dietrichs von Braunsberg und Wolfs von Dalberg. Franziscus, der einzige Sohn der Familie, muß uns nunmehr vorwiegend beschäftigen.

Es war am zweiten März 1481, inmitten einer an Geburtstagen später hervorragender Männer reichen Zeitspanne, als den hoffenden Eltern auf der Ebernburg der Erbe geboren ward. Herr Schwicker ist uns genannt als Liebhaber astrologischer Studien, ja wenn wir späteren Neidern glauben dürften, sogar als Freund der Magie: kein Wunder daher, wenn das freudige Familienereignis von einer wunderbaren Constellation eingeleitet sein mußte. Das neugeborene Kind werde auf Erden eine wunderbare Zeit haben und ein treffliches Ansehen bekommen, sein Ende werde aber etwas beschwerlich sein, so las der Vater in den Sternen. Die Mutter erinnerte später, als der Sohn heranwuchs, ihren Eheherrn an diese Voraussagung, worauf derselbe antwortete: Ja, liebe Hausfrau, es wird noch ein anderer Mann werden, Gott weiß, wie es enden wird. Franz, oder Franziscus, wie der Sohn in der Regel genannt zu sein scheint, wuchs heran kräftig, wenn auch nicht groß von Körper, die Freude und doch wegen seines heftigen Wesens auch die Sorge der Seinen. Der Vater mag über den ungestümen Knaben, wie den hochstrebenden Jüngling öfters ähnliche bekümmerte Seufzer ausgestoßen haben, wie einmal in Gegenwart des Herrn Bleicker Landschade von Steinach, der später Gelegenheit fand, die prophetischen Worte des alten Schwicker den im Jahr 1519 zu Höchst versammelten Wahlcommissarien mitzutheilen. Es liegt nichts vor, was zu der Vermuthung berechtigte, daß seine Erziehung eine wesentlich andere gewesen sei, als sie damals in der Regel auf Deutschlands Ritterburgen heimisch war. Götz von Berlichingens Selbstbiographie giebt auch davon ein anschauliches Bild. Freilich sind wir nicht befugt alle Züge desselben, so lange nicht andere Anhaltspunkte dazu kommen, ohne weiteres auf Franz zu übertragen. Ob der Knabe ausschließlich auf den väterlichen Schlössern sich tummelte, oder ob er frühzeitig zur Erlernung der Rittersitte einem befreundeten Edelmann von bewährter Tüchtigkeit als Bube oder Page anvertraut wurde, wir wissen es nicht. Ebenso entzieht sich unserer Bestimmung, ob er, wie es in der Regel zu geschehen pflegte, im 14. Jahre Knappe ward und ob er im 21. Jahr den Ritterschlag erhielt, wiewohl der bekannteste seiner neueren Biographen sogar die Zeugen dieses feierlichen Aktes anzugeben weiß. Wie schon angedeutet, bezweifle ich, daß die geistige Nahrung, die dem Knaben und Jüngling geboten wurde, sich sehr über die Elemente des Wissens und die hergebrachten religiösen Begriffe und Uebungen erhoben hat. Was wir sonst von dem Bildungstrieb des deutschen Adels jener Zeit wissen, macht von vornherein diese Annahme nicht sehr wahrscheinlich. Mehr als Centauren, denn als deutsche Ritter will Ulrich von Hutten noch Jahrzehnte später den Adel wegen seiner sich überhebenden Verachtung literarischer Bildung betrachtet wissen. Außerhalb der für die gelehrte und geistliche Laufbahn bestimmten Kreise war eine solche damals überaus selten: vom Adel insbesondere hatten sicher nur wenige den moralischen Muth, den Vorurtheilen ihrer Standesgenossen zu trotzen. Positive Zeugnisse aber sind nicht vorhanden. Denn was will es heißen, wenn Franz später in seiner bekannten Verwendung für den ehrwürdigen Reuchlin erklärt, sein Interesse für denselben schreibe sich außer dem Eifer für seine gute Sache auch daher, daß jener seinen Eltern oftmals gefällige Dienste erzeigt und, so viel an ihm gewesen, sich beflissen habe, auch ihn in seiner Jugend "sittlicher Tugend zu unterweisen"? Es heißt die Worte pressen, wenn man daraus einen wissenschaftlichen Unterricht machen will. Steht aber immerhin von Reuchlin ein gewisser moralischer Einfluß fest, den er auf Franzens Jugend ausübte, so entbehrt die weitere Annahme, daß derselbe sich auch des Unterrichts des redemächtigen Johann Geiler von Kaisersberg erfreut habe, so weit ich sehe, jedes quellenmäßigen Beleges. Wir besitzen dagegen das positive Zeugniß Huttens, daß Sickingen ein Mann "sine literis", ohne wissenschaftliche Kenntnisse, war. Eine scharfe Urtheilskraft befähigte unsern Sickingen später auch ohne diese Grundlage Fragen von hoher geistiger und religiöser Bedeutung unter Huttens Anleitung ein eingehendes Verständnis entgegenzubringen: seine Erziehung ist darauf nicht gerichtet gewesen. Das Leben, die Nothwendigkeit den Ansprüchen der selbsterkämpften Stellung gerecht zu werden hat ihn gebildet; denn auch seine historischen und staatsrechtlichen Anschauungen sind schwerlich theoretisch ihm eingeprägt worden.

Dagegen versteht es sich von selbst, daß er von Jugend auf zu kriegerischen Uebungen angehalten ward. Wo und bei welcher Gelegenheit er aber den ersten Waffendienst verrichtete, wo er fortan Auge und Hand zum Kampfe stählte, ist nicht festzustellen. Zuerst finden wir ihn außerhalb des Hauses auf dem 1495 gehaltenen Reichstag zu Worms, wohin er gleich seinem Vater im Gefolge des Kurfürsten von der Pfalz gekommen war. Man pflegt zu sagen, daß die Eindrücke, die ein Mensch bei seinem ersten Auftreten im großen Leben empfängt, bleibende seien. Daß Junker Franz fortan das Dasein eines Edelmannes unter der Perspektive des ewigen Landfriedens erblickt habe, läßt sich eben nicht behaupten. Noch im gleichen Jahr verließ Schwicker seine Heimath, um eine Reise nach dem heiligen Land anzutreten, wie das damals von Fürsten und Herren mehrfach geschah. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Franz den Vater begleitet hat. Noch hatte es einen eigenthümlichen Reiz sich am heiligen Grab die Ritterschaft zu holen. In einem Testament, das Schwicker für alle Fälle vorher verfaßte, mahnt er Mutter und Sohn zur Einigkeit und bestimmte, daß letzterer nach erlangter Volljährigkeit im Einverständniß mit der Mutter Ebernburg und Landstuhl besitzen solle. Die Sorge, den von ihm gelegten Grund zur Bedeutung seines Hauses nach seinem Tode nicht zerfallen zu lassen, war zunächst unnöthig. Schon im Jahr 1496 kehrte er wohlbehalten von seiner Pilgerfahrt zurück. Kaum war einige Jahre später Franz in das Jünglingsalter getreten, als man sich nach einer Lebensgefährtin für den Stammhalter umsah. Die Erwählte war Hedwig von Flersheim, die Tochter des Hans von Flersheim und der Ottilie Kranich. Schwicker war noch die Freude vergönnt, als Großvater den Bestand des Hauses gesichert zu sehen. Der älteste Enkel trug seinen Namen.
Schwickers Ende wird gewöhnlich tragischer erzählt, als es in der That gewesen zu sein scheint.

Ruprecht von der Pfalz, der dritte Sohn des Kurfürsten Philipp, beanspruchte, gestützt auf ein Testament seines Schwiegervaters, des Herzogs Georg des Reichen von Baiern-Landshut, und das Erbrecht seiner Gemahlin, die Nachfolge in die Lande und Besitzthümer des 1503 verstorbenen letzten Herzogs von Landshut. Als nächste Schwertmagen und gestützt auf ältere Hausverträge widersprachen die Herzöge Albrecht und Wolfgang von Baiern-München. Auf ihre Veranlassung zog Kaiser Maximilian die Sache vor seinen oberlehnsherrlichen Stuhl. Der unbeugsame Eigenwille des jugendlichen, durch seine ehrgeizige Gemahlin gespornten Pfalzgrafen schloß jede Verständigung aus. Während der Rechtsgang eröffnet war, nahmen seine Hauptleute von den in seiner Gewalt befindlichen Burgen Landshut und Burghausen aus mit Gewalt die Städte Dingolfing und Landshut ein. So mußten die Waffen entscheiden. Da Pfalzgraf Philipp seinen Sohn nicht verlassen wollte, so traf auch ihn sammt allen Dienern und Anhängern am 23. April 1504 die kaiserliche Acht. Neben dem Kaiser selbst führten in der Pfalz auch Hessen, Würtemberg und andere Reichsstände die Execution aus. Während in den bairischen Landen selbst aus naheliegenden Gründen die Reichstruppen den Krieg nur hinzuhalten suchten, ward die Pfalz aufs unbarmherzigste verwüstet. Die Schlösser wurden gebrochen, Hunderte von Dörfern gingen in Flammen auf. Der Kriegsplan war, den Pfalzgrafen Philipp durch einen überlegenen Angriff von der Unterstützung seines Sohnes abzuhalten; dann, hoffte man wohl, werde der Brand in Baiern selbst sich leicht und ohne großen Schaden des umstrittenen Gebietes ersticken lassen. Ganz gelang der Plan nun nicht. Einmal machte Herzog Ruprecht Baiern seinerseits auch zum Schauplatz des Krieges, dann waren gleich im Beginn des Kampfes sechshundert pfälzische Reissige ihrem jungen Herrn zu Hilfe gezogen. Mit diesen und dem geworbenen Fußvolk führte Ruprecht vorzugsweise seine Sache. Auch Franz von Sickingen stand im Dienst und wie es scheint, im Vertrauen des pfälzischen Prätendenten. Anfang 1504 lag er in Besatzung zu Amberg, als Befehl kam am 23. Januar nach Augsburg abzureiten, um im Gefolge Ruprechts zu sein während der Vergleichsverhandlungen, welche der Kaiser zwischen den Parteien daselbst anzustellen wünschte. Da sich die Zusammenarbeit etwas verschob, ist es nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob Franz derselben beiwohnte. Sie verlief bekanntlich resultatlos. In dem nun beginnenden Kampf war Landshut einer der Mittelpunkte der Operation Ruprechts. Hier stand auch Schwicker von Sickingen, der Pfalz Hofmeister, offenbar in einflußreicher Stellung, jedoch nicht eigentlich als Commandirender. Als Hauptleute treten vielmehr in zahlreichen Schreiben hervor Jörg von Wyßpeck, Georg von Rosenberg, Magnus von Habsberg. Sie setzten von Landshut aus auch nach dem plötzlichen Tod ihres unglücklichen Fürstenpaars im Interesse der Kinder desselben den ungleichen Kampf fort. Auch nachdem die einzigen Bundesgenossen, die Böhmen, in ihrer Wagenburg bei Regensburg geschlagen waren, nachdem Pfalzgraf Philipp selbst von der Uebermacht überwältigt auf seine Bitte zum Waffenstillstand zugelassen worden war, blieb Landshut ein Heerd des Widerstandes. Schwickers Anwesenheit ist auch für den weiteren Verlauf unzweifelhaft. Er gehörte zu den Getreuen, welche dem zur Beilegung vom Brüsseler Hof herbeigeeilten Pfalzgrafen Friedrich abriethen, sich auf einen Waffenstillstand einzulassen. König Max ließ jedoch nochmals den Versuch gütlicher Vermittlung zu. Es traf daher, nachdem der angesetzte Tag zu Mittenwald nicht zu Stande gekommen, im Namen der Hauptleute von Landshut Schwicker beim Kaiser in Kufstein ein. Da er jedoch ohne jede Vollmacht war, ward er nebst seinen Begleitern am 14. December wieder nach Hause geschickt. Erst nachdem auf Befehl des Königs Hauptleute und Räthe zu Landshut dem Pfalzgrafen Friedrich als Vormund der Kinder Ruprechts den Eid des Gehorsams geleistet, kam es im April zum Friedensgebot Maximilians an alle Stände des Reichs. Zur völligen Beilegung aller Händel ward ein Reichstag nach Köln ausgeschrieben. Jetzt erst räumten die Getreuen Ruprechts Landshut und die andern von ihnen besetzt gehaltenen Orte. Der Hauptmann von Landshut, Georg von Rosenberg, der noch in der letzten Phase des Kriegs die entsetzlichsten Verwüstungen über das feindliche Gebiet verhängt hatte, kehrte am 11. April unter königlichem und fürstlichem Geleit ungefährdet in seine Heimath zurück, gleich den anderen tapferen Vertheidigern. Sicherlich unter ihnen auch Schwicker von Sickingen. Ich darf nicht verbergen, daß diese Annahme einer seit Langem im Schwang befindlichen Meinung widerspricht. Der Vater der letzteren, der Jesuit Brower, erzählt, daß Sickingens Vater in diesem Krieg im Kampf gefangen und, weil er das Reich und die freien Städte bedrängt, auf Befehl Maximilians auf der Burg Koppenstein geköpft worden sei. Nach allem, was angeführt worden ist, muß diese Nachricht im höchsten Grad unwahrscheinlich vorkommen. Schwicker war in minderem Grad compromittirt, als die unter freiem Geleit abziehenden Hauptleute. Sein persönliches Erscheinen in Kufstein beweist das. König Maximilian, selbst Soldat, kann die einfache Erfüllung militärischer Schuldigkeit so nicht geahndet haben. Das Geschick Johanns von Pienzenau und seiner Genossen läßt sich dagegen nicht anführen: er büßt mit dem Tod die verrätherische Auslieferung der Burg Kufstein. Urkundlich ist Schwicker am 10. Februar 1505 noch unter den Lebenden. Wie soll man sich ein Bluturtheil nach dieser Zeit an ihm vollstreckt erklären: es hätte der Parteiwuth, die der König zu besänftigen suchte, nur neue Nahrung gegeben! Auffallen müßte es auch, daß Franz von Sickingen, der später wiederholt dem pfälzischen Kurfürsten die Dienste vorrechnet, die sein Haus ihm geleistet, diesen blutigen Beweis vasallistischer Treue übergangen haben sollte! Es ist keine Veranlassung, auf das alleinige Zeugniß des unzuverlässigen und gehässigen Brower hin, der erst anderthalb Jahrhunderte später schrieb, ein gewaltsames Ende Schwickers anzunehmen. Keine zeitgenössische Quelle weiß etwas von einer solchen Begebenheit, während doch mehrere sich über seine Schicksale während dieses Krieges sonst nicht unterrichtet zeigen.

Lange hat jedoch Schwicker das Ende des unheilvollen Kriegs keinesfalls überlebt. Näheres über sein Ende läßt sich nicht angeben. Noch seine letzte Lebenszeit war in traditioneller Weise verwendet worden. Er hatte aufs Neue seinem Hause Anspruch auf die Erkenntlichkeit des Kurfürsten von der Pfalz erworben.
Nach des Vaters Tod fiel Franz die Aufgabe zu als Haupt der Familie auf Heilung erlittener Schäden und Förderung ihrer Interessen bedacht zu sein. Es ist sehr schwer aus den abgerissenen Notizen, die allein die nächsten zehn Jahre erhellen, ein einigermaßen abgerundetes Bild seines Lebens und Thuns zu gewinnen. Als reicher Grundherr mußte er darauf aus sein die Kriegswunden zu heilen und vor Allem in Zukunft auf seinen Burgen sicher jedem Angriff entgegensehen zu können. Einzig die festen Schlösser hatten die in Belagerungen noch immer ungeübten Reichstruppen in ihrem Siegeslauf gehemmt, als alles die Beute ihrer Uebermacht werden zu müssen schien. Franz hatte daher von seinem Lehns- und Landesherrn sicher keinen Widerspruch zu befürchten, als er nach Schwickers Tod sich entschloß die Ebernburg auszubauen. Dieses Schloß, inmitten der von Natur reich gesegneten Herrschaft nahe dem Zusammenfluß der Nahe und Alsenz auf hohem Berg gelegen, ward zu einer Festung umgeschaffen, die weitverbreiteter Meinung zufolge unbezwinglich sein sollte, selbst wenn das römische Reich selbst davor sich lagerte. Weniger von Natur begünstigt, aber durch ihre Lage auf dem Westrich und im Wasgau wichtig waren die Schlösser Landstuhl und Hohenburg. Später wandte sich auch ihnen Sickingens fortificatorische Neigung zu. Daß vorsorglich auf Erhaltung und Vermehrung des Kriegsmaterials zu Schutz und Trutz gesehen ward, zeigen die späteren Unternehmungen. Getreu dem guten, alten Spruch, daß Einheit stark mache, wurde der Erweiterung und Verstärkung genossenschaftlicher Beziehungen zu dem benachbarten Adel sorgsame Aufmerksamkeit gewidmet. Hier kamen besonders die Ganerbschaften mit ihren Burgfrieden in Betracht. Später werden Drachenfels, Lützelburg, Dhaun und Kallenfels als die Schlösser genannt, in deren Gemeinschaft er eintrat. In der wichtigsten dieser Vesten, der auf hohem Fels gelegenen Doppelburg Steinkallenfels, sehen wir ihn während der ersten Periode zweimal 1508 und 1514 beschäftigt, einem Maltag beizuwohnen, dessen Aufgabe die Erweiterung und Bekräftigung des Burgfriedens war. Besonders erhielten die Bestimmungen eine praktische Fassung, die sich auf Benutzung der Burg und Betheiligung der Gemeinen bei Streitigkeiten mit Fürsten bezogen. Gar mancher von den dreißig Ganerben hat dann Sickingen gegen Worms und Trier seinen Arm geliehen; wie die Rüdesheim, Dalberg, Flersheim, Hilchen von Lorch u.a.m.

Auch in Franz lebte der haushälterische Sinn seiner Vorfahren, der, so sehr sich auch poetischer Sinn dagegen sträuben mag, in den meisten Fällen die Hauptgrundlage des Emporsteigens unserer großen, nachher fürstlichen Geschlechter geworden ist. Wer mag sagen, ob vor des ehrgeizigen jungen Mannes Seele schon in erkennbarer Deutlichkeit das Bild der Stellung schwebte, welche er zu erringen trachtete? Jedenfalls war es nicht ohne sein Verdienst, daß ihn die Gelegenheit nachher nicht unvorbereitet fand. Zusehends wuchs auch unter seiner Hand der Wohlstand des Hauses. Wohl mochte sich die Mutter, die einige Jahre den Gatten überlebte, der jugendlich-rüstigen Kraft erfreuen, die in dem Sohne wirkte und schaffte. Schon im Februar 1505, noch bei Schwickers Leben, verlieh der Pfalzgraf in Anerkennung der treuen Dienste, die sein Hofmeister Schwicker von Sickingen ihm gethan, demselben und seinen Erben das Recht, im Ebernburger Gebiet Erz und anderes Metall zu suchen und bergwerksweise an den Tag zu fördern. Nur den halben Zehnten behielt der Kurfürst sich vor. Franz wußte auch die unter dem Rheingrafenstein befindlichen Erzstollen aus den Händen einer ohne Glück arbeitenden Genossenschaft für sich zu erwerben und, zum Theil mittelst kurfürstlicher Befreiungen, zu hoher Blüthe zu bringen. Wenn wir dem wackeren Hubert Thomas aus Lüttich glauben dürfen, hatte der Fels in seinen Schachten sogar Silberadern. Reicher Ertrag lohnte Jahr für Jahr die einsichtige Verwendung bereit gehaltener Mittel. Sickingen verdankte diesem Betrieb einen guten Theil seiner Einkünfte. Es mögen damals gerade Manchem die Augen aufgegangen sein über die Reichthümer, welche die Erde in ihrem Schooße barg. Denn es ist ja längst ausgemacht, daß zu jener Zeit nicht amerikanische Einfuhr, sondern der intensivere Betrieb europäischer und besonders deutscher Bergwerke durch die zu Tage geförderten Schätze das Weichen des Silberwerthes und damit die große Preisrevolution veranlaßt hat, welche die ersten Jahrzehnte des sechszehnten Jahrhunderts beunruhigte. Während man so für militärische und finanzielle Stärkung arbeitete, ließ man, einzelnen Spuren zufolge, auch die politischen Gerechtsame nicht außer Augen. Im Jahre 1508 kam es zwischen dem Burgherrn einerseits, Schultheißen, Schöffen und Bürgern des Thales Ebernburg andererseits zu einem neuen Ausgleich über gewisse Freiheiten in gerichtlicher Beziehung, die von den Grafen von Sponheim herrührten. Nachdem die Gemeinde auf ihr altes Recht verzichtet, ward sie in beschränkterem Maße mit neuen Freiheiten beschenkt.

Wie sein Vater war Franz pfälzischer Amtmann zu Kreuznach. Von seiner Thätigkeit legen einige durch ihn zu Stande gebrachte Vergleiche Zeugniß ab. Um dieselbe Zeit ward er auch pfälzischer Amtmann zu Beckelnheim mit der Verpflichtung zum Dienst seines Herrn fünf reissige Pferde gerüstet zu halten. Zugleich trat er in die Dienste des Kurfürsten Uriel von Mainz, dem er gegen ein jährliches Entgelt von 150 Gulden sechs Reissige zuzuführen versprach. Derartige Bedienstungen waren für unsern Ritter wichtig, weil sie es ihm ermöglichten oder erleichterten, einen wenn auch kleinen doch stets verfügbaren Trupp Berittener zu halten. Eine solche Leibwache, wenn der Ausdruck nicht zu viel sagt, gab ihm in den Augen benachbarter Dynasten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Und sicherlich schien den Standesgenossen die Freundschaft dessen nicht wenig begehrenswerth, der bei allerhand Spänen zum raschen Helfen fähig war. Aus eigenen Mitteln und auf eigene Gefahr hätte Sickingen in seinen Anfängen sich schwerlich diesen Luxus erlauben dürfen. Mit der Zeit, als bei wachsendem Ansehen und vermehrter Geldkraft sein Werberuf sofort Hunderte, ja Tausende schwergerüsteter Reiter adeligen und nichtadeligen Standes um sich versammelte, scheinen allgemach auch die nunmehr lästigen kleineren Dienstverpflichtungen gelöst zu sein. Man sieht, wie er auch in dieser Beziehung im Fürstendienst, bezüglich dem der Pfalz, emporgekommen.
Verweilen wir noch einen Augenblick bei seiner Wirksamkeit als Amtmann zu Kreuznach. Es lagen ihm als solchem auch die Functionen eines Schulpatrons ob. Nun hatte damals der Magister Georgius Sabellicus prahlerisch sich gerühmt zu jeder Zeit Wunder gleich denen Christi, an welchen gar nichts staunenswerthes sei, vollbringen zu können. Alles, was Menschen Begehr, wisse und könne er. Die Unbefriedigung mit der religiösen Ueberlieferung pflegt strebsame Geister entweder zur besseren Erkenntniß oder zum Aberglauben zu führen. Sickingen hat beide Stadien der Entwicklung durchkämpfen müssen. In den Fußstapfen seines Vaters wandelnd huldigte er zuerst dem schmeichlerischen Wahn, durch mystische Mittel zur Wahrheit durchdringen zu können. Sein nach Aufklärung dürstender Geist mochte von jenem Magier umfassende Enthüllungen erhoffen. Er benutzte deshalb die Gelegenheit denselben in seine Nähe zu bringen, indem er ihn als Schulmeister nach Kreuznach berief. Bald zeigte sich, daß er in die Hände eines Unwürdigen gerathen war. Wegen nicht zu nennender Vergehungen mußte sich der Meister, der Alles konnte, durch die Flucht der gebührenden Strafe entziehen.

Einer ähnlichen Gemüthsstimmung entsprang es, daß Sickingen, erfüllt von fromm-religiösem Sinn, sich entschloß ein Werk auszuführen, welches schon seinen Eltern am Herzen gelegen, vor dessen Vollendung beide aber gestorben. Gemeinsam mit seiner Gattin erneuerte er im Jahre 1510 "zur Verzeihung der Sünde, Erwerbung der Gnade, Erlösung und Milderung der Pein" die Beguttenklause Trumbach, die abgebrannt war, und stattete dieselbe für sieben Schwestern der Regel St. Francisci mit Einkünften reichlich aus. Mehrere seiner Schwestern hatten dereinst den Schleier genommen: Franz behielt von den Stellen der Stiftung zwei eigener Besetzung vor, doch wohl in dem Sinne eine Zufluchtsstätte für unversorgte Angehörige der Familie zu begründen, wie das häufig der Fall war. Freilich kam die fromme Absicht der Stifter nicht zur vollständigen Realisierung. Der Kurfürst von Mainz als Vorsteher der Erzdiöcese erhob Schwierigkeiten und erst sein Nachfolger Albrecht ertheilte im Jahre 1520 seine Bestätigung.
Daher konnte Ulrich von Hutten später mit gewissem Recht dem Freunde vorwerfen, Franz sei zur Zeit, als sie sich kennen lernten, im Begriff gewesen, "den holzfüßigen Franciskanern ein neues Nest zu bauen". Huttens Einsprache hat es bewirkt, daß Franz, ehe noch die Bestätigung eintraf, anderen Sinnes geworden war.

Wenig nur ist überliefert von seiner kriegerischen und überhaupt nach Außen gerichteten Thätigkeit aus dieser früheren Zeit. Zuerst erfahren wir von seiner Betheiligung am Landshuter Erbfolgekriege, dann steht seine Theilnahme fest an einer Fehde, welche sein Diener Georg von Rodalben, genannt Heylen-Georg, einer Forderung von 33 Gulden halber gegen den Grafen Reinhard von Zweibrücken entfachte. Nachdem mehrere Vermittlungsversuche Anderer fehlgeschlagen, nahm sich Sickingen seiner an und zwang den Grafen durch eine Geldsumme sich Ruhe zu erkaufen. Einen andern "Reuterdienst" scheint er einige Jahre später einem Freund gegen die Regenten und die Landschaft zu Hessen geleistet zu haben. Wenigstens ist sein Gesuch vorhanden, dieser Handlung wegen "außer Sorgen" gelassen zu werden. Im gleichen Jahre 1512 wohnte er zu Worms einer Versammlung der Rheinischen Ritterschaft bei, die sich mit der Frage beschäftigte, wie man dem Deutschen Orden in Preußen helfen könne. Daß er neben drei anderen Herren die dem Beauftragten des Hochmeisters zu gebende Antwort unterzeichnet, ist ein Beweis für das Ansehen, dessen er sich in seinem Kreise bereits erfreute. Im Jahre 1514 nahm er als pfälzischer Rath an der Gesandtschaft Theil, welche seitens des Kurfürsten Ludwig zur Vermittlung zwischen Ulrich von Würtemberg und seinem Lande nach Tübingen abgeordnet ward und den Tübinger Vertrag vereinbaren half. Damit ist jedoch alles gesagt, was sich über Sickingens Thätigkeit nach Außen in dieser Zeit feststellen läßt; denn daß Franz, wie seither behauptet ward, im venetianischen Krieg den Adlern Kaiser Maximilians gefolgt sei, läßt sich in keiner Weise nachweisen, und hat nicht einmal irgend welche Wahrscheinlichkeit für sich. Keine Quelle sagt es ausdrücklich: die besten wissen überhaupt nichts von einer Heerfahrt Sickingens unter Maximilian. Auf diesem Boden ist Sickingens Bedeutung nicht erwachsen. Weder hatte er es nöthig, noch entsprach es seinem unabhängigen Sinn von unten auf die Sprossen der zu erklimmen, den Durchgang vom Gehorchen zum Befehlen zu versuchen. Ganz besonders spricht gegen die Annahme seiner Betheiligung am venetianischen Krieg sein enger Anschluß an den Pfalzgrafen. Noch war dieser unausgesöhnt mit dem Kaiser. Daß auch Sickingen die im Pfälzerkriege gemachten eigenen Erfahrungen und erlittenen Verluste nicht leicht verschmerzte, beweist weit später sein unausgelöschter Groll gegen Hessen.

In der Pflege seiner sorgsam gemehrten Besitzungen und im Anschluß an das pfälzische Haus ist unser Ritter vom "Fränzchen zum Franz" geworden.
Noch weniger ist es möglich den jungen Burgherrn am heimischen Heerd und im Kreis der Seinen zu beobachten. Es klingt recht schön, wenn man Hedwig, Sickingens Hausfrau, in Parallele stellt zu Elisabeth, der meisterhaften Schöpfung Göthe's im Götz von Berlichingen. Leider blieben nur die Quellen stumm. Wir wissen nur, und auch das durch späteren Bericht, daß sie der Bauten auf Ebernburg sich angenommen und dieselben fast allein geleitet hat. Auch das läßt sich nicht entscheiden, ob ihrer Geschmacksrichtung die fürstlich gediegene Pracht der Einrichtung, die hausmütterlich-vorsorgliche Aufspeicherung zum Wohlleben gehöriger Haushaltungsgegenstände entsprang, welche bei der Einnahme Landstuhls und Ebernburgs den Fürsten in die Hände fielen. Vielleicht war gerade mit ihrem frühen Tod und einer jungen Schwiegertochter ein anderer Geist ins Haus eingezogen.

Hedwig beschenkte ihren Gatten mit sechs Kindern; drei Töchter Margarethe, Magdalene, Ottilie, und ebensoviel Söhne, Schwicker, Hans, Franz Conrad. Von letzterem, der allein überlebende Nachkommenschaft hatte, stammen die späteren Sickinger. Frühzeitig, wie erwähnt, ward Franz die Gattin entrissen. Während der Vorbereitungen zur Wormser Fehde starb sie im Januar 1515. Am 16. Tag des Monats ward sie in Kreuznach beerdigt. Franz konnte sich nicht entschließen durch eine neue Heirath seinen unmündigen Kindern eine Erzieherin zu verschaffen. Die älteste Tochter hat sich nicht allzulange nachher mit Ogger von Clee vermählt; die zweite wurde bei der Tante erzogen. So scheinen die Kinder überhaupt vertheilt worden zu sein. Von den Söhnen blieb nur Schwicker beim Vater; Hans und Franz Conrad wurden Herzog Wolfgang von der Pfalz und dem Bischof von Besancon anvertraut. Franz wollte von allen Fesseln frei seinen Plänen obliegen. Sein eigener Schwager, der Domherr und Domsänger Philipp von Flersheim aus Speier mahnte ihn vergeblich sich seiner selbst und der Kinder wegen wieder zu vermählen. Schwager, antwortete Franz, wenn ich wieder eine Frau nähme, so würde es übel um meine Kinder stehen, die ich habe. Ich habe keine Ursache mich wieder zu verheirathen. Gott hat mir schon bescheert, darum das Sacrament der heiligen Ehe eingesetzt ist. Dabei blieb es denn. Ob ihm die Einbuße an häuslichem Glück ein neuer Antrieb ward in der folgenden glanzvollsten, aber auch unruhigsten Periode seines Lebens Befriedigung nach Außen zu suchen, wer kann das sagen? Wenig länger als acht Jahre hat er die Gattin überlebt. Fast von ihrem Grab hinweg sah er sich in eine von Anfang an blendend erfolgreiche Laufbahn hineingerissen. Genossen wie Höhere dienen ihm zum Schemel für sein Emporkommen; bald bemühen sich König und Kaiser um die Unterstützung des kleinen Rittersmannes, dessen Name wenig Jahre vorher kaum über die Ufer des Rheins hinaus erklungen war. Noch eine kurze Spanne Zeit: überwunden und gefallen ist der Träger all' dieses Glanzes, in pietätsloser Weise eingescharrt modert sein Gebein. Seine Burgen sind gebrochen, seine Güter confiscirt, seine Kinder theils gefangen, theils flüchtig im Elend. Jahrzehnte vergehen, bis denselben wieder die Möglichkeit einer gesicherten Existenz auf Grund des arg beschnittenen väterlichen Besitzes vergönnt wird. Aber die Kraft des Stammes hat sich in dem einen Franz, so scheint es, völlig erschöpft. Keiner der Nachkommen tritt irgend wie bedeutend aus dem Dunkel hervor. Als Curiosum höchstens mag es angeführt werden, daß sich die wieder katholisch gewordenen Sickingen im vorigen Jahrhundert einen gewissen Namen machten als Bedränger des Glaubens ihrer evangelischen Hintersassen. Freilich hatten die poilitischen Verhältnisse auch eine gewaltige Wandlung erlitten. Es war in dem Deutschland seit Karl V. kein Raum mehr für eine Erscheinung wie Franz von Sickingen. Das hat schon einige Jahrzehnte nachher Wilhelm von Grumbach erfahren müssen. Um so mehr wird es erforderlich sein einen Blick auf die Gesellschaft zu werfen, innerhalb deren einem Sickingen sich die Gelegenheit bot seine Begabung geltend zu machen.

Im Kampf mit Worms und Lothringen
In des Reiches Acht und Oberacht

"Vor Allem ist der Deutschen Natur der Art, daß sie sich nicht befehlen lassen wollen, und daher nicht leicht zu regieren sind. Ihren Fürsten aber die, die du siehst, dienen sie ebenso frei als treu, der Eine dem, der Andere jenem; alle insgemein jedoch erkennen als ihren Herrn jenen Alten dort an, den sie Kaiser nennen; den halten sie, so lang er ihnen zu Willen ist, in Ehren, aber Furcht haben sie keine vor ihm, sind ihm auch nicht sehr gehorsam. Daher kommt es, daß sie so oft unter sich zerfallen und so wenig für das gemeine Beste sorgen." Es ist niemand geringeres, als die personificirte Sonne, welcher Ulrich von Hutten in seinem bekannten Dialog "Die Anschauenden" obiges durch treffende Kürze und eine gewisse humoristische Wahrheit bemerkenswerthe Urtheil in den Mund legt. Freilich ist der Standpunkt, von welchem herab dasselbe ausgesprochen wird, wohl ein zu hoher, zu entfernter, als daß es bei näherer Betrachtung in jeder Beziehung Stich halten könnte. Die Worte "frei und treu" sind von gutem Klang; aber sie passen nicht recht in eine Zeit, welche als augenfälligen Zug innerer Entwicklung das Streben erkennen läßt, sich dem immer mächtiger werdenden Druck fürstlicher Landeshoheit zu entziehen. Die Worte "frei und treu" konnten um so weniger Devise des Kleinadels sein gegenüber dem Territorialfürstenthum, als letzteres nicht mehr aus der feudalen Gliederung Stärke schöpfte, sondern Antrieb und Förderung aus dem Kreise besoldeter und fachmäßig gebildeter Beamten zu erhalten liebte. Bei weitem der Wahrheit näher kommend ist der zweite Absatz des angeführten Ausspruches. Die Deutschen - und je höher hinauf, um so mehr - erkannten als Herrscher einen Kaiser an, dem bei aller Bezeigung äußerer Ehrerbietung im Laufe der Zeit die Möglichkeit benommen worden war, den Pflichten seines hohen Amtes aus den dafür bereiten Mitteln gerecht zu werden. "Einfluß ist nimmermehr Regierung", und wo im inneren Staatsleben die Wege diplomatischen Einflusses beschritten werden müssen, um zu regieren, da führen dieselben zur Corruption. So hatte sich das an sich unpolitische Gnaden- und Verleihungsrecht der deutschen Kaiser in Ermangelung anderer Befugnisse zu der Ungeheuerlichkeit eines bestehende Rechte ignorirenden Begabungs- und Cassationsrechtes ausgebildet; wohlgemerkt in einem Staatswesen, dessen Oberhaupt sonst nur geringe Reste eigener Machtäußerung verblieben waren. Nicht am wenigsten hat die Anwendung dieser Befugniß die Festigung staatsrechtlich anerkannter Beziehungen zwischen den einzelnen Ständen und Corporationen des Reichs unmöglich gemacht.

So war, als die neue Zeit mit neuen Aufgaben und Forderungen an die Nationen Europas herantrat, Deutschland ein Conglomerat der verschiedensten, vielfach sich gegenseitig aufhebenden Berechtigungen. In der Uebergangsperiode, in der die entscheidenden Grundlagen der modernen Entwicklung gewonnen wurden, war das Kaiserthum in der Regel zu ohnmächtig, um bestimmend eingreifen zu können. Von den Ständen, den Klassen des deutschen Volks mußte voraussichtlich diejenige in dem beginnenden Proceß obsiegen, welche am besten ausgerüstet und mit dem reifsten Verständniß, aber auch mit durchgreifendster Rücksichtslosigkeit ihren Zielen nachging. Das Fürstenthum, und zwar geistliches und weltliches noch ungetrennt, hatte schon längst mit Glück die Bahn beschritten seine Besitzungen zu Territorien abzurunden, über deren Kräfte man mit landeshoheitlicher Gewalt verfügen konnte. Die dazwischen liegenden Einzelbesitzungen Anderer, der Reichsritterschaft oder der Städte, in gleicher Weise ihrer Botmäßigkeit zu unterwerfen, war ein nie außer Acht gelassener Gesichtspunkt der Fürsten. Wir werden auf dieses Verhältniß später ausführlich, zurückkommen; hier nur die Erinnerung an die allgemein bekannte Thatsache, daß trotzdem, Dank der historischen Entwicklung, die Interessen der beiden andern genannten Stände, so sehr sie sich im Widerstand gegen das Alles überwuchernde Fürstenthum zu begegnen schienen, im unversöhnlichen Widerstreit standen. Es ist das auch eine der betrübenden Thatsachen der deutschen Geschichte, welche eine der englischen entsprechende Entwicklung unseres Staatslebens von vornherein unmöglich machte. - Der niedere Adel, und zwar sowohl die sogenannte reichsunmittelbare als die landsässige Ritterschaft, befand sich der neuen Zeit gegenüber in wenig beneidenswerther Lage. Die Veränderung des Kriegswesens nahm seiner Stellung den eigentlichen Boden. Der alte Satz, daß der Ritter mit Schild und Schwert sein Gut verdiene, traf nicht mehr zu, seit das Fußvolk den Kern der Heere bildete und auch der Ritter für Sold diente oder wenigstens für die Wechselfälle des Krieges von seinem Dienstherrn sich Lösegeld und Ersatz für die an der Ausrüstung erlittenen Schäden ausbedang. Die an benachbarte Fürsten um Geld oder andere Vortheile verkaufte Oeffnung der kleinen Bergschlösser, ein wichtiges Vermögensobject des kleinen Adels, verlor an Bedeutung durch die Ausbildung des Geschützwesens. Während so das Einkommen schmaler ward und schon hie und da Anzeigen hervortraten, die von unten herauf eine noch gründlichere Umgestaltung der socialen Zustände ahnen ließen, war die Ritterschaft doch keineswegs gewillt, sich etwas von der größeren Behaglichkeit des Lebens, von dem oft plumpen Luxus zu versagen, welche die Folge waren der gänzlich veränderten Handelsbeziehungen und dadurch hervorgerufenen Umgestaltung des Geldmarktes. Männer, wie jener Großvater Ulrichs von Hutten, der, ein starrer Anhänger altväterlichen Lebens, jede Verfeinerung hergebrachter Genüsse mit Consequenz von den Mauern seiner Burg fernhielt, gehören doch wohl zu den Ausnahmen. So sehr der Ritter, wie wir gleich sehen werden, den Städter als "Pfeffersack" verachtete und mehr noch haßte, so wenig konnte er ihn entbehren, mochte er sich das selbst auch nicht eingestehen. Und wenn es hier erlaubt ist die Analogie zu Hilfe zu rufen, so ward sicherlich manch' strenger Eheherr und Vater durch zarte Bitten anderes Sinnes. Je weniger in den meisten Fällen aber eine Concurrenz mit den hinter den festen Mauern der Städte aufgehäuften Schätzen möglich war, um so schroffer machte sich das Standesbewußtsein geltend. Beweis dafür sind z.B. die damals sich auszubildenden Turniergesetze, welche nicht nur die unzweifelhaft adligen Patricier ausschlossen, sondern auch innerhalb des rittermäßig lebenden Adels eine neue willkürliche Scheidewand aufrichteten. Dabei war es nicht mehr zu vermeiden gewesen, daß aus finanziellen Gründen nicht nur die landsässige, sondern auch die reichsfreie Ritterschaft im fürstlichen Dienst Gewinn und Ehre suchte. Viele Geschlechter befanden sich in fast kläglicher Dürftigkeit. Hof- oder Kirchendienst boten den einzigen Ausweg für die Versorgung der Kinder. Hat man doch wohl die Domstifter geradezu als "Spitäler" des Adels bezeichnet. Daß die Fürsten, so sehr sie in ihrer nächsten Nähe auf studirte Räthe hielten, diese Entwickelung zu begünstigen suchten, lag ganz in ihrem Interesse. Der Adel war auf dem besten Wege seine Eigenschaft als politischer Stand einzubüßen, ein Hofadel zu werden. Mühselig schützten gegen fortwährende fürstliche Uebergriffe die verschiedenen Bündnisse, durch welche die Ritterschaft ihrer getheilten Kraft einen festeren Halt zu geben versuchte, sei es, daß dieselben unter besonderem Namen auftraten oder als bloße Burgfrieden kleinere Kreise umfaßten. Wichtiger für die Erhaltung der vornehmsten Wesenheit eines politischen Adels hätte die Gliederung der gesammten Ritterschaft wenigstens der später sogenannten vorderen Reichskreise nach Landen in eine fränkische, schwäbische, rheinische werden müssen, wenn man in der That vor Allem im Reich als politischer Institution seine Stütze gesucht hätte. Warum hätte der kleine Adel nicht eben so gut zur Standschaft gelangen sollen als die Städte? Da ist es eine verhängnißvolle Kurzsichtigkeit gewesen, daß die Ritterschaft unter dem nur zu durchsichtigen Vorwand altdeutscher Freiheit die Zahlung des gemeinen Pfennigs verweigerte. Die aus dem Verfall dieser ersten allgemeinen Reichssteuer sich schließlich ergebende Schwächung der Centralgewalt, die nothwendig werdende Rückkehr zu den Matrikularumlagen konnte im Grunde doch nur dem Fürstenthum zu Gute kommen. War doch jeder Fortschritt auf dem Wege nach Erwerbung der Landeshoheit und Herstellung geschlossener Territorien bedingt durch gleichzeitige Abnahme oder Schwächung unmittelbarer Beziehungen des Reichsoberhauptes zu dessen Insassen. Je weniger Bedeutung mangelnder Mittel halber das oberste Reichsgericht gewann, um so mehr suchten die fürstlichen Gerichte auch über nicht landsässige Einwohner des Territoriums ihre Zuständigkeit auszudehnen. Wir werden von diesen Uebergriffen später Ausführlicheres vernehmen. Hier ist nur der Hinweis am Platze, daß eine gewisse Nothwendigkeit die Fürsten dahin drängte sich und ihre Unterthanen gegen die unruhigen Nachbarn zu schützen oder sich derselben ganz zu entledigen; denn man darf nicht etwa glauben, daß der ewige Landfriede von 1495, der unter Aufhebung des Fehderechtes Streitigkeiten auf den Weg gütlichen oder gerichtlichen Austrags verwies, auch nur annähernd seinen Zweck in den nächsten Jahrzehnten erreicht hätte. Im Gegentheil, jene reckenhafte Unbändigkeit und Rauflust, die sich von Anfang an bei den Deutschen erkennen läßt, führte in jener Zeit hinfälliger Reichsreformversuche noch einmal zur wildesten Geltendmachung des Faustrechts. Die Ungebundenheit des ritterlichen Wegelagererlebens entsprach theils eigener Neigung, theils war die Frucht dieser Lebensweise für einen Theil des Adels eine der wichtigsten Erwerbsquellen. Man braucht nur einen Blick in die Selbstbiographie Götz von Belichingens und ähnliche Aufzeichnungen zu werfen, um dieses finanziellen Gesichtspunktes sicher zu sein. Die Kindheit volkswirthschaftlicher Anschauungen, in der man sich damals großentheils bewegte, ließ wohl auch noch die Beraubung eines Kaufmannes, die Züchtigung der hochmüthigen Städter als einen Akt gerechter Vergeltung erscheinen; die Dialoge Huttens und andere Schriften zeigen ganz klar, wie wenig man damals in ritterlichen Kreisen und auch an den Fürstenhöfen eine Vorstellung hatte von dem Wesen des Handels. Ich brauche blos auf die 1512 zurückgehenden Verbote der sogenannten Monopolien und der großen Kaufmannsgesellschaften, sowie auf die späteren Verhandlungen über einen allgemeinen Reichszoll hinzuweisen, um zu zeigen, daß mißgünstiger Neid doch die maßgebende Empfindung war, mit welcher man allgemein dem wohlhabenden Bürgerthum gegenüberstand. Freilich hatten es die Herrn Monopolisten zuweilen etwas schlimm getrieben. So haben sie, um den alleinigen Vertrieb der in Deutschland rasch zum Bedürfniß gewordenen Gewürznägelein, des Pfeffers u.s.w. in die Hand zu bekommen, dem König von Portugall für den Centner dieser kostbaren Gewürze einen höheren Preis gezahlt als verlangt wurde, für die Gegenverpflichtung anderen Händlern während eines bestimmten Zeitraums nur für weit höhere Summen die Waare abzulassen. So konnten sie künstlich eine Preissteigerung hervorrufen, die ihnen eine rapide Bereicherung eintrug. Ein solches Verfahren machte natürlich allgemein sehr böses Blut, und hätte später (1524) fast im Schooße des Reichstages zu Maßregeln geführt, die allerdings die Monopole vernichtet, aber auch Deutschland von dem Welthandel ausgeschlossen haben würden. Dies alles macht es hinlänglich begreiflich, wie der oft mit Glücksgütern wenig, mit Kindern desto mehr gesegnete Rittersmann von seiner verfallenden Burg herab mit grimmigem Verdruß auf die reichen Waarenzüge blickte, die im Thal vorbeigeführt wurden. Doch ist er kein gewöhnlicher Straßenräuber. Seine Begriffe von Ritterehre erlauben ihm nicht ohne vorgängige Herstellung eines Kriegszustandes zur gewaltsamen That zu schreiten. Die Absage mußte jeder Fehde vorangehen. Allerdings nahm man es sich oft nicht allzu übel die Uebermittlung eines solchen Feindesbriefes so zu verzögern, daß erst, nachdem der Ueberfall gelungen, die Kunde der erklärten Fehde in die Hände der Betroffenen oder ihrer Obrigkeit gelangte. Um Gründe brauchte man nicht verlegen zu sein. Zureichend mußten sie ja nicht sein, wenn nur der Schein gewahrt blieb. Eine zeitgenössische Chronik giebt einen recht anschaulichen Begriff, wie es mit den Entstehungsursachen solcher Fehden beschaffen war. Wenn, erzählt dieselbe, der Bürger einer Stadt an Leib oder Gut zu Schaden gekommen und der Meinung war vor dem ordentlichen Richter nicht zu gebührlichem Austrag gelangt zu sein, begab er sich sofort zu einem Grafen oder Herrn, um ihm das angebliche Unrecht zu klagen und die in Anspruch genommene Forderung demselben als seinem Patron zu übertragen. Ohne Verzug erklärte dieser sich für der Stadt Feind und drohte mit Repressalien, so lange nicht die Gegenpartei seiner Forderung halber ihm zu Willen sei. Unter solchen Umständen konnte sodann kein Bürger einer solchen Stadt ohne Gefahr eine Reise unternehmen, denn die Wegelagerer wußten ihm aufzulauern, ihn des Seinen zu berauben und obendrein noch starke Lösegelder zu erpressen.

Es versteht sich von selbst, daß jene Abtretung des Streitobjektes in der Regel nur eine scheinbare war. Auch ist es klar, daß derartige Unternehmungen völlig geschäftsmäßig abgemacht wurden. Das, was günstigen Falles außer der durchgesetzten Forderung die Fehde eintrug, war Entschädigung für den Einsatz und Gewinnantheil des Unternehmers. Von Ritterlichkeit, von Schutz der Bedrängten dürfte in solchen Fällen nicht zu viel die Rede sein, wenn uneigennützige Handlungsweise auch nicht völlig verbannt gedacht werden darf. War so der Vorwand zur Fehde gefunden, so suchte der Ritter auf den Burgen, deren Ganerbe er war, um Oeffnung gegen seine Feinde nach, und entbot seinen Freunden nah und fern den Wunsch ihm gegen seine Widersacher einen Ritterdienst zu leisten. Niemand konnte wissen, ob er nicht selbst binnen Kurzem tapferer Arme und Herzen bedürfen werde. Nicht gern versagte man darum den erbetenen Ritt. War der Angreifer ein Mann von Einfluß und Vermögen, so daß er mit einer größeren Commune oder gar einem Fürsten anbinden durfte, so warb er neben den ritterlichen Mitkämpfern um guten Sold und Hoffnung auf reiche Beute die Fähnlein frommer Landsknechte. Geschütz besaß man selbst und führte so den Kampf im großen Styl. Und das, wenn ich richtig urtheile, ist es vorzugsweise, was die ersten Fehden Franz von Sickingens von anderen unterscheidet. Der Wunsch die Mittel zu gewinnen, um eine seinem Ehrgeiz zusagende Rolle spielen zu können, nicht, in erster Linie wenigstens nicht, gerechte Theilnahme für die Vergewaltigten drückte ihm die Waffen in die Hand. Gesteht doch der ihm sehr vertraute Reformer Butzer in einem späteren Briefe an Landgraf Philipp von Hessen, daß selbst Hartmut von Cronberg die Anlässe zu Franzens Fehden für viel zu gering zu so schweren Händeln erachtet habe. Aeußerlich betrachtet ist noch ein Zweifaches für Sickingens Thun charakteristisch. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie ablehnend sich z.B. die französische Ritterschaft bei allen Unternehmungen gegen ein Zusammenwirken mit dem Fußvolk verhielt, so erscheint die in Sickingens Fehden hervortretende Verquickung des ritterlichen und landsknechtlichen Elementes besonders merkwürdig. Diese Combination gerade machte ihn seinen Gegnern überlegen. Sein Kriegsplan lief in der Regel auf Ueberraschung mit imponirender Uebermacht hinaus. Fiel er über eine Stadt her, so schnitten seine Reiter alle Communicationen ab, ohne durch feindliche Reiterei daran gehindert werden zu können. So konnte er ungestört mit Geschütz und Fußvolk die Mauern angreifen. Ein Fürst hingegen, dessen Gebiet er überzog, mochte wohl noch Zeit behalten einen treugebliebenen Theil seiner Ritterschaft unter seinen Fahnen zu sammeln: eine widerstandsfähige Fußmacht aufzustellen war er in der Regel so rasch nicht im Stande. Ein Zweites war, daß Sickingen bei seinen früheren Fehden die Angriffspunkte so glücklich gewählt, daß er sich des Beifalls und der stillschweigenden Gutheißung des Kurfürsten von der Pfalz versichert halten durfte. Es war nicht weit von offener Parteinahme entfernt, wenn derselbe der pfälzischen Ritterschaft keinerlei Hinderniß in den Weg legte, Sickingens Banner zu folgen. Da nun in Folge dessen das Gerücht diesen oft nur als Willensvollstrecker der Pfalz erscheinen ließ, stieg die Furcht seines Namens gewaltig. Es hat daher etwas Wahres, wenn ein gegnerischer Zeitgenosse später, als es sich um Sickingens Bekämpfung handelte, dem Kurfürsten die Worte über jenen in den Mund legt: Ich habe dich zum Franz gemacht, ich werde auch sorgen, daß du wieder zum Fränzchen wirst.
Es ist oben angedeutet, welcher Art die Gesinnungen waren, die man in den Kreisen des hohen und niederen Adels gegen die Städte hegte. Doch waren es noch Gründe ganz besonderer Art, derentwegen Sickingen sich entschließen mochte, bei gegebener Gelegenheit gerade die Freistadt Worms zum Ziel seines ersten größeren Kriegszuges zu machen. Diese Stadt hatte sich nach mehrhundertjährigem Kampf der bischöflichen Landesherrlichkeit entzogen und war durch die Gunst der Kaiser Friedrich und Maximilian mit allen städtischen Freiheiten begabt worden. Dadurch ward die Politik der rheinischen Pfalzgrafen, deren Gebiet die Stadt umschloß, empfindlich beeinträchtigt. Während des fünfzehnten Jahrhunderts hatten sie in der Regel den bischöflichen Stuhl mit ihren Kanzlern oder ihnen sonst ergebenen Leuten besetzt; seit 1483 hatte sich die Stadt gar in pfälzischen Schirm begeben müssen. Sollte auch dem sagenberühmten Sitz der Burgunder das Schicksal des goldenen Mainz bestimmt sein, sollte auch Worms bischöfliche oder im weiteren Verlauf pfalzgräfliche Landstadt werden? Es würde zu weit führen, die verschiedenen Phasen des Streites ins Auge zu fassen. Eine wichtige Wendung trat 1504 ein im pfalzbaierischen Krieg, insofern als der jüngst erwählte Bischof Reinhard von Rippur sich an die Pfalz hielt, während die Stadt, welche nach dem bereits vor Jahren erfolgten Auszug des Bischofs und der Stiftsgeistlichkeit alle Gewalt in Händen hielt, zum Kaiser stand. Die Folge war die seitens des siegreichen Maximilian erfolgte Uebertragung aller Obrigkeiten und Herrlichkeiten auf die Stadt. Wohl die dadurch bewirkte Festigung eines bisher streitigen Zustandes veranlaßte 1509 die Geistlichkeit zur Rückkehr; der Bischof blieb bis zu einer nach des Kaisers Tod erfolgten neuen Richtung (1519) ausgeschlossen.
In diesem Gemeinwesen nun, welches jetzt im österreichischen Schirm befindlich, aber dafür mit dem mächtigsten benachbarten Fürsten zerfallen war, das uneins mit dem Bischof in seinem eigenen Schooß Parteien nährte, die eine reactionäre Politik einhielten, kam es plötzlich im Jahre 1513 zum gewaltsamsten Zerwürfniß zwischen Rath und Gemeinde. Es waren die alten Klagen, welche auch hier gegen die regierenden Geschlechter laut wurden. Eine vom Rath unausgetragene Fehde, Entziehung zuständiger Freiheiten und Gerechtigkeiten, unerlaubte Beschwerung der Gemeinde waren die Vorwürfe, welche mit Geschick und rührigem Eifer seitens der Unzufriedenen geltend gemacht, schließlich zur Entfernung des alten Rathes und Aufrichtung eines neuen Regimentes führten. Ob der Bischof und seine Partei den Sturm heraufbeschworen, um eine Wendung in ihrem Interesse herbeizuführen, ist nicht festzustellen. So viel nur läßt sich erkennen, daß er bei währender Unruhe mit den Rädelsführern im Verkehr gestanden hat, welche auch zu ihren Rechtsbeiständen seine Advocaten sich auserkoren.
Als der Kaiser noch im Laufe desselben Jahres 1513 aus den Niederlanden den Rhein herauf kam, ließ er durch seine Commissarien zu Speier den Streit in der Weise vermitteln, daß der Rath in den vorigen Stand wieder eingesetzt und zu weiterer Verhandlung ein Tag nach Oppenheim ausgeschrieben wurde.
Es bedurfte wohl nicht erst, wie die Wormser Chronik meldet, besonderer Aufwiegelung, sondern entsprang einfach dem Druck der Lage, in die sich die Leiter des Aufruhrs und ihr Anhang dem zurückgekehrten Rath gegenüber versetzt sahen, daß erstere bei diesem Austrag sich nicht beruhigten. Um Fastnacht 1514 ging bei geringfügigem Anlaß die Bewegung von Neuem los, mit einer Wildheit, daß für den Augenblick die öffentliche Autorität machtlos zusammenbrach. Jeder Rathsherr suchte sein Leben zu schützen, wie und wo es anging. Bald jedoch zeigte sich, daß, mochte der früheren Erhebung immerhin einiger Grund beizumessen sein, die jetzige lediglich durch eine Partei veranlaßt war. Die ruhigen Bürger griffen zur Wehr und stellten sich dem Rath zur Verfügung. Bald war durch Zusammenwirken des kaiserlichen Kammerrichters, des Raths und der Zünfte alles zu Ende. Von den Aufrührern sahen sich die, denen es nicht gelang zu entkommen, harter Strafe gewärtig in den Thurm geworfen.

In Folge weiteren Uebereinkommens und kaiserlicher Willenserklärung rückte dann dessen Landvogt im unteren Elsaß, der Freiherr Hans Jacob von Mörsburg mit gewaffnetem Gefolge in Worms ein. Vor demselben, sowie dem Kammerrichter Grafen Siegmund vom Hag und dem Grafen Bernhard von Eberstein, nebst Botschaften der Städte Straßburg, Hagenau, Weißenburg, Landau u.a. legte der Rath unter Zuziehung von Zunftdeputirten über sein ganzes Verhalten Rechenschaft ab. Sodann erging über die Aufrührer schweres Gericht. Unter tiefster Ruhe der Bevölkerung ward kraft kaiserlicher Vollmacht gegen 21 Beschuldigte das peinliche Verfahren eröffnet. Sechs Haupträdelsführer wurden hingerichtet, drei verstümmelt oder ausgepeitscht, mehrere verbannt und ihre Habe confiscirt. Die Härte der Strafen lag in der Zeit: auch in anderen Städten kam es zu nicht minder blutiger Auseinandersetzung des Raths und der Gemeinde. In Worms rächte sich eine nach kurzem Unterliegen neu erhobene und naturgemäß sich recht unsicher fühlende Partei. Wie jedoch aus einem erhaltenen Verzeichnisse erhellt, waren fast alle entkommen, die Rädelsführer und Leiter des Aufstandes gewesen. Konnte sich der Rath stark genug fühlen, sich jeder Sorge um diese Ausgetretenen zu entschlagen? Sicher war es richtig, wenn man von den Meisten, wenn nicht von Allen, annahm, das Bewußtsein ihrer Schuld, die Furcht vor Strafe habe sie zur Entweichung veranlaßt. Der Kaiser, der so oft der Stadt sich geneigt erwiesen, half auch hier. Ein Decret erklärte alle die, welche, um sich der Untersuchung zu entziehen, heimlich aus Worms entwichen, in des Reichs Acht und Oberacht und überwies alle ihre Habe zum Besten gemeiner Stadt dem Bürgermeister und Rath. Der Wormser Stadtschreiber Glantz hatte den Verdienst diese so vortheilhafte Entscheidung bewirkt zu haben. Ohne Weiteres nahm nun der Rath die Güter dieser Flüchtlinge an sich, und verwendete dieselben im eigenen Interesse und zur Vergütung erlittener Schäden. Wie man das verstand, beweist der Umstand, daß die Reihe derartiger Besitzungen und Rechtsansprüche seitens der Stadt an Bernhard von Dürkheim abgetreten wurde gegen die Verpflichtung der Unterstützung wider der Stadt Feinde und des Reiches Aechter.
Es scheint in der That, als ob bei diesen Maßregeln ungerechtfertigte Gewaltsamkeit, wenn nicht gar Privatrache gereizter Patricier, mit untergelaufen wäre. Ohne daß wir darüber zu einem unumstößlichen Beweis gelangen könnten, bleibt die Möglichkeit bestehen, daß diese Confiscationen neben unzweifelhaft Schuldigen auch Unbetheiligte betroffen haben. Politischer wäre es für ein Gemeinwesen in der früher skizzirten Lage der Stadt Worms auf alle Fälle gewesen, den auf Gelegenheit lauernden Widersachern gegenüber auch den Schein des Unrechtes zu meiden. Was angeblich die Unruhestifter erstrebt: Sturz des patricischen Regiments unter Vernichtung der jungen städtischen Reichsfreiheit, gerade zu diesem Ausgang hätte fast die unbarmherzige Strenge geführt, mit welcher für alle Zukunft einer Bedrohung der bestehenden Verhältnisse vorgebeugt werden sollte.
Unter den angeblich Entwichenen befand sich Bathasar Schlör, bischöflicher Notar, ein Mann schon durch sein Amt den regierenden Herrn in Worms unlieb, aber mit grimmigem Haß verfolgt erst seit seiner Betheiligung an dem glücklich unterdrückten Aufstand. Wenn es richtig war, daß letzterer, wie die Wormser behaupteten, ihre Reichsfreiheit zu Gunsten der bischöflichen Herrschaft hatte untergraben sollen, so konnte die Betheiligung eines bischöflichen Dieners nur in diesem Sinn aufgefaßt werden. Kein Wunder daher, daß die Machthaber sich beeilten auch Schlörs Namen mit auf die Liste der Geächteten zu setzen und seine nicht unbedeutende Habe einzuziehen.

Schlörs Anwesenheit in Worms während der Unruhen wird auch von seinen Freunden nicht bestritten. Erst einige Wochen später, gegen Ende Februar 1514, ging er im Auftrag seines bischöflichen Herrn an den kaiserlichen Hof. Als er nach Vollzug seiner Sendung am 6. April auf der Heimreise war, erhielt er die Nachricht, daß er während seiner Abwesenheit, die man als böswillige Meidung des Rechts auffaßte, zum heimathlosen Bettler geworden war. Man kann sich der Vermuthung nicht erwehren, daß jene vom Bischof auf Rath seiner Lehensmannen (darunter auch Sickingen) verfügte Reise Schlörs mit dem Streit des Bischofs wider die Stadt im Zusammenhang steht, ja daß Schlör, der erst den Aufstand mit angezettelt und genährt, jetzt bestimmt war, die für die bischöflichen Ansprüche scheinbar günstige Situation auszunutzen. Wie sich aber auch das Urtheil über seine Schuld gestalten mag - und alle Zweifel sind ja noch nicht gehoben - formell waren die Wormser ihm gegenüber in ihrem Recht. Nachdem Schlör verschiedentlich vergebens eine Aufhebung der gegen ihn verhängten Maßregeln zu erlangen sich bemüht, wandte er sich unter eifriger Betheuerung seiner Unschuld und strengem Rechtserbieten an den ihm bekannten Sickingen. Dieser, der seine Sendung an den kaiserlichen Hof mit verursacht, zögerte nicht seine Hilfe zuzusagen. Schlör trat als Secretär in seine Dienste, in welchen er bis zu des Herrn Tod als einflußreicher Rathgeber verharrte. Zugleich trat er an Sickingen gewisse Forderungen ab, die er an Wormser Bürger außenstehen hatte. Dies geschah nach Behauptung der Städter, als ihm bereits in Folge der Acht jede Verfügungsfähigkeit benommen war, nach Sickingens gegentheiliger Ansicht, bevor durch die Intriguen des Wormser Stadtschreibers die Acht ausgebracht war. Auch blieb er später dabei, dieselbe sei hinterrücks kaiserlicher Majestät oder durch Ueberrumplung erwirkt worden. Er forderte nun diese Außenstände und insbesondere von drei Schuldnern eine Summe von 150 fl. Capital mit 7 fl. jährlicher Gülten ein. Als Zahlung nicht erfolgte, wandte er sich an den Rath mit dem Verlangen die Säumigen zur Zahlung zu veranlassen oder dieselben in der Stadt nicht länger zu dulden. Wie erwähnt, waren die hiermit erforderten Vermögensobjekte seitens des Rathes bereits an den Herrn von Dürkheim abgetreten. Ward daher Sickingens Verlangen nachgegeben, so erwartete die zum Theil patricischen Geschlechtern angehörigen Schuldner die Gefahr einer doppelten Inanspruchnahme. Als der Schilderung dieses Sachverhaltes gegenüber Franz mit neuen Drohungen hervortrat, erbot sich der Rath zu Recht vor jenes Schwiegervater Hans von Flersheim, sowie den Kurfürsten von Mainz und Pfalz. Alles vergeblich. Vielmehr erforderte unser Junker die Geängsteten vor die Ganerben der Häuser Drachenfels, Wartenberg, Kaltenfels, Gelnhausen und Waldeck, indem er sich seinerseits vor dem Grafen von Königstein zu Verhör erbot. Die Wormser Herren, auf das Dringendste von ihren bedrohten Bürgern um Schutz angefleht, konnten nun kaum noch im Zweifel sein, wo die Sache hinaus wollte. Sie suchten sich zu schirmen, indem sie zwischen sich und ihren Gegner die Autorität des Reichs-Kammergerichtes schoben, das bekanntlich in ihrer Stadt seinen Sitz hatte. In der That untersagte ein kammergerichtliches Mandat dem Ritter bei Strafe der Acht jede gewaltthätige Handlung gegen Worms und verwies ihn auf den Rechtsweg. Unbekümmert hierum schickte Sickingen nunmehr Schreiben an die einzelnen Zünfte des Inhalts, den Rath zur Erfüllung seiner Verbindlichkeiten zu zwingen, widrigenfalls er sich gedrungen sähe zu thun, was er gemeiner Bürgerschaft und der Stadt wegen lieber vermiede. Jetzt erfolgte eine kammergerichtliche Ladung an den Ritter sich an einem bestimmten Termin zu stellen, um der gesetzmäßigen Strafen obigen aufreizenden Schreibens halber gewärtig zu sein. Letzteres Schriftstück war übrigens gar nicht an seinen Bestimmungsort gelangt, da der Rath dem Boten die Briefe hatte abnehmen lassen. Noch einmal mahnte nun Franz die regierenden Herren seinen Diener Schlör, der sich vor Kaiser und Reichsständen zu Recht erbiete, zu seinem Vermögen gelangen zu lassen, widrigenfalls er, von demselben angerufen, seine Hilfe nicht verweigern könnte. Schon vorher wohl hatte er die Ganerben der Schlösser Steinkallenfels und Wartenberg, beide in bedrohlicher Nähe von Worms, um Oeffnung gegen seine Feinde ersucht. Obwohl die Wormser auch das bald erfuhren, scheinen sie doch ihren Gegner nicht genug gekannt zu haben, um die Gefahr richtig zu schätzen. In Sickingen hatte sich schon längst der Entschluß befestigt, in dieser Sache vor dem Aeußersten nicht zurückzuschrecken. Die steten Klagen des ihm rasch vertraut werdenden Schlör nicht minder, als die sonstiger geächteten Flüchtlinge aus Worms, die sich, wie es zu gehen pflegt, nun gleichfalls dem streitbaren Ritter angeschlossen hatten, machten jede entgegengesetzte Mahnung unwirksam. Selbst sein Schwager Philipp von Flersheim, Domsänger zu Speier, der sonst hochgeschätzte Bruder seiner um diese Zeit verstorbenen Gattin, warnte vergebens.
Sickingen glaubte die persönlichen Händel seines Schützlings gleichzeitig mit der Frage über die Stellung der Stadt zur Geistlichkeit zur Entscheidung bringen zu sollen. In den Kreisen des niedern Adels, aus welchem damals noch vielfach nicht nur die Kapitel, sondern die Bischofstühle selbst ihre Besetzung fanden, war man sehr wenig einverstanden mit dem Grad städtischer Freiheit, wie ihn zum Abbruch bischöflicher Gerechtsame kaiserliche Huld neuerdings den Wormsern eingeräumt. Sickingen selbst war bischöflicher Lehensmann, Kurpfalz den Städtern nichts weniger als hold, die kaiserliche Hilfe war fern. Es schien ein leichtes den Trotz der gehaßten Bürger empfindlich zu züchtigen. Aus welchen Anschauungen heraus man glaubte sich das erlauben zu dürfen, ist oben dargelegt worden. Hier kam dazu, daß Sickingen wohl wirklich überzeugt war, Schlör sei widerrechtlich behandelt worden. Es herrschte eben und nicht mit Unrecht bei allen Ständen, hoch und niedrig, welche mit der Centralregierung jener Tage zu thun hatten, die Annahme von der Bestechlichkeit der kaiserlichen Räthe. Nachrichten, die von sickingischer Seite stammen, lassen vornehmlich den äußerst rührigen Nicolaus Ziegler hinter allen den Städtern günstigen Intriguen vermuthen.

Mit den nöthigen Formen der Fehde nahm man es diesmal, wie wir gleich sehen werden, nicht zu genau, sondern schritt sofort zur That. Gott, meint Sickingen, habe der Gerechtigkeit zur Steuer Meister Balthasar einen glücklichen Angriff gegen seine Feinde verliehen. Und in der That war der Fang, den man gleich Anfangs that, ebenso einträglich für die eine, als schmerzlich für die andere Partei.
Da die Stadt Worms im vollsten Frieden zu stehen glaubte, hatten sich an dreißig Bürger zusammengefunden, um auf dem gewöhnlichen Heidelberger Schiff rheinabwärts zur Frankfurter Messe zu fahren. Unter denselben befand sich ein Altbürgermeister und mehrere Mitglieder des Raths; mit Fug konnten sie meinen, durch das gemeine kurfürstliche Geleit, sowie besondere pfälzische Geleitsbriefe, die sie ausgewirkt, vor aller Beeinträchtigung sicher ihres Weges ziehen zu können. Am 22. März 1515 segelten sie ab. Als sie Morgens zwischen 9 und 10 Uhr dem zwischen Gernsheim und Oppenheim am linken Ufer liegenden Dorf Eich sich näherten (da wo der Rhein damals an beiden Ufern landgräflich-hessisches Gebiet berührte), stießen sie auf ein unerwartetes Abenteuer. Sickingen mit Geschütz, Reissigen und Fußsoldaten, unter welchen sich eine Anzahl der entwichenen Wormser befand, hatte bei dem genannten Dorf sich aufgestellt und zwang nach kurzer Beschießung auf freiem Rheinstrom das Schiff zur Ergebung. Rasch hatte man sich der werthvollen Beute an Geld und Gut versichert; dann wurden die gefangenen Bürger gebunden und angesichts des zusammengeströmten Landvolkes durch pfälzisches Gebiet auf die Ebernburg geführt. Erst am Nachmittag desselben Tages wurde in Worms Schlörs Feindesbrief überreicht. Der eigentliche Thäter hielt sich der Form nach noch zurück. Auf der sicheren Ebernburg thürmte man die Gefangenen ein, ja, wenn die Wormser Recht hätten, hätte Sickingen einen Bürgermeister mit eigener Hand gemartert. Nachdem man sich dann noch um ein hohes Lösegeld geschätzt, hielt es Franz an der Zeit, die Maske gänzlich abzuwerfen. Am Sonntag nach dem Ueberfall erklärte er sich für den abgesagten Feind der Bürgermeister, des Raths und der Gemeinde der Stadt Worms.
Nicht ohne Grund konnten seine Gegner daher behaupten, daß er unverwahrter Ehre die Thätlichkeiten gegen sie begonnen. Welches Aufsehen der freche Raubanfall überall machte, läßt sich ohnedieß denken. Wenige Tage darauf hielt es Kurfürst Ludwig für angemessen, mit dem Ausdruck des Bedauerns und dem Vorschlag Mittel zur Abstellung des Unwesens zu vereinbaren an die Regentin Anna von Hessen sich zu wenden. Ebenso kam das Reich in eine Art von Bewegung. Wenn es wahr ist, daß Kaiser Maximilian zu klagenden Kaufleuten ungeduldig gesagt hat: Wie geht's zu, wenn ein Kaufmann einen Pfeffersack verliert, so soll man das ganze Reich aufmahnen, wenn aber Händel vorhanden sind, daran Kaiser und Reich viel gelegen, so kann Euch Niemand herbeibringen, so ließ seine Bereitwilligkeit wenigstens diesmal nichts zu wünschen übrig. Schon am 16. April 1515 erfolgte die Erklärung Sickingens und seiner Anhänger und Helfer in Acht und Oberacht. Gleichzeitig war der Kaiser bemüht, die noch obschwebenden Zwistigkeiten zwischen der Stadt Worms und gemeiner Priesterschaft definitiv zum friedlichen Austrag zu bringen, um jeden Sickingens Vornehmen förderlichen Zwiespalt innerhalb der Stadt zu verhüten.
Aber Sickingen hatte sich nicht begnügt die Wormser unentsagt zu befehden; die Herren der Stadt behaupteten, er habe gleichzeitig mit seinem nachträglich zugesandten Feindesbrief ihnen entbieten lassen, er wolle von der Fehde nicht abstehen, bis das Regiment in die Hände des Bischofs zurückgegeben sei. Ja er soll in einem Schreiben an das Kammergericht von demselben begehrt haben, sich an einen anderen Ort zu begeben, welcher der Ehrbarkeit geneigter sei denn Worms. Widrigenfalls bitte er zu entschuldigen, wenn den Kammergerichtspersonen von seinen Helfern etwas feindliches widerführe.

Forderte der Landfriedensbruch an sich schon schwere Sühne, so mußte die weitere Verletzung seiner Autorität, die in dem halb spöttischen Ansinnen an das Kammergericht lag, den Kaiser doppelt aufbringen. Aufbrausend und leicht bestimmbar, freilich ebenso rasch zu versöhnen, wie Maximilian war, erließ er nun am 15. Mai 1515 gegen Sickingen ein wiederholtes Achtmandat in ungewöhnlich scharfen Formen. In dem selben wird der, so man nennt, Franz von Sickingen, nachdem er nochmals geächtet, wegen Majestätsverbrechen für sich und seine Kinder alles Adels, Stammes, Namens, Helm's und Schildes beraubt; alle seine Habe, bewegliche und unbewegliche, gegenwärtige und zukünftige, wird confiscirt und er selbst ausgestoßen aus der Gesellschaft des Adels in die Schaar der unvernünftigen Thiere und ehrlosen Menschen, denen er sich gleichmäßig halte. Es liest sich fast schauerlich, wie auch seine Söhne aller etwa zufallenden Erbschaften und anderer Erwerbungen für unfähig erklärt, ihres Standes beraubt, zu keinen Würden zugelassen werden, in ewiger Armuth und Dürftigkeit verstrickt leben sollen, als solche, denen ihr Leben beschwerlich, ihr Tod kurzweilig ist.
Aber so ernstlich das Edict gemeint sein mochte, mit der Ausführung desselben - obgleich die Säumigen mit einer Strafe von 1000 Mark löthigen Goldes bedroht waren - hatte es gute Wege. Vielmehr nahm die Angelegenheit jetzt erst recht eine für Worms bedrohliche Entwicklung. Einem so harten Spruch gegenüber, wie ihn der Kaiser gefällt, konnte von Unterwerfung Sickingens keine Rede sein. Mit Hilfe seines Schwagers Philipp von Flersheim brachte er eine Appellation zu Stande, worin die Richtigkeit der Acht erwiesen werden sollte. Weit mehr verließ er sich aber auf sein gutes Schwert. Seine Rüstungen gewannen erst jetzt einen ungewöhnlichen Charakter. An Anreizungen, um Zulauf von Kriegsvolk zu bekommen, konnte es bei einer Fehde, die durch einen so einträglichen Ueberfall eingeleitet worden war, nicht mangeln. Der Volkscharakter der Deutschen, die socialen Veränderungen einer neuen Zeit erklären das massenhafte Vorhandensein kriegerischen Materials, welches blos der formenden Hand bedurfte. Der Durchschnittssold für einen Fußknecht betrug vier, für einen Reissigen acht Gulden monatlich. Im kaiserlichen Dienst herrschte in dieser Beziehung Kargheit und Unpünktlichkeit: selten war da die Rede von außerordentlichen Vergünstigungen, Sturmsölden und dergleichen. Lockende Verheißungen nicht minder als unruhige, wandelbare Veränderungslust trieben daher trotz aller Verbote bei Gelegenheit Tausende deutscher Kriegsleute unter fremdherrliche Fahnen. Aber trotzdem fehlte es, besonders in den Grenzgebieten zwischen Deutschland und Frankreich, nie an fahrendem Kriegsvolk, welches gewinn- und beutelustig herbeilief, sobald irgendwo die Werbetrommel gerührt ward. Der Erfolg einer solchen Appellation an die ungebundenen Kräfte der Nation hing davon ab, ob die an der Spitze stehende Persönlichkeit als Kriegsmann und Organisator eines guten Rufs sich erfreute. Wer als pünktlicher Zahler bekannt war oder durch seine Antecedentien eine gewisse Bürgschaft zu bieten schien für möglichst hohe Nebeneinnahmen, dem lieh der Ritter wie der Landsknecht gern seinen Arm. Erleichtert ward diese Art der Kriegsführung durch den Zeitbrauch, jeden Angehörigen der feindlichen Partei ohne weiteres als gute Kriegsbeute, als Objekt, an dem man sich schadlos halten könne, anzusehen. Das ist an sich nichts Ueberraschendes; denn abgesehen vom Seerecht haben wir ja heute noch für den Landkrieg in dem Prinzip der Kriegscontribution einen Schößling des älteren Brauchs bewahrt. Das Unterscheidende ist, daß nicht Corporationen mit einer ihren Verhältnissen mehr oder weniger entsprechenden Kriegssteuer vom Feind belegt wurden, sondern ganz allgemein dem waffenlosen Bürger, dem friedlichen Bauer, sobald er gefangen ward, eine Auslösung angesonnen wurde. Eroberungen an Städten und festen Plätzen, das einträgliche Recht Kriegspässe zu ertheilen, Brandschatzungen ganzer Gemeinden, die Lösegelder hoher Kriegshäupter und Soldaten standen dem Befehlshaber zu. Was aber dem ergriffenen Landmann abgepreßt wurde, das galt, wie erbeutete Pferde, Rüstungen und dergleichen als Eigenthum dessen, der den guten Fang gethan. Freie Plünderung und Raub, besonders am "runden und gespaltenen Fuß" war obendrein den Söldnern nachgelassen. Nur der zehnte Pfennig fiel nach Kriegsbrauch an den Oberhauptmann. So ward es auch in Sickingens Heer gehalten. Gerade Leute seines Schlags kannten gegen die schutzlosen Untergebenen ihres Gegners kein Erbarmen. Bei der Geringfügigkeit ihrer herrschaftlichen Bezirke brauchten sie nicht zu fürchten, daß ihnen Gleiches mit Gleichem werde vergolten werden. Herz und Interesse blieben gleich unberührt. Man kann nicht verkennen, daß in dieser Unbekümmertheit ein wesentliches Moment der Stärke liegt. Ein Erbfürst, der Land und Leute besitzt, hätte unmöglich diese Rolle auf die Dauer spielen können, ohne sehr bald die Wurzeln seiner Stellung zu untergraben. Sickingen ist in der Lage dieselbe mit Glück durchzuführen und erscheint lange gleichsam gefeit gegen jede Anfechtung. Kein Wunder, daß an ihm hing, wer einmal mit ihm in Berührung gekommen. Auch liebte er noch besondere Lockmittel für seine Soldaten. War der Sold auch nicht höher als in der Regel, so lief er doch für Kranke und Gefangene fort; ein Reissiger, der im Kampf ein Pferd verloren, erhielt einen Monatssold als Entschädigung.
Man begreift, daß unter solchen Bedingungen sein Werberuf nicht vergeblich erklang. Bald hatte er 6000 Landsknechte und an die 1100 reissige Pferde um sich gesammelt. Hartmut von Cronberg schickte ihm fast 300 zu, Götz von Berlichingen und Hans Thomas von Rosenberg dienten ihm auf ihre Kosten mit 70 - 80 Reitern. Die Feindseligkeiten begannen mit der Vernichtung einer kleinen Schaar Landsknechte, welche zur Verstärkung schon vorher nach Worms geworfener Hilfstruppen der Kaiser abgesandt. Darauf rückte Sickingen vor die Stadt. Er rechnete wohl auf die Zwistigkeiten innerhalb des städtischen Weichbildes. Doch blieben ihm die Pforten verschlossen. Es mußte versucht werden, den unter der Asche glimmenden Funken bürgerlicher Mißhelligkeiten von Neuem zur Flamme anzublasen. Am 23. Juni fand man an verschiedenen Punkten der Stadt ein Plakat angeheftet, an die Gemeinde gerichtet. Hierin erklärte Sickingen, daß er nicht daran denke die Stadt dem Reich zu entziehen. Vielmehr wolle er dieselbe zu des Reichs Ehre und Nutz in bessern Stand setzen, indem er dem mißbräuchlichen, tyrannischen Regiment ein Ende mache, das die Stadt zu Grunde richten werde, wie es die Gemeinde schon um ihre Freiheiten gebracht habe. Er begehrt daher, die Gemeinde solle sich die zugefügte schmähliche Belästigung, den Schaden und die ganze schnöde Behandlung zu Herzen und Gedächtniß führen, um sich, da kein Aufhören zu hoffen, durch Selbsthilfe des drückenden Regiments zu entledigen. In ihrer Stütze und Hilfe sollten sie daher ihn selbst mit den Seinen in die Stadt einlassen.
Aber weder lockte das angefügte Versprechen, dann - die Rathspersonen ausgenommen - gegen Niemand in Ungutem zu handeln, noch hatte die Drohung andernfalls jeder Verantwortung enthoben zu sein für Brand, Todtschlag, Raub, Verwüstung und Ausrodung der Weingärten die gewünschte Wirkung. Wenn man jedoch dem pfälzischen Historiographen Hubert Thomas aus Lüttich Glauben schenken wollte, fehlte allerdings nicht viel, daß Sickingen seine Absicht erreichte. Nach diesem Berichterstatter verdanken es die regierenden Herren hauptsächlich den beredten Worten des kaiserlichen Kammerrichters Grafen Siegmund vom Hag, daß die Menge standhaft blieb.
So sollte nun die Gewalt entscheiden. Heftig ließ Sickingen vom 23. bis 25. Juni 1515 die Stadt mit steinernen Kugeln beschießen. Auch versuchte er an denselben Tagen zweimal vergeblich die Mauern mit Sturm zu nehmen. Besonders vor dem Andreasthor muß der Kampf hart getobt haben. Mit muthiger Ausdauer wiesen jedoch hier wie überall die Bürger in Gemeinschaft mit dem an Zahl sehr geringen Kriegsvolk den Angriff ab. Frohlockend sahen die Kämpfer auf den Mauern das Zurückweichen des Feindes, doch sollten die Wormser so leichten Kaufs nicht davon kommen. Der Angreifer versuchte es nun gegenüber der unerwarteten Festigkeit der Vertheidiger mit einer anderen Taktik. Sickingen zog jetzt seine Truppen etwas zurück und begann, um alle schlechten Gefühle in der Einwohnerschaft recht empfindlich zu reizen, die Fruchtäcker zu verwüsten, die Weingärten, Stolz und Hauptnahrungsquell eines Theils der Wormser, mit Stumpf und Stiel auszuroden. Auch der Galgen - das Symbol der städtischen Gerichtshoheit - fiel dem Grimm der Zerstörungswut zum Opfer. Die Sicking'schen hätten gefürchtet daran gehangen zu werden, höhnt in übermüthigen Spottversen den sieglosen Gegner ein Bürger, der bei der Vertheidigung seinen Platz auf der Mauer eingenommen. Militärisch wichtiger war es, daß man wiederholt versuchte, der Stadt das Wasser abzugraben, Wege und Brücken unfahrbar zu machen. Als auch dadurch die Entscheidung nicht beschleunigt wurde, forderte Sickingen vom Rath für seinen Abzug 15000 Gulden; dieser wies das zurück, erbot sich aber bis 40000 Gulden als Caution zu stellen, daß er dem Ritter vor dem Kaiser und Fürsten oder vor unparteiischen Commissarien zu Recht und Billigkeit stehen wolle, wenn jener desgleichen thue. Damit kam man sich nicht näher. Sickingen wagte im Laufe des Sommers den Versuch zur Spaltung der Einigkeit in der Stadt zu wiederholen, doch konnte er jetzt so wenig als vorher zum Ziele kommen. So spann sich die Fehde langwierig hin. Zwar konnte sich Sickingen nicht erlauben nach mißglücktem Hauptangriff die Masse seines Fußvolkes beizubehalten. Doch standen ihm noch reichlich Mittel zu Gebote den Feind zu necken und zu schädigen. Auf allen Straßen um Worms streiften seine Reissigen und hielten gute Wacht. Wehe dem Bürger, der zur Verrichtung ländlicher Arbeiten oder in sonstigen Geschäften sich aus der Stadt wagte. Wurden die Verfolger einmal seiner gewahr, so vermochte er schwerlich ihrer Schnelligkeit zu entrinnen. Ward er nicht gefangen weggeschleppt, um sich gegen schweres Geld zu lösen, so ließ man ihn verstümmelt liegen. Noch mehr litt der sonst blühende Handel der Stadt. Weder 1515 noch im folgenden Jahr konnte die Pfingstmesse gehalten werden. Einfuhr und Ausfuhr war gänzlich gehemmt, der Schaden wurde ungeheuer. Denn wie im Sommer 1515, ging es 1516 und zum Theil noch 1517. Man kann nur die zähe Lebenskraft dieser so vielfach angefeindeten Communen bewundern, die gewaltsame Störungen ihrer organischen Thätigkeit anscheinend leicht ertrugen.
Es würde hier zu weit führen, wenn es überhaupt lohnte, Schritt vor Schritt diesem ewigen kleinen Krieg zu folgen. Genug daß Worms Stand hielt, obwohl Jahre lang der friedliche Ackersmann neben dem Pflug das Schwert führen mußte und der Kaufmann nur in steter Lebensgefahr seinem Geschäft nachgehen konnte. Wo aber, möchte man fragen, weilte der Kaiser, was that das Reich zum Schutz der bedrohten Stadt? Schon im Mai 1515 hatte ersterer die Stände des oberrheinischen Kreises nach Landau beschieden, um über Abwehr zu berathen. Während sich das hinauszog, thaten Landvogt und Rath von Unterelsaß alles Mögliche, um aus Schlettstadt, Colmar und anderen Orten den Wormsern rasche Hülfe zuzuführen. Ohne großen Erfolg. Auch die übrigen Reichsstädte in größerer und kleinerer Entfernung waren säumig in Sendung des erbetenen Beistands. Als endlich am 11. Juli 1515 eine Anzahl Stände des oberrheinischen Kreises in Landau zusammentraten, hatten sie gar wenig Neigung den Stier bei den Hörnern zu packen. Die Instructionen, welche z.B. die hessischen Räthe mitbrachte, lauteten, fleißig den Absichten der anderen Stände nachzuforschen. Wären diese für Hilfe gegen Sickingen, sollten sie dem beistimmen, bei zwiespältiger Meinung aber das thun, was des Reichs Ordnung erfordere. Diese verzagte Stimmung schlug um so mehr durch, als Sickingens Freunde auch hier sehr thätig waren, die Angelegenheit in gütliche Bahnen zu lenken. Daher konnten schließlich die kaiserlichen Commissarien auf ihre Werbungen nur den Bescheid erlangen, daß den Ständen des Kreises die Sache zu schwer sei und man daher wohl thun werde das ganze Reich heranzuziehen. Daß es dazu sobald nicht kommen würde, verstand sich fast von selbst. Nach wie vor waren inzwischen Sickingens Freunde beflissen auch im Einzelnen der bedrohten Stadt jede Hilfe abzuschneiden. So lehnte z.B. Frankfurt wegen der Bedrohung die erbetene Ueberlassung von fünfzig Büchsenschützen ab. Welche Mittel angewendet wurden, um die Wormser ins Unrecht zu setzen und den Behörden anderer Städte jede Unterstützung zu verleiden, zeigt an einem recht hübschen Beispiel ein Brief Sickingens an den Rath zu Frankfurt. Da theilt der Ritter mit, daß einer der Wormser Vertriebenen Hans Hettelberger vor den Richtern päpstlicher Heiligkeit in Rom ein Urtheil erlangt hätte, welches anerkenne, daß ihm Unrecht und Gewalt geschehen sei. Das müsse auch für die anderen Vertriebenen gelten. Etwas später mahnt er die Frankfurter gar, sich aller Handelsbeziehungen mit Worms zu enthalten, da diese Stadt, insofern sie jenem päpstlichen Urtheil nicht gehorsamt, in den Bann gefallen sei. Die Hauptsache that natürlich die Furcht vor der Rache Sickingens. So konnte es kommen, daß Jahre lang die befehdete Stadt im Großen und Ganzen auf sich selbst angewiesen blieb. Der Austrag erfolgte erst in späterer Zeit unter ganz anderen Voraussetzungen. Wir folgen daher Sickingen zunächst auf ganz andere Schauplätze, auf denen im raschesten Wachsthum sein Ruhm sich entfaltete. Er versuchte seine Kräfte an einem mächtigen, fast selbstständigen Fürsten. Freilich weit weniger auf eigene Faust, als man meist geglaubt hat.
Das Herzogthum Lothringen, mehr und mehr aus dem Verband des deutschen Reichs sich lösend und einer selbstständigen Stellung zustrebend, hätte verständlicherweise zwischen den beiden großen Reichen, von denen es umgeben war, strenge Neutralität beobachten sollen. Statt dessen hatte der jugendliche Herzog Anton sich damals dem aufsteigenden Stern des ritterlichen Franz I. von Frankreich angeschlossen. Man findet ihn häufig am französischen Hofe. So hatte er noch im Jahr zuvor (1515) den König über die Alpen begleitet und war Zeuge gewesen von der Zusammenkunft desselben mit dem Papst in Bologna. Vergeblich hatte der Kaiser Maximilian, der stets den Kopf voll politischer Heirathspläne hatte, ihn mit seiner Enkelin Eleonore zu verbinden gesucht, die, bekannt durch ihre romantische Liebschaft mit dem stattlichen Pfalzgrafen Friedrich, später nacheinander den portugiesischen und dann den französischen Thron bestieg. Der französische Einfluß hatte eine solche Wendung zu verhindern gewußt. Der Herzog vermählte sich 1515 mit einer französischen Prinzessin Renée von Bourbon.

Anton von Lothringen konnte somit von den österreichischen Staatsmännern nur als französischer Parteigänger angesehen werden. Als daher der Kriegszug des Kaisers gegen das in den Händen der Franzosen befindliche Mailand im Frühjahr 1516 trotz der mit englischem Gold geworbenen Schweizer ein so klägliches Ende genommen hatte, dachten Maximilian wie Heinrich VIII. sofort stark daran einen wiederholten Angriff in Italien durch eine Digression über den Rhein zu unterstützen. Der Herzog von Lothringen befand sich mit seiner Streitmacht beim französischen Heere in Italien. Ein Angriff auf seine Stammländer mußte ihn unverzüglich über die Alpen zurückrufen. In dieser Absicht war in London im Auftrag des Kaisers und der Regentin Margarethe Bartholomeo Ticione Graf von Dezzana thätig. Er suchte England zu bestimmen die nöthigen Summen zu gewähren, um einige deutsche Edle in den Stand zu setzen mit einem kleinen Heer von 10000 Mann Lothringen anzufallen. Das sei die beste Spaltung der feindlichen Streitkräfte, da das Herzogthum unter Frankreichs Protection und Schirm stände. Um das Geschäft zu erleichtern, sollte der König von England sich noch verpflichten die genannte Truppe beim bevorstehenden Kriege mit Frankreich in seinen eigenen Sold zu nehmen. Englischerseits war man geneigt darauf einzugehen, unter der Voraussetzung freilich, daß es zu einer festen Tripelallianz zwischen dem Kaiser, England und dem jungen Karl von Spanien käme. Das war denn, so sehr es die kaiserlichen Bevollmächtigten in Aussicht stellten, nicht zu erreichen, da die burgundischen Rathgeber Karls eben damals schon auf eine Verständigung mit Frankreich aus waren. Obgleich so die Aussicht auf eine wirksame Gesammtoperation wider Frankreich sehr abnahm, zeigte sich die englische Politik doch bereit die oben erwähnte Digression zu fördern. Das verdankte der Kaiser der unerschütterlichen Anhänglichkeit des englischen Gesandten an seinem Hofe, des Sir R. Wingfield. Derselbe war Feuer und Flamme für den Plan Frankreich in Lothringen zu treffen. Es gelang ihm, seiner Ansicht Geltung zu verschaffen, so sehr der umsichtigere Richard Pace, englischer Geschäftsträger in der Schweiz, warnen mochte.
Der Krieg, welcher so gegen Lothringen entzündet werden sollte, ist in seinem eigentlichen Charakter nicht leicht zu erkennen. Nicht das Reich, nicht der Kaiser erklärte dem Herzog den Krieg. Wenigstens wandte sich letzterer während des Kampfes an Maximilian, von dem er die Auskunft erhielt, daß man mit den Angreifern in keiner Weise etwas zu thun habe. Es unterliegt dennoch keinem Zweifel, daß die Fäden des nicht nur gegen Lothringen sondern ebenso gegen Frankreich gerichteten Unternehmens im kaiserlichen Hoflager zusammenliefen. Man spielte eben nur, wie oft, mit verdeckten Karten. Der Kaiser, der mit dem Reichsfürstenthum Lothringen in Frieden lebte, unterstützte heimlich die gegen dasselbe gerichteten Angriffe. Ob die schleunige Heimkehr des Herzogs von Lothringen aus Italien gerade dadurch veranlaßt ward, muß dahingestellt bleiben.
Während nun in Italien das Kriegsgetümmel allmählich verstummte - nur die rühmliche Vertheidigung Veronas durch Frundsberg und Colonna ist noch hervorzuheben - setzte sich der Kampf zwischen den rivalisierenden Mächten in unscheinbarer Form und gleichsam mit niedergelassenem Visir am Oberhein fort. Die Digression wäre freilich ganz zwecklos gewesen, wenn man das Erlöschen des Krieges jenseits der Alpen hätte voraussehen können. Aber noch wollte ja Maximilian seine durch altersschwache Unentschlossenheit befleckte Waffenehre wiederherstellen, noch drängte R. Wingfield in jedem Schreiben seinen königlichen Herrn in Person mit ganzer Macht sich am Krieg gegen Frankreich zu betheiligen. Wir wissen bereits, warum es dazu nicht kommen konnte. Da so die Hauptspieler müßig bei Seite standen, fiel den Statisten die erste Rolle zu. Die Boten und Briefe der vornehmsten Mächte Europas hatten sich zwischen London und den Niederlanden und von da nach den Hochgebirgen der Schweiz und der Tiefebene der Lombardei gekreuzt, um die Politik zu vereinbaren, welche die nächsten Geschicke des Erdtheils bestimmen sollte. Statt dessen kam es zu einer Fehde von nur localer Bedeutung. Müßig ist dabei die Frage, ob dieselbe nicht ohne jene tiefer liegenden Triebfedern auch zum Ausbruch gekommen sein würde.
Keinesfalls darf es nach dem Ausgeführten Wunder nehmen, daß Streitigkeiten, welche einer Silbermine an der lothringischen Grenze halber zwischen dem Herzog Anton und einigen deutschen Herren entstanden, rasch zu Thätlichkeiten den Vorwand gaben. Die Gegner des Herzogs waren Gangolf von Geroldseck nebst Genossen. Durch das englische Gold, welches ihrem Führer zufloß, nahm ihr Unternehmen mit seiner veränderten materiellen Grundlage auch ein anderes Gesicht an. Es mag den Herren wohlgetan haben den Deckmantel der großen Politik für ihre persönlichen Interessen zu gewinnen. Auch die Aussicht auf Gelingen wuchs natürlich. Im Mai schon konnte Geroldseck 10000 Knechte mustern; seine Reiterei war beisammen. Der erste Stoß war von glücklichem Erfolg begleitet. Der Herzog, vor Kurzem vom italienischen Feldzuge heimgekehrt, scheint überrascht worden zu sein. Eben hatte er seine junge Gemahlin aus Frankreich in ihre neue Heimath geleitet und an ihrer Seite seinen Einzug in Nancy gehalten, als ihn die Absage erreichte. Er wandte sich um Hilfe an seinen Gönner Franz I., er nahm selbst Landsknechte in Dienst; in den Herzogthümern Lothringen und Bar, sowie dem befreundeten Bisthum Metz ward die waffenfähige Mannschaft zur Gegenwehr aufgeboten. So sahen sich die deutschen Herrn, welche vom Elsaß her einrückend die Stadt St. Hipolyte und das Leberthal eingenommen hatten, während ein zweiter Haufe mit furchbaren Verwüstungen des Landes einherziehend die Stadt Conflans eroberte, rasch in ihrem Siegeslauf gehemmt. Bald dahin, bald dorthin zog sich der Krieg; die Lothringer blieben ihren Feinden fortwährend an der Klinge, ohne daß es, abgesehen von kleinen Scharmützeln, zum ernsthaften Gefecht gekommen wäre. Das ins Stocken gerathene Unternehmen von neuem zu beleben, schien niemand geeigneter als Sickingen, dessen Name neuen Werbungen günstigen Erfolg, dessen Besitzungen auf dem Westrich einem Angriff einen Stützpunkt zu verleihen schienen. Franz ward durch Geroldseck persönliches Zureden bestimmt. Es war das kein gewöhnlicher Reiterdienst; der Ritter warb vielmehr, obwohl er so weit ersichtlich keinerlei Grund zur Klage gegen den Herzog hatte, ein kleines Heer, das er dem Herrn von Geroldseck, offenbar auf Kosten desselben oder seines Kriegsherrn, zuführte. So trat hier das Sonderbare ein, daß der geächtete, aller Würden beraubte Mann mittelbar wenigstens im kaiserlichen Interesse, im kaiserlichen Dienst kämpfte. Nachdem sich Sickingen der Neutralität seines Freundes des Herrn von Sedan versichert, überschritt er von Norden her mit etwa 1000 Pferden und etlichen Fähnlein Knechten die Grenzen des Herzogthums und gewann rasch das Schloß Schauenburg. Geroldseck hatte von vornherein den Plan gehabt, sich mit Franz in Gmunda (Saargemünden?) zu vereinigen und gemeinsam zu operiren. Erst nach dieser Waffenthat scheint jedoch die Vereinigung vollzogen worden zu sein, und zwar bei Limbach. Von gemeinsamen Erfolgen hören wir nichts. Ueberhaupt hängt unsere Kunde hier an sehr schwachen Fäden. Nur das können wir der Uebereinstimmung der Quellen entnehmen, daß über das Land schwere Verwüstung erging. Dem Herzog, so erfahren wir, blutete das Herz beim Anblick des angestifteten Elends: er wünschte den Frieden, weil er die vom Ruf weit überschätzte Macht Sickingens fürchtete. Fleurange berichtet, daß die Ankunft französischer Hilfe die Deutschen veranlaßte, "Wasser in ihren Wein zu gießen". Verrätherei scheint auch im Spiel gewesen zu sein. Wenigstens erschien in der ersten Hälfte Juli 1516 Geroldseck beim Kaiser mit der Erklärung, daß seine Armee aufgelöst sei, da der Herzog die Hauptleute der Fußmacht mit 30000 Gulden bestochen habe. Unter diesen Umständen, da das ganze Unternehmen mit unzureichenden Mitteln unternommen war, sah Sickingen, dessen Vorgehen allein den Stempel glücklicher Entschlossenheit trägt, einen Wechsel seines Verhaltens für nothwendig an. Die Art und Weise, in welcher ihm dieses gelang, zeigt, wie gründlich sein Auftreten dem Herzog imponirte und wie sehr derselbe ein freundnachbarliches Verhalten zu dem pfälzischen Edelmann für angezeigt hielt. Gegen Erstattung der Kriegskosten zog Franz seine Truppen aus dem Lande. Ja er that noch einen guten Schritt weiter. Gegen Zusicherung einer jährlichen Pension trat er in des Herzogs Dienste in ähnlicher Weise, wie er bereits Dienstverpflichtungen gegen verschiedene andere Fürsten eingegangen war. Fortan finden wir in allen Dienstbriefen Sickingens den Herzog von Lothringen ausgenommen. So endigte diese merkwürdige Fehde, welche Sickingens militärischen Ruf begründete. Die erfolgreiche Kühnheit, mit der er einem mächtigen Fürsten entgegengetreten war, richtete die Augen aller Standesgenossen weit und breit auf ihn. Der Adel, erzählt Hubert Thomas aus Lüttich, der unserem Ritter durchaus nicht wohlgesinnt ist, erhob ihn bis zu den Sternen, erklärte ihn des Reichs für würdig, stachelte ihn zu immer größeren Thaten an. Uns, denen die Vorgänge dieses Kriegszuges nur undeutlich erkennbar sind, erscheint dieser Enthusiasmus wunderbar, fast unbegreiflich. Daß seine deutschen Standesgenossen unsern Ritter gerade des Reichs, der Kaiserkrone für würdig erklärten, läßt vielleicht den Schluß zu, daß es die Schmach der kaiserlichen Waffen in Italien war, welche den Thaten Sickingens zur Folie diente. Der enge Zusammenhang beider Vorgänge war dem uneingeweihten Adel keinesfalls klar. Fortan wird Sickingen durch seine lothringischen Beziehungen noch mehr als bisher in den Kreis der kleinen Dynasten gezogen, die durch eine gewandte Schaukelpolitik zwischen den beiden benachbarten Reichen ihre Existenz zu fristen, ihre Bedeutung und Macht zu erhöhen verstanden. Sein Name begann ein Factor zu werden, mit dem man rechnen mußte.

Im fremden Dienst
Aussöhnung mit dem Kaiser
So lange man nicht, wie frevler Uebermuth wohl alles Ernstes geplant, zwischen benachbarten großen Nationen breite Landgürtel wüst legen will, werden zur Verhütung feindlicher Begegnungen dazwischengeschobene kleinere Sonderexistenzen relativ das beste Mittel bleiben. Mit Puffern bestimmt den Stoß zweier einander wirkender Kräfte abzuschwächen hat man dieselben wohl verglichen. Freilich pflegt sehr häufig einzutreten, daß der augenblicklich vorwiegende Staat die kleineren Mittelglieder in fortschreitender Folge als Schutzbefohlene, als Gegenstände der Ausbeutung, endlich als Glieder des eigenen Leibes in Anspruch nimmt. In solchem Falle gleichen dieselben eher vorgeschobenen Posten oder, wenn sie strategisch wichtig sind, befestigten Brückenköpfen, die man am feindlichen Ufer innehat.

Seit dem Ende der englischen Kriege und mehr noch, seit die Eintagsschöpfung des großen burgundischen Reichs die Gefahr gezeigt, welche für Frankreich in der Nachbarschaft eines einheitlichen Staatswesens lag, war es die Politik der französischen Könige gewesen, sich zu decken, indem sie in der oben angedeuteten Weise die Grenze ihrer Gegner schwächten. Sie mußten um so mehr dazu sich veranlaßt fühlen, weil der größte Theil des burgundischen Erbes jetzt in der Hand des Geschlechts war, das auch in Deutschland weite Gebiete und eine gewisse factische Anwartschaft auf die Kaiserkrone besaß. Es ist hier weniger die Rede von den sorgsam dichter gewebten Fäden, mit denen einzelne deutsche Fürsten, wie Pfalz, an Frankreichs Interesse geknüpft wurden. Denn hier handelte es sich um Handhaben bei etwaiger Einmischung in deutsche Verhältnisse. Was ich meine ist die lange Kette von Grenzgebieten, deren Beherrscher dem französischen Einfluß gehorsam leicht gegen die burgundisch-deutschen Lande in Bewegung zu setzen waren. Eine lange Reihe in der That von jenem durch Frankreich unterstützten ruhelosen Prätendenten Karl von Geldern bis zu dem mehrfach erwähnten Herzog Anton von Lothringen. Einer der bedeutsamsten Träger des französischen Einflusses in diesen Gegenden war das Haus der Grafen von der Mark. Reiche Besitzungen vermehrt und gefördert durch eine Reihe kraftvoller Persönlichkeiten machten diese Herren zu unverächtlichen Gegnern. Außer einer Anzahl Schlösser und einzelner Güter besaßen sie die Herrschaft Sedan und waren Inhaber des ursprünglich dem Bistum Lüttich angehörenden Herzogthums Bouillon oder, wie es in den Reichsmatrikeln aufgeführt wird, des Herzogthums Maaß.
Um diese Zeit war das Haupt des Geschlechtes Robert II. von der Mark, der wie sein gleichnamiger Vater den Beinamen eines Ebers der Ardennen führte. Die Devise seines Wappenschildes lautete: Wenn Gott mir nicht helfen will, kann mich der Teufel nicht verlassen. Es läßt sich ermessen, daß das Gebiet dieses gewaltthätigen Mannes von Leuten, die etwas zu verlieren hatten, scheu gemieden wurde. Seinen Ruf erhöhten drei Söhne, fürstlicher Sitte gemäß nach verschiedenen Besitzungen benannt. Der älteste ist der als eifriger französischer Parteigänger und Verfasser sehr interessanter Memoiren bekannte Seigneur de Fleurange, le jeune Adventureux wie er sich nennt. Die jüngeren Brüder führten die Namen der Herrn von Jamets und Saussy. Der Bruder Roberts war der staatskluge und gewandte Eberhard, Bischof von Lüttich und spätere Cardinal. Bei dem unruhigen Drängen und Treiben, welches damals an der Grenze deutschen und welschen Wesens herrschte, mußten sich kühnem Ehrgeiz die lockendsten Aussichten eröffnen. Die Herren von der Mark wußten die Unsicherheit der Verhältnisse wacker auszubeuten. Es bestand zwischen ihnen und der Regierung der österreichischen Niederlande unaufhörlicher kleiner Krieg, zur schweren Belästigung der Unterthanen. Kein Wunder, daß der mit den Reichsgewalten zerfallene Sickingen frühzeitig sein Auge auf dieses Dynastengeschlecht richtete. Auch ihm mochte wohl die Erringung einer ähnlichen Stellung als Ziel vorschweben: jedenfalls konnte er in seiner Isolirung eine bessere Stütze nicht gewinnen. Daher suchte er durch einen in Deutschland reisenden Agenten der Marks, Pierre Büsson, eine engere Vereinigung zwischen beiden Häusern anzubahnen. Er konnte mit Fug die Wichtigkeit der ihm gehörigen oder offen stehenden Schlösser sowie die Bedeutung der von ihm aufzubringenden Truppen hervorheben. Auch soll er zur Stärkung des Vertrauens die Absicht ausgesprochen haben, den neuen Freunden seine älteren Söhne, Schwicker und Hans, offenbar zur Vollendung ihrer rittermäßigen Erziehung, zu überlassen. Mit Vergnügen ward von Seiten des Herrn von Sedan und seiner Familie dem Ansinnen entsprochen. So bildete sich eine Allianz, die zu beiderseitigem Vortheil bis zu Sickingens Tod bestand. Dazu war es noch vor dem lothringischen Feldzug gekommen. Wir wissen, daß aus Rücksicht auf den französischen Hof Robert von der Mark es glaubte ablehnen zu müssen, gleichfalls gegen Herzog Anton die Waffen zu erheben. Er blieb neutral ohne jedoch mit dem Ausdruck seiner Sympathien für unsern Ritter zurückzuhalten. Das Waffenglück des neuen Verbündeten, vielleicht die bei dieser Gelegenheit gewonnene Ueberzeugung, daß die Allianz nur bei voller Gemeinsamkeit der Interessen fruchtbar sich erweisen könne, veranlaßte Robert von Sedan und seinen Sohn Fleurange die Aufmerksamkeit ihres Herrn des Königs Franz von Frankreich auf Sickingen hinzulenken. Die einstige Erwerbung der Kaiserkrone war bereits damals Zielpunkt des ehrgeizigen jungen Königs. Die Sendung des oben erwähnten Pierre Büsson nach Deutschland soll schon mit diesem Vorhaben in Verbindung stehen. Als jetzt sein Jugendgefährte und Waffengenosse der Herr von Fleurange auf die ersprießlichen Dienste hindeutete, welche ein Mann wie Sickingen in dieser Angelegenheit leisten könnte, entschloß sich der König den Ritter kennen zu lernen. Auf Aufforderung der Herrn von Mark und von ihnen geleitet reiste Sickingen über Sedan und Chateau Thierry nach Amboise, wo der König Hof hielt. Hier wartete seiner ein ausgesucht freundlicher Empfang. Wenn Franz I. zeigte, daß er an des Mannes Art Gefallen hatte, so war es natürlich, daß dieser auch Gnade fand vor den Augen der schönen Damen seiner Umgebung. Am Hofe Franz I. war das bekanntlich auch politisch keineswegs gleichgültig. Reiche goldene Gnadenketten wurden dem Ritter und den zwölf Edelleuten seiner Begleitung verliehen, unter welchen sich ein Graf von Solms und Bechthold von Flersheim befanden. Sickingen, dem, wie wir gleich sehen werden, inmitten dieser glänzenden Gunstbezeugungen keineswegs entgangen war, daß der König durchaus nicht etwa auf Gleich und Gleich mit ihm verhandelte, glaubte doch auch so auf eine hervorragende Rolle im Auftrag desselben rechnen zu dürfen. Er trat gegen eine jährliche Pension von mehreren tausend Franks in die Dienste des Königs, welcher ihm, nach den Worten eines verschwägerten Chronisten, viel versprochen und wenig gehalten.
Man erinnere sich an das am Eingang dieses Abschnittes Gesagte, sowie daran, wie allgemeine Sitte des deutschen Adels es damals war im ausländischen Dienst Ehre und Gewinn zu suchen. Der Schritt Sickingens hat nichts Außergewöhnliches an sich. Die Politik eines selbstständigen Condottiere war auf die Dauer in diesem Lande und um diese Zeit nicht durchzuführen. Er mußte sich, falls er nicht als einfacher Landedelmann seine Tage verbringen oder, wie der wackere Freundsberg, Soldat im modernen Sinne werden wollte, mehr oder weniger eng an eine der beiden großen Gewalten anschließen, welche wetteifernd rangen um die oberste Stelle im System der europäischen Staaten. Seine Wahl war keine ganz freie gewesen. Die Folgen eigener Handlungen hatten ihn - so wenig wir berechtigt sind ihm um diese Zeit patriotische Motive unterzuschieben - doch weiter dem heimischen Staatswesen entfremdet, als ursprünglich in seiner Absicht gelegen haben mochte. So war er dahin gekommen, sich dem König von Frankreich zum Dienst zu verpflichten gegen Jedermann, ausgenommen das Haus La Mark. Bewußt oder unbewußt trat er damit ein in jene durch Interessengemeinschaft mit Frankreich zusammengehaltene Gesellschaft von Leuten, die in Opposition zu dem burgundisch-österreichischen Haus standen. Bisher war er des Reichs Aechter gewesen. Bei der Stellung, welche das genannte Haus zur höchsten Gewalt in Deutschland einnahm, konnte es nicht fehlen, daß er des Reichs offener Feind wurde, falls nicht die Verbindung mit Frankreich zeitig sich löste oder Franz I. in der That den Kaiserthron bestieg. Zur Erreichung dieses Zieles nach Kräften mitzuwirken war beim Eintritt in den französischen Dienst Sickingen ganz consequenter Weise entschlossen. Er hatte in diesem Sinne Eröffnungen oder Aufträge erwartet. Sehr übel empfand er deshalb den Mangel an Vertrauen, als man über diesen wichtigsten Punkt völliges Schweigen beobachtete. Beim Abschied klagte er seinem Freund Fleurange, daß der König seine Beziehungen zum Reich ihm gegenüber nicht berührt habe. Er hob mit Selbstbewußtsein hervor, wie gerade er der Mann dazu sei, gute Dienste zu leisten, während die großen Fürsten (die man in erster Linie bearbeitete) den König täuschen würden. Mit nochmaliger Versicherung seines guten Willens schied er jedoch ab. Später hat neben der unpünktlichen Zahlung des Dienstgeldes der Umstand ihn zum Aufgeben seiner französischen Stellung bestimmt, daß die Art und Bedeutung der von ihm verlangten Dienste nicht seinen Erwartungen entsprach.
In jenem Augenblick hatten sich aber bereits die politischen Zustände völlig verwandelt. Der junge Erzherzog Karl, seit dem im Februar erfolgten Tod seines Großvaters, Ferdinand des Katholischen, König von Spanien, wünschte dringend gute Beziehungen mit dem Nachbarstaate Frankreich, um ohne Sorgen zur Uebernahme des spanischen Reichs seinen Erblanden den Rücken kehren zu können. Indem er es über sich gewann sich mit Franz I. erst einjähriger Tochter Louise zu verloben, war man über die Streitfragen, namentlich über Navarra und Neapel, zu einem augenblicklichen Verständniß gelangt. Dem mit England verbündeten Kaiser ward der Beitritt zu diesem Vertrag von Novon offen gehalten, durch die Bedingung, daß für Herausgabe von Verona die Venetianer ihm 200000 Kronen zahlen sollten. Es ist hier nicht der Ort die zweizüngige Staatskunst zu zergliedern, deren der Hof in Brüssel wie nicht minder der Kaiser sich schuldig machte. Genug, daß auch letzterer noch im December desselben Jahres dem Vertrag beitrat. Der Kaiser, in dem "kein französischer Blutstropfen und an dem kein französisches Haar" war, stellte sich plötzlich auf die Seite Franz I., nachdem er eben noch unter dem Vorwand von England Geld erpreßt, damit den Sturz der franzosenfreundlichen Rathgeber Karls von Spanien zu bewirken.
Gegen das Haus Habsburg-Burgund konnte demgemäß zunächst Sickingen keine offene Verwendung finden. Die geschlossenen Verträge verpflichteten jede Partei der andern Hilfe und Beistand gegen ihre Widersacher zu leisten. So durfte auf Grund dieser Abmachungen Karl von Spanien im Juni des folgenden Jahres geradezu von König Franz Unterstützung verlangen zur Bewältigung der gefahrvollen Unternehmungen und Empörungen, die Franz von Sickingen fortwährend gegen den Kaiser und Reich ausübe. Um die Zeit, von welcher wir reden, lag jedoch über den Beziehungen Sickingens zu Frankreich noch tiefes Geheimniß. Weder niederländische, noch kaiserliche noch auch die englischen Diplomaten, die sich über alle Ereignisse am französichen Hof sonst sehr wohl unterrichtet zeigen, hatten von dem an sich geringfügigen Vorgang eine Ahnung. Erst etwa um Mitte 1517 scheinen dem Kaiser darüber Berichte zu Ohren gekommen zu sein. Auch war Sickingens Haltung nicht danach angethan eine Veränderung seiner Stellung spüren zu lassen. Die Erweiterung seines politischen Gesichtskreises hatte anerzogene Vorurtheile vorerst nicht zu zerstreuen vermocht. Er war und blieb der "Ritter", der sich für berufen erachtete, den Schützer der verfolgten Unschuld zu spielen und der dabei seinen privaten Vortheil nach Kräften wahrzunehmen sich erlaubte. Nun war aber die damals schon recht praktische Welt weder so reich an Ungeheuern, um eines modernen Herakles zu bedürfen, noch ließen die großen dieser Welt so mit sich spaßen, wie weiland Griechenlands leichtlebige Götter. Sickingen sollte dereinst an seinem Leib erfahren, daß man sich unberufen so hoher Aufgaben nicht unterfängt.
Ein Gewitter freilich, welches sich zunächst über ihn zusammenzog, sah gefahrvoller aus als es war. Alle Versuche, die bisher von Seiten der Freundschaft gemacht waren, den Ritter mit dem Kaiser auszusöhnen, waren gescheitert. Eben jetzt ward durch Sickingens Widerstreben der Plan unmöglich, die Fehde mit Worms für abgeschlossen zu erklären und den Zwist zwischen dem Rath und Schlör durch kaiserliche Commisarien endgültig entscheiden zu lassen. Vielmehr führte er die Fehde ganz in alter Weise fort. Ein Schreiben des wormser Raths an Meister und Rath von Straßburg belehrt uns, daß noch immer alle Wege verlegt waren. Die Bedrängten ersuchten die befreundete Stadt, den angeblich in der Landschaft anwesenden Kaiser zur Hilfe zu bewegen. Dazu war Maximilian, der nunmehr durch seinen Frieden mit Frankreich und Venedig freie Hand hatte, ohnedies entschlossen. Von Hagenau aus verkündigte er am 6. December 1516 seine Absicht einen Feldzug der gemeinen Stände des Reichs wider Franz von Sickingen zu unternehmen, nachdem vormals die Eingesessenen des zunächst gelegenen Kreises sich allein für zu schwach erklärt. In diesem Behuf berief er auf den 3. Februar des folgenden Jahres die Stände der Reichskreise an gelegenen Malstätten zusammen, um sich mit dem vom Kaiser zu ernennenden Bezirkshauptmann und dazu abgeordneten Commisarien einer ansehnlichen Hilfe zu Roß und Fuß wider den gemeldeten Franciscus zu vergleichen. Am 12. März 1517 soll jeder Stand seinen Anschlag bereits zu Worms im Feld haben, damit unter dem bestimmten obersten Hauptmann Gangolf Freiherrn von Geroldseck dem jüngeren der Executionszug sofort beginnen könne. Wie man sieht, war nicht die Rede von einer Berathung über das "Ob": die Stände sollten nur, gewissermaßen als Postulatentage, zusammentreten, um über das "Wie" zu entscheiden und die Ausführung ins Werk zu setzen. Der Kaiser stützte sich dabei ausdrücklich auf die Beschlüsse des im Jahr 1512 zu Köln abgehaltenen Reichstages. Hier war bestimmt worden, daß, im Falle das Reich oder Glieder desselben von irgend wem an Ehren, Freiheiten und Rechten verletzt würden, die Stände der zehn Kreise sich zu versammeln hätten, nicht um über die Nothwendigkeit der Hilfe zu berathen, sondern um sofort die Größe derselben zu bestimmen. Ja man war so weit gegangen festzusetzen, daß die Beschlüsse der Anwesenden die Anwesenden binden sollten. Ein Nebenabschied bewilligte dem Kaiser eine eilende Hilfe für ein Jahr nach einem festgesetzten Anschlag. Natürlich waren diese Abmachungen so wenig wie die organisatorischen Bestimmungen des Reichstags ins Leben getreten. Jetzt griff Maximilian hierauf zurück, um die schwerfällige Reichsmaschine gegen den Ritter in Bewegung zu bringen.
Es ist außerordentlich charakteristisch zu sehen, welcher Erfolg diesem Versuche zu Theil ward.
Im kursächsischen Kreis, für welchen Herr Friedrich zu Limburg, Sixt Olshafen und Bilibald Pirkheimer zu Commisarien vom Kaiser bestimmt waren, kam es wegen Ausbleiben derselben gar nicht zum Zusammentritt der Stände (Januar 1517). Ein wenig besser ging es doch im oberrheinischen Kreis. Die Städte waren schon am ersten Tag, am dritten Februar, mit sich im Reinen. Sie erklärten, zu einem so großen Handel, der ernstliches Einsehen erfordere, fühlten sich die Städte dieses Bezirks nicht genugsam. Sie schlugen dem Kaiser vor, wie es Brauch sei, gemeine Stände des Reichs zur Beschlußfassung zu beschreiben. Obwohl nun sie, als die Nächstgesessenen, von Sickingen mehr Schaden zu befürchten hätten als andere, würden sie dann doch gehorsam erscheinen. Einige Tage später schlossen sich auch die außerdem erschienenen Stände dieser Auffassung an. Eine weitere Mahnung der Commissarien an die Städte "eine sattere Antwort zu geben" hatte nur zur Folge, daß die Gesandten erklärten das hinter sich bringen zu müssen (Februar 1517).

Natürlich war der Eifer bei den weniger interessirten, ferner gelegenen Ständen noch geringer. Der zu Ulm am bestimmten Termin zusammentretende Tag des schwäbischen Kreises war so schwach besucht und so lau gestimmt, daß allem Andringen, ja Drohen der Commisarien zum Trotz die gehorsam Erschienenen erklärten, ohne Beisein der fehlenden mächtigeren Mehrzahl ihrer Kreisgenossen in Nichts willigen zu können. Sie erboten sich auf einem wiederholt auszuschreibenden und auch von den jetzt Ausgebliebenen beschickten Tag zu erscheinen und kaiserlicher Majestät ihrer Vollmacht nach gehorsam zu sein. Ueber die Beschlüsse des bairischen, fränkischen sowie der weiteren Kreise endlich liegen keine Nachrichten vor, doch läßt sich annehmen, daß dieselben keinesfalls fügsamer gewesen sind. Der beabsichtigte Schlag war demnach ins Wasser gefallen. Der Kaiser mußte einen anderen Weg einschlagen, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte die von Sickingen gegen Worms verübten Frevel zur gebührenden Strafe zu ziehen.
Ein solcher Ausgang des mit so großem Apparat ins Werk gesetzten Strafzuges mag selbst Sickingens Erwartungen übertroffen haben. Wenigstens finden wir, daß er sich durch die Größe der drohenden Gefahr veranlaßt gesehen hatte sich nach Rückhalt umzusehen. Wenn der Kaiser durch seinen Frieden mit Frankreich freie Hand gegen seine inneren Feinde bekam, so konnte trotzdem Sickingen nirgends besser Schutz finden als gerade bei Frankreich. Der Friede zwischen beiden Mächten war ohnedem thatsächlich nur ein Waffenstillstand, während dessen beide Theile zu einem entscheidenden Gange ihre Kräfte sammelten. Naturgemäß stiegen angesehene Parteigänger im Preise. Die Ritterehre, welche angesprochenermaßen Sickingen nicht gestattete sich einfach dem kaiserlichen Urtheilsspruch zu unterwerfen, erlaubte ihm doch sich Franz I. gegenüber als Opfer seiner Hingebung für die Sache Frankreichs hinzustellen. In einem Schreiben suchte er dem König nachzuweisen, welchen bedrohlichen Grad von Haß und Feindschaft er seinetwegen sich zugezogen. Die erwünschte Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der König, welcher Sickingens Schreiben zugleich mit dem gegen jenen gerichteten kaiserlichen Mandat erhalten hatte, zeigte sich sehr erfreut über des Ritters aufrichtige Hingebung und Treue. Mit aller Kraft und gemäß seiner gegen Freunde schon erprobten Dienstleistungen will er Sorge tragen, daß der Kaiser nicht Sickingen Schaden oder Leids zufüge oder ferner die Stürme des Kriegs gegen denselben entfessele jener Verpflichtung halber, die Sickingen gegen ihn (den König) eingegangen sei. Wenn er das nicht vermöge, werde er wenigstens beweisen, daß ihm Sickingens Sache am Herzen liege. Sei aber der Kaiser wegen einer anderen Sache des Ritters Feind geworden, so wolle er sich bemühen die Sache zum gütlichen Austrag zu bringen. Mit den wärmsten Wünschen für das Wohl des theuren Getreuen schließt das interessante Schriftstück. So auf alle Fälle mächtigen Schutzes sicher konnte Sickingen mit Ruhe dem Verlauf der Agitation innerhalb der Kreise zusehen. Doch hat er es sicher auch an dieser Stelle nicht an Bemühungen zu seinen Gunsten fehlen lassen. Immer enger wurden dazu die Fäden gesponnen, welche ihn mit anderen Gliedern der antihabsburgischen Opposition verbanden. Schon im Jahr 1516 ist er in die Dienste des Herzogs Ulrich von Würtemberg getreten, der seinerseits um dieselbe Zeit wie Sickingen mit Frankreich Unterhandlungen pflog. Ja man möchte vermuten, daß gerade der französiche Hof das Medium abgab, durch welches die Annäherung des Ritters an den Herzog erfolgte. Denn was hätte ersteren sonst gerade um die Zeit der frischesten Erinnerung an die Ermordung Hans von Huttens in die Dienste des als Adelsfeind verschrieenen "Herzogs und Henkers zu Würtemberg" führen sollen? Das Interesse beider die oberste Reichsgewalt durch fortwährende Erregung von Unruhen an thatkräftigem Einschreiten zu hindern, war auch das Frankreichs. Letzteres mochte ruhig zusehen, wie das unbotmäßige Fürstenthum vereint mit dem unruhigen Adel bald hier bald dort einen neuen Brand entfachte, zu dessen Löschung der Kaiser vergebens seine Kräfte verbrauchte und wohl auch sich arge Blößen gab. Eine so tumultuarische Existenz konnte nur in vielen Köpfen den Wunsch nach einem starken Oberhaupt erwecken. Ob dann dieser Zug der Geister den französichen Wünschen günstig werden würde, das hing von einer gewandten Verwerthung der Umstände ab.
Noch nicht war der Winter verflossen, als Sickingen mit gewohnter Rührigkeit wieder im Felde stand. Die Quälereien wider Worms nahmen kein Ende. Am vierten März ließen die vielgeplagten Bürger von Neuem bittere Klagen über die ihnen widerfahrende Behandlung ertönen.
Nicht alle hier aufgezählten Unthaten und Unarten mögen auf ausdrücklichen Befehl Sickingens oder auch nur mit seinem Wissen geschehen sein: es bleibt bezeichnend genug, daß ein "armer Ritter" jahrelang ungestraft so allen Gesetzen Hohn sprechen und thatsächlich über einen Stand des Reichs Friedlosigkeit verhängen konnte. Dabei blieb es aber nicht. Vielmehr glaubte Franz den mächtigen Communen, die allein Worms hatten einige Hilfe zufließen lassen und auch den Bemühungen des Kaisers um Beistand am Meisten entgegengekommen waren, einen recht fühlbaren Schlag versetzen zu sollen. Was geschah unterscheidet sich nicht von dem hergebrachten Raubritterstyl: nur der Lärm, den der Vorgang im Reich erregte, macht denselben einer näheren Betrachtung würdig. Wir sind mit einer Genauigkeit, die sich bei wichtigeren Anlässen nur zu oft vermissen läßt, unterrichtet, daß am 25. März 1517 9 Uhr Vormittags Franz von Sickingen nahe dem Dorf Weißenau bei Mainz sieben mit Kaufmannsgütern bepackte Wagen überfiel und wegführte. Die Waaren gehörten Bürgern der Städte Augsburg, Nürnberg, Ulm, Ravensburg, Kempten, Isny und Leutkirch. Die Beraubten waren für die frankfurter Fastenmesse, die sie besuchen wollten, mit pfalzgräflichem Geleit versehen: innerhalb desselben fand die "Nahme" statt. Seit Menschengedenken, behaupteten die Beschädigten, habe Pfalz von Oppenheim bis Mainz geleitet; freilich nicht ohne damit Widerspruch zu finden. Noch vor Weißenau war der pfälzische Geleitsmann, der Amtmann zu Oppenheim nebst seinen zwei Knechten und dem Buben mit einem "Nun geleit Euch Gott" umgekehrt. Freilich sehr sorglos, da die Sicking'schen bereits in Weißenau im Hinterhalt lagen. Unmittelbar nach seinem Abreiten brachen sie hervor und bemächtigten sich der bespannten Wagen: kaum gelang es den Kaufleuten zu entrinnen. Diese riefen den mainzischen Vitzthum um Beistand an, besonders baten sie um Läuten der Glocken, um das Landvolk auf die Beine zu bringen. Umsonst war alles Bitten. Zwar versprach er zur Rettung der geraubten Güter Fürsehung in seines Herrn Landen thun zu lassen, aber zum Nacheilen war er nicht zu bewegen. Wenn man einen Hasen fangen wolle, meinte er, dürfe man ihm nicht auf's Nächste (d. h. auf dem nächsten Wege) unter Augen gehn. Nicht viel besser machte es der gleichfalls benachrichtigte Amtmann von Oppenheim, der zwar nacheilte, sich aber ohne Ernst benahm und von Sickingen mit Worten abspeisen ließ.

Die Güter lagen im Angesicht von Hunderten Neugieriger stundenlang kaum einen Büchsenschuß weit von den Mauern der Stadt Mainz, ohne daß sich zu ihrer Rettung eine Hand regte. Mit guter Muße wurden dieselben sodann St. Victorsberg hinaufgeschafft, woselbst die Thäter auch Speise und Trank empfingen, und dann Nachts weiter durch pfälzisches Gebiet nach Ebernburg. Die Ansicht der Verletzten, daß bei einigem Ernst die Güter ihren Eigenthümern würden erhalten worden sein, erscheint demnach nicht unberechtigt. Daß dagegen der Anschlag des gelungenen Ueberfalles in Heidelberg gemacht worden und daß pfälzisches und mainzisches Hofgesinde dabei gewesen sei, ist bloßes Gerede. Sofort regten sich die großen Communen, deren Handel geschädigt worden war. Auf der Versammlung des schwäbischen Bundes, welche demnächst zu Ulm zusammentrat, brachten sie ihre Klage vor mit dem weiteren Verlangen, den Pfalzgrafen anzuhalten den Beraubten wieder zu ihren Gütern zu verhelfen. Zwar hatte nun der Pfalzgraf Augsburg gegenüber erklärt, der Raub sei nicht in seinem Gebiet geschehen, jedoch habe er aus Mitleid Sickingen aufgefordert die entwendete Habe zurückzugeben oder wenigstens unzertrennt zusammenzulassen; dieser habe das abgelehnt, weil er mit den Städten, die wider ihn zu ziehen im Begriff gewesen, zu schaffen habe. Er, der Pfalzgraf, habe deswegen abermals an Franz gesendet (April 1517). Demnach ward seitens des Bundes dem Ansuchen der 7 Orte stattgegeben mit dem Hinzufügen bei Unwillfährigkeit des Pfalzgrafen auf dem nächsten Bundestag in Augsburg den genannten Städten alles thun zu wollen, was man der Einung nach schuldig sei. Den Kurfürsten von Mainz, auf dessen Gebiet der Vorgang stattgefunden, ließ man dabei ganz aus dem Spiel. Wahrscheinlich wollte man den Bundesverwandten in ihm schonen, oder die Einheit des Angriffs nicht dadurch spalten, daß man innerhalb des Bundes in dieser Frage Parteien ins Leben rief. Nur an den Pfalzgrafen Ludwig als des Thäters Lehensherrn und Geleitsherrn der Straße wollte man sich halten. Dieser wandte sich wiederholt an den Bund, der seinerseits in dieser Angelegenheit Tag auf Tag folgen ließ, mit dem Erbieten rechtlichen Austrags. Er versicherte dem Kaiser, gleichfalls mit Erbieten zu gütlichem oder rechtlichem Austrag, daß die That nicht in seinem Geleit geschehen sei. Darauf erfolgte nun das kaiserliche Verbot wider Ludwig etwas in Ungutem vorzunehemen, da der Kaiser selbst die Sache auf dem bevorstehenden Reichstag ausgleichen wolle. So wunderbar verschlangen sich die Fäden, daß Maximilian jetzt fast für Sickingen Partei zu nehmen schien. Natürlich beruhigte sich der Bund dabei nicht. Jedoch waren für die weitere Entwicklung dieses Streites andere Vorgänge von Bedeutung, auf die wir nun erst zurückgehen müssen.
Weil die Städte wider ihn hätten handeln wollen, hatte Sickingen geglaubt denselben die Gefährlichkeit ihres Beginnens schmerzhaft empfinden lassen zu müssen. Von ähnlichen Motiven ging ein Angriff auf die Stadt Landau aus, den sich unser Ritter wenig später erlaubte. Ohne daß die Stadt ihn speciell beleidigt gehabt hätte; blos weil dahin die Versammlung des rheinischen Kreises ausgeschrieben gewesen, deren Tendenz eine ihm feindselige war, erschien er am 23. Mai 1517 mit 400 Reissigen und einigem Fußvolk vor den Mauern, plänkelte mit den Bürgern und ließ darauf die Viehheerden Landaus und einiger benachbarter Dörfer forttreiben. In andern Dörfern wurden die Kirchen geplündert: bis in den Juli zog sich die Einschließung, so daß auch die Ernte unter bewaffneter Begleitung eingebracht werden mußte.
Und alles das geschah, obwohl der Kaiser vorlängst einen Reichstag nach Mainz ausgeschrieben, auf welchem mit dem Vorgehen wider die Uebelthäter endlich Ernst gemacht werden sollte. Freilich hatte sich die klägliche Ohnmacht des obersten Gebieters der Christenheit kaum je wahrnehmbarer gezeigt, als in den Händeln mit dem widerspenstigen Ritter. Auch der von ihm für die Vereinigung der Reichsvölker angesetzte Termin war vorübergegangen ohne daß seinen Befehlen entsprochen worden wäre. Wir wissen nicht, ob auch nur ein Mann sich stellte. Dagegen hatte Maximilian im Frühjahr, um doch etwas zu thun, den Wormsern seinerseits einige hundert deutsche und burgundische Reissige zugesandt: auch sein Landvogt im untern Elsaß hatte endlich eine Rüstung zu Stande gebracht. Da schien es nun Ernst zu werden. Um die Zeit, in welcher sich Sickingen vor Landau mit dem Wegtreiben der Kühe beschäftigte, hatte der Landvogt zu Hagenau das zum Theil jenem gehörige Schloß Hohenburg eingenommen. Selbst in Landstuhl schien der Boden unter seinen Füßen zu wanken. Am 18. Mai wandten sich Rath und Gemeinde daselbst an den Grafen Johann von Sponheim, ihren allergnädigsten Herrn, mit dem Ersuchen ihnen Verhaltungsmaßregeln zu geben für den Fall, daß Namens des Kaisers Anforderungen an sie geschähen. Denn Sickingen gebrauche Landstuhl wider die Truppen, die in Worms und in der Landvogtei gegen ihn sich sammelten. Dieselbe Bitte trug auch den Tag darauf der sponheimische Amtmann von Landstuhl, Philipp von Hoeneck, seinem Herrn vor. Der besorgte Diener sah zu seiner großen Beunruhigung alles seiner Fürsorge überlassen. Der Graf zeigte sich auf Sickingens Ansuchen vielmehr bereit auch seinerseits zur Vertheidigung des Schlosses für Geschütz und Pulver zu sorgen: nur wünschte er, daß sich der Ritter dem Burgfrieden gemäß mit dem "Baumeister" benehmen solle. Den ängstlichen Bürgern ließ er andeuten, alles das, wessen ein jeder in seinem Haus entrathen könne, von Händen zu thun. Es mag hier hervorgehoben werden, daß wohl die in diesem Fall hervortretenden Schwierigkeiten die Hauptveranlassung waren, derentwegen im folgenden Jahr auch der sponheimische Antheil von Landstuhl in Sickingens Besitz überging.

Mit der Wegnahme Hohenburgs scheinen jedoch die Kriegsthaten des kaiserlichen Volks gegen Sickingen ihr Ende erreicht haben. Von einer Belagerung Landstuhls etwa ist gar nichts bekannt. Der nachher zu schildernde Verlauf der Dinge, wenn nicht Sickingens Ueberlegenheit, mag die Ursache sein. Dagegen hören wir, daß die Kaiserlichen sich herausnahmen auch pfälzische Besitzungen und Unterthanen zu beschädigen, Wehrlose wurden erschlagen, Häuser zu Dirmstein verbrannt, Vieh weggetrieben. Des Kaisers Gegenbefehle waren bei den zuchtlosen Söldnern ohne Erfolg. Die Sicking'schen blieben natürlich hinter diesem Vorbild nicht zurück (1517). So schlugen beide Parteien auf Pfalz, deren Neigung zur Vermittlung des langwierigen Streites dadurch nicht gerade im kaiserlichen Interesse gesteigert sein wird.
Inzwischen hatte sich der Kaiser, nachdem er seinen Enkel verlassen, von den Niederlanden her rheinaufwärts bewegt. Noch hegte er die Absicht sich zu dem nach Mainz ausgeschriebenen Reichstag und von da nach Worms zu begeben, um selbst gegen Franz zu Felde zu ziehen. Mit Bedenken erfüllten ihn bei diesem Vorhaben die Bewegungen, die auch anderwärts, z.B. im Odenwald unter dem Adel sich zeigten. Mehr noch fiel ins Gewicht die Stellung, welche damals der Herzog Ulrich von Würtemberg dem Reichsoberhaupt gegnüber einzunehmen für gut ansah. Derselbe befand sich, wie hier nicht näher nachgewiesen zu werden braucht, in permanenter Auflehnung wider den Kaiser. Nach den nicht zum Abschluß führenden Versuchen des vorigen Herbstes ließ er im Augenblick wiederholt mit Frankreich verhandeln. Und es klang bedenklich genug, was über diese diplomatischen Kreuzzüge zu den Ohren des Kaisers auf allerhand Umwegen gelangte. Aus Zürich wurden Aeußerungen berichtet, welche der König von Frankreich dem eben nach der Schweiz zurückgekehrten würtembergischen Gesandten Eberhard von Reischach gegenüber gethan hatte. Zwar gedenke er, so hatte der König sich vernehmen lassen, sich dem mit dem Kaiser und dem König von Spanien jüngst aufgerichteten Frieden gemäß zu halten; doch werde er Würtemberg und Sickingen nicht verlassen. Daher werde er bei dem Herzog von Geldern, dem von Armberg (Robert v. d. Mark) und anderen Anhängern verfügen, daß dieselben Sickingen und seinem Anhang eine merkliche Hilfe erzeigten, so daß Kaiser und Reich mit dieser genug zu schaffen haben würden. Der von Geldern, so berichteten die kaiserlichen Gesandten weiter, erbiete sich auf französische Kosten Sickingen 6000 Knechte und einen reissigen Zug zuzuführen, ähnlich der von Armberg, so daß im Fall eines Angriffs nach Berechnung der französischen Partei unter den Eidgenossen Sickingen über 4000 Pferde und 10000 Mann zu Fuß werde gebieten können (Juni 1517).
So mußte vor Maximilians Augen sich das Schreckbild einer gegen die kaiserliche Hoheit gerichteten Vereinigung erheben, welcher Würtemberg und Sickingen, Geldern und Mark angehörten und in deren Hintergrund französisches Gold und eidgenössische Lanzenspitzen drohend sich zeigten. Noch Wochen später waren alle Parteien in der Schweiz in eifriger Werbung begriffen. Die Eidgenossen suchten jedoch den deutschen Händeln gegenüber Neutralität zu wahren. Keinem Theil sollte das Fußvolk zulaufen. Wie sie es dem Herzog von Würtemberg abschlugen, so konnten auch des Kaisers Gesandte keine günstigere Auskunft erlangen. Auf die ausdrückliche Anfrage, ob gemeine Eidgenossen zustimmen würden, wenn Kaiser und Reich etliche tausend Knechte gegen Sickingen und andere des Reichs Ungehorsame begehrten, empfing man die Antwort: In keinem Fall. Denn man sei Tag und Nacht darauf aus, selbst wieder in bessere Ordnung und Wesen zu kommen und sich selbst miteinander zu vereinigen. Vorher sollten nach einhelligem Beschluß die Knechte Niemandem zugestanden werden, da gemeine Eidgenossen, so lange sie selbst in solcher Zwietracht sich befänden, keinem Herrn nützlich und mit Ehren dienen könnten. Zur Zeit, wo Maximilian den Rhein herab zog, wußte man das noch nicht. Es wurde nun dem Kaiser der Unfug des niederen Adels, der sich in den westlichen Gegenden des Reichs durch allgemeine Unsicherheit der Straßen bemerkbar machte, selbst fühlbar. Wenigstens erzählte man sich in Mainz, daß er von Oberlahnstein aus nicht gewagt habe den Rhein zu befahren und deshalb den Weg durch das Heyrich eingeschlagen habe. Die landgräflich hessische Regierung sowie im Rheingau der Kurfürst von Mainz hätten deshalb zum Schutz des Kaisers umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Indessen kam derselbe bekanntlich nicht nach Mainz, sondern begab sich durch Franken nach Schwaben, um daselbst durch persönliche Einwirkung Hilfe und Geld zu erlangen. Schon von Miltenberg aus forderte er vom nürnberger Rath Darleihung von 12 Stück Geschütz, um den Adel im Odenwald zu strafen, welcher mit Sickingen gemeinschaftlich vorgehend die Straßen unsicher mache. Während er nun, wie wir nachher sehen werden, den schwäbischen Bund für seine Absichten in Bewegung zu setzen bemüht war, war in seiner Abwesenheit der Reichstag zu Mainz durch seine Commissarien eröffnet worden. Hilfe um Sickingen zu vertreiben oder zur Billigkeit zu zwingen, mußten dieselben unter Hinweis auf das vom Kaiser bereits erlassene Aufgebot von den Reichsständen heischen, welche sich zur Eröffnung der Reichsversammlung am 30. Juni 1517 im Kapitelhaus des Domstiftes nicht gerade sehr zahlreich zusammengefunden hatten. Unlösbar war jedoch der Kampf gegen Sickingen im Augenblick mit den würtembergischen Angelegenheiten verpflochten. So legte denn auch die Instruction auf die letzteren ihren Hauptnachdruck; nicht gerade zum Vergnügen der Stände, die anfangs eine reservirte Haltung beobachteten, bald aber erkennen ließen, daß sie zur Bewilligung der geforderten Hilfe des fünfzigsten Mannes nicht geneigt waren. Während der Kaiser sich von den Symptomen des Uebels unangenehm berührt fühlte, erkannten sie in den unbefriedigenden Rechtseinrichtungen die Wurzel desselben und sannen demgemäß auf Mittel zur Abhilfe. Warum des Kaisers Klagen über Sickingen in Mainz nicht von Eindruck sein konnten, wird sich nachher näher ergeben. Andere Gründe waren beim schwäbischen Bund wirksam, den der nunmehr in Augsburg angelangte Kaiser vor Allem zu gewinnen trachtete. Dem Bund insbesondere den Städten lag aber alles an den Maßregeln, die gegen den Pfalzgrafen ergriffen werden sollten. Man wollte sich nicht in Krieg mit Würtemberg fortziehen lassen. Man versteckte sich daher hinter den Vorwand, dem folgen zu wollen, was die Reichsstände beschlössen.
Die Betheiligten waren über die Bedingungen übereingekommen, unter welchen man sich mit Pfalz friedlich vertragen wolle. Die Hauptsache war ein endgültiges Rechtsverfahren vor der Bundesversammlung. Der getroffenen Abrede gegenüber machte Pfalzgraf Ludwig fünf Bedenken geltend, deren Hebung er forderte. Die wichtigsten waren, daß der zu schließende Vertrag auf des Kaisers Endentscheidung gestellt bleiben müßte und daß es höchstens als Behauptung der Beschädigten im Vertrag erwähnt werden dürfe, daß der Raub im pfälzischen Geleit geschehen sei. Dessen weigerte sich der Bund. Er wollte keine derartigen Präcedenzfälle zulassen, welche die bündische Gerichtsbarkeit schmälern könnten. Die Friedfertigen wie Dr. Scheurl in Nürnberg meinten zwar man dürfe von seinem guten Recht nicht stets Gebrauch machen. Desto nachdrücklicher drangen die anderen auf Zuerkennung der bundesmäßigen Hilfe an die Beraubten (Juni 1517). Es kam alles darauf an auch den Kaiser als mächtigstes Bundesglied für diese Auffassung zu gewinnen. Wäre er ganz auf diese Ideen eingegangen, so hätte sich die Frage der Hilfe, die der Bund leisten sollte, wahrscheinlich ohne Schwierigkeit gelöst. Denn alle Bedrohten hätten sicherlich gemeinsame Sache gemacht. Das aber eben fürchtete Maximilian. Wie wir wissen, hatte er schon längst die Execution untersagt. Gab es kein Mittel eine Sinnesänderung zu bewirken? Der Nürnberger Bürgermeister Caspar Nutzel verständigte sich hierüber mit dem bekannten Augsburger Jacob Fugger. Dieser unternahm es den kaiserlichen Rath Renner zu gewinnen, dessen Einfluß er die Kraft zutraute, dem Kaiser die gewünschte Instruction für seine Räthe am Bund zu entreißen. Gerade weil Fugger von diesem Staatsmann wußte, daß er den Fürsten günstig war, suchte er ihn durch das Versprechen einer staatlichen Verehrung zu ködern. Sachlich war sein Hauptargument, daß der Beschluß der Hilfe den Pfalzgrafen veranlassen werde den Schaden zu ersetzen. Doch war diesmal der Versuch vergeblich, wahrscheinlich, weil bisher im Geheimen betriebene Verhandlungen schon zu weit vorgeschritten waren. Maximilian bestand auf der Hilfe gegen Würtemberg und ließ, obwohl eine ganze Reihe Bundestage fortan das Verlangen nach einungsgemäßer Hilfe wider Pfalzgraf Ludwig zum Gegenstand ihrer Verhandlungen machten, keinen Beschluß darüber zu. So blieb die Angelegenheit in der Schwebe, der auf 12000 Goldgulden geschätzte Verlust unersetzt, bis auch diese Verhältnisse für die Bemühungen Carls von Spanien um die Kaiserkrone wichtig wurden und demgemäß ihre Lösung fanden. Natürlich war der Bund nun um so weniger geneigt, dem Kaiser nur einen Gulden oder einen Mann gegen Würtemberg zu stellen. Auch dieser Mißstand konnte mithin nicht gehoben werden.
Wir müssen in der Zeit wieder etwas zurückgehen, um Verhandlungen ins Auge zu fassen, die unmittelbarer als die eben geschilderten für Sickingen von Wichtigkeit waren.
Als der Kaiser durch sein Mandat vom 6. December 1516 die Reichskreise zusammenberief, hatte er die rheinischen Kurfürsten, welche zusammen den nieder- oder kurrheinischen Zirkel bildeten, auf einen Tag nach Oberwesel laden lassen. Er hatte jedoch dieselben alsdann der Beschickung enthoben, angeblich um nicht ihre Unterthanen der Rache Sickingens auszusetzen, ehe die Hilfe beisammen sei. Freilich nur unter der Voraussetzung, daß sie sofort die auf sie entfallende Quote derselben in ihrem geheimen Rath veranschlagen ließen und bereit hielten (Jan. 1517). Die Kurfürsten durchschauten jedoch die Absicht und erklärten, unter Vorgang Albrechts von Mainz, den Tag beschicken zu wollen. In der That machten sie zu Oberwesel einen Abschied, von welchem leider nichts bekannt ist. Sie wollten später glauben machen, es habe sich daselbst nur um den Zoll auf dem Rhein gehandelt. Der Kaiser scheint jedoch besser unterrichtet gewesen zu sein. Wenigstens lebte er der Ueberzeugung, daß man sich in Oberwesel mit der Anbahnung eines Ausgleichs zwischen Worms und Sickingen befaßt habe. Er betraute daher den gerade in den Niederlanden anwesenden Kurfürsten Joachim von Brandenburg mit einer diplomatischen Mission an seine rheinischen Kollegen. Es möge getreuer Meinung geschehen sein, so besagte die Intruction, daß die vier Kurfürsten auf Anrufen der Freundschaft Sickingens sich hätten in dem Streit desselben mit Worms dazwischen schlagen wollen, unter dem Schein, als ob das nicht wider Kaiser und Reich wäre. Doch habe das Ganze nur den Zweck das vom Kaiser im Reich erlassene Aufgebot zu Nichte zu machen, weil jeder dann den Zuzug für unnöthig halten werde. Er fordere sie daher auf, weil durch solches Vorgehen nur Schimpf und Schande für das Reich erwachsen werde, dergleichen er während seiner Regierung nie geduldet, sich mit dieser Handlung nicht zu beladen, sondern die Dinge in ihrem seitherigen Verlauf zu belassen. Die Kurfürsten, so war des Unterhändlers weiterer Auftrag, sollten sich sofort auf den in Mainz zu eröffnenden Reichstag begeben. Man muß trotz des Abläugnens überzeugt sein, daß wenigstens Pfalz, welches bei Gelegenheit der Wormser Fehde in seinen Besitzungen geschädigt ward und auch soeben seitens des schwäbischen Bundes für Sickingens Frevel verantwortlich gemacht werden sollte, in Unterhandlung mit Franz begriffen war. Des Kaisers eigentliches Interesse spricht sich in der oben mitgetheilten Instruction gleichfalls klar genug aus. Der ihm widerwärtigste Gegner war der Herzog von Würtemberg. Geld oder Mannschaft war aus dem Reich gegen denselben schwerlich, eher noch gegen Sickingen zu erhalten. Darum wollte Max, wenn es einmal nicht zum Kriege kommen sollte, sich wenigstens keinesfalls eine so treffliche Handhabe zu weitreichenden Ansprüchen an die Stände rauben lassen. Sein vornehmster Gesichtspunkt war, daß die verlangte Hilfe wirklich seine Kasse füllte. Daher auch nach erfolgter Ausgleichung mit Sickingen die Mahnungen, welche fortwährend an einzelne Reichsstände ergingen. Doch war der Stimmung des ganzen Reichs gegenüber dieser Standpunkt nicht aufrecht zu erhalten. Auf deutschem Boden angelangt mochte dem Kaiser diese Ueberzeugung sich aufdrängen. Schon aus Frankfurt ist eine Instruction datirt, welche die Kurfürsten von Pfalz, Mainz und Brandenburg anwies, Sickingen das kaiserliche Geleit zuzuschreiben und denselben seinem mehrfachen Begehren nach seiner Handlung halber zu verhören. Zwar sei ein Verhör, so hieß es weiter, unnöthig, da es des Kaisers Absicht gewesen den Ritter sammt seinen Anhängern mit dem Schwert zu strafen. Doch wolle er durch die Kurfürsten noch einmal gründlichen Bericht empfangen, um daraus zu entnehmen, ob es angehe weiter mit Sickingen verhandeln zu lassen oder ob dessen Darthun ihn zu ferneren Schritten nöthigen werde. Nach Beendigung des Verhörs sollte ein Waffenstillstand auf acht Tage eintreten, nach deren Verlauf jede Partei denselben sollte aufsagen dürfen. Er sollte gelten für die Sicking'schen, die Kurfürstlichen, die Wormser und des Kaisers dortige Kriegsleute.
Eine schon vorher seitens des Herrn von Renneberg mit Sickingen geführte Unterhandlung blieb resultatlos, da Letzterer unannehmbare Bedingungen gestellt hatte. Als ihn nunmehr die Kurfürsten selbst laut ihrer Instruction nach Mainz betagten, hielt er es doch für geboten Folge zu leisten. Am 26. Juni 1517 erschien er vor den drei Fürsten, bedankte sich für die ihm gewährte Gelegenheit sich zu verantworten und bat sich nach Anhörung der kaiserlichen Instruction Bedenkzeit aus. Dies wurde ihm zugestanden, dagegen seinem Verlangen nach Oeffentlichkeit der Verhandlung nicht Statt gegeben, so sehr er Ehre und Glimpfs halber darauf bestand. Das eigentliche Verhör, welches zwei Tage später stattfand, verlief zunächst ganz glatt. Sickingen überreichte zur Information kaiserlicher Majestät eine von ihm und seinen Freunden abgefaßte Darstellung der Wormser Streitigkeiten in ihren Ursachen und Folgen, welche natürlich sehr gefärbt war und vor Allem den Vorwurf abzuwälzen suchte, als ob sein Vornehmen zur Schmach und Verachtung des Kaisers gewesen. Er rechtfertigte sodann seine Abneigung unter den von Renneberg vorgeschlagenen Bedingungen Frieden zu schließen und bat um Entschuldigung, falls er etwas der Sache nicht dienliches vorgebracht hätte. Die eigentlichen Schwierigkeiten erhoben sich erst, als die Kurfürsten verlangten, daß er sich dem kaiserlichen Willen gemäß zu dem achttägigen Stillstand verstehen sollte. Ueber die Instruction hinaus ging es und war speciell im pfälzischen Interesse, daß sie ihn frugen, ob er sich nicht auch seiner Handlungen gegen andere Reichsstände wegen verantworten wolle. Darauf erfolgte die Erklärung, daß er während der beiden ersten Jahre seiner Fehde gegen die Wormser nur diesen Schaden zugefügt. Erst als auf das ungestüme Andringen seiner Widerwärtigen er trotz der dem Kaiser geleisteten Dienste in immer zunehmende Ungnade gerathen, als dann in Folge eines neuen Mandates (vom 6. December 1516) er Angriffes stets habe gewärtig sein müssen, als er endlich den "Trutz und Poch" gesehen, mit welchem die Städte des Reichs überhaupt ihn und andere Nachbarn behandelten, habe er sich gezwungen gesehen sich zur Rettung der Seinen zur Wehr zu setzen. Da die Städte die Wormser unterstützt hätten, habe er auch erstere geschädigt, wo sie kein Geleit gehabt. Kaiserliche Majestät werde das als erfahrener Kriegsmann gewiß gutheißen. Er sprach ferner seinen Wunsch aus wieder einen gnädigen Kaiser zu erlangen; er möchte übrigens nichts lieber, als daß Kaiser und Stände sich dieser Sache entschlügen; denn dann hoffe er von den Wormsern schon die Billigkeit zu erlangen. Den Aufstand wies er zuerst ganz von der Hand. Ihm als einem armen Ritter sei es unmöglich seine Freunde zu Roß und Fuß, welche er zur Gegenwehr des erwarteten Angriffs um sich habe versammeln müssen, während eines Anstandes auf seine Kosten zu erhalten, denn aus einem Anstand pflege stets ein zweiter hervorzugehen, den abzuschlagen dann gehässig sei. Seine Lage würde sich durch einen solchen verschlechtern, da es ungewiß sei, ob er zum Vertrag führe. Sein Kriegsvolk könne er ohne unwiederbringlichen Schaden nicht entlassen, wie denn der Kaiser am besten wisse, daß Frieden im Kriege stets zum Nachtheil einer Partei geschehe. Auf ferneres Andringen der Kurfürsten, der Sache zu Liebe den Stillstand anzunehmen, erklärte er sich bereit, denselben für sich und die von den Seinen, welche er um sich hätte oder zu erlangen wüßte, zu bewilligen. Da aber, bevor er zur Tagleistung abgegangen viele seiner Diener in Geschäften weggeritten wären, könnte er für diese, welche er nicht zu erreichen wüßte, keinerlei Bürgschaft übernehmen. Beinahe wäre daran alles gescheitert, da die Kurfürsten ihrer Instruction nach in diesem Punkt keine Ausnahme zulassen konnten. Und so entschloß sich denn Sickingen endlich nach gehabtem Bedacht denselben ganz reinen Wein einzuschenken. Er erklärte, was er zugesagt gehe schon über seine ursprüngliche Absicht hinaus. Außerdem habe er mancherlei Untergebene, die er als ein armer Gesell nicht gleich einem Fürsten besolden könne; dieselben seien der eine unter diesen, der andere unter jenen Bedingungen bestallt. Vor seiner Betagung seien dieselben mit seiner Zustimmung gegen seine Feinde ausgeritten, so daß er derselben auf Treu und Glauben zu dieser Zeit nicht habhaft zu werden wüßte. Würden dieselben während des Anstandes Beute machen, so würde man ihm vorwerfen, daß er seine Zusage nicht gehalten hätte. Auch wäre es ihm beschwerlich seinen Dienern gegen sein Versprechen und wider ihre Bestallung etwas abzudringen, was ihnen zuständig wäre. Daher könne er nur das verheißen, seinen Antheil an der während eines Anstandes zu erhaschenden Beute zurückzustellen und allen Fleiß anzukehren, den anderen Theil auch frei zu bekommen. Eine sichere Vertröstung könne er jedoch hierüber nicht geben. Schließlich wiederholte er, da es nicht in der Kurfürsten Macht stehe dies Erbieten anzunehmen, so wolle er sich während der acht Tage so halten, daß seine Majestät spüren solle, wie er sich lieber unterthänig erzeige als dieselbe zu Ungnaden bewege.
In dieser nicht mißzuverstehenden Auseinandersetzung ist der Schlüssel zu Sickingens Erfolgen gegeben. Nicht nur für Sold warb er damals seine Truppen; man diente ihm auf Beute und andere lockende Versprechungen, ähnlich wie es um dieselbe Zeit bei der vom Herzog von Geldern angeworbenen schwarzen Bande Brauch war. Da war es denn allerdings leicht, jederzeit eine Armee gleichsam aus dem Boden zu stampfen. Baares Geld bedurfte man nicht zu viel. Loses Volk aber, das abenteuerlustig auf den Klang der Werbetrommel harrte, besaß Deutschland damals im reichsten Maaße.

So sollten also factisch die Waffen ruhen, während die drei Kurfürsten an seine Majestät über den Erfolg ihrer Mission Bericht erstatteten. Der Kaiser scheint nicht unbefriedigt gewesen zu sein. Er verlangte Feststellung der Zeit, innerhalb deren Franz sich getraue die abwesenden Reiter gleichfalls in den Anstand zu bringen (Juli 1517). Er scheint so an der Art, wie Sickingen seine Kriege führte, keinen besonderen Anstoß genommen zu haben. Im Gegentheil hielt der Kaiser die Zeit für gekommen, noch energischer als bisher die Aussöhnung mit dem Ritter zu betreiben. Das Verlangen den unbotmäßigen Herzog Ulrich von Würtemberg empfindlich zu züchtigen bestimmte um diese Zeit alle seine Maßnahmen. Nach Mainz ergingen gleichzeitig mit dem letzterwähnten Schreiben dringende Mahnungen ihm zuzuziehn. Schon wußte man, daß für den Augenblick Ulrich weder von Frankreich noch von den Eidgenossen Hilfe zu erwarten habe. Auch was vom Adel ihm noch anhing, mußte gewonnen werden. Vor allen Sickingen. Dazu war der naturgemäße Vermittler der bekanntlich so tief in die Opposition gegen den würtembergischen Herzog verflochtene Dietrich von Spät. Was beide zusammen beredet, entzieht sich unserer unmittelbaren Kenntniß. Der Erfolg spricht jedoch laut genug. Am 17. Juli 1517 enthob der Kaiser von Augsburg aus Sickingen nebst seinen Helfern, Anhängern und Verwandten der Acht, Oberacht und aller anderen Pönen, die für ungültig und unwirksam bei einer Strafandrohung von fünfzig Mark Goldes erklärt wurden. Am folgenden Tag stellte er für den Reichserbmarschall Ulrich von Pappenheim und Heinrich Troisch eine Instruction zur weiteren Verhandlung aus. Demnach sollten sie dem Ritter sagen, daß ihn der Kaiser auf die Unterhandlung, welche er mit Spät gepflogen, wieder zu Gnaden aufnehme, doch müsse sich Franz dem Kaiser zu einem Dienst verschreiben, damit sich derselbe damit den Reichsständen gegenüber rechtfertigen könne. Zwischen Sickingen und Worms sei ein einstweiliger Bestand zu errichten, falls das nicht schon durch die Kurfürsten in Mainz abgeredet sei. Er müsse übrigens die Absolution sehr geheim halten, weil, wenn der zwischen dem Kaiser und ihm gemachte Anstand bekannt würde, die vorhandene Reichshilfe, ohne sich gebrauchen zu lassen, wieder heimziehen würde. Auf welchen Tag Sickingen mit seinem Kriegsvolk bereit stehen und wohin er marschiren solle, wolle der Kaiser ihm schreiben lassen (Juli 1517).
Also kein Wort mehr von Bestrafung oder auch nur Schadenersatz. Man sieht schon aus dem Wortlaute, daß die Wormser Fehde keinerlei Schwierigkeiten machen würde. Als Hauptsache tritt der dem Kaiser zu leistende Dienst hervor. Es versteht sich von selbst, daß Würtemberg der Gegenstand des Angriffes sein sollte. Ob man sich nicht gleich über die Modalitäten einigen konnte, oder ob Franz Bedenken trug aus dem Dienste des Herzogs so schroff in das gegnerische Lager überzugehen, läßt sich nicht feststellen. Genug die Besprechungen zogen sich eine Weile hin. Ebenso schwankten die Unterhandlungen mehr reichsrechtlicher Natur, welche der Kaiser in Uebereinstimmung mit den Reichsständen durch besondere Commissäre mit verschiedenen ritterschaftlichen Genossenschaften führen ließ. Von diesen muß in einem spätern Abschnitt besonders die Rede sein. Ueber Sickingens Absichten war Maximilian jedoch schon vor dem Abschluß ziemlich beruhigt. In einer Instruction an seine Räthe auf dem Reichstag, die in der Drohung gipfelte, endlich Werke gegen des Würtembergers Missethaten zu zeigen, erklärte er, daß er mit Sickingen, der ein weit minderer Feind seiner selbst und des Reiches sei als Ulrich, in Unterhandlung auf künftige Richtung stehe (1. Aug. 1517). Die Stimmung der Stände, besonders der höheren, kam ihm in dieser Hinsicht sehr zu Statten. Erneute Klagen der Wormser mit Bitte gegen Sickingen zu procediren fanden hier eine sehr kühle Aufnahme. Weniger günstig sah man die Aussöhnung des Kaisers mit dem Ritter in den Kreisen des schwäbischen Bundes an. Eine solche mußte offenbar den Städten gar sehr die Geltendmachung ihrer Entschädigungsforderung erschweren. Wir finden denn auch später die Nachricht, daß der mit Sickingen aufgerichtete Vertrag für die Städte der Grund gewesen, die Hilfe gegen Würtemberg abzuschlagen.
Indessen waren die Unterhändler ins Reine gekommen. Am 16. August 1517 verschrieb sich Sickingen gegen den Kaiser, mit Worms für sich und seine Anhänger einen Anstand zu errichten. Welcher Partei nicht gelegen denselben länger zu halten, dieselbe solle ihn 14 Tage vor thätlicher Handlung aufkündigen. Daß der Waffenstillstand ein zweijähriger gewesen, wie man bisher angenommen, finde ich nicht. Es handelte sich nicht etwa um einen temporären Frieden, sondern um Zeit und Gelegenheit zum Austrag der auch jetzt noch in der Schwebe bleibenden Angelegenheit. Am gleichen Tag unterzeichnete Sickingen aus Dankbarkeit für die ihm zu Theil gewordene Gnade die Verpflichtung, seiner Majestät wider den Herzog von Würtemberg einen Dienst und Hilfe zu thun nach dem Erkenntniß des Grafen Wilhelm von Fürstenberg, Ludwigs von Hutten und Dietrichs von Spät.
Es war ein äußerst folgenreicher Schritt, welchen er hiermit that. Zwar zum Krieg mit Würtemberg kam es diesmal nicht: Sickingen brauchte die seitherige Verbindung nicht mit dem Schwert zu zerhauen. Aber einmal mit dem Kaiser äußerlich ausgesöhnt, mußte letzterem sich die Frage aufdrängen, ob es nicht rathsam, einen Mann, der am Rhein, in den vorderösterreichischen Landen, ja nach Franken und Schwaben hinein einen so bedeutenden Einfluß besaß, ganz an sich und seine Politik zu ketten. Man weiß, daß dieselbe seit Maximilians Besuch in den Niederlanden die Gewinnung der Kaiserkrone für Karl von Spanien als ihr vornehmstes Ziel betrachtete. Dazu mochte auch unser Ritter als taugliches Werkzeug erscheinen. Aber noch stand derselbe in Beziehung zu der Macht, die gerade in dieser Hinsicht mit Spanien rivalisirte. Freilich hatte Sickingen in dem Verhältnisse zu Frankreich seine Rechnung nicht gefunden. Unwillig empfand er, wie wenig man daran dachte das Versprochene zu halten. Am Hofe Franz I. bestand ein launisches Regiment, und schöne und einflußreiche Damen entschieden nur zu oft den Gang der Geschäfte. Eben erst hatte sich der König wichtige Verbündete um geringster Ursachen willen entfremdet. Robert von Sedan ward ungnädig angesehen und seine Compagnie "gens d'armes" ihm entzogen. Eine noch boshaftere Intrigue machte auch dessen Bruder den geschäftsgewandten Eberhard, Bischof von Lüttich, zum Feind des französischen Königs. Letzterer hatte ihm zur Erlangung eines sehnlichen Wunsches, des Cardinalhutes, seine Fürsprache zugesagt. Scheinbar ward diese dem Betrogenen auch zu Theil: aber geheime Handschreiben des Königs und seiner Mutter erwirkten vom Papst statt dessen die Erhebung eines Günstlings. Am Hof zu Mecheln, wo die Regentin Margarethe für ihren in Spanien abwesenden Neffen Karl die Geschäfte leitete, wußte man die Bedeutung dieser Männer besser zu schätzen. Die Sicherheit der niederländischen Grenzen, deren man durch ihren Uebertritt vergewissert ward, konnte nicht leicht hoch genug bezahlt werden. Auf Anregung der niederländischen Regierung ertheilte daher König Karl von Spanien aus Vollmacht zum Abschluß mit den Brüdern von der Mark, eine Maßregel, welche den vollen Beifall des Kaisers fand. Natürlich ward man nun in Frankreich aufmerksam. Der König äußerte sich einer spanischen Gesandtschaft gegenüber sehr gereizt. Man suchte ihn zu beruhigen, indem man die Sache so hinstellte, als ob man den herrenlos gewordenen Seigneur durch Aufnahme in den diesseitigen Dienst nur von Räubereien gegen die eigenen Unterthanen habe abhalten wollen, die er des lieben Brodes halber vielleicht verüben könnte. Diplomatisch war die Sache damit abgemacht: Frankreich war hier von dem jüngeren Rivalen überflügelt worden. Sickingen war mit den Herren von der Mark, wie wir wissen, eng befreundet. Der Parteiwechsel seiner Verbündeten konnte daher auch auf seine Anschauung nicht ohne Einfluß bleiben. Mit Franz I. war er, wie wir schon sahen, ohnedem unzufrieden: er ward schlecht bezahlt und nicht, wie er es glaubte beanspruchen zu dürfen, hervorgezogen. Nachdem der Zwiespalt, in welchem er sich zur Reichsjustiz befand, durch Niederschlagung der Acht und ihrer Folgen gelöst war, hatte der französische Schutz sein wesentlichstes Interesse eingebüßt. Seit er sich allerdings für einen speciellen Fall, dem Reichsoberhaupt zum Dienst verpflichtet, war er vollends in eine höchst mißliche Zwitterstellung gerathen. Mußte er wünschen dieser nicht ungefährlichen Lage ein Ende zu machen, so konnte andererseits die österreichische Diplomatie sich nur Glück wünschen, wenn es ihr gelang jenen Zusammenhang der "vier Franze" zu zerreißen, deren Ehrgeiz einer ihrer gewandtesten Agenten alle bestehenden Irrungen zugeschrieben wissen wollte. Die Freundschaft that gleichfalls, was in ihren Kräften stand. Auch die Wormser mußten den endlichen Ausgleich ersehnen. Und so langte denn im Frühjahr 1518 ein Schreiben aus dem kaiserlichen Hoflager an, worin Sickingen aufgefordert wurde sich persönlich nach Insbruck zu verfügen. Dieser Schritt werde ihm sehr ersprießlich sein. Einen Augenblick schwankte Franz. "Er fürchtete sich mehr vor des Kaisers Gnade, denn vor seiner Ungnade", d.h. er sah mit Bestimmtheit voraus, daß es bei bloßen Ehrerbietungsbezeugungen, bei einer rein äußerlichen Versöhnungsscene keinesfalls sein Bewenden haben werde. Verpflichtungen mußten ihm erwachsen, deren Umfang sich Voraus gar nicht übersehen ließ.. Eine Versammlung gesippter Freunde, die er nach Heidelberg berief, wußte ihn zu bestimmen sich zu fügen. Nach dem Ostertag des Jahres 1518 ritt er nach Insbruck ab.

Eine Meile vor der Stadt, in welcher Max damals Hof hielt, empfingen den Ankömmling eine Anzahl Grafen und Herren, unter ihnen Dietrich von Spät, andere suchten ihn sofort nach seinem Einzug in der Herberge auf. Auch der Mann, dem Sickingen alle vom Kaiser erlittene Ungnade zuzuschreiben liebte, der Rath Nicolaus Ziegler trug den geänderten Verhältnissen Rechnung. Er sandte dem Ritter als Willkommenstrunk eine Legel Wittbacher mit dem artigen Anerbieten, falls der Wein schmecke, mehr zu schicken. Der Chronist scheint es als Beweis besonders biederer Gesinnung hervorzuheben, daß Franz trotz der besorgten Warnung des Grafen Emicho von Leiningen keine Scheu trug dem Geschmack des Feindes alle Ehre widerfahren zu lassen. Daß der Vorrath nicht lange vorhielt, bedarf kaum der Erwähnung. Am andern Morgen schon fand die vertrauliche Audienz statt. Nur der geheime Rath Hans von Renner wohnte derselben bei. - Maximilian war nicht der Mann zu langsam reifenden Verfassungsarbeiten. Sonst würde vielleicht der Anblick des Mannes, der an sich unmächtig das lehrreiche Beispiel gegeben, wie gefährlich oft die vereinte Kraft der Schwachen dem Starken wird, ihm den Gedanken nahegelegt haben, ob das Kaiserthum, dessen Säulen wankend geworden, nicht statt dessen Stützen suchen dürfe, die an sich gebrechlich, im festen Bund vereint jedem Druck widerstünden. Maximilian dachte daran nicht: das Reich war ihm gleichgültig, sein Streben ging nur darauf die Kaiserkrone seinem Enkel zu sichern.
Mit Freundlichkeit hörte er demgemäß die Entschuldigung des Ritters an. Dieser erging sich in Vorwürfen gegen die lügenhaften und gewaltthätigen Wormser und in Versicherungen seiner unwandelbaren Anhänglichkeit an den Kaiser, welchen er als einer von der Ritterschaft für seinen allergnädigsten Herrn erkenne. Als er geendet, antwortete Max: Nun Franz, es ist ein Mißverständniß gewesen, was geschehen ist, ist geschehen, ich will dir ein gnädiger Kaiser sein. Darauf entließ er ihn huldvoll, nachdem er noch ausgesprochen, daß Renner Befehl habe mit ihm zu handeln. Jetzt erst zeigte die Sache ihr wahres Gesicht. Die erste Frage, welche bei der am folgenden Tage stattfindenden Conferenz Renner dem Ritter vorlegte, war, sich zu erklären, welcher Gestalt er sich in den Dienst des Königs von Frankreich ergeben. Franz entschuldigte sich, daß ihn die Ungnade seiner Majestät gezwungen hätte anderswo einen Rückhalt zu suchen. Er meinte übrigens, indem er der Sache sofort auf den Grund ging, es sei ihm an Dienst und Geld nicht zu viel gelegen und er könne ersteren mit Fug aufschreiben. Das eben wollte der kaiserliche Rath wissen. Seine Majestät werde das gern hören, erwiederte er, und werde ihm, da die Sachen so stünden, mit Nichten ihren Dienst erlassen. Franz, der wohl schon in Heidelberg über diesen Punkt gerade einen Entschluß gefaßt, sagte zu und fügte nur eine Bedingung bei, die Aussöhnung des Kaisers mit dem Kurfürsten Ludwig von der Pfalz. Ohne seine Freunde, die unter der Pfalz säßen und, wie er selbst, derselben Diener und Lehensmannen wären, könnte er dem Kaiser nicht ersprießlich dienen; daher müßten Wege gesucht werden, daß kaiserliche Majestät der Pfalz ein gnädiger Herr würde. Der Unterhändler versprach dazu seinen Beistand, er deutete sofort auch den einzuschlagenden Weg an, daß man nämlich den Kurfürsten Ludwig auf den auszuschreibenden Reichstag durch den Kaiser selbst einladen lassen müsse.
Bei einer weiteren Zusammenkunft konnte Herr Renner dem Ritter bereits des Kaisers Einwilligung zur Begnadigung des Pfalzgrafen, zugleich aber den erneuten Befehl überbringen, nunmehr seines Dienstes halber sich mit ihm zu vergleichen. Nachdem so das vornehmste Hinderniß weggeräumt, wurde man bald handelseinig. Es ward ausgemacht, daß Sickingen dem König von Frankreich den Dienst aufschreiben und in den des Kaisers treten sollte. Letzterer bewilligte ihm 600 Gulden jährlicher Pension und stellte ihm außerdem jährlich 2000 Gulden zur Verfügung, um damit eine beim ersten Aufgebot schlagfertige Reiterschaar zu unterhalten. Für den Austrag des Wormser Handels geschah abermals Nichts: dagegen verehrte der erfreute Kaiser dem Ritter 300 Ducaten zur Zehrung. Sehr zufrieden mit sich ließ er auch die getroffene Vereinbarung an seinen Enkel Karl schreiben, dem er rieth Franz gleichfalls an sich zu ziehen. Ja er meinte, man müsse 20000 Gulden nicht scheuen, um die von jenem beschädigten Wormser zufrieden zu stellen, da Sickingen das nie thun werde, und doch beider Mißhelligkeiten der Wahlaffaire nachtheilig sein könnten.

Für Sickingen war mit seiner Einwilligung zum Eintritt in des Kaisers Dienst die Hälfte gethan. Konnte er rundweg dem Franzosenkönig aufschreiben? Es ward für angemessen erachtet einen anderen Weg einzuschlagen, der für jene Zeit im höchsten Grad charakteristisch erscheint. Der Ritter brachte käuflich die Klage des Händlers an sich, dem die Mailänder, damals bekanntlich Unterthanen des Königs von Frankreich, Unrecht zugefügt. Nachdem sodann vermuthlich der in solchen Fällen gewöhnliche Schriftenwechsel vorausgegangen, nahm er kurzer Hand einigen mailändischen Kaufleuten, welche deutsches Gebiet durchzogen, zur Entschädigung Waaren im Werth von 25000 Franks ab. Auf die Klage der Betroffenen ließ der König von Sickingen, seinem Pensionär, Auskunft fordern, die in einer Weise ungenügend ausfiel, daß der König sich veranlaßt fand die jenem zugesagte Pension einzuziehen. So war denn Sickingen glücklich aller Verpflichtungen gegen den fremden Herrscher ledig. Statt dessen hatte er sich dem Kaiser angeschlossen. Oder, was dasselbe besagen wollte, er hatte seinen Nachen an das stolze Schiff angebunden, welches als Flagge die Wappen aller der Königreiche und Länder führte, die dem Haus Habsburg-Oesterreich angehörten. Wie man es an der zweisprachigen Grenze deutschen und französischen Wesens bezeichnete, er war ein Burgunder geworden. Ob Sickingen es verstehen würde sein bescheidenes Schifflein im Fahrwasser der mächtigen Gallione auf die Dauer vor Schaden zu bewahren, mußte die Folge lehren.
Für den Augenblick mochte er zufrieden sein. Nicht nur, daß seine Auflehnung wider das Gesetz und die höchste Autorität ihm straflos hingegangen, nicht nur, daß ihm alles verblieb, was er gewonnen, seine neue Stellung sicherte ihm auch für die Zukunft eine gewisse Rücksichtnahme. Geehrt unter seinen Standesgenossen, vorgezogen und gesucht von den Fürsten konnte er seinen Blick schon höher richten. Weniger günstig waren die Wormser weggekommen. Vor dem Schwert ihres rastlosen Feindes waren sie zwar gesichert. Aber es begann nun erst seitens derer, als deren Protector Sickingen sich hinstellte, ein wahres Wettrennen den regierenden Herrn der Stadt mit Ansprüchen beschwerlich zu werden, sie zu reizen, zu beunruhigen, zu bedrohen. Auch stand hierbei Sickingen selbst meist im Hintergrund. Fortwährend suchte er noch für den Bischof, den benachbarten Adel, die Vertriebenen seine Stimme geltend zu machen. Auf dem Reichstag zu Augsburg ward eifrig unterhandelt. Der Kaiser brachte es in der That zu einem friedlichen Austrag, wenn man so sagen darf, zu einem modus vivendi. Zur endlichen Beilegung aller der Zwistigkeiten, die zwischen der Stadt und dem Bischof einerseits, derselben und der gemeinen Pfaffheit andererseits schwebten, kam es erst nach seinem Tod im Jahre 1519 resp. 1521. Da ward denn in einer dieser "Nachtungen" der Franzosenfehde gedacht und dieselbe sammt allen aus ihr für beide Parteien erwachsenen Ansprüchen und Forderungen zur Pflege künftiger guter Nachbarschaft für abgethan und todt erklärt. Die Wormser aber konnten sich auf dem Standpunkt städtischer Selbstregierung, welchen sie seit dem Pfälzerkrieg eingenommen, nicht behaupten, und mußten fortan wieder mehr als ihnen lieb war den Nacken unter den Krummstab beugen.
Sickingen, um das Andenken der stattgehabten Aussöhnung zu verewigen, hatte schon 1518 eine große goldene Denkmünze prägen lassen, deren Vorderseite das Bild des Kaisers mit der Umschrift trug: "Ehre Gott, liebe das gemeine Beste und schütze das Recht". Die Rückseite aber zeigte Sickingen auf den Knien vor dem mit dem kaiserlichen Ornat gezierten Maximilian. In den Händen hält Franz eine Papierrolle, die sich weiterhin als Rand um die Münze schlingt und die selbstbewußten Worte enthält: "Wenn Du, hoher Monarch, dem Schwert die Waage nicht vorziehst, Sieg und Glück im Verein sichern Dir ewig das Reich".

Franz von Sickingen
__________________
a Finn: Haha, I saw a AFA-hippie meeting 30 minutes ago. They had even Lada with soviet flag. Where was the meeting held? In McDonald's of course. They promised to destroy capitalism when they finish their BigMacs.


The price good men pay for indifference to public affairs is to be ruled by evil men.

Plato
  #2 (permalink)     Quote this post in a PM
Old Thursday, March 5th, 2009, 02:47
Aptrgangr's Avatar
Vigilante
 
Last Online: Wednesday, June 9th, 2010 05:58
Join Date: Aug 2005
Location: Starkenburg
Posts: 3,268
Default



Erstarkung im Kampf
"Rast ich, so rost ich": dieses alte Wort könnte man als passende Illustration dem gesammten Leben und Streben Sickingens voranstellen. Ein unruhiger, ja verzehrender Ehrgeiz scheint ihn zu treiben: die Lust am gewagten Spiel reißt ihn immer wieder fort. Kaum glücklich einer Ungelegenheit entronnen, sucht er eigenwillig neue auf. An Veranlassung zu Händeln konnte es ihm dabei nicht fehlen. Eine Zeit so erfüllt von dem schroffen Gegensatz alter und neuer Ideen, alten und neuen Rechtes, wie außer der Reformationsperiode in der modernen Geschichte vielleicht nur noch unser Jahrhundert, ließ eine lebhafte Phantasie überall Opfer böswilliger Tücke erblicken, die zu ihrer Rettung des starken Ritterarms bedurften. Ich sage damit Nichts, was früheren Ausführungen widerspräche. Es ist ganz richtig, daß im Grunde genommen nicht ein Gefühl der Gerechtigkeit, sondern der Eigennutz Herren dieser Art das Schwert in die Hand drückte. Aber in zweiter Linie kommen doch auch solche Motive zur Geltung und wäre es blos, um den Schein zu wahren. Eine Rolle aber, welche der Mensch wiederholt im Ernst zu spielen pflegt, wird ihm wohl unvermerkt zur anderen Natur. Wie es Leute giebt, die sich für berufen erachten als Werkzeuge des himmlischen Zorns, als Gottesgeißeln die sündhafte Welt zu strafen, so fehlt es nicht an anderen, die in dem Wahn, einer höheren Gerechtigkeit als Vollstrecker dienen zu müssen, den Gesetzen des profanen Lebens offen Hohn sprechen. Je nachdem ihr Beginnen im Volksbewußtsein einer entsprechenden Stimmung begegnet oder nicht, sind sie allezeit entweder als Wohltäter und Helden gepriesen oder als Verbrecher und Narren gebrandmarkt und verhöhnt worden. Sie haben dann eben übersehen, daß jede Entwicklungsstufe der Völker, einzeln oder in ihrer Kulturgemeinsamkeit, auch ihre eigenen Formen des Denkens und Daseins bedarf und hervorbringt.

Nur im dynastischen Interesse hatte Maximilian den Ritter an sich gezogen: was der letztere weiter zu thun für gut befinden würde, darüber drückte seine Majestät, aufgebracht durch die passive Haltung der Stände, ein Auge zu; soweit das ohne zu schwere Gefährdung des kaiserlichen Ansehens möglich war. Sickingen seinerseits dachte nicht daran sich unbehaglichen Zwang anzuthun: gleichsam unter den Augen des in Augsburg versammelten Reichstags brach er wieder los. Es ist eine für jene Zeit alltägliche Geschichte, in welche er diesmal verwickelt worden war.
Seit dem Jahr 1512 schon waren die Kaufleute der Reichsstadt Metz durch einen früheren Mitbürger Pierre Soufroy, genannt Bürtaulx, und dessen Spießgesellen mehrfach empfindlich geschädigt worden. Pierre hatte lange vergeblich bei der Stadt querulirt einer Mühle bei Vallières halber. Er hatte es deswegen mit mehreren Herren versucht, die ihn aber alle hatten fallen lassen, da sie seine Sache für keine gerechte hielten. Nachdem er eine Zeitlang selbstständig das edle Handwerk der Straßenräuberei getrieben, fand er in dem Herrn Philipp Schluchterer von Erffenstein, einen deutschen Grafen nennt ihn unsere Quelle, einen Bundesgenossen, wie er ihn brauchte. Derselbe kaufte das Anrecht seines neuen Schutzbefohlenen, wie es die Sitte mit sich brachte, und sagte hierauf ohne weiteres der Stadt Metz Fehde an. Es begann nun eine Reihe der allerfrechsten Gewaltthaten. Niederbrennen von Häusern und Ortschaften, Plünderung der Waarenzüge, Wegtreiben des Viehes sowie Gefangennahme und Schätzung von Menschen machten die Rechtsmittel aus, deren man sich in diesem Proceß bediente. Des nie endenden Haders müde wandten sich die regierenden Herrn von Metz endlich an den Kaiser, der den Erzbischof Richard von Trier und den Land-Comthur des deutschen Ordens zu Coblenz, Ludwig von Saunsheim, beauftragte den Handel auszutragen. Dreimal citirt erschienen zwar jedesmal die Metzer, nie aber Schluchterer. Wie es scheint, hatte er das beliebte Manoeuvre angewendet selbst seine Gegner vor selbstgewählte Schiedsrichter, diesmal die Herrn von der Mark, zu erfordern. Nach Einsicht der Acten verhängte nun der Kaiser über Philipp Schluchterer von Erffenstein und alle seine Helfer und Anhänger am 13. Febr. 1516 die Acht und Oberacht mit allen ihren Folgen. Es ist bekannt, wie sehr diese alte Strafe an Achtung verloren hatte. Da es in der Regel keine Executionsbehörde gab, blieb die verhängte Friedlosigkeit ein machtloses Wort, das Mandat eine leere Formel. Im Vertrauen darauf ließen sich auch Schluchterer und Genossen keineswegs abhalten ihr gewohntes verbrecherisches Treiben fortzusetzen. Als sie wenige Stunden von Metz ein ganzes Dorf, Berlize, eingeäschert hatten, da sahen die Metzer ein, daß sie, um Ruhe zu bekommen, selbst die Handhabung ihres Rechtes übernehmen müßten. Am 19. December 1517 erließen der Meister Schöffe, der Rath der Dreizehn und die Sieben vom Krieg eine Proclamation, die vor der Kathedrale in deutscher und romanischer Sprache verlesen und angeschlagen wurde. Hierin ward unter Berufung auf die Aechtung der Schuldigen ein Preis auf ihre lebendige Einbringung, ein weit höherer auf ihre Tödtung gesetzt. Wenn die Vollbringer derselben wegen Theilnahme an den Freveln der Vorgenannten oder aus anderen Gründen die Strafe der Stadt zu fürchten hätten oder gar aus derselben verbannt wären, so sollen sie obendrein aller Besorgniß ledig und vollkommen absolvirt sein. Selbst in Metz erregte das Ungewöhnliche dieses Vorgehens vielfach Staunen. Man glaubte sich nunmehr doppelt vorsehen zu müssen. Die Fremdenpolizei im ganzen Gebiet ward außerordentlich verschärft; die Feldarbeiten wagte man blos bewaffnet und in guter Hut zu verrichten. Endlich fand sich der vollstreckende Arm. Ein Hufschmied aus Emmery, der zweimal am Kampf gegen Metz theilgenommen und deshalb im Bann der Stadt war, wünschte sowohl sich daselbst zu rehabilitiren als ihn die Lust trieb den ausgesetzten Preis zu verdienen. Er beschloß alles auf einen Wurf zu setzen. Im Juli 1518 fand er sich auf einem Schloß Philipp Schluchterers von Erffenstein ein, dessen Gast neben Pierre Soufroy damals auch Franz von Sickingen war. Seine Absicht galt eigentlich dem Schloßherrn, doch traf es sich, daß Pierre Soufroy sein Opfer wurde. Nach Metz entkommen ward er daselbst zuerst gefänglich festgehalten, bis sich die Wahrheit der von ihm behaupteten Thatsachen herausstellte. Dann ließ man ihn sofort in den Genuß der ausgesetzten Wohlthaten eintreten. Ein öffentlicher Ausruf verbot sogar bei schwerer Strafe jeden Tadel des Geschehenen.

Die furchtbare That war gesetzlich straflos. Wenn irgendwann so mußte in diesem Fall Sickingen, der durch den unter seinen Augen verübten Mord gleichsam persönlich herausgefordert war, sich für berufen halten den Verbesserer irdischer Gerechtigkeit zu spielen. Obendrein war Schluchterer von Erffenstein, der tödtlich beleidigte Schloßherr, schon seither mit ihm verbündet und - wenn die Bezeichnung nicht eine bloße Höflichkeitsform ist - sein Vetter. Er muß sich sofort entschlossen haben die erlittene Schmach empfindlich zu rächen; schon Mitte August kamen ebenso bestürzende wie bestimmte Nachrichten nach Metz, daß Sickingen an der Spitze eines sich sammelnden Heeres die Stadt zu bekriegen gedenke. Die Zusammenbringung der Truppen war nicht schwierig. Außer seinem Freund Robert von Sedan, der ihm unter seinem zweiten Sohn Jamets ein stattliches Reitergeschwader zusandte, scheinen ihm auch Wolf Dietrich von Knoringen und einer von Gemmingen Mannschaften zugeführt haben. Sein bereits berühmter Name that das Seinige, um ihm Zulauf zu verschaffen. Bald stand er mit über 2000 Pferden und 7 - 8000 Mann Fußvolk im metzischen Gebiet. Am 29. August 1518 ward sein an die dreizehn Geschworenen der Stadt gerichteter Fehdebrief abgegeben. Nachdem, so hieß es hier, die Richtung, die zwischen ihnen und seinem Vetter Philipp Schluchterer durch Herrn Ruprecht von Arenberg (Robert von der Mark) vereinbart sei, sowie der durch kaiserliche Majestät Landvogt aufgerichtete Abschied nicht von ihnen gehalten worden sei, nachdem sie ferner durch die Ihren, unangesehen, daß die Sache in gütlicher Unterhandlung gestanden, den armen Peter (Pierre Soufroy) verrätherisch im Schlafe hätten ermorden lassen und den Thäter mit Belohnung bei sich enthielten, so wolle er seines Vetters Philipp halber ihr abgesagter Feind sein.

Schon ehe diese Erklärung eintraf, hatte auf die erste Kunde seines Anzugs ein allgemeiner Schrecken sich des bedrohten Ländchens bemächtigt. Ein Befehl der Behörden rief die Bewohner der offenen Flecken in die Stadt; nur die alten Frauen sollten, um nöthigenfalls das Feuer zu löschen, zurückbleiben. Was jeder Einzelne von Getreide besaß, sollte so schnell als möglich ausgedroschen und das Stroh, damit es nicht den Feinden Nutzen gewähre, verbrannt werden. Es begann nun in den letzten Tagen des August eine Art kleiner Völkerwanderung nach den rettenden Mauern. Die Thore schienen die Fliehenden nicht fassen zu können, so arg war wiederholt das verworrene Gedränge. Die Folge der Ueberfüllung war dann ein rascher Aufschlag der Lebensmittel, der die Stimmung der, mit Verlust ihrer werthvollsten Habe, in die Stadt zusammengedrängten Bevölkerung nicht verbesserte.

Von Boulay her näherte sich in südwestlicher Richtung das feindliche Heer den reichgesegneten Gefilden des Metzer Gebietes. Rasch fielen eine Anzahl befestigter Plätze in seine Hand, wie Villers, Pontoy, Etangs, Montoy u.a.m.; die Besatzungen, wenn sie nicht zeitig genug den Rückzug nach dem Mittelpunkt des Landes antraten, wurden kriegsgefangen. Bald verkündeten Rauchsäulen, die über brennenden Ortschaften sich erhoben, den Metzern das Nahen des Feindes. Vom Thurm der Kathedrale herab gesehen schien die ganze Ebene von seinen Schaaren bedeckt zu sein. Und fortwährend noch verstärkte er sich durch Abenteurer aller Art, die theils bloße Beutelust herbeiführte, theils die Rache entflammte gegen das Gemeinwesen, dessen strafende Gewalt sie gefühlt. Natürlich war es dieses Volk, das seine Schakalsnatur hinter allerlei vorgeblichen Ansprüchen verbarg, welches am schlimmsten hauste.

Bei Vallières, wo das Lager aufgeschlagen wurde, herrschte ein fast städtisches Treiben. Kaufleute aller Art, Tuch-, Kram- und Gewürzhändler, Verkäufer von Degen, Sporen und anderen Eisenwaaren, Schmiede und Schuhmacher, Gastwirthe und Dirnen waren dem Heer in reicher Anzahl gefolgt. Dazu kamen fortwährend Handelsleute aus Deutschland und Lothringen, um die Beute zu erwerben oder gegen andere einzutauschen. Hier kaufte man die Quart feinsten Weizen für zwei bis drei Sous, während in der eingeschlossenen Stadt der gewöhnliche Preis von sechs rasch auf zwölf Sous gestiegen war.
Es kann um so weniger die Absicht sein die Streifereien und kleinen Heldenthaten beider Parteien hier zu berichten, weil von vornherein neben allen Acten der Feindseligkeit die Unterhandlung herlief. Sobald das Heer in den ersten Tagen des September 1518 der Stadt sich näherte, war in letzterer aus dem Lager der Rheingraf erschienen, der in seiner Jugend in Metz gelebt hatte und, wie er sagte, dem Ländchen wohlwollte. Er war fortan der unermüdliche Träger der Friedensvorschläge zwischen dem Lager und dem Rathhaus. Oft genug mußte er den Weg machen, denn die regierenden Herrn scheinen von vornherein nicht gewillt gewesen zu sein so bedeutende Opfer zu bringen, wie Sickingen sie heischte. Aber theils die bald dumpf niedergeschlagene bald meuterisch erregte Stimmung des Volkes, das den Herrn alle Schuld seines Ruins zuschob, theils die Hoffnungslosigkeit des Widerstandes bei der Ueberlegenheit des Feindes, machte sie bald genug anderes Sinnes.

Daß Sickingen wirklich mehrere Bauernwagen voll Hippen habe heranfahren lassen, um die Metzer für ihre kostbaren Weingärten besorgt und demgemäß zur Ergebung willig zu machen, ist wohl bloße Fabel. Allerdings bestand eine der ergiebigsten Quellen des Wohlstandes dieser Gegend in den rebenreichen Geländen, welche ihre Höhen bekränzten; aber es bedurfte solcher Mittel gar nicht, um zu dem gewünschten Ziel zu gelangen.
Sobald der städtische Kriegsrath durch freiwillige Darlehen der Korporationen und reichen Bürger über die Größe der verfügbaren Mittel im Klaren war, kamen die Unterhandlungen mit dem Rheingrafen in rascheren Fluß. Man hielt inzwischen in Metz auf Mauern und Thoren gute Wacht, da man trotz der gepflogenen Beredungen einen Handstreich befürchtete. Wiederholt schien das feindliche Heer mobil zu werden. Franz, um die Sache zu beschleunigen, oder wie die Metzer sich erzählten, durch einen Schwur gebunden, ließ auf der Höhe von Desiremont, wo jetzt eins der beherrschenden Forts steht, und am Fuß des Berges sein Geschütz auffahren, um Häuser und Mauern zu bestreichen. Doch wurden nur wenige Schüsse mit steinernen Kugeln gethan, die nicht viel Schaden anrichteten. Die Metzer unterließen nicht nach Kräften zu antworten, wie es scheint, mit etwas besserem Erfolg. Eine militärische Nothwendigkeit lag allerdings nicht vor, denn die Unterhandlungen, zu denen zuletzt noch ein Schwager Sickingens zugezogen war, waren so gut wie abgeschlossen. Endlich am siebenten September 1518, nach etwa achttägigem Krieg, ward drinnen und draußen der Friede publicirt. Die Metzer zahlten für den Abzug des Feindes über 25000 Gulden, etwa 50000 Franks städtischer Währung. Auch der Rheingraf blieb nicht unbeschenkt. Noch war es den Landbewohnern jedoch nicht vergönnt in ihre Heimath zurückzukehren, da einige 1000 herrenlose Kriegsknechte, die ohne Anwerbung sich eingefunden hatten, das Land unsicher machten. Erst allmählig kehrte so hier alles ins alte Geleise zurück.
Das war der erste Zug, den Sickingen unternommen, seitdem er des Kaisers Diener geworden war. Es läßt sich denken, daß die Mitwissenschaft oder gar Urheberschaft vielfach demselben zugeschrieben ward. Zuversichtlich mit Unrecht. Allerdings aber war Maximilian nur zu geneigt den Ritter gewähren zu lassen. Das gebot ihm der eigene Vortheil und der noch nicht überwundene Verdruß über die Reichsstände, welche ihn im Jahr zuvor im Stich gelassen. Noch viel eclatanter zeigte sich das bei einem weiteren Unternehmen, zu welchem Sickingen noch im Feldlager vor Metz die Maßnahmen traf.

Bisher hatte Franz vorzugsweise die Reichsstädte zum Gegenstand seiner kriegerischen Speculationen gemacht. Den Reichsfürstenstand aber hatte er seitlang geschont. Der Herzog Anton von Lothringen gehörte rechtlich zum Reichsverband, gab sich aber selbst mehr und mehr die Stellung eines französischen Großvasallen und ward im Ernst von Deutschland in Anspruch genommen. Die demselben von Sickingen zugefügte Schlappe hatte, so weit ich sehe, den geborenen Fürstenstand in keiner Weise beunruhigt. Dieses Angriffs halber brauchte daher die passiv zulassende Haltung des Kurfürsten von der Pfalz Sickingen gegenüber um so weniger eine andere zu werden, als letzterer um dieselbe Zeit als energischer Vertreter der Ansprüche des Bischofs von Worms auftrat. Viel eher war das engere Verhältniß, in das der Ritter zum Kaiser getreten, geeignet alte Bande zu lockern. Auch bei weniger stark betheiligten Fürsten mußte es aber ein Gefühl eigener Gefährdung erwecken, als Sickingen jetzt aus ihrem Kreise sich den Gegner wählte. In unbedeutenden Sonderinteressen sich verlierend ging ihnen mit dem Gefühl der Kraft das der unbesorgten Sicherheit ab. Es kam in der That dahin, daß ein Fürstenthum wie Pfalz, das vor nicht langer Zeit den Angriff des ganzen Reichs ausgehalten, jetzt fast Scheu trug vor einem Ritter, der "drei oder vier Steinhaufen von Schlössern" besaß. Diesen Vorwurf schleudert nicht mit Unrecht ein paar Jahre später der Herzog Georg von Sachsen seinen Standesgenossen zu. Ein Anfang dazu war es, als Sickingen noch im Feldlager vor Metz gegen den Landgrafen Philipp von Hessen Fehde beschloß. Er durfte dieselbe durchführen, ohne daß sich trotz aller Zusicherungen wirklich eine Hand zum Schutz des jungen Fürsten gerührt hätte.

Es war mit gutem Bedacht geschehen, daß der Ritter gerade den hessischen Landgrafen sich ausersehen. Ein wirrer, fast anarchischer Zustand herrschte im Lande. Bekannt genug sind ja die nach dem Tod Landgraf Wilhelms ausgebrochenen Mißhelligkeiten. Dessen Gemahlin Anna von Mecklenburg lag im erbitterten Hader mit dem Adel und der gesammten Landschaft über die Regierung während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Philipp. Fünf Jahre lang hatte unter der nominellen Obervormundschaft der sächsischen Herzoge eine landschaftliche Regentschaft, an deren Spitze Ludwig von Boyneburg stand, die Gewalt in Händen. Die Landgräfin-Witwe, eine ebenso willenskräftige wie an äußeren Vorzügen noch immer reiche Dame, hatte nie aufgehört derselben entgegenzuarbeiten. Endlich durch eine Reihe ziemlich tumultuarischer Vorgänge, welche sie selbst mit hervorgerufen, ward thatsächlich sie selbst Gebieterin ihres Sohnes und des Landes. Harte Maßregeln wider ihre seitherigen Gegner spalteten das Fürstenthum noch mehr in Parteien. Endlich trat im vierzehnten Jahr vom Kaiser für volljährig erklärt Philipp selbst die Regierung an. Es war das im Anfang des Jahres 1518. Noch hatte er kaum die Zügel ergriffen, als dieselben seinen Knabenhänden schon wieder zu entgleiten drohten.

Zu diesen Mißständen kamen noch die Ansprüche, die der für geisteskrank erklärte Oheim Philipps Landgraf Wilhelm und dessen Gemahlin Anna von Braunschweig unaufhörlich geltend machten. Fortwährend gaben dieselben auswärtigen Neidern Anlaß zur Einmischung. Obendrein bestand mit den angrenzenden Gewalten zur Zeit von Philipps Regierungsantritt nichts weniger als ein freundnachbarliches Verhältniß. Der Erzbischof von Mainz und die Grafen und Herrn der Wetterau waren aufs äußerste erbittert über einen noch dem Landgrafen Wilhelm vom Kaiser verliehenen Weinzoll, zu dessen Erträgen beizusteuern man sie hessischerseits in wahrhaft raffinirter Weise gezwungen hatte. Da alle gütlichen und rechtlichen Mittel an dem starren Trotz der glücklichen Inhaber gescheitert waren, waren erstere gern bereit dem Hessen eine Züchtigung zu gönnen. Ebenso lebte man nicht im besten Einverständniß mit Heinrich von Braunschweig, dem Grafen von Henneberg u.a.m. Die sächsischen Herzoge durften wegen der beleidigenden Art, mit der sie ihrer Obervormundschaft entsetzt waren, für besonders freundlich gesinnt nicht angesehen werden. Sie wie andere, auf deren Hilfe in der Noth man dennoch glaubte bauen zu dürfen, blieben nachher hinter den Erwartungen zurück. So Casimir von Brandenburg und Ulrich von Würtemberg.

Auf den Kaiser war nicht zu rechnen, wenn er nicht gar wegen des nahen Verhältnisses, in welchem Hessen zu Würtemberg stand, abgeneigt war. Vom Kurfürsten von der Pfalz, der seit dem baierischen Krieg mit Hessen noch unausgesöhnt, war nicht zu erwarten, daß er seinem Lehensmann bei dessen Unternehmen Hindernisse in den Weg legen werde. Ich finde dagegen nicht, daß man in ihm den Urheber des ganzen Planes vermuthen dürfte. In Sickingen selbst lebte unauslöschlich der Eindruck der in jenem Krieg vom Landgraf Wilhelm erlittenen Unbilden und Verluste. Rache an dem Thäter oder dessen Rechtsnachfolger, Wiederlangung des Verlorenen, dahin stand sein Sinn. Es ist natürlich, daß er bei dem schwer geschädigten pfalzgräflichen Haus gleiche Gefühle voraussetzte. Er bot dem Kurfürsten Ludwig das 1504 verlorene Umstadt und andere entrissene Besitzungen für seine Bundesgenossenschaft, doch ohne Erfolg. Denn der vorsichtige Fürst, damals bereits in besseren Beziehungen zu Maximilian, von dem er Entschädigung erhoffte, hütete sich natürlich wohl seine günstiger werdende Stellung von Neuem zu compromittiren. Sickingen hatte auch schwerlich im Ernst darauf gerechnet. Das Angebot erfolgte, wie wir sehen werden, erst zu einer Zeit, als er sich veranlaßt fand den Durchzug durch pfälzisches Gebiet nachzusuchen.

Franz hatte seinen Plan von langer Hand her vorbereitet. Es waren nämlich im baierischen Krieg nicht nur mehrere seinem Vater gehörige Schlösser und Ortschaften verwüstet worden; auch dauernde Verluste hatte die Familie zu beklagen. In Folge der über den Pfalzgrafen und seine Anhänger ausgesprochenen Acht hatte Landgraf Wilhelm von Hessen etliche Nutzungen und Gefälle zu Seeheim an der Bergstraße sowie an 60 "mansmat" Wiesen bei Northeim gelegen an sich genommen, die Eigenthum des Herrn Hans von Sickingen waren. Letzterer hatte, da er für sich nichts ausrichten konnte, diese Rechtsansprüche seinem Vetter Franz abgetreten, der nicht verfehlte dieselben gehörigen Ortes mit allem Nachdruck geltend zu machen. Natürlich dachte man im Rath der Landgräfin Anna nicht daran Eroberungen herauszugeben, deren Rechtstitel mindestens eben so gut war, wie der des Kaisers auf die Landvogtei Hagenau. Höchstens die allgemeine Zusage sich gebührlichen Rechtes nicht weigern zu wollen, konnte Sickingen erlangen. Damit war ihm wenig gedient. Er hatte einige Monate später nochmals, natürlich ebenso vergeblich, den Versuch erneuert.

Es war das um die Zeit, als Sickingen in Insbruck in des Kaisers Dienst getreten war. Den Sommer über scheint er sich ganz ruhig gehalten zu haben. Doch möchte man vermuthen, daß das Heer, welches Sickingen so plötzlich gegen Metz führen konnte, von vornherein geworben war, um Hessen einen Besuch abzustatten. Ein weiterer Handel verschlang sich mit Sickingens Ansprüchen. Einer der Ganerben von Reiffenberg, Johann von Breidenstein, war aus hier nicht zu erörternden Ursachen der landgräflichen Regierung Feind geworden und that von dem Ganerbenschloß aus dem Land möglichsten Schaden. Indem man gegen ihn auftrat wurden in einem der genannten Genossenschaft gehörigen Dorf auch die Hintersassen Konrads von Hattstein, der zu denen von Reiffenberg zählte, beschädigt. Auf seine Ersatzansprüche erklärte man sich zu zahlen bereit, falls er versichere, dem von Breidenstein bei seiner Fehde weder Rath, Hilfe noch Fürschub gethan zu haben. Dessen weigerte er sich und ward Hessens Feind. Als das natürlich für ihn unangenehme Folgen hatte, nahm sich Sickingen seiner an. Neben seinen eigenen Klagen tritt im Fehdebrief vorzugsweise Hattsteins Angelegenheit hervor, dem man das Seine genommen, nur weil er ein Ganerbe oder Gemeiner von Reiffenberg sei. Sickingen mochte ein solches Vorgehen unerhört und aller Ritterschaft zuwider vorkommen, wie er sich ausdrückte; eine ihrer Pflichten bewußte Regierung durfte nicht in der Weise, wie es der nur zu begehrliche Adel wünschte und voraussetzte, mit sich "unter'm Hütlein spielen lassen". Es ist ein Beweis für sehr unentwickelte Zustände und recht unreife Anschauungen, wenn diese in der Regel zahlreichen Ganerbengeschlechter hinter ihren Mauern eine thatsächliche Freistatt für allerhand Uebertretungen beanspruchten. Völlig naiv aber ist es, wenn sie sogar die Unverletzlichkeit ihrer gemeinsamen Besitzungen forderten, weil der Unschuldige doch nicht mit dem Schuldigen leiden dürfte.

Die Herren vergaßen dabei nur eins. Wer es nicht liebt, daß in seinem Hause die Häscher einen Räuber zu fassen suchen, thut gut daran letzterem von vornherein die Thür zu verschließen. Einen wegen Frevels verfolgten in das Ganerben-Schloß einzulassen war schon bedenklich, obwohl dem Burgfrieden entsprechend. Aber es ruhig anzusehen, daß der Genosse gegen seine überlegenen Verfolger sich aus dem gemeinsamen Hause mit den gemeinsamen Hilfsmitteln zur Wehr setzte, das hieß doch aus einem Glashause mit Steinen werfen.
Durch solche Prätensionen mußte der deutsche Adel seine Stellung untergraben. Man hätte im Vollbesitz verbriefter Rechte und alter Bräuche doch nicht vergessen sollen, daß man als Stand den anderen Ständen und der Gesammtheit gegenüber auch Pflichten habe. Wie dem auch sei, sicher hielt Sickingen mit seinen Standesgenossen jene sonderbare Neutralisirung der Ganerbschaften nach Antheilen für rechtlich begründet und durchführbar. Aber ebenso sicher dürfen wir die eigentliche Kriegsursache in den beiden namhaft gemachten Klagepunkten, sowie anderen dergleichen, die der Fehdebrief mit einer unbestimmten Wendung abthut, allein nicht suchen. Es sind das mehr die ehrenhalber unerläßlichen Vorwände, das Motiv ist allgemeiner: die gewaltsame Reaction wider eine als adelsfeindlich verschrieene Regierung. Der Gedanke an die brutale Härte, mit der einst Landgraf Wilhelm im baierischen Krieg gegen die Besitzungen des Adels geschaltet, die Erinnerung an die inländischen Vorgänge während Annas Regiment, das factisch, wenn auch in anderer Form, ja noch sich fortsetzte, waren nicht die schwächsten Stützen des sickingschen Unternehmens. Was Hattsteins Kränkung und Sickingens Anforderung nimmer zu Wege gebracht, das that jetzt der alte Haß. Wer konnte, lief Sickingens bereits sieggewöhnten Fahnen zu; wer auf der anderen Seite ausharren mußte, befand sich meist in nicht zu opferbereiter Stimmung. "In Summa" sagt Philipps Biograph, "es wolte Jederman ein Fedder von des Jungen Fursten flügel haben, und was ein Jedder Im Pfalzgrevischen zog fur schaden genommen, des solte er alles bezalen."

Im Feld vor Metz war unterm 8. September 1518 Sickingens Fehdebrief wider Landgraf Philipp ausgestellt. Mit gewohnter Schnelligkeit wendete er sich sofort darauf dem Rhein zu. Nicht mehr so leicht, wie vordem, war es diesmal mit größerer Macht den Strom zu überschreiten. Gemäß den Vorschriften des Kaisers auf dem vorjährigen Reichstag hielt man die Fähren in guter Hut. Sickingen scheint zuerst die Absicht gehabt zu haben bei Mainz den Uebergang zu bewerkstelligen, um dem Winkel zwischen Rhein und Main, dem sein Angriff zunächst galt, jede von Ober- und Niederhessen kommende Hilfe abzuschneiden. Am 12. oder 13. September schon begehrte er die Passage bei Weißenau. Dechant und Domcapitel ließen in Abwesenheit des Landesherrn in Gemeinschaft mit dem gesammten Klerus es sich angelegen sein, durch eine darzubringende Verehrung dem Marsch des Ritters eine andere Richtung zu geben. Welchen Mittelweg man traf zwischen den hohen Forderungen Sickingens und dem Angebot der geistlichen Herrn ist nicht bekannt: gewiß ist, daß Sickingen mit geändertem Plan nunmehr sich südwärts wandte. Schon aber war er nicht mehr ganz unerwartet. Am 13. September 1518 war, wohl von Mainz aus, Landgraf Philipp über den ihm zugedachten Ueberfall unterrichtet worden. Sofort geschahen von Seiten seiner Regierung Schritte, um die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die einem Reichsfürsten drohende Gefahr hinzulenken und des Beistandes benachbarter Fürsten sich zu vergewissern. In Augsburg, wo der Kaiser auf dem Reichstag weilte, war man schon, ehe obige Botschaft eintreffen konnte, von dem, was geschah, benachrichtigt. Was Kurfürst Ludwig durch seinen Bruder Pfalzgraf Heinrich erfuhr, ließ über Sickingens Absicht keinen Zweifel. Zum Ueberfluß hatte letzterer noch selbst an Ludwig sich gewandt mit der Bitte, in seinem Gebiet den Rhein überschreiten zu dürfen und mit dem Ansinnen sich ihm anzuschließen. Schon hatte in den bedrohten Landestheilen die hessische Regierung Vorsorge getroffen, so gut es in der Eile anging. Es standen daselbst, in der obern Grafschaft Katzenelnbogen, einige 1000 Landsknechte und etwa 1000 Reissige. Mit dem kleineren Theil der letzteren und einigem Fußvolk deckte zu Rüsselsheim der alte Kurt von Waldenstein den Winkel zwischen Main und Rhein. Die größere Masse stand unter dem Commando des Erbmarschalls Hermann von Riedesel in Darmstadt, einem damals befestigten Städtchen: starke Detachements waren zur Deckung der Uebergänge bis Gernsheim vorgeschoben. So fand Sickingen, als er am 15. September bei Roxheim nicht weit oberhalb Worms über den Rhein setzte, dem Feinde sich gegenüber. Letzterer in der Hoffnung auf Verstärkung glaubte anfänglich Gernsheim halten zu sollen. Bald griff jedoch in seinen Reihen verzagte Unentschlossenheit Platz. Noch sandte man den Comthur des deutschen Ordens zu Frankfurt dem Ritter mit der Frage entgegen, warum er den Landgrafen und die fromme Ritterschaft, die ihm große Dienste geleistet, überziehe. Jetzt müsse man des Gehorsams wegen gegen ihn handeln. Aber die demselben zu Theil werdende Antwort, welche von Klagen gegen den Landgrafen erfüllt war, dagegen die Versicherung enthielt keinem der Ritterschaft etwas thun oder ihn schatzen zu wollen, mit dem Hinzufügen: hinein nach Gernsheim wolle er, um da sein Mittagessen zu halten, wonach sie sich richten sollten, raubte den Herrn vollständig den Rest ihrer Besinnung.

Möglichst rasch hinter die schützenden Mauern von Darmstadt zu kommen, das allein scheint der Inhalt ihrer militärischen Erwägungen gewesen zu sein. Nach einigem Schwanken, veranlaßt durch die Bitte des gemeinen Volkes nicht von ihnen zu weichen, trieb sie die Meldung vom Heranziehen des Feindes, der kriegerische Klang seiner Trommeln zum Abzug. Bald artete derselbe auf das leere Geschrei hin, daß man verfolgt werde, in regelloseste Flucht aus; der eine verlor den Eisenhut, der andere seinen Spieß, der dritte ein anderes Stück seiner Rüstung. Große Massen Korn und Hafer, auch etliche 1000 Stück Vieh, das in den Flecken gehörte und anfänglich als Proviant mit nach Darmstadt hatte geführt werden sollen, ward in der Eile, als willkommene Beute für den Feind, zurückgelassen. Noch schimpflicher war es, daß auch Feldschlangen, Büchsen und Pulvervorräthe demselben in die Hände fielen. Nach diesem leichten Sieg setzte sich Sickingen in Gernsheim fest, bemächtigte sich des Rheinzolls daselbst und fuhr dann rasch in seinem Vormarsch fort. Zwingenberg an der Bergstraße fiel in seine Hand, schon am 16. Oktober 1518 muß er vor Darmstadt gestanden haben. Das Städtchen, darin die Blüthe des hessischen Adels, ward eng umschlossen. Einzelne Abtheilungen brachten gleichzeitig das platte Land zur Unterwerfung. Widerstandslos ergab sich das Landvolk, ohne dadurch der Auflegung starker Brandschatzungen entgehen zu können. Auch die noch übrigen Burgen öffneten bald dem Feind ihre Thore: nur von wenigen wissen wir, daß sie rühmlich ausharrten. Schon war auch das Gerauer Ländchen bedroht, das eine Heeresabtheilung bei Rüsselsheim vertheidigen sollte: Weitere Angriffe von anderen Punkten aus bereiteten sich vor. Es schien als ob die ganze Grafschaft rettungslos verloren sei, wenn nicht bald Hilfe komme; schon war selbst Oberhessen gefährdet.

Von den höchsten Beamten und Räthen Landgraf Philipps waren viele in Darmstadt eingeschlossen. Andere wie der Hofmeister Kurt von Waldenstein waren nicht fern im Gerauer Ländchen. Man sollte glauben, daß das Interesse des Fürsten vortrefflich gewahrt gewesen sei. Indessen tritt hier, wie nicht ein Jahr später in Würtemberg, dieselbe Erscheinung hervor, die Abgeneigtheit des Adels seine Angelegenheiten hinter denen des Fürsten zurückstehen zu lassen. War doch der Gegner einer von der Ritterschaft. Warum sollte man sich für einen kaum mündigen Knaben gegenseitig die Köpfe blutig schlagen? Das Haus Hessen war ohnedies mit der Ritterschaft in seinem Machtbereich nie glimpflich umgegangen. Die stets zunehmende Uebermacht Sickingens, besonders an Reiterei, die beklagenswerthe Verwüstung des Landes, die Abwendung der Gemüther weckten sehr rasch die Ueberzeugung von der Unthunlichkeit ferneren Widerstandes. Die Belagerung oder Beschießung Darmstadts kann kaum begonnen gewesen sein, als schon Vermittlungsgedanken die Oberhand gewannen. Es galt, denn darauf bestand Sickingen, die landesherrliche Zustimmung zu den Abmachungen im Voraus zu gewinnen. Landgraf Philipp befand sich mit seiner Mutter Anna in Gießen. Hier erschien in der Nacht vom 17. zum 18. September 1518 als Bote übler Zeitung und als Abgesandter der in Darmstadt belagerten Räthe und Ritterschaft Rudolf von Waiblingen. Allein dem Landgrafen behauptete er seinen Auftrag eröffnen zu können. Geweckt vernahm dann der junge Fürst die trübe Kunde von der Uebermacht des Feindes und der Entmuthigung der Seinen. Zugleich forderte der Kleinmuth der Belagerten eine Vollmacht zum Abschluß, da ohne solche Sickingen keine gütliche Handlung gestatten wolle. Wenn der Landgraf, so schloß der Bote, sich dessen weigere, so sei das Land zu Hessen bis Marburg verloren.
Das war viel Mißgeschick für einen so jugendlichen, so ehrgeizigen, so vom besten Willen erfüllten Fürsten. Der menschliche Geist ist nur zu geneigt, das erste wichtige Begegniß in einer neuen Lebensperiode als gewissermaßen vorbildlich für den ganzen Verlauf derselben zu betrachten. Philipp hatte kaum den Fürstenhut auf das Haupt gedrückt und schon war derselbe in Gefahr von frevler Hand der besten Zier beraubt zu werden! Beschämung mochte sich zum Zorn gesellen, wenn die Erzählung richtig ist, daß der übermüthige Kriegsmann seinen fürstlichen Gegner durch beißende Anspielungen auf dessen fast noch kindliches Alter zu verhöhnen suchte. Und vergebens sah sich Philipps Blick nach Erlösung aus dieser peinvollen Lage um. Zeitige Hilfe war weder von Innen noch von Außen zu erwarten. Zu glücklich, zu übermächtig operirte der Feind; zu zerfetzend hatte unter Hoch und Niedrig im Land schon der Geist des Abfalls, die gemeine Selbstsucht um sich gegriffen. Noch weniger konnte man auf den Kaiser zählen. Alle Schritte, die von ihm etwa zu erwarten standen und, wie wir sehen werden, wirklich gethan wurden, mußten erfahrungsmäßig bei einem Gegner wie Sickingen vollständig wirkungslos bleiben. Selbst an Berathern, da dieselben dem Hof nicht gefolgt, fehlte es dem bedrängten Knaben. Seiner Mutter schüttete er da sein Herz aus. Die Landgräfin Anna, deren Person und Regiment dem Haus Hessen viele Widersacher erweckt hatte, die selbst von sonst wohlmeinenden Beurtheilern mit Bitterkeit als Urheberin des ganzen Unglücks gescholten ward, hatte natürlich keine große Neigung durch ihren Rath vielleicht sich neuen Angriffen auszusetzen. Indeß die Noth gestattete kein langes Besinnen. Eigentlich könne sie nichts rathen, erwiederte sie ihrem Sohn, da man nach der bisherigen Haltung seiner Diener nicht wissen könne, ob die Vollmacht treulich ausgerichtet werden würde: indessen "ichts sei besser denn nichts". So entschloß sich Philipp schweren Herzens, wie er schreibt, dem Verlangen zu willfahren, das in so eigenthümlicher Weise an ihn gelangt war. Seine Vollmacht ausgestellt für Conrad von Waldenstein, Hermann von Riedesel und andere Ritter und Verwandte, die in seinem Dienst in der Grafschaft Katzenelnbogen standen, ertheilte denselben vollkommene Gewalt und Macht mit Sickingen zu unterhandeln und den Vertrag aufzurichten. Was dieselben so annähmen, das sollte gelten und verspreche er bei seinem fürstlichen Wort das stet und fest zu halten.
Während der junge Fürst in seiner Bedrängniß sich so die legale Waffe entreißen ließ, welche ihm nach dem Aufhören äußeren Zwanges ein Vorgehen gegen seinen Gegner ermöglicht hätte, war in Augsburg in den Kreisen seiner dort anwesenden Standesgenossen die Erbitterung über diesen kühnen Ueberzug eines Reichsfürsten doch eine sehr große. Besonders ernstlich sah der Erzbischof von Trier die Sache an. Es wäre, so ließ er sich vernehmen, zu viel von Franz vorgenommen, also die Städte und dann die Fürsten einen nach dem andern anzugreifen. Die Kurfürsten und Fürsten sollten bedenken, was zuletzt daraus werden würde, besonders die als Fürsten geborenen. Er sei der erste Kurfürst in seinem Geschlecht und wohl auch der letzte. Und in der That regte sich nun doch das unterm Fürstenhut geborene Deutschland, das in noch ungleich höherem Grad interessirt war. In weiten Kreisen war die Meinung verbreitet, daß Maximilian Sickingens Unternehmen nicht fremd sei. Auf das Bestimmteste erzählte man sich in Augsburg, daß letzterer das kaiserliche Banner führe. Jedenfalls mußte seine jetzige Stellung als kaiserlicher Diener jedem seiner Schritte eine erhöhter Aufmerksamkeit würdige Bedeutung verleihen. Die Fürsten entschlossen sich noch einmal das Mittel zu versuchen, das sie einen Monat früher im Interesse Ulrichs von Würtemberg angewendet. Am 17. September 1518 erschienen die anwesenden Kurfürsten und Fürsten in Person, sowie der andern Botschaften in des Kaisers Herberge. Joachim von Brandenburg führte in ihrem Namen das Wort. Franz von Sickingen, der sich seiner Majestät Diener nenne, habe ihren Bruder und Bundesgenossen den Landgrafen Philipp von Hessen überzogen. Da nun sie ihren jungen Genossen nicht verlassen könnten und möchten, auch die That dem Landfrieden zuwider sei, so bäten sie den Kaiser das Unternehmen Sickingens, seines Dieners, gnädigst abzustellen. Die Antwort, welche Maximilian der Fürbitte zu Theil werden ließ, klang leidlich beruhigend. Noch nicht lange sei Franz sein Diener. Auf die erhaltene Nachricht von dessen Zug habe er alsbald befohlen demselben zu schreiben. Die Schriften wären schon gefertigt und zweifle er nicht die Sache zu erledigen. Die Fürsten gaben sich damit zufrieden. Und in der That ergingen noch am gleichen Tage Gebote an Sickingen, die ihn bei Strafe der Acht anwiesen seine Forderungen auf dem Rechtswege geltend zu machen: auch der Landgraf wurde höchst unnöthigerweise bei gleicher Strafe zum Friedhalten gemahnt. Eine Politik, die so absichtlich vor den Thatsachen die Augen verschloß, mußte natürlich wirkungslos bleiben. Zwar versprach Sickingen dem Mandat nachzuleben, dachte aber um so weniger daran, als beim Eintreffen desselben die Frage in einem für ihn günstigen Sinn schon so gut wie entschieden war.
Des Feindes kaum ansichtig hatten die in Darmstadt eingeschlossenen Ritter sich eine landgräfliche Vollmacht zur Unterhandlung erwirkt. Inzwischen hatte Franz die Stadt heftig beschossen; das platte Land war ihm zugefallen. Auch war bereits jede Aussicht auf raschen Entsatz geschwunden. Sehr erwünscht mochte daher den Belagerten das Eintreffen der Räthe des Markgrafen Philipp von Baden sein, die im Auftrag ihres Herrn mit allem Fleiß den Zwist beizulegen trachteten. Wie der Markgraf dazu kam sich in diese Angelegenheit zu mischen, ist nicht bekannt. Aus freundlichem Willen, den er zu dem Landgrafen wie zu Sickingen trage, wollte er sein Vermittleramt übernommen haben. Schwierigkeiten machte es, daß nach Sickingens Willen auch eine Anzahl schwebender Fragen durch den Vertrag erledigt werden sollten, deren im Fehdebrief keine Erwähnung geschehen war. Auch soll er für sich anfangs sehr hohe Forderungen gestellt haben, wie das so seine Art war. Jedoch waren die Bemühungen der markgräflichen Räthe, an deren Spitze Conrad von Venningen stand, bald erfolgreich.
Es war auch höchste Zeit, wenn man es nicht auf gänzliche Verwüstung des Landes ankommen lassen wollte. Schon hatte sich Götz von Berlichingen vom Odenwald her mit einem neuen Haufen auf Umstadt geworfen; von Lengsfeld aus griff der Graf von Henneberg Vacha an und wenig fehlte, daß sein Unternehmen geglückt wäre. So mußten die Herrn von Darmstadt, wie Vögel im Netz umgarnt und unvermögend zu widerstehen, den Forderungen Sickingens sich fügen. Am 23. September 1518 ward der Friedensvertrag unterzeichnet. Derselbe zeigt wieder jenes Bestreben scheinbares Unrecht gut zu machen. Mit dem Schwert in der Hand maßte man sich angeblich im Namen einer höheren Gerechtigkeit an Streitfragen zu entscheiden, deren Rechtspunkt zu prüfen man augenblicklich weder in der Stimmung noch in der Lage war. Derartige Eingriffe des Siegers in das Rechtsleben der Besiegten pflegen aber ebenso unnütz als gefährlich zu sein. Sie erbittern und, weil sie der Natur der Dinge nach die Ausführung in widerwillige Hände legen müssen, führen sie doch nicht zum Ziel.

Was Sickingen für sich in Anspruch nahm, war nicht zu hoch. Außer jenen Wiesen und Gefällen zu Northeim wurden ihm 35000 rheinischer Gulden, binnen drei Wochen in Mainz zahlbar, zugesagt. Dazu der Betrag aller bis zum Abschluß des Vertrags ausgeschriebenen Brandschatzungen; Ausstände sollten Landgraf Philipp und seine Amtleute selbst beitreiben helfen. Dagegen verhieß Franz unverzügliche Rückgabe aller Eroberungen sowie Freilassung der gefangenen Reissigen. Conrad von Hattstein sollte zur Vergütung erlittener Schäden 1000 Gulden empfangen und seine Fehde gleichermaßen ab und todt sein. Soweit betrafen die Friedensbedingungen die im Fehdebrief namhaft gemachten Forderungen. Alle weiteren Festsetzungen griffen, wenn man so sagen darf, in Fragen der inneren hessischen Politik ein. Der Landgräfin Anna, geb. Herzogin von Braunschweig, sollten die Ansprüche erfüllt werden, die auf ihrem Witthum und dem sogenannten Kölner Spruch beruhten. Weitere Anforderungen ihrerseits sollten der ungeweigerten Entscheidung des Kaisers unterbreitet werden. Vor demselben Tribunal sollte die des Zolls halber schwebende Streitfrage gelöst werden, welche Hessen mit den Grafen der Wetterau, sowie dem Grafen von Henneberg und dem von Hanau entzweite. Caspar und Hartmut von Kronberg sollten das Dorf Wasserbiblis zurückerhalten, das ihrem Geschlecht durch Landgraf Wilhelm in dem pfalz-bairischen Krieg entfremdet war; dazu zur Entschädigung die Güter der Wolfskehl'schen Erben. Ebenso sollten die alten Regenten Hessens (die beim Sturz der sächsischen Obervormundschaft vertrieben waren) mit Erstattung verlorener Nutzung in ihre Güter restituirt werden, dagegen des Landgrafen Ansprüche an dieselben der kaiserlichen Entscheidung vorbehalten bleiben. Die Anforderungen Johanns von Hohenfels, Werners von Lüdder, Philipps von Rüdigheim und Genossen sollten einem von beiden Parteien zu ernennenden Viermännercolleg unterstellt werden, als dessen Obmann Markgraf Philipp von Baden nöthigenfalls den entscheidenden Spruch thun sollte. Die Forderungen des Johann Hilchen von Lorch und Johanns von Breidenstein sollen, falls man sich nicht freier Hand vertragen könnte, gleichfalls zu diesem Austrag stehen, während die des Emerich von Reiffenberg, Balthasar Schrautenbachs und anderer ohne weiteres in einem für den Landgrafen ungünstigen Sinn entschieden werden.
So ward in allen Fällen zum Schaden des Landesfürsten dem adligen Anspruch Statt gegeben. Das Schlimmste aber waren die Sicherheiten für Einhaltung des Vertrags, auf denen der Sieger bestand. Mit Verzicht auf jede möglicherweise zu erdenkende Loszählung von den übernommenen Verbindlichkeiten mußten 80 hessische Ritter solidarisch als Selbstschuldner für die 35000 fl. sich verpflichten, für den Fall, daß der Landgraf die Zahlung verweigere. Kommen dieselben ihrer Zusage nicht nach, so steht dem anderen Contrahenten das Recht zu, sie an beliebige Orte in Leistung zu mahnen, wohin sie sich bei ihren Gelübden und Eiden zu stellen und bis zur Berichtigung der Summe daselbst zu verharren haben. Außerdem und daneben soll Sickingen im Nichtzahlungsfall befugt sein Fürstenthümer, Land, Leute und Güter des Landgrafen sowie der Ritterschaft zu Wasser und zu Lande anzugreifen, zu pfänden und zu nöthigen. Weil ferner Räthe und Ritterschaft als Belagerte des Landgrafen Einwilligung in diesen Vertrag nicht füglich erlangen können, so haben sie sich des Vertrags in allen seinen Punkten und Artikeln "gänzlich gemächtigt versprochen und zugesagt", daß derselbe von ihrem gnädigen Herrn angenommen und vollzogen werden soll. Dafür sollen sie auch Bürgen, Selbstschuldner, verhaftet und verbunden sein und bleiben, inmaßen wie obsteht.

Wir wissen, daß die Ritter hiermit ihre Befugniß nicht überschritten. Der Vertrag, unter den sie neben den Vermittlern und Sickingen ihre Namen setzten, ward damit für sie selbst wie für den Landgrafen verbindlich. Der zuletzt angeführte Absatz sollte ihnen freilich später zum größten Verdruß gereichen. Landgraf Philipp hatte noch mehr Anlaß erbittert zu sein über die Ausdehnung, in welcher man seine Vollmacht gebraucht hatte. Einigen nach Gießen entsendeten Räthen, die ihn um Annahme des Vertrags bitten sollten, erwiederte er, er könne als ein junger Fürst ohne seine Räthe nichts thun, müsse auch erst seine Herrn und Freunde befragen, denen er durch Einung und Erbverbrüderung verwandt sei. Er war sofort entschlossen sich möglichst vielen der eingegangenen Verbindlichkeiten zu entziehen. Zwar die 35000 Gulden zu entrichten konnte man nicht umgehen. In der Herberge zur Krone in Mainz wurden sie dem Ritter richtig ausbezahlt, wie ein hessischer Chronist berichtet in lauter einzelnen Hellern. Der Landgraf glaubte nunmehr irrthümlicherweise seine Ritter der von denselben eingegangenen schweren Verstrickung entledigt zu haben. Denn daß seine Vollmacht sich auch auf Angelegenheiten erstreckt haben könnte, die, im Fehdebrief unerwähnt, ihm gar nicht in den Sinn gekommen waren, das wollte er nicht zugeben. Neue, schwere Verwicklungen ließen sich so voraussehen. An allerlei scheinbaren Vorwänden zur Beschwerde fehlte es ohnedies nicht. Sickingen hatte aus Gründen, die wir bald kennen lernen werden, nicht sofort nach dem Vertrag die Grafschaft Katzenelnbogen geräumt, sondern war noch einige Tage bei Gernsheim stehen geblieben. Gleichermaßen nach dem Vertrag war Kleinumstadt von Philipp Echter mit der Fackel gebrandschatzt worden, ohne daß Sickingen zu bewegen war Nachlaß zu bewilligen. Sollte so der Kampf von Neuem beginnen? Des Landgrafen Aussichten besserten sich mit jedem Tag. Wäre nicht alles so rasch verlaufen, so hätte es Franz mit sächsischen wie brandenburgischen Hilfstruppen zu thun bekommen. Jetzt wurden zwar die ersteren von Eschwege, wo sie bald anlangten, wieder zurückgesandt. Aber damit war die Sache keineswegs abgethan. Auf die Anfrage des Landgrafen, wie er sich zu dem Vertrag zu verhalten habe, suchten die ernestinischen Herzoge allerdings den jugendlichen Ungestüm des tiefverletzten Fürsten zu dämpfen; dagegen war Herzog Georg von Sachsen anfänglich sehr geneigt Sickingen ernstlich die Macht des Fürstenstandes spüren zu lassen. War doch Niemand mehr sicher vor ähnlichen Ueberzügen. Dazu waren ihm bedenkliche Aeußerungen Sickingens bei der Entlassung seines Kriegsvolks berichtet worden. "Wenn er sie wieder brauche," so sollte der Ritter zu den Knechten gesagt haben, "so wolle er sie in ein Land führen, wo das Roggenbrod weißer sei als am Rhein die Semmeln." Erfurt sollte nach Georgs Ansicht gemeint sein, das, wie wir nachher sehen werden, Sickingen mehrfach Grund zur Unzufriedenheit gegeben hatte. Den sächsischen Fürsten, der selbst Ansprüche auf die Stadt erhob, mußte es doppelt erbosen, wenn er vernahm, daß jener sich vermessen die Bürger zu zwingen den Erzbischof von Mainz daselbst einreiten zu lassen. Trotzdem rieth auch er, als Philipp die directe Frage an ihn stellte, zum Vollzug des Vertrags. Noch dringender mahnten dazu Friedrich und Johann, damit nicht dem Landgrafen das "ungerüchte" entstünde, daß er wider Brief, Siegel und Vollmacht handeln wollte. Bei seinen jungen Jahren könne er den Schaden mit Hilfe seiner treuen Unterthanen leicht wieder ausgleichen. Auch vor einem unüberlegten Rachezug wird gewarnt; noch mehr aber die weise Regel eingeschärft sich des Vorgefallenen halber der Ritterschaft gegenüber keinen ungnädigen Willen vermerken zu lassen; denn daraus würden nur noch schädlichere Mißverhältnisse erwachsen. Ihr Rath war, gegen Sickingen die kaiserliche Acht auszuwirken, um dann als gehorsamer Fürst gegen den Aechter handeln und wider alle in den Vertrag Einbezogene durch den kaiserlichen Fiscal procediren zu können. Inzwischen hatte der Landgraf schon andere Wege eingeschlagen.

Zwar hatten die Räthe und Ritter zu Darmstadt auch im Namen ihres Fürsten versprochen, eine Entbindung von ihren vertragsmäßigen Pflichten weder nachzusuchen noch auch anzunehmen. Landgraf Philipp hatte sich jedoch hierdurch nicht für gebunden erachtet. Er hatte bei Kaiser Maximilian anbringen lassen, daß er zwar Franz von Sickingen und Konrad von Hattstein ihrer vermeinten Forderungen halber zufrieden gestellt habe, aber in keiner Weise geneigt sei, auch die Artikel des seinen Hauptleuten, Räthen und Rittern abgepreßten Vertrags zu erfüllen, die Sickingen gar nicht beträfen und im Fehdebrief gar nicht erwähnt gewesen seien. Auf sein Anrufen erfolgte am 23. October 1518 ein kaiserliches Mandat. In Anbetracht des Umstandes daß Niemand wider Recht gedrungen werden sollte und er auch des Landgrafen zu Recht vollständig mächtig sei, verbot der Kaiser bei Acht und Oberacht denselben, sein Land und seine Leute der Sachen halber anzugreifen, die außer den Angelegenheiten Sickingens und Hattsteins in gedachtem Vertrag stünden. Dieser Sachen halber sei nur vor ihm als römischem Kaiser Forderung zulässig.

Philipp mochte glauben mit diesem Schriftstück jeden Widerspruch niederschlagen zu können. Er hatte Anlaß zu dem Wunsch die seinem Land geschlagenen Wunden zu heilen. Aus den landesherrlichen Kammern allein waren an 90000 fl. daraufgegangen. Dazu waren die Aemter so erschöpft, daß im Lauf des Jahres nur wenig in die Kassen floß. Den Gesammtschaden des Landes gab man auf 300000 Goldgulden an. Reich an Ehre wie an Beute ging dagegen Sickingen aus dem Kampf hervor. Er, der arme Ritter, hatte wie im Fluge einen mächtigen, durch viele Bündnisse gestützten Fürsten überwunden und gedemüthigt. Er war nicht der Mann dazu seinem Gegner die Bitterkeit dieser Wahrheit weniger empfindlich zu machen. Etwas Ruhmredigkeit lag in seinem Wesen. Besonders erbitternd wirkte auch die zähe Unnachgiebigkeit, mit der er auch nach geschlossenem Vertrag die Reste der ausgeschriebenen Brandschatzungen einforderte, unbekümmert darum, daß der Landgraf wohl die Entrichtung bei Verlierung Leibes und Lebens untersagte.

Es war aber doch eigentlich ein Anderes, was die Wunde nicht verharschen ließ. Ein Schauspiel von fast antiker Naivetät: nachdem man sich geschlagen, fing man an sich auszuschelten und zu schimpfen. Wenn etwas die Söhne des sechszehnten Jahrhunderts dabei von den Helden Homers unterschied, so ist es weniger der Grad der Grobheit, mit dem man sich behandelte, als die Spitzfindigkeit juristischer Deductionen, mittelst deren man sich gegenseitig ins Unrecht zu setzen suchte; vor allem aber die Menge von Papier und Druckerschwärze, welche man zu verschwenden für gut befand. Letzterer Umstand läßt es unthunlich erscheinen dieses Sittenbild in ganzer Breite dem biographischen Nahmen einzufügen. Nur die charakteristischen Züge mögen hier hervorgehoben werden.
Landgraf Philipp, obgleich wiederholt von befreundeter Seite zur Ausführung des Vertrags angetrieben, mochte sich dazu nicht verstehen. Wunderbar ist es nicht, daß der junge Fürst nach so trüben Erfahrungen etwas mißtrauisch geworden war, auch nach Seiten hin, wo zu solchem Verdacht durchaus kein Anlaß war. Er hat einstmals über Tisch, als auf Sickingen die Rede kam, zu einem sächsischen Beamten gesagt, er wünsche zu wissen, wer die wären, die ihm diesen Ueberzug gegönnt und daß jeglicher ein Horn an der Stirn hätte, daran man sie erkennen könnte. Die Unwillfährigkeit seinen Verbindlichkeiten nachzukommen erklärt es, daß er fortwährend sich von Neuem durch Sickingen bedroht glaubte und durch unzeitige Hilfsmahnungen hie und da die Ungeduld und den Unwillen seiner Verbündeten herausforderte. Sickingen seinerseits hatte ihm Zeit gelassen. Als außer der Zahlung der ihm versprochenen Summe und der Einsetzung der von Kronberg in einige Besitzungen nichts von dem geschah, was ihm zugesagt war, da ergriff er eines der Mittel, welche der Vertrag in so umfassendem Maß ihm gewährte. Das kaiserliche Mandat verbot ihm zwar zur Erzwingung der Vertragsbedingungen den Landgrafen anzugreifen; es war aber eine durchaus schiefe Ansicht der hessischen Partei, daß Max den Vertrag cassirt habe. Als daher der böse Wille am Tage lag, mahnte Sickingen im Laufe des Jahres 1519 wiederholt die aus der hessischen Ritterschaft, die in Darmstadt mit unterschrieben, sich bis zur Erfüllung des Vertrages "in Leistung" zu stellen. Eine Anzahl gehorchte, obwohl das keine Kleinigkeit war. Denn die Rittersitte brachte es mit sich, daß der Leistende auf seine Kosten an Ort und Stelle verharren mußte, bis der Grund der Stellung weggefallen. Gar mancher zehrte sich da in der Herberge fest, oder ließ wenigstens beim Abschied Roß und Rüstung dahinten. Eine Anzahl hessischer Ritter jedoch wandte sich an den Landgrafen mit dem Gesuch sie dieser für ihn eingegangenen drückenden Verbindlichkeit zu entledigen. Philipp schlug das rund ab, ja er verbot ihnen bei den Pflichten, mit denen sie ihm verwandt, sich so ohne Grund in Leistung zu stellen. Von alle dem gaben diese Herren Sickingen brieflich Kunde.

Darauf erfolgte nunmehr ein gedrucktes Ausschreiben des Ritters, worin die, die sich gestellt, sowie die, welche trotz hoher Verpflichtung Treue, Glauben, Zusage, Verspruch, Brief und Siegel zurückgestellt, einzeln namhaft gemacht und, wie man sich ausdrückte, angeschlagen wurden. Bisher habe er das, als schmählichem Schreiben nicht geneigt, unterlassen. Doch damit andern Ehrbarkeiten nicht zu dergleichen Ursache gegeben werde, und die Ehrbaren den Unehrbaren vorgezogen würden, sei hiermit an alle Kurfürsten, Fürsten u.s.w. seine Bitte jene als Ehr- und Siegelbrüchige anzusehen und dieselben an ihren Höfen, Aemtern, Räthen, Diensten u.s.w. und andern ehrlichen rittermäßigen Gesellschaften als Leute, die sich der Ehren untauglich und unfähig gemacht, nicht zu dulden oder zuzulassen. Eine Antwort der Angegriffenen ließ nicht zu lange auf sich warten. Es ist eine förmliche Ehrenprotestation gewürzt mit den heftigsten Ausfällen auf Sickingen, dem als einem Geächteten kein Glaube zu schenken sei. Von seiner Restitution wissen sie nichts oder stellen sich wenigstens so. In der Sache leugnen sie die Verpflichtung der Leistung außer für die 35000 fl. Dafür bringen sie einen Brief der Vermittler bei, der jedoch, wenn irgend etwas, gerade für Sickingen spricht. Mit dem Erbieten sich Rechtens unterweisen zu lassen und der Bitte Franz zu meiden und zu verfolgen schließt das Schriftstück.


Die folgenden gehen viel mehr auf das Specielle ein. Sickingen weist zuvörderst die seiner früheren Laufbahn wegen gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. Er erklärt sodann mit Recht, daß die Schrift der badischen Räthe gerade zur Bekräftigung seiner Ansicht besonders dienlich sei. Aus Artikel 18 wird deducirt, daß die Leistungspflicht sich auf den ganzen Vertrag beziehe. Nichts habe die Gegner davon entbinden können. Die Wahrheit seiner Schriften will er vor Kaiser und Fürsten gegenüber jenen "verzweifelten, abgefeimten Bösewichtern" erhärten. Nochmals werden die Namen der Siegelbrüchigen aufgezählt und zum Schluß wird ein Blatt angehängt, auf welchem 32 benannte hessische Ritter mit den Füßen an den Galgen gebunden dargestellt werden. Schlag auf Schlag folgten sich jetzt Angriff und Abwehr. Mit einer Gegenerklärung vom 20. October 1520 ließen nunmehr auch die Hessen eine Abbildung ausgehen. Hier erschien Sickingen im Wamms und Hosen, wie ein armer Sünder mit der Zunge an den Galgen genagelt, darunter die umgestürzte Helmzier, und zerbrochen Schild, Speer und Schwert. Hatte bei diesem Bild der Rechtssatz vorgeschwebt, daß jeder an dem Glied gestraft werden solle, mit dem er gesündigt, so schöpften in ihrem Ausschreiben die Hessen ihre Gründe aus der biblischen Geschichte. Nachdem sie "bei ihren Eiden" die Allgemeinverbindlichkeit der Leistung geleugnet und nochmals sich zu Recht erboten vor dem Kaiser, sprechen sie die Meinung aus, daß sie deshalb als im kaiserlichen Schirm stehend wohl von Franz hätten verschont werden sollen. Auch der Heide Festus und die Juden von Jerusalem hätten St. Paulus nicht verhört, geschweige denn verurtheilt, nachdem er an den Kaiser appellirt. Was bei Juden und Heiden, das solle um vieles mehr bei Christen Recht sein. Sickingen habe durch seine Schmähschrift auch wider Gott gehandelt, der Adam unverhörter Sache nicht habe verurtheilen wollen, wiewohl er seine Uebertretung gewußt u.s.w.


Ich verzichte darauf den weiteren Verlauf darzustellen. Das Gesagte wird genügen, wenn es auch schwerlich das Bild wird ersetzen können, welches aus den Originalausschreiben dem Leser entgegentritt.
Wir versetzen uns rückwärts in die Zeit, zu welcher Sickingen noch nach Abschluß des darmstädter Vertrags auf hessischem Gebiet stand. Feindseligkeit gegen einen andern Stand des Reichs hielt ihn auf dem rechten Rheinufer fest. Schon seit dem Monat Juni 1518 hatte er in einer seinerseits immer gereizter werdenden Correspondenz mit dem Rath der Stadt Frankfurt gestanden. Der Grund war folgender: Andres Preuß, genannt Zuckerbäcker, aus Kreuznach, offenbar ein Agent Sickingens zum Vertrieb erbeuteter Kaufmannsgüter, sollte "etlich gewere", die ihm von dem Besitzer der Ebernburg anvertraut war, heimlich und ohne des Eigenthümers Wissen an zwei frankfurter Juden, Heyum und Meyer, versetzt haben. Der unglückliche Zwischenhändler, den die Frankfurter dingfest gemacht, versuchte vergeblich seinen Auftraggeber zu überzeugen, daß die den Juden zugestellten Güter mit Ausnahme ettlicher Ellen Sammt nicht die von ihm erhaltenen, für die er Bezahlung noch schulde, gewesen seien. Der Ritter, der schon vorher die Herausgabe der Güter von den Juden durch Vermittlung des Rathes energisch verlangt, fuhr fort den Rath wie die gemeine Judenschaft der Stadt mit seinen Anforderungen zu behelligen. Trotz aller erdenklichen Rechtserbietungen schlugen seine Briefe immer mehr einen drohenden Ton an. Er verlangte kategorisch, daß man seitens des Rathes die Juden anhalte seinem Verlangen zu willfahren. Das glaubte dieser jedoch um so weniger thun zu können, als letztere mit Preuß über die Güter in gerichtlichem Streit befangen waren.

Auch sonst war Sickingen auf die Stadt nicht gut zu sprechen. Zwar hatte man sich während der hessischen Fehde in ängstlicher Neutralität geweigert dem Landgrafen Kohlen und Salpeter zu verkaufen, doch hatte man an Conrad von Waldenstein zu Rüsselsheim Mehl abgegeben. Grund genug für Sickingen die günstige Gelegenheit zu benutzen, um Frankfurt zu züchtigen. Am Tag der Unterzeichnung des darmstädter Vertrags sandte er der Stadt seinen Absagebrief. Da seine rechtmäßige Bitte bei Bürgermeister und Rath der Stadt nicht angesehen worden sei, habe er mit merklichen Kosten ein Heer von 30000 Mann werben müssen, um zu dem Seinen zu kommen. Er verlange unverzügliche Herausgabe der Güter und zum Schadenersatz 10000 Gulden, widrigenfalls er seine und seiner Helfer Ehre verwahrt haben wolle. Zum ernsthaften Kampf durfte es der Rath jedoch in keinem Falle kommen lassen. Zwar waren schon seither bezüglich des Geschützes und der Thorhut allerhand Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, aber an Widerstand war um so weniger zu denken, als der Stadthauptmann Jacob von Kronberg auf wiederholte Mahnung sich weigerte in die Stadt zu kommen, ja zum großen Verdruß des Rathes auf seine Stelle verzichtete. Man sah sich daher, um in Ruhe zu bleiben, genöthigt in das Lager vor Darmstadt eine Gesandtschaft abzufertigen, an deren Spitze Walther von Kronberg, Comthur des deutschen Ordens und Martin von Husenstein, Ritter und Schultheiß zu Frankfurt standen. So ward durch Vertrag vom 26. September 1518 die Fehde aufgehoben. Die Stadt zahlte an den Ritter 4000 Gulden; dafür übernahm sie die von jenem in Anspruch genommene Waare und erhielt die Zusicherung, daß Sickingens Heer nicht gegen Frankfurt gebraucht werden solle und daß, falls Franz abermals einen Zug über den Rhein vornähme, er nicht beanspruchen dürfe durch Frankfurt zu passiren. Die folgenden Artikel betrafen den Ausgleich der Forderungen Philipps von Rüdigheim, des Philipp Weiß und Wilhelms von Bommersheim. Damit auch hier die Komik nicht fehle, bestimmte ein besonderer Artikel, daß ein "Saustall", welchen man vor dem Haus des Ogger von Clee, Sickingens Tochtermann, in Frankfurt aufgeschlagen, sofort abgerissen werden müsse.
So kam Frankfurt diesmal noch glimpflich genug davon. Uebel fiel aber der ganze Handel für die beiden Juden aus. In Haft genommen mußten sie unter Verzicht auf alle Rechtsmittel mitsammt ihren Frauen sich verpflichten zur Schadloshaltung des Rathes 2400 Gulden zu bezahlen.
Der Vertrag hatte wieder jenen eigenthümlichen Zug, daß Sickingen in demselben eine Anzahl ihm fernliegender Fragen zugleich mit seinen eigensten Interessen zu erledigen bemüht gewesen war. Freilich waren es zum Theil die treuesten Anhänger des Ritters, die hier mit in die Richtung gezogen waren. Jener Philipp von Rüdigheim oder Rudecken hat bei ihm bis zuletzt ausgehalten. Und es ist wahr: die in solchen Fällen hervortretende freundschaftliche Bereitwilligkeit zu helfen verlieh Sickingens Namen nicht nur unter den Standesgenossen einen guten Klang. Vielen erschien er als Anwalt der Gerechtigkeit, als selbstloser Schützer und Hort aller Bedrängten. Mit nur zu großem Vergnügen gab er sich dem schmeichelhaften Reiz einer solchen Rolle hin. Je mehr sein Fürwort an Bedeutung gewann, um so weniger ängstlich prüfte er bei den ihn umdrängenden Clienten die Güte ihrer Forderungen. Weit über die Ufer des Rheinstroms hinaus machte sich nunmehr in immer weiteren Kreisen seine Geltung fühlbar.

Die Drohungen, welche er, wie erwähnt, gegen Erfurt ausgestoßen haben sollte, waren nur die Vorläufer eines von ihm vertretenen Anspruchs, der ihn mit den sächsischen Herzogen in Berührung brachte. Ein Hans von Gotha, Bürger in Erfurt, war vor einigen Jahren im sächsischen Geleit eines Stückes Tuch beraubt worden, das er für dreizehn Gulden auf der leipziger Messe erstanden. Dazu war er als Haupttheilnehmer der Erfurter Wirren vom Rath erst gefänglich eingezogen und dann, angeblich ohne rechtliche Erkenntniß, bei schweren Drohungen aus der Stadt und einem Umkreis von drei Meilen verbannt worden. Klagend hatte er sich den sächsischen Herzogen als Schirmherrn der Stadt genaht, ohne damit ein Resultat zu erzielen. Auf sein demüthiges Anbringen trat Sickingen für ihn auf. Er ersuchte die Fürsten seinem Clienten zu Verhör und zur Billigkeit zu verhelfen. Diese nahmen die Sache nicht leicht. Schon im December verhandelten über diese Angelegenheit die kurfürstlichen Räthe zu Leipzig mit Herzog Georg. Man beschloß Hans von Gotha mit Geleit gegen die von Erfurt vorzubescheiden. Hätte ersterer Fug, so solle man Fleiß ankehren die Sache in Güte zu vertragen; wenn dies aber nicht der Fall sei und Hans "nachdem er ein loß Vischer" sei sich nicht abweisen lassen wollte, so müsse man Sickingen ersuchen sich seiner ferner nicht anzunehmen. Man übersandte in der That an Sickingen den für Hans bestimmten Ladungsbrief. Doch kam die Sache nicht zur Endschaft, da der Geladene auf den Terminen nicht erschien. Später 1522 hat Sickingen sein Fürwort für denselben wiederholt. Die Verhandlungen mit den Erfurtern, welche Gegenforderungen aufstellten, zogen sich bis nach Sickingens Tod hin, ohne daß ein Ausgleich zu Stande gekommen zu sein scheint. Einen ähnlichen Verlauf nahm ein Ansinnen, das Sickingen im Verein mit Hartmut von Kronberg im Interesse seiner Base Margarethe von Hutten etwas später an die sächsischen Fürsten richtete (1519). Hier konnte wegen Finanzverlegenheiten der Erfurter ein zugestandenermaßen ihrereseits jener Dame geschuldetes Capital von 4000 Gulden nebst rückständigen Zinsen trotz zahlreicher Vergleichstage nur spät und mit Mühe erlangt werden. Zu weiterer Bestätigung des von mir Gesagten weise ich hin auf die Fürsprache, die Franz für Siegmund Zwiekopf bei dem Hochmeister des deutschen Ordens in Preußen in jenes Handel wider die Städte Danzig und Elbing einlegte; auf das dringende Hilfsgesuch, das der sich für vergewaltigt haltende Graf Emicho von Leiningen an unsern Ritter richtete. Alle diese Thatsachen und andere dergleichen mehr zeigen die Stellung unverkennbar an, welche die öffentliche Meinung Sickingen zuwies. Wir werden bald sehen, wie auch die Großen dieser Welt, ja die Träger der europäischen Politik selbst sich um seine Person bemühten. Um das aber ganz verstehen zu können, wird es nothwendig sein sich zu vergegenwärtigen, welches beim Schluß dieses Lebensabschnittes der Boden war, auf dem Sickingens Bedeutung ruhte.

Glückliche Kriege hatten ihn weit aus den Reihen seiner Standesgenossen herausgehoben. Fast wie ein Fürst unter Fürsten stand er da. Und welcher geborne Fürst konnte sich denn, wie er, rühmen in den weitesten Kreisen von der populären Stimme für den Anwalt der unterdrückten Gerechtigkeit gehalten zu werden? Es war in der That eine ganz unvergleichliche Stellung, die er einnahm. Dabei konnte er doch immer als ein Haupt des Adels gelten, wenn ihm auch die Eigenschaften eines Parteiführers wesentlich gemangelt haben. Kalte berechnende Einsicht, vorsichtiges Abwägen des Für und Wider, gelassenes Abwarten des richtigen Augenblicks, vor allem die Pflicht dessen, der für anderer Wohl verantwortlich ist, waren ihm häufig schwer geübte Tugenden. Er handelte nur zu gern nach den Eingebungen seines heißen Herzens. Dieses Temperament entschuldigt vieles in seinem Thun, erklärt es aber auch, wie Manches, was er später angriff, ihm gar nicht gelingen konnte. Wie durfte der hoffen für den niederen Adel, dessen Führer er sich dünkte, eine befriedigendere staatsrechtliche Stellung zu erringen, der soeben mit einem ansehnlichen Bruchtheil der Ritterschaft ohne Aussicht eines Erfolgs und, man muß sagen, mehr aus Rechthaberei eine so erbitterte und rücksichtslose literarische Fehde auskämpfte? Auch finden wir, daß sich eifrige Anhänger bereits von ihm scheiden. So jener Herr von Rennenberg, der aus dem Lager vor Metz mit über tausend Reissigen davon ritt. War dieses Zerwürfniß eine Folge kleinlichen Eigennutzes oder lagen tiefere Gründe vor? Möglich, daß Sickingens Ansichten über den Unternehmergewinn sich nicht vertrugen mit denen mancher Genossen über den Lohn des Theilnehmers. Durch den Mund eines seiner Schützlinge ward es dem Hochmeister des deutschen Ordens berichtet, daß etliche, die Franzen gedient, sich dessen fortan entschlagen würden aus Gründen "er nemb das Baist vom flaisch und ließ Ine die bein". Sicherlich sind das Ausnahmefälle, wenn Sickingen auch sehr wohl den Satz verstand, daß besonders im Krieg Geld Macht ist. Wir finden gerade auch um diese Zeit, daß sein Einfluß unter dem Adel im Allgemeinen noch im Steigen begriffen ist. Eine ganze Anzahl Burgen nahmen ihn als Mitgemeinen oder Ganerben auf. Im Wasgau öffneten sich ihm die Schlösser Drachenfels, Kaltenfels, Lützelburg bei Elsaßzabern, "der Schlüssel des Westrich" sowie Wartenberg und Tann. Als Besitzthum werden außer den schon mehrfach genannten Burgen Hohenburg, Landstuhl und Ebernburg noch namhaft gemacht Merxheim und Alt-Boyneburg. Aber Sickingen begnügte sich nicht mit dem Besitz. Rastlos arbeitete er daran dieselben unbezwingbar zu machen. Ebernburg war schon seit Jahren so befestigt worden, daß man wohl meinte, es könne dem ganzen römischen Reich widerstehen. Weniger von Natur begünstigt war Landstuhl, oder Nanstuhl (Nanstein) wie man auch sagte. Es war ursprünglich nur ein kleines Bergschloß, nach Art der Vogesenburgen in den Sandstein hinein gebaut. Nachdem im Jahr 1518 Franz Alleinbesitzer geworden, begann er das Haus zur starken Festung umzuschaffen. Daß diese neuen Mauern, auf welche er so stolz war, in kurzer Frist in Trümmer würden gelegt werden können, das hat er sich auf der Höhe des Glücks sicher nicht träumen lassen. Es ist unzweifelhaft richtig, daß das Vertrauen auf die weit und breit gepriesene Unbezwinglichkeit seiner "Häuser" seinem ehrgeizigen Unternehmungsgeist noch kühneren Schwung verliehen hat. Vielleicht hätte er seine Leidenschaft gezügelt, wenn er die Schwäche dieser für uneinnehmbar gehaltenen Position gekannt hätte. Jedoch wiegen sich zuweilen gerade durch Wagnisse emporgekommene Menschen, welche gewohnt sind mit dem Ungewissen zu rechnen, hinsichtlich ihrer ausgesetztesten Stellungen in trügerischer Sicherheit. Es ist im Grunde gleich, ob sie sich über die Zuverlässigkeit ihrer Freunde und Alliirten oder über die Festigkeit einiger Steinhaufen einer Täuschung hingeben. Meist erst, wenn es zu spät ist, deckt die Probe den Fehler der Rechnung auf.

Eine wenig jüngere Aufzeichnung hat für Sickingen bereits ähnliche Folgerungen gezogen. Es "befindt sich doch", so schreibt der Verfasser der Zimmer'schen Chronik, "das die geschlechter, so dermaßen veste und werliche heuser gehapt, sich oftermals darauf verlassen, ire obern oder auch ire nachpaurn daraus gedrutzt, selten ufrecht oder bei iren guetern bliben sein, wie denn die erfarnus das zugibt mit denen edelleuten von Fridingen, von Clingenberg, Sickingen, Rosenberg und anderen auch noch vil höhers standts, die zu irem selbs nachtail iren feinden und widerwertigen gebawen. Derhalben der weis churfurst herzog Friderich von Sachsen, kein befestigung in seinem landt bawen wellen, und waver seine nachkommen ime gevolgt und uf seinen institutis behart, were ine die chur bei unsern zeiten nit entzogen worden".
So urtheilte man nach der Katastrophe. Noch aber schien das Glück des Hauses, der Ruhm seines Vertreters im Steigen begriffen.
__________________
a Finn: Haha, I saw a AFA-hippie meeting 30 minutes ago. They had even Lada with soviet flag. Where was the meeting held? In McDonald's of course. They promised to destroy capitalism when they finish their BigMacs.


The price good men pay for indifference to public affairs is to be ruled by evil men.

Plato
  #3 (permalink)     Quote this post in a PM
Old Thursday, March 5th, 2009, 02:55
Aptrgangr's Avatar
Vigilante
 
Last Online: Wednesday, June 9th, 2010 05:58
Join Date: Aug 2005
Location: Starkenburg
Posts: 3,268
Default



Im Dienst habsburgischer Kaiserpolitik
Im engern Kreis verengert sich der Sinn,
Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.
(Schiller, Prolog zum Wallenstein)

Es ist keine Frage Franz von Sickingen war bereits gewaltig über seine ursprüngliche Stellung hinausgewachsen. Seine Sprache, sein Verhalten gegen die Großen beiderlei Standes, seine Mittel waren nicht mehr die eines begüterten Rittersmannes. Er bedeutete etwas in der Welt. Man könnte ihn jenen Condottieri Italiens vergleichen, nur daß er meist in eigener Sache thätig gewesen ist. Auf wunderbare Weise hatte allen seinen Unternehmungen das Glück gelächelt. Viele seines Standes mit einer gleichen Dosis rauflustigen Thatendrangs aber weniger hochfliegendem Ehrgeiz ausgestattet, wären auf dieser Stufe verharrt. Ob Sickingen die klare Erkenntniß gewonnen, daß ein gleich zu erwähnendes Ereigniß die gebieterische Mahnung bedeutete, fortan andere Wege einzuschlagen? Mehr war es wohl sein gutes Glück, welches ihm eine neue Bahn des Emporsteigens öffnete. Verlockend genug war dieselbe, auch für einen trotzig seiner Unabhängigkeit sich bewußten Sinn, um ein wenig Freiheit für ein gut Theil Ruhm und Glanz dahinzugeben. Der kaiserliche Dienst war in der letzten Zeit keine Quelle des Behagens und noch weniger eine Gelegenheit zu ehrenvoller Ausgleichung gewesen. Das demüthigende Gefühl der Schwäche und des Unvermögens, dazu Spott und Hohn von Seiten des Feindes, hatten die Männer ertragen lernen müssen, die in Italien insbesondere für die Reste ehemaliger Kaisermacht im Felde standen. Ein eigenthümliches, jedoch nicht unverdientes Mißgeschick hatte über Allem gewaltet, was Maximilian unternahm. Deutschland - und es fühlte das mit steigendem Ingrimm - war nahe daran in der Person seines Herrschers der Gegenstand des Witzes für die Nachbarvölker zu werden. Daß die Italiener den Kaiser auf der Bühne verhöhnten, daß Carricaturen ihn auf einem Krebs reitend zeigten mit dem Motto: Tendimus in Latium, kann kaum Wunder nehmen. Ein französischer Kriegsmann widmete ihm später den ironischen Nachruf: es sei schade um ihn. Er habe die ganze Christenheit wach erhalten. Denn wenn er etwas habe nicht ausführen können, so habe er wenigstens Anderen den Weg gewiesen. Am bittersten urtheilte man vielleicht im verbündeten England. Viele wünschen, so schrieb einmal Richard Pace an Wolsey, den Kaiser persönlich im Krieg zu wissen, ich verehre jedoch den Kaiser persönlich so sehr, daß ich ihn lieber als Heiligen sähe, als mit mir im Felde. Es gehörte die ganze Pflichttreue eines Georg von Frundsberg dazu, um unter solchen Umständen die Fahne nicht sinken zu lassen; es bedurfte eines Idealismus, wie ihn Ulrich von Hutten besaß, um, auch ohne Personenwechsel, aus der Unverwüstlichkeit deutscher Volkskraft heraus Besserung zu erhoffen. Diese Unverwüstlichkeit oder Ueberkraft hatte seither meist wilde Schößlinge getrieben. Hohe und Niedrige hatten sich gewöhnt es als eine Art natürlichen Rechtes anzusehen, daß man so gut dem Franzosen wie dem Reich dienen dürfe. Auch Sickingen hat ja nicht gezögert diese Rettungsbrücke zu beschreiten. Es hat etwas tief Beschämendes zu lesen, wie einstimmig beispielsweise der Abfall eines Karl von Bourbon verurtheilt wird, während man das Gebahren deutscher hochgeborener Reisläufer, ja die Käuflichkeit der Wahlfürsten, gewissermaßen mit Achselzucken als etwas Selbstverständliches betrachtet. Zur Erklärung dient eben der zerfahrene Zustand des Reichs, theils Ursache theils Folge einer verkehrten Politik. Wer mag über Naturen, die nun einmal nicht zur leidenden Ergebung, nicht zum Stillsitzen geschaffen waren, das vernichtende Urtheil fällen, weil dieselben außerhalb ihre Kraft zu verwerthen strebten. Dem sei wie ihm wolle: schwerlich hätte sich, ohne solche Verhältnisse des Reichs und unter einer anderen Persönlichkeit als Herrscher, einem Sickingen die Möglichkeit geboten sich emporzuschwingen. Gerade seine Geschichte zeigt ja, wie sehr die Recht hatten, welche behaupteten, daß Maximilian ebenso leicht zum Zorn gereizt als wieder besänftigt war. Ein guter Schwank, gut vorgetragen glättete ihm oft die Stirn, die der Grimm hatte schwellen lassen. Wer sich selbst so viel zu verzeihen hatte, mochte auch gegen andere nachsichtig sein. Daß obendrein sein Scharfblick in Sickingen ein taugliches Werkzeug erkannt zu haben glaubte zur Erreichung seines letzten großen Planes, der Erhebung seines Enkels Karl auf den kaiserlichen Thron, ist oben gesagt worden. Da - noch war alles in der Schwebe - starb der alternde Kaiser plötzlich am 12. Januar 1519 zu Wels an der Donau. Man durfte nach der allgemeinen Unzufriedenheit mit seinem Regiment erwarten, daß eine straffere Hand in der Zukunft berufen sein werde die Zügel zu führen. Noch unter den Augen des verstorbenen Kaisers hatte Sickingen, obwohl zuletzt Diener desselben, mit Gewalt einen Reichsfürsten und mehrere mächtige Communen gedemüthigt. Da sofort die ersten Monarchen Europas sich in der Bewerbung um die Kaiserkrone begegneten, gehörte nicht zu viel Witz dazu, um vorauszusagen, daß eine Rolle, wie er sie bisher gespielt, sich auf die Dauer nicht werde durchführen lassen. Ein befriedetes Dasein, ein gesicherter Rechtsgang, wie ihn die Nation von ihrem neuen König erwartete, war unvereinbar mit dem Fehdebrauch, der zum Hohn der Reichsgesetze bei den kleinen Herrn im Schwange war. Aber eine weitere Perspective öffnete sich für jeden, dem es daheim zu eng war. War denn nicht in dem Kampf, der sich unter den hadernden Mächten entzünden mußte, Ehre und Gewinn zu holen? Die übersprudelnde Kraft der Nation fand hier ein viel ruhmvolleres Feld kriegerischer Thätigkeit, als daheim auf Kreuzwegen und anderen Lauerposten, so angenehm die Aufregung dieser "Heckenreiterei" die Einförmigkeit des ritterlichen Daseins unterbrechen mochte. Und auch die Fehden größeren Maßstabes, wie sie Sickingen geführt hatte, was wollten sie bedeuten gegenüber dem Ringen der Mächte Europas!

Wer wird Kaiser werden, das war die Frage, welche im Frühjahr 1519 die diplomatischen Kreise und, wenigstens in Deutschland, die öffentliche Meinung fast ausschließlich beherrschte. Drei Könige, sämmtlich jung, geistvoll und mächtig bewarben sich um die Wette um die höchste Würde der Christenheit. Diese nur schien den legalen Titel zu verleihen für jenes Uebergewicht im europäischen Staatensystem, welches an sich unbestimmt sehr bestimmte Ansprüche in sich barg. Der Fundamentalsatz mittelalterlicher Politik, daß nur der gekürte deutsche König einen Herrscheranspruch auf Italien besitze, ward auch jetzt noch wenigstens dann auferweckt, wenn er Vortheil zu verheißen schien. Während nun König Heinrich von England in vorsichtiger Zurückhaltung Versuche machte die Krone für sich zu gewinnen, traten mit offenem Visir zwei Kämpfer auf die Wahlstatt, der König Franz von Frankreich und Karl von Kastilien.
Deutschland war überschwemmt von Wahlagenten höheren und niederen Ranges, die für beide Parteien thätig waren. Ihr Werben galt nicht blos den Kurfürsten; Männer aller Art, sobald dieselben für irgend eine Stelle des verschlungenen Intriguennetzes brauchbar zu sein schienen, zogen sie in ihr Interesse. Längst bekannt war es ja, daß nicht allein pflichtmäßiges Ermessen der Wahlfürsten hier den Ausschlag zu geben pflegte. Neben den Factoren der Macht und des Rechts mußten auch die unberechenbaren Größen der Ab- und Zuneigung in Ansatz gebracht werden. Hier war der Punkt, an dem die öffentliche Meinung von Wirkung sein konnte. Und hier haben die habsburgischen Bevollmächtigten schließlich doch ihre Gegner überflügelt.


Sickingens Bedeutung war ihnen keineswegs entgangen. Unmittelbar nach Beginn des Wahlfeldzugs wies der unermüdlich thätige und energische Max von Zevenberghen auf die Nothwendigkeit hin sich dieses Mannes zu vergewissern. Allerdings war Gefahr im Verzuge. Franz war durch des Kaisers Tod seiner Pension wie seiner Dienstpflicht ledig: schon erinnerten sich auch die Franzosen ihres früheren Pensionaires. Mit Vollmacht zu den ausgedehntesten Bewilligungen ward vom französischen Hof der Kapitän Brandec ausgesendet, um den Ritter wiederzugewinnen, den man zu unbedacht entlassen. Ein Glücksfall war es hierbei für die spanisch-österreichische Partei, daß der König von Frankreich auch Robert von Sedan und dessen Bruder den Bischof von Lüttich verletzt und von sich gestoßen. Beide waren, zur Gegenpartei übergetreten, bei dieser Wahl beflissene Partisane des Hauses Habsburg. Es war ein geschickter Einfall durch Robert von Sedan auch den ihm befreundeten Sickingen zu gewinnen. Auch an Dietrich von Spät ging Zevenberghen nicht vorüber, der die Versicherung gab, daß Franz geneigt sei dem Haus Oesterreich zu dienen. Die Regentin Margarethe interessirte sich für die Sache; dem jungen König Karl ward bald begreiflich gemacht, welche Wichtigkeit der Ritter für einen glücklichen Verlauf seiner Angelegenheit haben könne. So kam die Sache verhältnißmäßig rasch in Gang. Am 17. Februar 1519 ward Robert von Sedan eine Instruction zugestellt zur Unterhandlung mit Sickingen. Demnach sollte letzterer eidlich sich verpflichten dem König Karl gegen alle und jede zu dienen. Als Pension würde er 2000 Livres erhalten und das Commando einer Anzahl gens d'armes. Dazu sollen er und die Seinigen sich der königlichen Förderung und Unterstützung in allen vernünftigen Angelegenheiten nach Möglichkeit erfreuen. Die Aufforderung Sedan's nicht eher Partei zu ergreifen, bis er ihn gesprochen, beantwortete Sickingen durch Sendung eines in seinen Diensten stehenden Edelmannes, Caspar genannt, nach Mecheln. Da derselbe Sedan hier nicht antraf, reiste er ihm nach Wawre nach. Fürchtete Sickingen, daß eine persönliche Zusammenkunft es ihm unmöglich machen werde die Bedingungen so hoch zu spannen als er es für angemessen hielt? Er war patriotischen Gefühlen nicht so fremd, daß er nicht dem deutsch-geborenen Prinzen lieber gedient, als dem Welschen: nur durften die Aussichten nicht allzu ungleich sein. Je mehr er daran dachte eine dauernde Verpflichtung gegen Karl einzugehen, um so mehr mußte er darauf aus sein einen möglichst günstigen Vertrag abzuschließen. Der Agent Sickingens weigerte sich demgemäß ganz entschieden sich mit dem zu begnügen, was Sedans Instruction vorschrieb. Er betonte die glänzenden Anerbietungen der Franzosen, so daß man sich gezwungen sah mit dem Angebot bis zu 3000 Livres und 20 hommes d'armes hinaufzugehen. Trotzdem kam die Sache jetzt noch nicht zum Abschluß, da königliche Befehle, ob Franz auf Lebenszeit oder auf Jahre in Dienst genommen werden sollte, nicht vorlagen. Der Unterhändler erklärte aber, es sei nicht deutscher Brauch den Verträgen Vorbehalte, wie "so lange es uns gefällt" anzuhängen. Da man ihm Einfluß auf seinen Herrn zutraute, ward auch er durch das Versprechen einer jährlichen Pension von 300 Livres geködert. Trotzdem kam ein wirklicher Dienstvertrag erst nach der Wahl zum Vollzug. Doch war auch so Sickingen bei dieser Gelegenheit eine bedeutende Rolle beschieden. Dieselbe hing aber nur mittelbar mit den eben skizzirten Unterhandlungen zusammen. Man kann gewissermaßen sagen, daß sie das Probestück war, dessen glänzende Ableistung jeden weiteren Anstand beseitigte.
Die Eroberung und Einverleibung der Reichsstadt Reutlingen hatte das Maß des Herzogs Ulrich von Würtemberg zum Ueberschäumen gebracht. Alle seine alten Feinde, das bairische Fürstenhaus, der fränkische Adel regten sich: vor allem der durch obige Gewaltthat schwer geschädigte und bedrohte schwäbische Bund, der keineswegs, wie man wohl meint, es vorzog schwächliche Zurückhaltung zu beobachten. Das Feuer ward geschürt von habsburgischen Wahlagenten, vor allem Max von Zevenberghen, der mit bewundernswerther Klarheit erkannte, wie wichtig ein kräftiges Auftreten der Freunde Oesterreichs im Süden für die Wahlsache werden müßte. Wie er es später war, der die für den Herzog verhängnißvolle Abberufung der Schweizer in Zürich durchsetzte, so drang von Anfang seine Stimme darauf außer mit dem auf die österreichischen Erblande entfallenden Antheil der Hilfe den Bund seitens des Königs Karl noch besonders zu unterstützen. Die Zusendung eines reissigen Geschwaders unter dem Grafen von Fürstenberg und Franz von Sickingen würde, so meinte er einmal, die Intriguen der Franzosen, als deren Partisan Herzog Ulrich galt, durchkreuzen. Dann müßte dieselbe dem König auch bei anderen Fürsten und Kurfürsten besonders am Rhein ein vortheilhaftes Renommé erwecken, insofern dieselben erführen, daß Karl sie nöthigen Falls gegen die Franzosen schützen könne. Auch den Bund selbst werde Karl dadurch für sich gewinnen, so daß er sich desselben vielleicht ohne Kosten gegen die Franzosen werde bedienen können. Den Bund zu unterstützen, schreibt er um Mitte Februar 1519, sei der sicherste Weg alle französischen Praktiken zu Nichte zu machen, Deutschland selbst durch den Bund Gehorsam aufzuerlegen und so zur Erhebung des Königs und seines Hauses zu gelangen. Zugleich theilt der rastlose Agent mit, daß in Folge ihrer Bemühungen Spät, Hutten, Sickingen mit 1000 Pferden in die Hilfe des Bundes zu Schwaben kommen würden. Wenige Tage später erging bereits seitens der zu Ulm versammelten Bundesstände an den Rath zu Frankfurt das Ansuchen, Sickingen, der laut seiner Bestallung dem Bund 600 Reissige zuführen sollte, durch seine "Obrigkeit" passiren zu lassen. Eine ungemein merkwürdige Verschiebung seitheriger Verhältnisse! Eben noch mußten Zevenberghen und Villinger ihren Credit bei Fugger anstrengen, um den wichtigsten Städten des Bundes Sicherheit für die Summe von 9000 fl. zu geben. Die Städte forderten dieselben bekanntlich vom Pfalzgrafen für den durch Sickingen in seinem Geleit ihnen zugefügten Schaden. Nur Kaiser Max hatte den Bund bisher abgehalten sich seiner verletzten Genossen mit nachdrücklicher Gewalt anzunehmen. Seines Einspruchs ledig hätte der Bund den Klägern die pflichtmäßige Hilfe sicher zu Theil werden lassen und dadurch den Pfalzgrafen ebenso sicher in die Arme Frankreichs und des Herzogs von Würtemberg getrieben. Nur eine schleunige Befriedigung der Städte konnte dies Unheil verhüten. Sickingen war vor wenig Jahren im würtembergischen Dienst gewesen; er hatte die Städte geschädigt, wo er konnte: jetzt zog er, auch in ihrem Interesse, gegen seinen früheren Dienstherrn. Und so ganz fern lag, wie berührt, doch auch die Möglichkeit keineswegs auch Pfalzgraf Ludwig, seinen Lehns- und Landesherrn, in den Reihen der Gegner zu treffen. Letzterer hatte ihm das nicht vergessen. Ja wenn wir Sickingen glauben dürfen war die Hilfe, die er gegen Ulrich geleistet, die vornehmste Ursache der späteren Ungnade. König Karl war als Herr der österreichischen Vorlande das Haupt des schwäbischen Bundes. Das Regiment zu Insbruck vertrat ihn in dieser Befugniß. Durch den Bund erhielt also Sickingen seine Bestallung. Daß er, wie Zevenberghen wiederholt angelegentlich empfohlen, als außerordentlicher Beistand dem Bund seitens des Königs Karl zugesendet worden sei, läßt sich nicht feststellen. Karl hatte allerdings seine Einwilligung zu dieser Maßregel gegeben und auch die Gelder dafür angewiesen. Doch geschah das erst, als Franz bereits in voller Rüstung war. Auf welche Bedingungen hin er abgeschlossen, ist nicht ersichtlich. Wahrscheinlich hing in diesem Fall der Lohn wesentlich vom Erfolg ab. Die österreichischen Agenten Zevenberghen und Armstorf hatten unaufhörlich gemahnt, rasch mit dem Ritter einig zu werden, dem man von allen Seiten den Hof mache. Man dürfe denselben nicht für einen armen Teufel von Edelmann halten, da der König sich keines Fürsten in seinen Angelegenheiten mit größerem Vortheil bedienen könne. Die diplomatischen Berichte schildern ihn als durchaus den Interessen des Hauses Habsburg ergeben und voll des Wunsches mit dessen Feinden sich zu messen. Die kurze Zeit der kaiserlichen Gnade hatte doch nach dieser Seite eine Wandlung in ihm zu Wege gebracht. Es ging aber überhaupt in diesem Frühjahr durch die Ritterschaft und den niederen Adel der warme Hauch nationaler Empfindung. Erfolglos war es daher, daß der König von Frankreich neuerdings auch den Herzog Anton von Lothringen zum Träger seines Wunsches gemacht, Sickingen wieder in seinem Dienst zu sehen. Ebenso vergeblich schrieb ihm noch im März der Admiral Bonnivet, eines der Häupter der französischen Gesandtschaft: es gäbe in Deutschland keine Persönlichkeit, welche König Franz lieber gesehen, höher geachtet oder auf welche er mehr Zuversicht gesetzt hätte. "Capitain Franziskus", hatte der Diplomat hinzugefügt, "ich war und bin stets Euer Freund; Ihr werdet mich in allen Fällen, wo Ihr meiner bedürft, als solchen erfinden. Ich wünschte nur, daß der König mein Herr viele solche Persönlichkeiten in seinem Dienst hätte als Euch." Er lud ihn mit der Versicherung zu sich ein, daß er ihn nicht unbefriedigt verlassen werde. Neben den schönen Worten hatten es die Franzosen natürlich auch nicht an reelleren Lockungen fehlen lassen. Daß sie weit über die österreichischen Angebote hinausgingen, dürfte feststehen. Ob ihm aber König Franz in der That, wie später Sickingens Söhne behaupten, 30000 Kronen baar und eine lebenslängliche Pension von 8000 Kronen mit dem Bemerken zugesichert, daß man noch höher zu gehen bereit sei, möchte ich doch nicht für ganz gewiß annehmen. Sickingen war fest geblieben, dadurch zu seinem Vortheil sich unterscheidend von der Mehrzahl der Kurfürsten, deren charakterloses Schwanken in den zeitgenössischen Berichten grell genug hervortritt. Sein Schade ist es übrigens nicht gewesen, daß er die lockenden Anerbietungen der Gegner Karls fortgesetzt von der Hand gewiesen hat.

Inzwischen waren die Dinge in Süddeutschland reif geworden zur Entscheidung. Während sich an der Ostgrenze des würtembergischen Landes drohend die Wolken zusammenzogen, waren Ulrichs Beziehungen zur Schweiz, Dank den diplomatischen Schachzügen Zevenberghens, bereits stark erschüttert. Noch ehe das Bundesheer von Ulm aus sich gegen den verblendeten Fürsten in Bewegung setzte, hatten die schweizerischen Obrigkeiten ihre Landsleute aus den würtembergischen Reihen abberufen (März 1519).
Für den nun beginnenden Feldzug hatte Sickingen die Aufstellung schwerer Reiterei übernommen. Mit etwa 700 Pferden setzte er sich noch vor Mitte März 1519 vom Mittelrhein her in Bewegung. Seiner Vereinigung mit dem, dem Oberbefehl Wilhelms von Baiern unterstellten, Bundesheer traten jedoch Schwierigkeiten in den Weg. Die gelegenste Route führte ihn über Frankfurt; deshalb hatte er nach dem Vorgang der Bundesbehörden auch selbst an den dortigen Rath sich gewandt mit der Bitte ihm und seinen Leuten Durchzug, Nachtquartier und, für ihr Geld, Zehrung zu bewilligen. Der Rath sah sich durch dieses Ansinnen in große Verlegenheit versetzt. Zwar durfte er Sickingens Versicherung Glauben schenken, daß keiner der Seinen von ihm böses zu besorgen habe. Aber wer stand dafür, daß nicht dennoch Mißhelligkeiten ausbrächen. Um so mehr war Vorsicht geboten, da Frankfurt als Wahlstadt in diesem Frühjahr ganz besondere Verpflichtungen hatte auch den Schein der Parteilichkeit zu vermeiden. Man suchte nach Ausflüchten. Nur zweihundert Reissige auf einmal, so schrieb man dem Ritter, könne man zugleich in die Stadt lassen. Man ging dabei von dem richtigen Gesichtspunkt aus, daß man der Eingelassenen mächtig bleiben müsse, das heißt, daß man keine der öffentlichen Autorität überlegene Kraft innerhalb des städtischen Weichbildes dulden dürfe. Die äußerste Concession, zu welcher der Rath auf erneutes Andringen sich herbeiließ, war, daß man Franz auf einmal mit der Hälfte seiner Leute passiren lassen wolle, wenn er sich fürderlich beeilen werde. Letzterer hatte längst die Geduld verloren. Er konnte sich nicht dazu verstehen, seine Truppen zu theilen. Ohne Frankfurt zu berühren zog er daher grollenden Muthes in der Richtung auf Hanau. Dem städtischen Hauptmann, der zu ihm ins Feld kam, trug er die Meldung auf: daß der Rath ihn nicht habe durch die Stadt lassen wollen, werde er den Bündischen klagen und den langen Spießen und halben Hosen befehlen. Die hochweisen Herrn hatten noch weitere Ungelegenheiten von dieser Sache. Denn Sickingen hatte es nicht verschmäht seinem alten Gegner Herrn Niclas Ziegler, jetzt habsburgischem Wahlagenten und bald Reichsvicekanzler, die Weigerung der Frankfurter anzubringen. Er hätte das um so höher empfunden, da er doch dem Reich zuziehe. Auch sei der Rath französisch gesinnt, er habe der französischen Botschaft seine Diener geliehen und Fürschub aller Art gewährt, das werde kaiserliche Majestät nicht vergessen. Es war den Abgesandten, die der Rath deshalb nach Mainz sandte, nicht schwer sein Verhalten zu rechtfertigen und von den erhobenen Vorwürfen sich zu reinigen. Charakteristisch ist nur, mit welcher Gewißheit man damals schon in diesen Gegenden in städtischen und adligen Kreisen dem Ausgang der Wahlangelegenheit entgegensah.

Eben jedoch platzten die Gegensätze heftig auf einander. Schon vor Sickingens Ankunft war das Bundesheer ohne Widerstand zu finden in Würtemberg eingebrochen. Nach wenig Tagen stand man vor der Hauptstadt. Der Herzog hatte sich nach Tübingen geworfen, nachdem sein Heer mit dem Abzug der Schweizer seinen festen Kern verloren. Man hatte sich im bündischen Lager die gefürchtete Autorität Ulrichs so schwach denn doch nicht vorgestellt. Auf so rasche Erfolge war man keineswegs vorbereitet gewesen. Daher erschien Franz von Sickingen, der am 6. April 1519 bei Eßlingen mit einer auserlesenen Truppe von 7 - 800 Reissigen zu dem Heer stieß, den Machthabern wie dem Kriegsvolk hochwillkommen. In seinen Reihen diente auch Ulrich von Hutten, der vor Begierde brannte statt der Feder nunmehr das Schwert gegen den Mörder seines Vetters Hans zur Hand zu nehmen. Es ist Fabel, was man von der ersten Begegnung beider während des Feldzuges erzählt: schon vorher hatten sie sich kennen und schätzen gelernt. Ihre gegenseitige Annäherung sollte sofort für die Sache des Humanismus, in der Person eines seiner ehrwürdigsten Vertreter fruchtbar werden. Der Bund heischte von den seitens ihres Fürsten preisgegebenen Städten und Ortschaften die Huldigung. Einen Augenblick konnte es scheinen, als ob die Hauptstadt Stuttgart es auf Gewalt ankommen lassen werde. Von den in solchen Fällen zügellosen Landsknechten war bei Einnahme mit gewaffneter Hand für alle Einwohner das Schlimmste zu befürchten. Vor einer unwürdigen Behandlung mußte der ohnedies dem kriegerischen Lärm abholde Reuchlin, der damals in Stuttgart lebte und aus Angst bereits am Anfang des Krieges seine Bücher vergraben hatte, um jeden Preis behütet werden. Durch Sickingens Dazwischentreten erwirkte nun Hutten den Befehl an das Heer im Fall der Eroberung Stuttgarts Reuchlins Haus zu verschonen.

Glücklicherweise erwies sich diese Vorsicht als unnütz. Die Stuttgarter dachten nicht im Ernst daran ihre Haut für den entwichenen Herzog zu Markte zu tragen: nach Abzug der Besatzung unterwarfen sie sich dem Sieger. Hutten ging nun mit Sickingen selbst zu dem geängstigten Reuchlin, der das kriegerisch gerüstete Paar als "Gottesgeißel" anredete. Franz hieß den Greis gutes Muthes sein und versprach ihm alle Hilfe. Wir werden später sehen, daß diese Begegnung für die Sache wissenschaftlicher Freiheit nicht ohne gute Folgen blieb.
Wie der Krieg überhaupt mehr einem militärischen Spaziergang, als einer ernsthaften Action glich, so konnte auch Sickingens Antheil daran nur ein dem entsprechender sein. Bei dem gemeinen Kriegsvolk war er bald beliebt. Hutten meint, man hätte ihn lieber denn jeden andern als Oberbefehlshaber gesehen.
Wir können leider nicht nachkommen, ob sich gerade in diesem Feldzug seine militärischen Vorzüge in so glänzendem Licht gezeigt haben, als es dem Freundesauge erschien. Da kein Gegner vorhanden war, blieb es die Aufgabe der Reiterei durch ihr Erscheinen und Auftreten Furcht zu verbreiten, etwaigen Widerstand auf dem flachen Land sofort im Keim zu ersticken und so die rasche Unterwerfung der Bewohner herbeizuführen. Hierzu reichten Detachements aus, die man nach allen Seiten entsandte. Sickingen selbst scheint dem Marsch des Hauptheeres gefolgt zu sein. Ob sein Rath im Hauptquartier des Herzogs Wilhelm von Gewicht war, läßt sich nicht sagen. Nur wird seiner Anwesenheit vor Tübingen und dem Hohen-Asperg Erwähnung gethan. Bei der Belagerung letzterer Festung gehörte er zu den Unterzeichnern eines Kapitulationsentwurfs, der nachher die Genehmigung der Bundesbehörden nicht erhielt. Ueber die Art und Weise, wie die oben erwähnte Aufgabe der Reiterei angegriffen werden sollte, scheinen sogar frühzeitig Differenzen sich erhoben zu haben. Franz hatte sofort, nachdem er zum Heer gestoßen, sein beliebtes Verfahren in Anwendung gebracht, das wehrlose Landvolk die Schwere des Kriegs fühlen zu lassen. Er hatte gleich am 6. und 7. April 1519 die Bauern aus einer Anzahl Ortschaften nach Eßlingen betagt, um sich zur Erhaltung des Leibes und der Habe zur Zahlung einer Brandschatzung zu verpflichten. Ein paar Tage später mußte er dem Befehl Herzog Wilhelms zufolge selbst ihre Freilassung anordnen. Vermuthlich wollte der Oberbfehlshaber das Salvaguardia-Wesen allein in der Hand behalten und den Unteranführern keine persönliche Bereicherung gestatten. Schon war der Bund selbst keineswegs zurückhaltend gegenüber dem Privateigenthum. Trotzdem hat die Art, wie gerade Sickingen seiner Aufgabe gerecht wurde, ihm den nachhaltigen Haß der Würtemberger zugezogen. Glimpflich ist er sicherlich mit dem Landvolk nicht umgesprungen. Man erfährt von harten Repressalien, die seine Reiter an den rebellischen Bauern des Weinsberger Thals nehmen mußten und den ihm zu Gute kommenden Brandschatzungen und Beschädigungen der Klöster Maulbronn und Bebenhausen. Franz von Sickingen und seine Reiter nebst den Franken, erzählt sodann der Würtemberger Stumphart, hätten sich in die Fluren und Saatfelder gelagert und, was sie nicht verzehrt, anderweit verdorben. Auch hätten sie Tänze und Bankette gehalten und mit Frauen und Jungfrauen großen Uebermuth getrieben. Diese Theilnahme an der Vertreibung Ulrichs sei, meint der erboste Schwabe, die Ursache, warum es nachher mit den "Fräntzischen und Francken" ein so elendes Ende genommen habe.

Die Truppentheile, welche im Krieg für alle die Requisitionen zu machen haben, pflegen natürlich von der erbitterten Bevölkerung mit dem ungünstigsten Auge angesehen zu werden. Für die Sache des Bundes war vielleicht noch wichtiger als Sickingens kriegerische Thätigkeit der Umstand, daß in seiner Person gleichsam der rheinische Adel sich gegen Ulrich erklärte. Man hat zuweilen das Gefühl, als ob die auf beiden Seiten stehenden Edelleute sich viel mehr als Standesgenossen respectirt, denn als Gegner bekämpft hätten. Wenn dem so war, so lag darin ein für das Fürstenthum als solches nicht unbedenkliches Indicium.
Der Krieg war beendet, ehe er eigentlich recht angefangen. Ulrich war entflohen, man wußte nicht wohin; das ganze Land war unterworfen. In Eßlingen tagte der schwäbische Bund, um über die Zukunft Würtembergs zu berathen. Die überwiegende Meinung ging dahin, das Herzogthum dem unschuldigen Sohn des vertriebenen Fürsten nicht vorzuenthalten. Die wichtigste Frage war die, wie der Bund zu seinen Kriegskosten kommen und wie man allen Ansprüchen gerecht werden sollte, die Einzelne erhoben. Es zeigte sich doch unmöglich das Land, wenn es auch im Großen und Ganzen unzertrennt blieb, in seiner vollen Integrität zu erhalten. Wie andere griff auch Sickingen zu. Man mußte sich dazu verstehen ihm Stadt und Amt Neuenbürg zu überlassen. Als im Herbst Herzog Ulrich den vergeblichen Versuch machte sein Fürstenthum zurückzugewinnen, ward Sickingen wieder zu den Fahnen gerufen. Daß er diesmal nach der raschen Ueberwindung des Herzogs sich das Städtlein Wildbad vorbehalten habe, ist eine unhaltbare Behauptung. Erst nach seinem Tod kam Neuenbürg an Würtemberg zurück.

In einer Beziehung könnte man zweifeln, ob der über alle Erwartung rasche Verlauf des würtembergischen Krieges den Absichten des Hauses Habsburg förderlich gewesen sei. Ulrichs Vertreibung ließ allerdings die Energie und Schlagfertigkeit der spanischen Linie in ganz anderem Lichte erscheinen, als weiland Maximilians unruhige Vielgeschäftigkeit. Wenn aber nach Beendigung des Feldzugs, also gegen Ende Mai 1519, das Heer sich zerstreute, so gab man den Anhängern des französischen Königs und diesem selbst nur zu viel Gelegenheit die bis zur Wahl übrige Frist im eigenen Vortheil, auch mit Mitteln der Gewalt, auszubeuten. Daraus ergab sich die dringendste Veranlassung eine stärkere Macht zur Abwehr der Feinde und zum Schutz der Freunde zusammenzuhalten. Erstere waren rührig genug. Durch Gunst oder Geld oder Gewalt wollten sie, so erzählte man, zur Kaiserkrone gelangen. Man wollte wissen, daß Franz I. in kleinen Abtheilungen seine Truppen nach Italien marschiren ließ, um sich im günstigen Augenblick an ihre Spitze zu stellen und sich, er sei gewählt oder nicht, in Rom zum Kaiser krönen zu lassen. Noch erkennbarer war die Absicht der Einschüchterung bei Allem, was von dieser Seite in Deutschland geschah oder wenigstens geplant wurde. Hat doch ein deutscher Kurfürst, der Markgraf Joachim von Brandenburg, den König von Frankreich selbst um Aufstellung einer Truppenmacht angesprochen. Er erbot sich selbst 15000 Knechte und 4000 Pferde aufzubringen; die Herzoge von Lüneburg, Holstein und Mecklenburg, der Landgraf Philipp von Hessen rüsteten für Frankreich, angeblich um mit Waffengewalt Karls Wahl in Frankfurt zu hindern. An Landgraf Philipp, der wie es scheint Verdrießlichkeiten hatte, weil er in seinem Gebiet der Botschaft des französischen Königs mit ihrem reissigen Gefolge Geleit und Zehrung verstattet, schrieb der Kurfürst von Brandenburg: Er verstehe sich nicht, daß ihn in diesem Vorhaben Jemand anfechten werde; solle das aber dennoch geschehen, so theile er ihm mit, daß der König von Frankreich bei 30000 deutscher Knechte und 3000 Kürasser von deutschen Fürsten und anderen den Kurfürsten zum Schutz in jene Gegend legen werde, die dann auch ihn vor Gewalt "stattlich entsetzen und handhaben" würden (Juni 1519). Dazu war es landkundig, daß Franz I. neuerdings bedeutende Summen in baaren Goldkronen nach dem Rhein geschickt hatte, nachdem das Haus Fugger dem Welschen bei dieser nationalen Angelegenheit seinen Credit versagt hatte.

Die Aufstellung einer Armee erschien daher schon frühzeitig auch den österreichischen Agenten als nothwendig. Alle Bedenken mußten schwinden, sobald man mehr und mehr Einblick gewann, wie in diplomatischer und militärischer Hinsicht immer enger das Netz französischen Einflusses sich zusammenzog. Eben erst hatte man den Herzog von Würtemberg bewältigt, der in Frankreichs Interesse sich gerührt, doch war man darum keineswegs sicher, daß nicht die Hauptleute, die soeben dem schwäbischen Bund wider Ulrich gedient, ihre Leute ins französische Lager führten. Das war auf keinen Fall zu dulden. Die Bestallung und Unterhaltung gerade dieser Truppen galt den habsburgischen Diplomaten als sicherste Voraussetzung eines günstigen Resultats. Sie folgerten aus den mit einzelnen Kurfürsten getroffenen Verabredungen die Verpflichtung zu deren Schutz. Schon früh hatte man von Deutschland aus den König Karl auf die Unumgänglichkeit dieser Maßregel aufmerksam gemacht. Besonders ward er schon im März 1519 durch die Regentin Margarethe auf die Brauchbarkeit Sickingens zu der beabsichtigten Action hingewiesen. Wann ausdrückliche Befehle des Königs diese Politik seiner Räthe billigten, ist nicht genau auszumachen. Gegen Ende Mai 1519 waren jedoch alle Einleitungen getroffen, um nicht wehrlos einem rücksichtslosen Gegner preisgegeben zu sein. Man beauftragte Sickingen und Frundsberg, dem Haus Habsburg zu Lieb' 12000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferd aufzubringen. Ehe diese Truppen noch in Thätigkeit traten, hatte ihre Bestimmung, die sich nicht verheimlichen ließ, schon zu den bedenklichsten Gerüchten Veranlassung gegeben. Man raunte sich zu, daß das Heer des schwäbischen Bundes und eine merkliche Anzahl Eidgenossen sich rheinabwärts gegen Frankfurt bewegen würden, um König Karl mit Gewalt zum römischen König zu machen. Der gewandte Niclas Ziegler fand es angemessen den Kurfürsten Friedrich von Sachsen, den zu gewinnen man gerade alle Minen springen ließ, darüber zu beruhigen. Nachdem der Bund nach beinahe vollbrachter Eroberung des Herzogthums Würtemberg die Hälfte seines Kriegsvolks beurlaubt habe, wären manche Leute thätig dies Volk in französischen Sold zu bringen. Ohnedies ließe der Franzose in seinem Königreiche aufbieten, um mit Macht an den Rheinstrom zu ziehen. Vielleicht getröste er sich der Partei, die er im braunschweigischen Lande habe, des Vorsatzes dadurch mit Lieb und Leid römischer König zu werden. Um das zu verhüten habe man das entlassene Volk wieder angenommen in der Absicht damit vor Frankfurt zu ziehen und, falls der Franzose mit Gewalt in Deutschland eindringend die Kurfürsten zu seinem Willen nöthigen wolle, dem zu widerstehen. Damit war denen, die die Wahlfreiheit gewahrt wissen wollten, wenig geholfen. Mit gleichem Grund konnte der Franzose seine kriegerischen Vorkehrungen entschuldigen. Aber dahin hatte ja der Verlauf der ganzen Angelegenheit von Beginn her unwiderstehlich gedrängt, daß der die Braut schien erringen zu müssen, der den letzten Thaler in der Tasche und den letzten Mann im Felde hatte. Persönliche und politische, nicht nationale oder rechtliche Motive haben die Wahlfürsten geleitet. Nicht von ihnen den maßgebenden Häuptern her, nein aus der Tiefe des Volksbewußtseins hat denn doch mächtig nachwirkend der nationale Wille sich geltend gemacht. Die bald im Feld erscheinende Truppenmacht ward so Trägerin des nationalen Gedankens. Nicht in der Rathsstube oder dem Conclave, sondern, wie wiederholt, im Lager fand letzterer seine eigentlichen Vertreter. Wie der kriegerische Muth des deutschen Volks, des Adels wie des Bürgerstandes, sich hob bei dem Hinblick auf diese unverächtliche Schutzwehr gegen diplomatische Intriguen, so fühlten im Gegensatz dazu alle Anhänger der französischen Sache sich schwer bedroht. Vor allem war diese Wendung dem Markgrafen Joachim unbequem. Auch Philipp von Hessen sah sich in seinen Entschlüssen beengt. Ihm mußte vor Allem einer der im österreichischen Lager befehligenden Officiere verdächtig sein. Fortwährend glaubte er eines erneuten Angriffs durch Franz von Sickingen gewärtig sein zu müssen. Aengstlich hatten seit dem Frühjahr seine Späher jede Bewegung des gehaßten Gegners beobachtet. Gegen Ende April 1519 schon rief er wieder die Hilfe der einungsverwandten Fürsten an. Franz sollte geäußert haben, er habe 60000 Gulden, damit wolle er gegen den Landgrafen einen "komerschanz" halten oder noch 60000 Gulden dazu haben. Gleichzeitig hatte der Landgraf sich im tiefsten Geheimniß an den Rath zu Frankfurt gewendet. Es lange ihn an, daß Sickingen bei seiner Rückkehr ihn abermals angreifen wolle. Er sei entschlossen dem Widerstand zu thun. Wenn der Rath gleicher Meinung sei, so wollen sie einen heimlichen "Verstand" machen, wie einer dem andern zu Hilfe kommen solle. Natürlich konnte die Wahlstadt nur eine abschlägige Antwort geben. Auch seinem Gesuch im Fall eines sickingischen Angriffs seinen Truppen aus Oberhessen nach Katzenelnbogen und umgekehrt freien Durchlaß zu gewähren, konnte nur bedingungsweise entsprochen werden. Die Sache war auch für die Wahl nicht so unwichtig, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Die landgräfliche Obrigkeit reichte bis nahe den Mauern Frankfurts. Sein Gebiet bildete einen natürlichen Mittelpunkt jener nordwestdeutschen Fürstenthümer, in deren Herrschern französische Sympathien lebendig waren. Konnte Philipp, sei es auch unter dem Schein einer particularen Abmachung, ein Einverständniß mit Frankfurt erzielen, so war es um die Freiheit der Wahl vollends gethan. Es bleibt zweifelhaft, ob die österreichischen Agenten von diesen Verwicklungen eine klare Vorstellung hatten. Wenigstens waren sie bemüht es Sickingen unmöglich zu machen die ihm bei der Wahl zugedachte Stellung zu Ungunsten des Landgrafen zu mißbrauchen.

Es war wohl Absicht, daß man nicht sofort die Truppen den Marsch nach dem Main antreten ließ. Man wollte die gehoffte Wirkung auf den entscheidenden Augenblick aufsparen. Auf guten Erfolg rechnete man jetzt trotz mancherlei diplomatischen Mißgeschickes mit Zuversicht. "Nichts besseres konnten wir ersinnen als uns mit dieser Armee zu stärken und dieselbe marschiren zu lassen", jubelte einer der unermüdlichsten Agenten. Noch thaten aber Sickingen und Frundsberg nicht so, als ob eine Mission von umfassendster Bedeutung wesentlich in ihre Hände gelegt wäre. Sie standen ruhig in Würtemberg, beschäftigt eine Angelegenheit abzuwickeln, bei deren entsprechender Lösung sie ihre Ehre verpfändet glaubten. Der im würtembergischen Krieg bei Möckmühl niedergeworfene Götz von Berlichingen sollte in Heilbronn, wohin er unter Zusage ritterlichen Gefängnisses ausgeliefert war, in den Thurm geworfen werden, weil er sich weigerte eine ihm abverlangte Urfehde zu beschwören. Die beiden hohen Offiziere des seitherigen Bundesheeres, Frundsberg und Sickingen nahmen sich des mißhandelten Freundes energisch an. Trotz aller Anstrengung vermochten sie sein Geschick doch nur zu erleichtern, nicht endgültig zum Bessern zu wenden. Um frei zu kommen mußte Götz nach dreijähriger Haft sich schließlich doch bequemen, dem Begehren seiner hochgeborenen Feinde nachzukommen. Frundsberg brachte in Heilbronn am 17. Juni 1519 nur einen leidlichen Ausgleich zu Wege. Inzwischen war Franz von Sickingen, der am 11. sammt den Grafen, Herrn, Rittern und den vom Adel, die bei ihm im Lager zu Lenzingen lagen, an die Heilbronner drohende Mahnungen gerichtet hatte, wie es scheint, mit seiner Reiterei nach dem untern Main aufgebrochen. Am 12. und 14. Juni 1519 hört man zuerst unbestimmt von dem Anmarsch der Defensiv-Armee des Königs von Kastilien, deren Oberbefehlshaber der Markgraf Casimir von Brandenburg war. Unter ihm commandirte Sickingen die Reiterei, meist, wie es scheint, an jenes Hauptquartier in Höchst verweilend, Frundsberg stand mit dem Fußvolk in Mainz. So deckte man die Wahlstadt gegen Bedrohungen von Westen her. Die Zahl der Truppen wird meist übertrieben angegeben. Es scheinen zusammen doch nicht über 12000 Mann gewesen zu sein. Die Kurfürsten, die zum Theil schon am 8. Juni 1519 in Mainz getagt hatten, in ihrer Mehrzahl aber seit dem 11. des Monats in Frankfurt versammelt waren, waren nichts weniger als erfreut über diese Wendung. Am meisten gaben natürlich die Französirenden, die einer solchen Maßregel bei der andern Partei immer das Wort geredet, ihren Unwillen kund. Wie sehr durch das Erscheinen dieser kleinen Armee sofort die Wagschaale Karls gewichtig sich senkte, beweist unter anderem auch das Zeugniß des Marquis von Fleurange.
Hatte im Beginn der Wahlagitation die straffe, einheitliche Leistung den Franzosen einen Vorsprung gegeben, während die weite Entfernung der spanischen Residenzen des Königs Karl jede Entschließung erschwerte, so hatten die österreichischen Hauptagenten auch hierin jetzt die vorteilhaftere Lage. Von Höchst aus, in unmittelbarer Nähe der Wahlstadt, dirigirten die vornehmsten niederländischen und deutschen Räthe Karls mit umfassender Vollmacht alle Operationen. Sie umgab und schützte eine durch Rang und kriegerische Brauchbarkeit glänzende Cavallerie, der Sickingens Name noch besondere Anziehungskraft unter den Dynasten und Adelsgeschlechtern der Umgegend verlieh. Ihren Rückhalt fand diese Aufstellung an Frundsbergs geübten Schaaren. Nicht mit Unrecht klagten die französischen Gesandten, die ihren Sitz in der Rheingegend hatten nehmen müssen, über die bevorzugte Nähe des diplomatischen Hauptquartiers der Hispanier. Sie büßten jedoch nur den Fehler ihrer eigenen Zweizüngigkeit. Indem sie bald mit unschuldsvoller Miene vor aller Welt ihre friedlichen Absichten betheuerten, bald mit ihrem militärischen Uebergewicht vor ihren Anhängern prahlten, hatten sie in unentschlossener Halbheit sich an dieser Stelle von den Gegnern den Rang ablaufen lassen. Was halfen ihnen die in der Champagne und sonst angesammelten Truppen, während aus unmittelbarster Nähe bedenkliche Drohungen ins Ohr der Kurfürsten drangen. Offen sollte von den Führern der Frankfurt umgebenden Soldateska das Wort ausgesprochen worden sein, daß man die Kaiserkrone, wenn sie nicht durch Wahl zu haben sei, mit dem Schwert holen wolle. Man darf dies kecke Wort nicht ganz als militärische Renommage ansehen. Es drückt sich in dieser Aeußerung etwas von dem Geist aus, der damals einen wichtigen Theil des Volkes durchdrang. Adel und Bürgerthum fanden sich zusammen in der Abneigung gegen einen französischen König. Diese Stimmung war in immer sich erweiternden Kreisen im Wachsen begriffen. Schon im März 1517 hatten die Grafen am Rhein den in Wesel versammelten Kurfürsten durch den Mund des Grafen von Königstein die unumwundene Erklärung abgegeben, daß sie einer Wahl des Königs von Frankreich bis zum letzten Blutstropfen sich widersetzen würden, mit Hilfe vieler Anderer, die sich nicht darauf verstünden ihres persönlichen Vortheils halber Franzosen zu werden.


Der englische Orator Richard Pace, der von den Niederlanden her rheinaufwärts reiste, mit geheimen Aufträgen zu Gunsten der Wahl seines Herrn, des Königs von England, kann nicht laut genug Zeugniß ablegen, wie antifranzösisch Ritterschaft und Städte waren. Wollten die Kurfürsten die Ehre des Reichs um schnödes Gold verkaufen, so glaubte man sich berechtigt den Anspruch der Deutschen auf die Kaiserkrone auch mit dem Schwert in der Hand zu vertheidigen. Eine fast fieberhafte Unruhe machte sich überall geltend; es ging wie eine Ahnung durch das Land, daß die bevorstehende Wahl auf lange hinaus Deutschlands Schicksal bestimmen werde. Was über einzelne Vorgänge berichtet wird, hat nur die Bedeutung von Symptomen. In dem Adel voran empörte sich das alte Reiterblut gegen die Herrschaft des Erbfeindes. Wer französischer Sympathien verdächtig war, war in jenen Tagen des Lebens nicht sicher. Der päpstliche Legat, einer der einflußreichsten Gegner der spanischen Wahl, ward in seiner eigenen Wohnung durch einige Grafen mit Verjagung bedroht, wenn er in seinen Praktiken gegen Karl nicht nachlasse. Der ganze Stolz dieser Kreise lehnte sich auf gegen die Idee, daß der Papst den Wahlfürsten vorzuschreiben hätte, wen sie küren dürften; das Rechtsgefühl einfacher Menschen empörte sich wider die Kurfürsten, die sich an das dem verstorbenen Kaiser gegebene Versprechen nicht gebunden glaubten. Der kriegerische Adel des Rheinlandes schaarte sich um die "Defensivarmee" und deren Führer Franz von Sickingen. Man brannte darauf sich mit den Franzosen zu messen, falls sie es wagen sollten den Frieden gewaltsam zu stören. Mit voller Zuversicht erklärte Graf Heinrich von Nassau, Mittel und Leute habe er in so reichem Maß, daß die Franzosen höchstens auf Speer- und Schwerterspitzen ins Land kommen sollten. All' diese Herren wollten nur Karl von Spanien als König anerkennen. Nicht weniger heftig reagirte der antifranzösische Sinn der städtischen Bevölkerung gegen das schamlose Gebahren etlicher Kurfürsten. Pace selbst hatte auf seiner Reise den Wandel der Volksgunst zu spüren, je nachdem man über die Absichten der englischen Politik unterrichtet zu sein glaubte. In Düsseldorf, Köln, Mainz, überall fand er die entschiedene Stimmung für Karl. Es war fast gefährlich über einen Franzosen ein günstiges Urtheil auszusprechen. Der Gesandte bewundert die Einmüthigkeit, mit der das ganze Volk bereit sei Gut und Blut daranzugeben, um die Macht des französischen Königs zu hintertreiben. Die volksmäßige Literatur schürte die Leidenschaften. In Masse wurden kränkende Verse gegen die Franzosen in deutscher und lateinischer Sprache unter das Publikum gebracht. Nur natürlich, daß bei andauernder Ungewißheit die Unruhe zunahm. Das ganze deutsche Volk schien in Waffen zu sein, um für Karl zu fechten. Würde Heinrich VIII. gewählt werden, so würde sein getreuer Diener sammt seiner Begleitung ein Opfer der Volkswuth werden, ehe ihnen einer der Kurfürsten beistehen könnte. So schreibt Pace seinem König wenige Tage vor der Wahl. Es mag sein, daß der Gesandte, für den Plan seines Gebieters nicht sehr eingenommen, die Dinge vielleicht zu schwarz sah. Unzweifelhaft bleibt die für Karl günstige volksmäßige Bewegung. Es gewährt einen gewissen Trost diese zu beobachten. Bringt sie doch gegenüber der feilen Käuflichkeit der Spitzen die derbe Gesundheit des nationalen Körpers zum Bewußtsein. Man kann sich des Wunsches nicht entschlagen, daß wie in diesem Sommer im Rausch der Begeisterung, so fortan auch bei nüchterner politischer Arbeit der nationale Sinn des Adels seine Schritte bestimmt haben möchte. Ganz anders wäre voraussichtlich dann sein Loos gefallen. Die Gemeinsamkeit des Interesses, welche damals Adel und Bürgerthum zusammenführte, hätte sie nicht auch in Deutschland bei richtigem Verständniß eine dauernde werden können? Beide kämpften Schulter an Schulter gegen eine pflichtvergessene Fürstenaristokratie für das nationale Königthum. Ihren Wünschen nach hätte man dasselbe in reiner Form durch eine Wahl Ferdinands als Erzherzogs von Oesterreich herstellen sollen. Dem standen unübersteigliche Hindernisse entgegen. Willig fanden sich darum beide sonst auseinanderstrebende Stände in dem Vorhaben zusammen, wenn nicht einen aus dem Kreis der deutschen Fürsten, doch wenigstens in König Karl das "jung edle Blut von Oesterreich" auf den Thron zu heben.
Der zwar nicht organisirte, aber nun so ungestümer anpochende Wille der Nation setzte die Kurfürsten in um so größere Verlegenheit, je mehr die Truppen unter Sickingen und Frundsberg sich den Mauern Frankfurts näherten. Was half es, wenn unter diesen Umständen der König von Frankreich das doppelte dessen bot, was Karl den Wählern versprochen. Die Gesinnungen, die in den Reihen der Truppen lebten, der Gedanke gewaltsamen Durchgreifens, der die Führer vorwärts trieb, waren kein Geheimniß. Wir besitzen aus diesen Tagen ein Schreiben eines sächsischen Dechanten, der Kurfürst Friedrich nach Frankfurt begleitet hatte. Deutlich drückt es aus, wessen man glaubte sich versehen zu müssen. Der Schreiber berichtet über die österreichischen Wahlcommissarien, die zu Höchst lagen, wie den Cardinal von Gurk, der eben Erzbischof von Salzburg geworden, den Pfalzgrafen Friedrich, den Markgrafen Casimir, den Bischof von Lüttich, Franz von Sickingen u.a., die ihren eigenen Tisch so gut bedachten, daß davon nichts zu den in Frankfurt abgesperrten Kurfürsten gelangte. Dann fährt er fort: "und dy thun mehr dan trohn Sagen man mus konig Carol weln aber sy wollen dan Chorfursten so angst zu Franckfurt machen, daß sy nit sollen wissen, wohin aus." Die Kurfürsten scheinen den Versuch nicht gescheut zu haben sich dieser unbequemen Mahner zu entledigen. Sie richteten an die österreichischen Commissarien die Frage, was sie mit der durch sie hier angesammelten Armee beabsichtigten, indem sie damit die Erklärung verbanden, daß sie bei der Wahl keine Gewalt angewendet wissen wollten. Auf diesen nicht mißzuvertehenden Protest ward ihnen die Antwort, daß man nicht daran denke gegen sie Gewalt zu gebrauchen. Man wolle der Gewalt widerstehen, die der französische König gegen sie im Schilde führe, um ihn zu hindern einige Macht in dieser Nation zu erwerben. Nicht auf Angriff, nur auf Vertheidigung sei es abgesehen. Sollte übrigens die Nähe der Armee den Kurfürsten Bedenken einflößen, so werde man dieselbe weiter rückwärts ziehen. Schöne Worte, denen nachzugeben man sich wohl hütete. Bei der Erregung, die wenigstens unter der von Sickingen befehligten Ritterschaft und dem sich anschließenden Adel herrschte, muß es zweifelhaft erscheinen, ob es auch nur dem Einfluß des Anführers und der Diplomaten möglich gewesen wäre, die reissigen Schaaren vom Schauplatz der Begebenheiten hinwegzuführen. Hier rief man offen nach Krieg mit Frankreich. Nach demselben Bericht stand die Nation auf Seiten König Karls. Die kriegerische Furie des Volks bestürzte die Kurfürsten aufs äußerste. Wer unter ihnen noch schwankte, dem ward die Entscheidung sehr erleichtert. Der Kurfürst Ludwig von der Pfalz ging in das österreichische Lager über, nachdem sein Bruder Friedrich, der den Bestimmungen der goldenen Bulle trotzend sich verkleidet in Frankfurt eingeschmuggelt hatte, ihm eindringlich vorgestellt, welche Gefahr durch die versammelte Kriegsmacht ihren Landen drohe. Der Kurfürst vergaß, um nicht neuer Gefährdung entgegen zu gehen, die Unbill, die seinem Haus dereinst von Karls Großvater widerfahren war. Vergeblich wies der Admiral Bonnivet, der trotz des scheinbar hermetischen Verschlusses, in dem die Kur in Frankfurt vollzogen werden sollte, über diesen Abfall sofort unterrichtet erscheint, auf jene alten Streitfragen hin. Vergebens mahnte er der Drohung sein Land zu sengen und zu brennen keinen Einfluß zu gestatten; denn zur Stunde könne er zu seinem Schutz 8000 Landsknechte und 800 Reissige marschiren lassen, denen eine glänzende Armee seines königlichen Gebieters alsbald auf dem Fuße folgen könne. Jeden Augenblick, hatte der aufschneiderische Franzose in seiner Verzweiflung hinzugefügt, könne er auf des Kurfürsten Verlangen die halbe Armee Franz von Sickingens in Dienst nehmen.

Auch das wie alle weiteren Versprechungen waren umsonst. Die Wahl des Königs von Frankreich war, wollten die Kurfürsten nicht den Bürgerkrieg entzünden, unmöglich. Der französische Hof zeigte sich der Lage gewachsen, indem er jetzt, freilich zu spät, seine Agenten anwies für die Erhebung eines deutschen Fürsten zu wirken. Dagegen sprachen aber nun die gewichtigsten politischen Gründe, sowie die immerhin beträchtlichsten Vortheile, welche die meisten Kurfürsten bei einer Wahl des Königs von Spanien zu erwarten hatten. So erfolgte denn am 28. Juni 1519 einstimmig dessen Wahl, in einem Augenblicke, als in Norddeutschland die französische Partei bei Soltau auf der Haide ihre Gegner überwältigte.
Es ist unnütz zu fragen, ob letzteres Ereigniß, früher eingetreten, ein wesentlich anderes Resultat hervorgerufen haben würde. Denn unbesiegt und kampfesfreudig stand ja vor Frankfurts Thoren die "Defensivarmee". Sie hat durch ihre bloße Existenz zu dem errungenen Erfolg wesentlich beigetragen. Gleich damals haben das kundige Beobachter ausgesprochen.
Alle Parteien hofften bei der Wahl Karls ihre Rechnung zu finden. Die kurfürstliche Oligarchie meinte, gestützt auf die ausbedungene Wahlverschreibung ihre Position gestärkt zu haben: die durch Regierungsgeschäfte und Kriege in der Ferne bedingte häufige Abwesenheit des Königs gab Raum für ihre Reichsregimentspläne. Die Fürsten sahen in der Wahl des Herrschers so vieler Reiche die Möglichkeit daheim mit Ruhe der Ausbildung territorialer Staatsgewalt obzuliegen. Die Erhebung Franz I. hätte gerade sie mit Verlust ihrer "Libertät" bedroht. Die Freunde kirchlicher Reform blickten mit Spannung dem Kaiser entgegen, dem der Papst alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Das Bürgerthum sah Ruhe und Gedeihen im Inneren zurückkehren, während Adel und Kriegsleute sich auf die bei der Rivalität zu Frankreich nicht ausbleibende Gelegenheit zu Gewinn und Auszeichnung freuten. In diesem Sinn ist eine Adresse abgefaßt, die angeblich aus dem Kreise des um Sickingen versammelten Adels an den neugewählten Monarchen gerichtet sein soll. Hier ist den Gefühlen der Anhänglichkeit an sein Haus, der siegesfrohen Stimmung, die jenen durchglühte, offen Ausdruck gegeben.

Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben, ob Sickingen die Hand im Spiel hatte bei dem Plan einer empfindlichen Züchtigung, welche den französischen Botschaftern zugedacht war. Der Rest der bedeutenden Summen, die jene zur Bestechung der Kurfürsten mitgebracht, sollte dem deutschen Land nicht entzogen werden. Sechshundert Reiter unter Leitung eines von den Franzosen dereinst schwer beleidigten Herrn - sein Name ist in der Urkunde leider durch Verstümmlung nicht erkennbar - lauerten auf die sichere Beute, als die bedrohten Herrn Witterung bekamen. Sie wagten nicht Coblenz zu verlassen, bis ihr Freund der Erzbischof von Trier durch sein Geleit sie dem sicheren Verderben entriß. Erst auf lothringschem Boden durften sie sich für gerettet halten.
So hatte Sickingen denn zum zweitenmale und mit freiem Entschluß dem habsburgischen Haus seine Dienste gewidmet. Alle seine Schritte und Aeußerungen zeigen, wie er sich doch auch nach Maximilians Tod fortwährend als österreichischen Diener betrachtet hatte. Noch war aber ein festes Abkommen mit der neuen Linie nicht erfolgt. Die höchst wichtige Betriebsamkeit des Ritters für Karls Wahl mochte alle Anstände beseitigt haben. Nachdem Franz nochmals im zweiten würtembergischen Feldzug gute Dienste geleistet, ward am 23. October 1519 zu Brüssel seine Bestallung als königlicher Rath, Kämmerling und Hauptmann ausgefertigt. Der Ritter gelobte fortan den Schaden seines Herrn zu wenden, dessen Bestes zu fördern und, so oft es verlangt werde, ihm zu dienen. Nur gegen den Bischof Eberhard von Lüttich, desselben Bruder Robert von der Mark, sowie den Herzog von Lothringen, so lange er dem verwandt sei, brauchte Franz seinen Arm nicht zu leihen. Auch war ihm nachgelassen den Freunden, die ihm zu Zeiten gedient, auf Erfordern wiederum zu helfen, doch in keinem Fall gegen des Königs Erblande und Unterthanen von Oesterreich und Burgund. Zum Dienst Karls sollte Sickingen eine Schaar von 20 Kürassern, jeden zu vier reissigen Pferden gerechnet, und 40 sogenannten Einspännigen halten, die jährlich gemustert werden sollten. Zu dem Ende verhieß ihm der König jährlich als Pension, Rath- und Dienstgeld 3000 Gulden Current, für jeden Kürasser monatlich 15 Gulden, für jeden Einspännigen sieben Gulden und 10 Stüber. Diese Besoldung sollte beginnen am 1. März des laufenden Jahres (1520); die Dienstzeit war vorläufig auf fünf Jahre festgesetzt, nach deren Ablauf eine Erneuerung in das Gutdünken jedes Theils gestellt sein sollte.
Ein Blick auf die Zahl derer, gegen welche Sickingen sich vorbehielt nicht gebraucht zu werden, zeigt die veränderte Stellung, welche der Ritter einnahm. Kein Wort von Pfalz, Mainz und anderen Fürsten, denen er seither dienstverwandt gewesen. Nur einige persönlich vortheilhafte Verbindungen hielt er aufrecht; sonst stellte er sich unbedingt zur Verfügung des neugewählten römischen Königs. Die Politik, die durch seine, viele in Erstaunen setzende, Parteinahme wider Würtemberg eingeleitet war, empfing hier ihren Abschluß. Sein bisheriger Gönner Pfalzgraf Ludwig, bereits durch den von Sickingen auf die Wahl geübten Druck beeinträchtigt, wandte sich mehr und mehr von demselben ab, bis ihm der Ritter zuletzt, gewiß nicht zu seinem Vergnügen, im gegenerischen Lager bgegnete.
Nie hat aber Sickingen selbst wohl weniger an einen unglücklichen Ausgang gedacht als damals. Er stand auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Bald sollte ihm auch Gelegenheit werden sich persönlich im Glanz der königlichen Huld zu sonnen. Am 1. Juni 1520 war Karl zu Vliessingen in Seeland gelandet, am 22. October zog er zur Krönung in Aachen ein. Dorthin war auch Sickingen beschieden, dem seitens seiner Majestät ein sehr gnädiger Empfang und freundliche Ansprache zu Theil ward. Er folgte dem gekrönten Herrscher auch nach Köln. Hier war es, wo er auch den ehrwürdigen Kurfürsten Friedrich von Sachsen, der krankheitshalber in Aachen gefehlt, von Angesicht zu Angesicht kennen lernte. Wir wissen sogar, was beide zusammen gesprochen haben. Nach der Bergwerkskunst eines gewissen "Filius" hat der bergwerksreiche Kurfürst bei dem in diesem Zweig wohlerfahrenen Ritter sich erkundigt. Ohne Zweifel ist auch die Sache Luthers zwischen ihnen zur Sprache gekommen: für Reuchlin sehen wir beide kurz darauf gemeinsam vorgehen. Ebenhier ward Franz mit noch weiteren Banden an das kaiserliche Interesse geknüpft. Der Herr zweier Welten ward des "armen Ritters" Schuldner. Auf des Kaisers Wunsch und gegen seine Handschrift streckte ihm, der sehr in Geldnöthen steckte, Sickingen 20000 rheinische Gulden ohne Unterpfand und Zinsen vor. Es war das in der That für einen Edelmann nichts geringes. Daß man sich an ihn wandte, zeugt von der Bedeutung, die man ihm beimaß und vielleicht auch von großen Plänen, die man mit ihm vorhatte. Schon huldigte aber Sickingen Ideen, schon pflog er Verbindungen, die einem so engen Anschluß an den Kaiser nicht günstig waren. Noch werden wir einmal seiner Thätigkeit als kaiserlicher General zu gedenken haben. Ein längeres Leben, als ihm beschieden, würde unzweifelhaft die geknüpften Bande zerrissen und ihm seinen Platz im antikaiserlichen Lager angewiesen haben.

Sickingen und Hutten
Beziehungen zur Reformation
Noch liefen in Deutschland die Bestrebungen der verschiedenen Geburts- und Berufsstände ohne rechte Berührung neben einander her. Es fehlte an dem durchgebildeten Bewußtsein, daß die allerseits erhobenen Klagen ähnlichen Grundübeln entsprangen: es fehlte daher an gemeinsamen Zielen. Wie Luther anfänglich dem Reuchlinschen Streit kalt gegenüber stand, wie Hutten die Ablaßhändel zuerst als Mönchsgezänk mit einer gewissen Schadenfreude beobachtete, so hielt sich im Großen und Ganzen auch der Ritterstand in dem Kreis der gewohnten Interessen. Was kümmerte diese Herrn der geistige Fortschritt! Nur Hohn und den Schimpfnamen eines Abtrünnigen hatte der Edelmann unter seinen Standesgenossen zu gewärtigen, der allen Vorurtheilen zum Trotz sich mit der Wissenschaft abgab. Gar mancher bereute so den schon halb gethanen ersten Schritt und zog den Fuß zurück. Es waren seltene Naturen, die wie der treffliche Eitelwolf von Stein wissenschaftliche Arbeit und ritterliche Lebensart zu vereinen wußten. Durch alles Reden und Schreiben war die Kluft zwischen den Lebensanschauungen und Ansichten der vereinzelt kämpfenden Bruchtheile nicht zu überbrücken. Verständnißlos sah der Adel zu, wie eine jungliterarische Partei mit schwarzen Strichen der lachenden Welt das Bild ihrer ebenso stumpfsinnigen wie aufgeblasenen Gegner zeichnete. Jene "Ritter vom Geist", deren Erkennungszeichen der Name Reuchlins war, waren zwar eine sehr rührige, aber doch sehr kleine Partei. Reuchlins Persönlichkeit eignete sich nicht zum Mittelpunkt eines umfassenderen Kampfes: denn wessen es bedurfte, um die getrennt ringenden Kräfte zu vereinen, war eine große That. Luther vollbrachte dieselbe, indem er entschlossen brach mit jener geistlichen Macht, gegen welche seit mehr als einem Jahrhundert gerade aus Deutschland die dringendsten Klagen laut geworden waren. Erst der Kampf gegen den römischen Geistesdruck gab gemeinsame Gesichtspunkte, er weckte die Schlafenden, trieb die Zögernden vorwärts und gewann die Theilnahmlosen. Kein geringerer als Ulrich von Hutten hat diese Wandlung an sich vollzogen. Was sich so in der Opposition gegen Rom zusammenfand, waren im Großen und Ganzen dieselben populären Kreise, die sich begegneten in dem Bestreben dem französischen König den Zugang zum Kaiserthron zu verschließen. Karls Wahl entsprach den Stimmungen dieser neu sich bildenden, ich darf wohl sagen, nationalen Partei. Das Kraftgefühl dieser noch schwach verbundenen Elemente mußte eine mächtige Steigerung, ihre Vereinigung eine innigere Verschmelzung erfahren durch jenen gemeinsamen Sieg.
Daß Franz von Sickingen zunächst an dem letzten Kampf seinen vollen Antheil gehabt, verdankte er doch zum Theil seiner inzwischen geschlossenen Verbindung mit den Häuptern der literarischen Bewegungspartei. Er war ohne literarische Bildung aufgewachsen. In Rechtsfragen diente ihm sein treuer Balthasar Schlör als Rathgeber. Seine religiösen Bedürfnisse konnte er ohne großen Aufwand eigenen Nachsinnens und Forschens befriedigen. Wir wissen bereits, wie er nach Weise seiner Eltern durch fromme Stiftungen für sein Seelenheil zu sorgen versucht hatte. Man kennt Huttens Spott über den Freund, der gerade im Begriff gewesen sei "den holzbeschuhten Franziskanern ein neues Nest zu bauen", als sein Einspruch ihn anderes Sinnes gemacht habe. Eben jener Feldzug gegen Ulrich von Würtemberg, welcher Sickingen den habsburgischen Agenten so sehr empfahl und dadurch seinem Ehrgeiz ganz neue Aussichten eröffnete, hat auch seinen Geist durch die nähere Bekanntschaft mit Ulrich von Hutten neuen Ideen zugänglich gemacht. Beide sahen sich übrigens im Feldlager nicht zum erstenmal. Als der gekrönte Dichter den Ritter zum erstenmal aufsuchte, werden gerade die Verhandlungen gespielt haben, die Franz für den Dienst des Kaisers und des Bundes gegen den Herzog von Würtemberg gewinnen sollten. Die Vermuthung liegt nahe, daß Huttens Besuch gleichfalls dem Wunsch entsprang den Hauptvertreter adliger Ansprüche im Südwesten des Vaterlandes für den von ihm gepredigten Rachezug anzuwerben. Was Hutten so in den Harnisch brachte, die Ermordung seines Vetters Hans, die adelsfeindliche Gesinnung des Herzogs überhaupt, legte auch Sickingen einen Bruch mit seinem früheren Dienstherrn nahe. Ueber den rastlosen Eifer Huttens im Allgemeinen den ebenso gefürchteten wie gehaßten "Tyrannen" des Schwabenlandes zu isolieren, brauche ich kein Wort zu verlieren. Welches nun auch der Zweck war, der Hutten vermochte die gastlichen Räume der sickingschen Burg aufzusuchen, er schied nicht ohne den günstigsten Eindruck zu hinterlassen und mitzunehmen. Während seines Aufenthaltes war sein Gespräch "das Fieber" vorgelesen worden. Sickingen, der des Lateinischen nicht mächtig war, ließ den Wunsch blicken eine deutsche Uebertragung zu erhalten. Hutten beeilte sich dem zu entsprechen. Am 1. März 1519 sandte er mit einer launigen Widmung und unter Berufung auf ihr neuliches Beisammensein "dem ernvesten tewren un hochberumpten Francisco von Sickingen" das verdeutschte Büchlein zu. Die Waffenbrüderschaft, oder, da es zu einem wirklichen Krieg gegen den Würtemberger nicht kam, die soldatische Kameradschaft ließ dann zwischen beiden Männern ein engeres Verhältniß erwachsen. Unter Sickingens Commando machte kriegerischen Eifers voll auch Hutten den Zug mit. Wenige wohl haben diesen Feldzug so als persönliche Angelegenheit aufgefaßt, wie er: mit doppeltem Stolz empfand er es darum einer so auserwählten Abtheilung des Heeres anzugehören. Wenn wir ihm glauben wollen, wurde es in manchen Kreisen bedauert, daß nicht Sickingen den Oberbefehl führte. Ihm erschien keiner würdiger eines solchen Postens. Sickingen hatte sich freilich ihm gegenüber nur von der liebenswürdigsten Seite gezeigt! Er ließ seinen genialen Standesgenossen kaum von der Seite. Im fortwährenden Verkehr auf dem Marsch und im Lagerzelt wuchs rasch die beiderseitige Vertraulichkeit. Hutten weiß in den Briefen aus dieser Zeit nicht genug zum Lobe unseres Ritters zu sagen. Er nennt ihn einen in allen Stücken großen und nicht genug zu schätzenden Mann. "Ein gegen Glück und Unglück gewappneter, hochgesinnter, unbezwinglicher Geist!" Er rühmt den hohen Gedankenflug, die angenehme Unterhaltung, den wohlthuenden Umgang, seine jeden Pomp verabscheuende einfache Leutseligkeit. Erasmus schildert er Sickingen als einen Mann wie ihn Deutschland lange nicht besessen habe, der es verdiene durch jenes Schriften der Nachwelt empfohlen zu werden. "Ich hoffe, daß durch diesen Mann der Nation großer Ruhm erwachsen wird. Nichts bewundern wir an den Alten, was er nicht eifrig nachahmte: er besitzt Klugheit, Beredtsamkeit, Thatkraft und Regsamkeit, wie sie einer leitenden Persönlichkeit erforderlich sind. Nichts Niedriges sagt oder thut er und bereits betreibt er eine vortreffliche Angelegenheit. Möge Gott mit den Unternehmungen des tapferen Mannes sein."

Sickingen war wissenschaftlich nicht unterrichtet. Man darf zweifeln, ob er den auf seinen Burgen angesammelten Büchern, unter denen bekanntlich Hutten einmal einen guten Fund that, früher ernstliche Beachtung geschenkt hat. Aber er fühlte die Lückenhaftigkeit seiner Bildung, er besaß eine natürliche Achtung vor dem Wissen, er hatte den Wunsch dem Mangel abzuhelfen. Ueber die ungenügende Grundlage half Talent und Eifer dann rasch hinweg. Daß der Ton auf Landstuhl in dieser Beziehung von dem auf andern Burgen üblichen abwich, zeigt die Thatsache, daß Hutten daselbst eins seiner jüngsten literarischen Erzeugnisse vorlas. Schwerlich hat der Gast eine ganz neue Sitte eingeführt. Nur mochte man sich auf ein rein dilettantisches Behagen beschränken. Bisher hatte es Sickingen an einem kundigen Führer gefehlt. Wie tief er das Bedürfniß fühlte sich mit den Strebungen der Zeit auch in dieser Richtung ernsthafter bekannt zu machen, beweist am besten das rückhaltslose Entgegenkommen, mit welchem er Huttens ganzes Herz gewann. Er fühlte eben, daß er in diesem Mann gefunden, was ihm abging. Daß Sickingen die Wissenschaft wirklich liebe, war sehr bald Hutten zur festen Ueberzeugung geworden. Und Franz, bei dem jede Anregung auf fruchtbaren Boden fiel, war der Mann, etwas für seine Ansicht zu thun. Die Gelegenheit auch äußerlich seine Achtung vor der Gelehrsamkeit kundzuthun blieb nicht lange aus. Wir wissen bereits wie wohlthätig und förderlich im Krieg dem geängstigten Reuchlin seine Dazwischenkunft war. Und was Kaiser und Fürsten mit ihrer Verwendung nicht hatten erreichen können, das bewirkte jetzt, vorerst wenigstens, der deutsche Ritter in dem langwierigen Proceß über Reuchlins Augenspiegel. Nur aufgeschoben hatte das päpstliche mandatum de supersedendo den Streit zwischen dem würdigen Gelehrten und seinen dominikanischen Gegnern. Beide Parteien ersehnten jahrelang eine schließliche Entscheidung, welche die Sache aus der Welt schaffte. Die öffentliche Meinung hatte sich in der Literatur in geradezu vernichtender Weise gegen die Kölner erklärt. Diese und insbesondere Hogstraten hatten jedoch emsig ihre Maulwurfsarbeit fortgesetzt an entscheidender Stelle einen Umschwung zu ihren Gunsten herbeizuführen. Es war auf Veranlassung Ulrichs von Hutten, daß Sickingen die Sache in die Hand nahm. Ebenso klug wie kriegstüchtig wußte er seine Gegner zu Paaren zu treiben. Es gehörte nicht zu seinen Gewohnheiten vor Schwierigkeiten zurückzuweichen oder eine Unternehmung unverrichteter Dinge aufzugeben. Mit den gewöhnlichen Künsten war ohnedies bei einem Mann Nichts auszurichten, der, wie ein Dominikaner, freilich ein geistig schon abgefallener, schreibt, "mit Ohren und Augen sieht." Nur wenige Wochen nach der Kaiserwahl, am 29. Juli 1519, erließ der Ritter eine "Ervoderung und verkundung an und wider Provincial prioren und Conventen prediger ordens teutscher Nation und sunderlichen Bruder Jacoben von der hochstraten von wegen und namen des hochgelerten und weitberümbten hern Johann Reuchlins baider Rechten doctor." Nachdem Sickingen hier die Intriguen scharf gerügt, durch welche die Dominikaner zu Reuchlins Nachtheil, erlangten Recht zum Trotz, den Proceß in die Länge zögen, fährt er fort: Er, Franz, dem Recht und der Billigkeit geneigt, vornehmlich aber, weil Reuchlin seinen Eltern oftmals gefällige Dienste erzeigt und ihn selbst in seiner Jugend zu sittlicher Tugend unterwiesen habe, trage an ihrem Vornehmen billig Mißfallen. Daher begehrte er ernstlich Dr. Reuchlin fortan in Ruhe zu lassen, ihn auch nicht mehr durch Schmähschriften zu belästigen; vielmehr demselben ohne weitere Umtriebe binnen Monatsfrist die taxirten Kosten nämlich 111 Gulden zu entrichten und sich wegen ihres Ungehorsams gegen das Urtheil mit ihm in Güte zu vertragen, sowie für ferneres Wohlverhalten genügende Sicherheit zu stellen. Widrigenfalls werde er mit seinen Freunden wider sie, die ganze Ordensprovinz und deren Anhänger, so handeln, daß Dr. Reuchlin als ein Alter, Frommer, unter den Hochgelehrten nicht der Niederste, dessen Ehre, Kunst und Lob in weiten Landen erschollen, solcher gewaltigen "Durchächtung" enthoben sei und sein Alter in Ruhe beschließen könne. Daraus könne dann vermerkt werden, daß vielen hohen adligen und andern weltlichen und geistlichen Ständen der Dominikaner bisher gegen Reuchlin verübte Handlung von Herz und Gemüth leid sei. Aber so leicht waren die Herrn nicht einzuschüchtern. Erst auf eine zweite energische Drohung Sickingens erschien Ende des Jahres der Bruder Provincial auf Landstuhl. Derb genug mußte er sich die Wahrheit sagen lassen und er, der sonst so redefertige, verstummte vor dem Eifer des zornigen Ritters. Auf Alles gingen jetzt die Mönche ein. In Ingolstadt ward mit Reuchlin verhandelt und unter seiner Beistimmung die Entscheidung einem Schiedsgericht übertragen, dem im Namen Reuchlins Sickingen angehörte. Am 10. Mai 1520 erfolgte zu Frankfurt in der That eine Verständigung. Die Ordensbrüder versprachen den Papst selbst um Unterdrückung des Streits zu ersuchen. Sie verpflichteten sich keine, selbst ohne Veranlassung ihrerseits gewährten, päpstlichen Privilegien wider diese Uebereinkunft anzunehmen. Ueberdies entsetzten sie Hogstraten, auf den sie alle Schuld schoben, seines Amtes als Ketzerinquisitor und Prior des Kölner Convents. Inzwischen aber war in Rom eine Wendung zu Ungunsten Reuchlins erfolgt. Hogstraten hatte dort eine Ungültigkeitserklärung des speirer Urtheils erlangt. Reuchlin sah sich verurtheilt, der triumphirende Hogstraten wieder in die verlorene Würde eingesetzt. Sollte alle angewendete Mühe diesen glatten Gegnern gegenüber vergeblich sein? Reuchlin appellirte. Sickingen - als seinen Herkules bezeichnete ihn einmal der geplagte Mann - nahm sich der Sache noch einmal an. Er bot dem Verfolgten Schutz auf seinen Burgen an und wandte sich an den jungen Kaiser selbst, von dem er damals noch Erwartungen hegte. Hutten mußte an seinen Freund Capito schreiben, um dessen Herrn, den Kurfürsten Albrecht von Mainz, für Reuchlin zu interessiren und ihn um eine Verwendung beim Kaiser anzusprechen. Dieselbe Gunst erbaten Sickingen wie Reuchlin von Friedrich dem Weisen. Aus Reuchlins Brief mögen einige charakteristische Stellen hier ihren Platz finden. Wegen der Unzuverlässigkeit seiner Gegner habe er eine Supplication an den Kaiser aufgesetzt und dieselbe zur Betreibung Sickingen zugestellt. Der Kurfürst möge es befördern, daß der Kaiser Stillschweigen auflege oder, wenn das nicht erlangt werden könne, vor etlichen seiner Räthe den Parteien endgültiges Verhör gestatte. Er sei ein Laie und der Handel berühre den Glauben gar nicht. Auch das Urtheil verdamme sein Buch nicht wegen Ketzerei, sondern wegen Aergernisses und der Begünstigung der Juden. Darum gehöre der Richterspruch dem Kaiser. Der alte Vorkämpfer des Humanismus schließt sein ausführliches Schreiben mit der Mahnung dem Reich nicht noch mehr Gerechtsame entziehen zu lassen.

Er sollte den Schutz des Kurfürsten, dem er sich empfahl, ebensowenig bedürfen, wie das gastfreundliche Anerbieten Sickingens. Von Ingolstadt nach seiner schwäbischen Heimath zurückgekehrt hat er noch ein ganzes Semester unangefochten in Tübingen Vorlesungen gehalten. In einem Bad, in welches er sich zur Stärkung seiner Gesundheit begeben, starb er dann am 30. Juni 1522.
Der Kampf verlief so schließlich ohne Resultat. Die Kölner wagten doch nicht ihren Sieg gegen die Person des Gegners zu verfolgen. Reuchlin konnte Dank dem Schutz mächtiger Freunde unbesorgt sein Leben beschließen. Sickingen, der noch bei der letzten Wendung an den Kurfürsten von Sachsen über Reuchlin geschrieben hatte "denn er ye ein fromer mann ist, dem Ich gern alles Vermogens Zur nutz und gevallen dienen wolt", hatte sich Anspruch erworben auf die Dankbarkeit der wissenschaftlichen Kreise. Er verdiente das Lob, welches gleich im Beginn seines Eintretens für Reuchlin Erasmus von Rotterdam ihm gezollt, ein Lob, welches als Motto für diese Biographie gewählt worden ist: "den Namen Franz von Sickingen darf die Wissenschaft nicht untergehen lassen, wenn sie sich nicht des Undanks schuldig machen will."

Jene uneigennützige Theilnahme, welche der Ritter dem unschuldig verfolgten Gelehrten zugewandt, blieb keine vereinzelte Thatsache in seinem Leben. Huttens unbestreitbares Verdienst ist es den thatkräftigen Geist des tapferen Kriegsmannes auf diese Bahn gelenkt zu haben. Nicht etwa, daß sich beide einfach ergänzt hätten wie Kopf und Arm. An praktischem Verstand, an klarer Einsicht in das Erreichbare war der ältere Sickingen, obwohl selbst heißblütig genug, seinem feurigeren Genossen unleugbar überlegen. Aber gerade dadurch, daß beide auch in geistiger Beziehung zu geben und zu empfangen hatten, bildete sich zwischen ihnen ein Freundesbund seltener Art. Oefters hat nachher Sickingens Vorsicht den Freund vor hitzköpfigen Uebereilungen bewahrt. Anfänglich freilich war es mehr der materielle Schutz, den er dem Verfehmten angedeihen lassen konnte. Ich darf mich hier über Manches kurz fassen, da über Hutten nach seinem trefflichen Biographen schwerlich noch etwas Neues zu sagen sein dürfte.

Huttens literarische Thätigkeit hatte bekanntlich damals statt der rein wissenschaftlichen eine religiös-nationale Richtung genommen. Weniger in der durch Karls V. Wahlverschreibung verheißenen neuen Verfassung als in Luthers Sache sah er das eigentliche Anliegen der Nation. Jedenfalls mußte dem Verhalten des jungen Kaisers gegen den Mönch von Wittenberg eine prototypische Bedeutung zugemessen werden für Anschauung rein deutscher Fragen. Hutten betrachtete es daher als seine Aufgabe auf den Hof nicht minder als die öffentliche Meinung im lutherischen Sinn zu wirken. Als brauchbares Werkzeug erschien seinem Eifer auch Sickingen, der damals im Genuß voller kaiserlicher Gnade stand. Als sich Hutten vor seinen rachgierigen Gegnern in Mainz und in den Städten überhaupt nicht mehr sicher fühlte, da fand er eine Zufluchtsstätte bei Sickingen. Seit dem Herbst 1520 weilte er auf der Ebernburg in angestrengter Thätigkeit die Ereignisse begleitend und beobachtend. Das Zusammenleben mit dem Burgherrn knüpfte zwischen beiden Männern enge Freundesbande. Es muß unmöglich gewesen sein mit Hutten zu verkehren, ohne daß er in seiner geistreich sprudelnden Manier das Gespräch beherrschte. Sickingen fand sich bald in den Ideenkreis seines Schützlings hineingerissen. Hutten führte ihn denselben Weg, den er selbst gegangen. Er verstand des Ritters Interesse für Luther in dem Grad zu erwärmen, daß jener denselben im Lauf des Winters 1520 wiederholt auf die Ebernburg einladen ließ. Er bot ihm eine Stätte der Wirksamkeit und Schutz gegen alle Widersacher. Es ist bekannt, wie dieser und ein ähnlicher Vorschlag des fränkischen Ritters Sylvester von Schaumburg zu Luthers Ermuthigung beigetragen hat. Das Anerbieten konnte wichtig werden für den Fall, daß Friedrich der Weise ihn nicht mehr zu schützen vermocht hätte. Nach Böhmen zu fliehen hätte seine Sache descreditirt. Luther lehnte jedoch auch Sickingens Vorschlag ab, doch wohl nur aus Opportunitätsgründen. Die Möglichkeit dennoch eintretenden Falls von einer Ritterburg aus seinen Kampf fortzuführen, hat er nicht ganz von der Hand gewiesen. Leider sind die Briefe, die er in dieser Angelegenheit an Sickingen selbst geschrieben hat, nicht erhalten.

Man kann einem Bedrängten gastfreundlich ein Asyl zur Verfügung stellen, ohne damit sofort Ansichten und Tendenzen desselben vollständig oder auch nur nach ihrem wesentlichsten Inhalt zu den seinigen gemacht zu haben. Als Sickingen im Lauf des Jahres 1520 Luther auf die Ebernburg einlud, wußte er offenbar noch recht wenig von ihm; des Bruders Martinus oppositionelle Haltung gegen die in die Augen springenden Mißbräuche der Kirchenverfassung, sowie die bereits zur andern Natur gewordene Ueberzeugung von seiner Aufgabe den Verfolgten beizuspringen, haben ihn unter der Anregung Huttens zu jenem Schritt bestimmt. Erst seit von September 1520 ab Hutten dauernd die Ebernburg bewohnte, fand Sickingen Gelegenheit sich des Näheren zu unterrichten.
Besonders seit Sickingen aus Aachen und Köln heimgekehrt, wo er den Kaiser hinsichtlich Huttens sondirt und nicht ungünstig gestimmt gefunden hatte. Da saßen denn in der Winterszeit 1520 auf 1521 die beiden Ritter zusammen auf der Ebernburg, der mächtige Schloßherr und der heimathslose Flüchtling. Das waren die Tage, an denen Sickingen eine ganz neue Welt erschlossen wurde. Möglich, daß gerade das bereits sich meldende Podagra den Ritter enger an das Zimmer fesselte, als es sonst der Fall gewesen wäre. Aufmerksam lauschte der ältere Freund den Worten des jüngeren Genossen, eifrig suchte er seinem Gedankenflug zu folgen. Da wurden ihm die Augen geöffnet über den römischen Druck, dem Geist und Herz, Leib und Beutel des deutschen Volks bisher unterlegen. Obwohl solche Entwicklungen ihm neu waren, wußte Sickingen doch mit treffendem Urtheil den Kern richtig zu erfassen. Bisher hatte er mit Ideen wenig gerechnet. Durch und durch realistisch war sein ganzes Thun gewesen. Jetzt erst ward ihm deutlicher, was das Wissen bedeute. Bald war er nicht minder eifrig als Hutten selbst. Letzterer, nachdem einmal der Boden geebnet, ließ ihn nach und nach Einblick gewinnen in Luthers Ideengang. Er las ihm Luthers Schriften vor. Dem Ritter imponirte zuerst die kühne Entschlossenheit des Mönchs, bald folgte er mit immer steigendem Interesse. Schon durfte keine Mahlzeit vorübergehen, ohne daß etwas Lutherisches zum Vortrag kam. Dieses Gebäude, rief er einmal aus, sollte jemand umzustürzen wagen oder, wenn er es wagte, sollte er es vermögen! Bald war er fest genug im Verständniß lutherischer Speculationen, um selbstständig das Gehörte zu verarbeiten und nach Außen zu vertreten. Hutten, der anfänglich nicht gern ohne Aufsicht ihn fremdem Einfluß überließ, wußte ihn schon gefeit gegen alle Anfechtungen. Diese blieben nicht aus. Mancher unter den Verwandten, den Freunden, den alten Dienern des Hauses schüttelte bedenklich den Kopf über das neue Wesen. Energische Naturen versuchten es mit Vorstellungen. Sie warnten einer so zweifelhaften Sache sich zu opfern. Man versuchte den Ritter durch angebliche Schriften Luthers in seinen Ueberzeugungen wankend zu machen. Gegen so grobe Angriffe schützte ihn freilich Huttens Wachsamkeit. Auch wehrte er sich nachdrücklich genug. Durchaus keine zweifelhafte Sache sei die, welcher er Schutz verleihe. Es sei die Christi und der Wahrheit. Deutschlands Wohl und der Glaube erheischten Berücksichtigung der reformatorischen Forderungen. Vermuthlich aus gemeinschaftlichen Besprechungen mit seinen literarischen Genossen, deren gleich noch mehrere zu erwähnen sein werden, ist ein Schriftchen hervorgegangen, das unter Sickingens Namen die Bekehrung des gesippten Diether von Handschuchsheim versuchte. Dieser, wie wahrscheinlich auch Philipp von Flersheim, Sickingens Schwager, war offenbar unter jenen Warnern gewesen. Diether hatte geäußert, er wolle beim alten Glauben bestehen und sich durch die Menschenlehre nicht verführen lassen. Er mußte sich nun von seinem glaubenseifrigen Freund nachweisen lassen, welche Mißbräuche hinsichtlich des Abendmahls, der Messe, des Cölibats, der Anrufung der Heiligen bisher im Schwang gewesen, Christi Einsetzung und Anordnung zuwider. Gewarnt wird er der Meinung derer beizupflichten, die das Ende abwarten wollen, um zu sehen, wer Recht behalte. Er, Sickingen, besorgt diese würden das wohl nicht eher erfahren "biß sie kommen in Klepperlins hauß, da schlecht daß höllisch Fewer zu den Fenster hynaus." Man muß daneben die Urtheile lesen, die der nachher zu erwähnende Martin Butzer über Sickingens mit deutschem Muth gepaarte evangelische Frömmigkeit ausspricht. Er sei der Mann, der es für das Höchste halte, um Christi Willen in den Tod zu gehen. Und ein ander Mal: Mehr Muth und männlicher Geist sei in diesem einzigen Ritter als in allen Fürsten zusammengenommen. Wenn es Gott gefiele, ihn von der Gicht zu befreien, so hätte man wenigstens einen Mann, der sein Leben an das Evangelium setzen würde.

Sickingen war in der That der Sache der Glaubensreinigung gewonnen. Hutten durfte sich seines Sieges freuen. Ein schönes Denkmal hat er dem Freunde selbst ausgestellt für die Reinheit der Absicht und die Stärke der Empfindung, in den Worten, mit welchen er ihm die deutsche Uebersetzung seiner Dialoge weiht. "Wo etwas mein geschrifft vermag, dein Lob muß sterben keinen Tag" rief er mit Virgil aus dankbarer Brust dem Ritter zu. Mit hilfreicher That sei er ihm in seiner höchsten Noth begegnet und habe als Verfechter der Unschuld schirmend seinen Arm über ihn ausgebreitet, unbeirrt durch das Geschrei seiner Gegner. Als Gefahr ihn von den Städten ausgeschlossen, hätten Franzens Häuser, die er aus diesem Grund Herbergen der Gerechtigkeit nennen wolle, ihm sich eröffnet. Hier habe die angefochtene und verjagte Wahrheit Schutz gefunden. Nicht träge Ruhe wünschte er schließlich dem Freund, sondern "tapfere Geschäfte", darin er vielen Menschen zu Gut sein stolzes heldisches Gemüth brauchen und üben könne. Fortan ward Sickingen der Held der neuen kampfglühenden Dialoge seines Freundes.

So begann das Jahr 1521. Am 28. Januar wurde des neuen Kaisers erster Reichstag eröffnet. Luthers Sache bildete bekanntlich einen der Hauptgegenstände der Verhandlungen. Wie war nun, die Kenntniß der hierauf bezüglichen Thatsachen vorausgesetzt, Sickingens Haltung und Geltung in diesem Augenblick? Man weiß, wie der Ritter noch fortwährend des Vertrauens auf eine Umkehr des jungen Kaisers sich nicht entschlagen mochte. Obgleich er denselben von Anhängern der päpstlichen Partei eng umgarnt wußte, hoffte er doch, daß gerade die beabsichtigte Zusammenkunft mit den Fürsten des Reichs seinen Geist anderen Ideen zugänglich machen würde. Er unterschätzte sicher den Grad geistiger Reife den Karl besaß, wenn er ihm so wenig selbstständiges Urtheil zutraute. Nicht viele junge Monarchen hat es gegeben, deren Gedanken mit Ausschluß aller zerstreuenden Neigungen, so ausschließlich auf die Ausübung der Macht, auf das Selbstregieren gerichtet waren. An Geist und Verstandesschärfe fehlte es ihm wahrlich nicht: schwerlich aber dürfte es seine abgeschlossene religiöse Ueberzeugung und seinen im Ganzen fertigen politischen Plan beeinflußt haben, wenn der von Sickingen einmal geäußerte Wunsch in Erfüllung gegangen wäre, daß Karl die etwa ins Französische übersetzten Schriften Luthers läse. Franz überschätzte die gelegentlich ihm widerfahrenen Huldbeweise, wenn er sich in einem bestimmten Sinn Einfluß auf des Kaisers Entschließungen zutraute. Vielleicht schlug er den Vortheil zu hoch an, welcher dem Monarchen aus seiner Mitwirkung in dem Krieg erwachsen würde, welcher mit Sicherheit zwischen jenem und dem König von Frankreich in der Kürze ausbrechen mußte. Der Irrthum war für ihn verzeihlich genug: wenige mochten damals Karls Politik durchschauen. Andererseits findet sich, daß im befreundeten wie im gegnerischen Lager Sickingens Macht sehr hoch angeschlagen wurde. Der päpstliche Nuntius Aleander, dem es in Worms trotz kaiserlichen Schutzes gar nicht recht geheuer war, seit von der Ebernburg aus Huttens Invective gegen ihn ergangen, stößt darüber wiederholte Seufzer in seinen Berichten aus. Nachdem er von einer ritterlichen Umsturzpartei gesprochen heißt es: "In der That ist Sickingen jetzt allein in Deutschland König, denn er hat Gefolge wann und wie viel er will. Andere Fürsten sind unthätig, die Prälaten zittern und lassen sich verschlingen wie die Kaninchen." Und schon acht Tage früher klagt er über den armen Adel, der, stark an Zahl, Sickingen bei allen Unternehmungen zu Gebote stehe, und fährt dann fort: "Und in Wahrheit ist Sickingen beim jetzigen Stand der Dinge der Schrecken Deutschlands, vor dem alle anderen erstarren." Seine einzige Hoffnung ist noch, daß der Ritter sich dem König von Frankreich in die Arme werfe, der in der Person des Robert von der Mark gegenwärtig einen Gesandten bei ihm habe. Scharf tadelt er die Ruhesucht der Kaiserlichen, welche den Aufstand, den man zu vermeiden wünsche, gerade herbeiführen werde. Wenn aber Aleander den Grad seiner Befürchtungen abmaß nach der Leidenschaftlichkeit, mit der Hutten seine literarischen Angriffe führte, so täuschte er sich doch etwas. Sickingen wollte keine Uebereilung. Der Gedanke einer geistigen Bewegung auch mit den Waffen zu Hilfe zu kommen, lag ihm durchaus nicht fern; aber er wollte seine Zeit abwarten. Ein Handstreich auf die päpstlichen Abgesandten, wie ihn Hutten plante, konnte nur schaden. Auch letzterer sah sich durch ihn gezwungen seine Gluth etwas zu dämpfen. Was Sickingen bestimmte, sich so völlig ruhig zu verhalten, ist nicht recht klar. Er soll wegen seiner früheren Fehde Scheu getragen haben Worms in diesen Tagen zu betreten. Das Meiste that offenbar das noch immer nicht erschütterte Vertrauen in den Kaiser. So sah er thatlos mit an, was in Worms geschah. Wenn Aeußerungen berichtet werden, daß er die Zeit zum Losschlagen doch endlich für gekommen erachtet habe, so sind das nur augenblickliche Aufwallungen gewesen.

Mit angstvoller Spannung, mit leidenschaftlicher Erregung beobachtete man natürlich auf der Ebernburg, was in dem nahen Worms vorging. Trotz des Widerstrebens Aleanders, der auf Grund der päpstlichen Bulle einfaches Inkrafttreten des über Luther ergangenen Bannes wünschte, war des Mönches Berufung beschlossen worden. Kaiserliches und fürstliches Geleit war ihm zugesagt. Während er sich anschickte muthig der Ladung zu folgen, flog ihm von Worms aus ein Mandat entgegen, welches befahl überall seine Bücher der Obrigkeit auszuliefern. Auch entschlossenere Freunde wurden ängstlich, ob man Bruder Martin mit dem zugesagten Geleit nicht in eine Falle habe locken wollen. Nicht weniger aufgeregt war bei der Kunde von Luthers Nahen die katholische Klerisei und alles, was zu ihr gehörte. Vielleicht gelang es doch noch den Mönch zum Schweigen zu bringen, ohne sich der Nothwendigkeit auszusetzen, seine Sache vor Kaiser und Reich zu verhandeln. Schon im Februar 1521 hatte in diesem Sinn des Kaisers Beichtvater der Franziskaner Glapion Schritte gethan. Er hatte sich dem sächsischen Kanzler Brück genähert, um durch diesen auf Kurfürst Friedrich Einfluß zu gewinnen. Glapion, eine jener unergründlichen Naturen wie sie wiederholt im Mönchsgewand sich dem Dienst der Diplomatie gewidmet haben, gab sich den Anschein, als ob er einen Theil dessen, was Luther gelehrt, vollständig billige. Nur das, was er in seiner letzten Schrift über die babylonische Gefangenschaft der Kirche ausgesprochen, entweder aus Uebereilung oder gereizt durch das Verhalten der Kurie, möge er zurücknehmen. Das Hauptgewicht ist jedoch offenbar auf seinen Vorschlag zu legen die Sache ganz im Geheimen zurecht zu setzen, damit nicht bei einer öffentlichen Disputation der Teufel seinen Samen dazwischen streue. Der Schein, den sich der Pater gab, als ob er so handle in dem Wunsch die Hauptfracht Luthers, eine gemeine Reformation der Kirche, in den sicheren Hafen zu führen, täuschte den Kurfürsten nicht. Derselbe ließ sich auf keine Nebenwege ein. Der Mönch aber war so leicht nicht abzuschrecken. Er gehörte seiner Richtung nach nicht zu jenen Ultramontanen, deren Haupt Aleander war. Zwischen diesen Römlingen und den leitenden Staatsmännern wie Chievres oder Gattinara vertrat er im Anschluß an seinen kaiserlichen Herrn gewissermaßen eine mittlere Richtung. Dieser, der eigentlich kaiserlichen, war bei dem Werth, den sie aus Politik auf ein gutes Verhalten mit dem Papst legen mußte, und der Stimmung vieler Reichsstände andererseits, das Erscheinen Luthers schließlich doch eine Verlegenheit. Es galt den nochmaligen Versuch im letzten Augenblick eine geheime Einwirkung auf Luther von ihm befreundeter Seite her zu versuchen. Es würde unbegreiflich sein, wie man es unternommen hätte gerade Sickingen in diese Sache zu ziehen, hätte man nicht gleichsam mit der officiellen Veranstaltung einen Mann betrauen können, der von der Kaiserwahl her dem Ritter noch in bester Erinnerung sein mußte. Es war der kaiserliche Kämmerer Paul von Armstorf. Er hatte schon vorher mit dem Ritter von der Ebernburg zu thun gehabt. Als nun Hutten seine geharnischten Erklärungen wider die Priester losgelassen und den Legaten Aleander und Caraccioli geradezu den Tod angedroht, wußte man (es ist das sehr bezeichnend) gegenüber dieser schweren Gefährdung des Völkerrechts nichts Besseres auszudenken, als durch Armstorf Hutten eine jährliche Pension anzubieten, wenn er schwiege. Weil aber Armstorf einmal bei früherer Gelegenheit von dem bibelkundigen Hutten arg blosgestellt worden war, sollte er diesmal den kaiserlichen Beichtvater Glapion mitnehmen; doch sollten beide nicht im Auftrag des Kaisers, sondern ganz auf eigene Faust aufzutreten erklären. Der Besuch auf der Ebernburg fand in der That statt. Außer den beiden Rittern trafen Armstorf und Glapion daselbst auch den ausgetretenen Mönch Butzer, den der Beichtvater für den gefährlichsten von allen erklärte. Hutten behauptete, er habe gemeint durch seine Invectiven eine dem Kaiser angenehme Sache zu thun. Wüßte er doch, daß die Nuntien heimlich geschäftig wären die Fürsten zum Abfall vom Kaiser zu verlocken. Uebrigens identificirte er seine Sache nicht völlig mit der Luthers. Ihm komme es wesentlich darauf an dem verweltlichten Charakter der Kirche ein Ende zu machen. Seiner Absage wolle er gegen den Willen des Kaisers keine weiteren Folgen geben. Sickingen blieb einem so wenig erwarteten Besuch gegenüber selbstverständlich nicht stumm. Es ist sehr interessant hier von einem Gegner seiner Ansicht zu hören, welchen Eindruck er hervorbrachte. "Sickingen", erzählt Aleander nach Glapions Bericht an den Kaiser, "ein Mann von Verstand, auf den man (zur Erreichung der Hauptabsicht nämlich) reflectiren muß, hat die deutschen Sachen Luthers vollständig im Gedächtniß. Er erklärte es in den Büchern Luthers anders zu haben, als der Beichtvater vorbrachte. Und in der That legte er deutsche Bücher vor, worin Luther, wie er gewohnt ist, sich zu widersprechen, einige Sachen geschrieben hat abweichend von den, welche in seinen lateinischen Schriften stehen. Diese hatte der Beichtiger mit sich gebracht und wies sie vor. Sickingen ward dadurch zuerst sehr erstaunt; endlich erklärte er, daß er eine allgemeine Reformation auch von sich selbst wünschte. Wo Martinus solche Sachen behandle und wo immer er gute Sachen spräche wolle er ihn vertheidigen gegen alle Welt, und Rock, Kinder und Leben daran setzen. Aber wo er übel im Glauben geredet habe, da wolle er der erste sein das Feuer auszutreten." Man muß sich dabei der seitherigen Haltung Glapions erinnern. Luthers jüngste lateinische Schriften hatten ihm Anstoß erregt. Von dessen übrigen Lehrmeinungen glaubte er Manches passiren lassen zu dürfen. Aehnliche Zweifel waren in Sickingen übrigens schon vorher einmal durch beflissene Warner erregt, aber nicht minder durch Huttens Beistand siegreich überwunden worden. Es ist sehr wohl möglich, daß angesichts der Aeußerungen Sickingens Glapion weiter mit der Sprache herausging. Wir wissen, daß er sich auf der Ebernburg ähnlich ausgesprochen hat, wie gegen den sächsischen Kanzler Brück. Es hat demnach nichts Auffallendes, daß er Luthers Verdienst um das bessere Verständniß der Bibel anerkannt habe. Auch, daß er auf Huttens Einwurf, welch' ungeheures Verbrechen es denn sei, welches ein solches Verdienst verdunkeln könne, erwiedert habe: er wisse es nicht, ist bei dem schlauen Politiker sehr wohl erklärlich. Ohne Eindruck scheint denn auch seine Taktik nicht gewesen zu sein. Unzweifelhaft war man auf der Ebernburg ängstlich geworden. Man fürchtete Luthers Schicksal, wenn er in Worms erschiene: man glaubte, daß wenigstens seine Begleiter, die ohne Geleit mit dem Gebannten weiter verkehrt hatten, einer dringenden Gefahr ausgesetzt sein würden. So befreundete man sich, vielleicht am wenigsten Hutten, mit der Idee Luther zu einer Zusammenkunft mit Glapion auf die Ebernburg einzuladen, ehe er seinen Einzug in Worms hielte. Sickingen sandte Butzer nach Oppenheim, wo Luthers Weg durchführen mußte. Er sollte ihm die in Worms seiner harrende Gefahr vor die Augen führen, und ihn auf Sickingens Schloß einladen, wo Glapion seiner warte. Diese neuerdings angezeifelte Thatsache hat durch ein Schreiben Butzers eine festere Stütze erhalten. Daß Aleanders Depeschen von diesem Zweck der Sendung Glapions nichts wissen, erklärt sich einfach daraus, daß, wie schon erwähnt, Glapions Politik eine wesentlich andere war. Aber Luther lehnte bekanntlich die Einladung ab. Nur in Worms wollte er Rede stehen. Daß sein Proceß schon geschlossen, daß er blos berufen sei, um die in seinen Schriften niedergelegten Ansichten zu widerrufen, das ahnte er nicht.

Gespannt folgte man auf der Ebernburg der Entwicklung. In der Regel war man von allem Wichtigen durch gefällige Freunde rasch unterrichtet. Mit der Ueberzeugung, welches Spiel getrieben, wuchs die Lust Huttens zu einem Gewaltstreich. Sickingens Vorsicht zwang auch ihn zur Mäßigung. Franz war übrigens nichts weniger als etwa erkaltet. Keine Gefahr, so schwur er, solle ihn je abhalten der Sache der Wahrheit sich zu weihen. Einer göttlichen Stimme gleich an bindender Kraft will Hutten dieses Wort geachtet wissen. Auch die allgemeine Meinung stand nicht an in ihm einen der zuverlässigsten Verfechter der Person und Sache Luthers zu verehren oder zu hassen. Am 26. April 1521 hatte der unerschrockene Prediger Worms verlassen, trotz aller Einflüsterungen der römischen Partei geschützt durch das kaiserliche Wort. Noch rangen in Worms die Parteien im eifrigen Streit über das Verfahren, welches man gegen ihn und seine Anhänger einhalten sollte. Da traf die Nachricht ein Luther sei gefangen worden. Wer hatte sich seiner bemächtigt? Während Aleander sofort richtig auf Friedrich den Weisen rieth, schwankten die Meinungen der Meisten. Es ist gewiß für das Geheimniß, welches die Sache umgab, charakteristisch, daß selbst Herzog Johann, Friedrichs des Weisen Bruder, anfänglich nicht wußte, wo Luther geblieben war. Noch gegen Ende Mai schreibt er seinem Bruder, er habe gestern vernommen, daß Luther nicht weit von der französischen Grenze auf einem Schloß Franz von Sickingens sein sollte, doch wisse er nicht, ob das die Wahrheit sei. Luther aber war bekanntlich durch die Vorsorge seines Gönners, des Kurfürsten von Sachsen, wohlgeborgen auf der Wartburg. Während er hier sich rüstete zum ferneren Kampf, ward anderswo ins Leben geführt, was er gelehrt. Auf Sickingens Burgen ist zuerst ein reformirter Gottesdienst eingerichtet worden. Wem es - sein Sendbrief zeigt es unter anderem - so ernst war mit der Kirchenverbesserung, der mochte zeitig daran denken im eigenen Hause dem Gotteswort eine Stätte zu bereiten. An Hilfe dazu fehlte es nicht. Die Anwesenheit Huttens, die seitens desselben in zahlreichen Briefen für Sickingens Reformeifer kund gegebene Hochachtung zog glaubenseifrige Bekenner heran, denen ihre seitherigen Verhältnisse zu eng geworden waren. Wie früher auf Sickingens Burgen sich zusammengefunden hatte, was mit dem bürgerlichen Gesetz und dem Landfrieden in Zwiespalt gerathen war, so vereinten die gastlichen Mauern seiner Schlösser jetzt die hervorragendsten Opfer religiöser und kirchlicher Ueberzeugung. Zu Hutten hatte sich schon zur Zeit des Reichstags Martin Butzer gesellt. Manchmal sind da die Räume des Schlosses erklungen von theologischer Polemik. Sicher fehlte den Disputationen der bibelfeste Hartmut von Kronberg nicht. "Rheinische Academiker" nennt einmal halb spöttisch Aleander die auf der Ebernburg tagende Opposition. Aber "die Herberge der Gerechtigkeit" öffnete ihre Pforten noch andern, die verfolgt und vervehmt waren. Butzer selbst, um von diesem erst noch ein Wort zu sagen, litt sein unruhiger Geist nicht zu lange an demselben Ort. Im Februar 1521 zu Sickingen gekommen und wesentlich mit durch dessen Verbindungen der verhaßten Dominikanerkutte entledigt, trat er noch während des Reichstags von Worms in die Dienste des Pfalzgrafen Friedrich. Wie die Freunde bitter bemerkten: der geistlichen Knechtschaft entronnen ließ er sich sofort höfische Fesseln anlegen. Wenn er wirklich von seinem lebenslustigen Herrn, dem Bruder des Sickingen früher gewogenen Kurfürsten von der Pfalz, Heilsames für die Kirchenbesserung erwartet hatte, so genügte ein Jahr, um ihn seinen Irrthum erkennen und schmerzlich bereuen zu lassen. Im Mai 1522 erhob ihn Sickingen, nachdem Butzer wohl inzwischen sich verheirathet, zum Pfarrer von Landstuhl. Aber schon im Herbst desselben Jahres, als Franz des Angriffs der Fürsten gewärtig seine literarischen Freunde, die er der Gefahr nicht aussetzen mochte, entließ, nahm auch Butzer seinen Abschied und fand in Weißenburg zunächst eine Stätte der Wirksamkeit.
Da Sickingens Ansichten über den Cölibat bekannt sind, kann es nicht Wunder nehmen, daß er noch anderen seiner Prediger die Verehelichung gestattete. Johann Schwebel aus Pforzheim war angeblich schon 1521 "der Religion halber in selbstgewählter Verbannung" bei Sickingen eingetroffen. Hier verheirathete er sich und diente eine Zeit lang dem Ritter als theologischer Beirath. Er schrieb eine Vorrede zu dessen Sendbrief an Diether von Handschuchsheim, welcher 1522 im Druck erschien. Als nach dem unglücklichen Trierer Zug auch die anderen Gelehrten ihre seitherige Aufenthaltsstätte verließen, erhielt Schwebel, wahrscheinlich durch Fürsprache seines bisherigen Patrons, bei dem Grafen von Veldenz ein Amt in Zweibrücken. Schon früher soll Caspar Aquila mit Sickingen in Berührung gekommen sein. Er war desselben Feldprediger, bevor er auf seine Verwendung hin in Jengen bei Augsburg Anstellung fand. Sein Eifer für Luther führte ihn ins Gefängniß nach Dillingen. Der bischöflichen Haft entronnen, fand er wieder bei Franz eine Zuflucht. Dieser nahm sich seiner an mit Weib und Kind. Denn auch er hatte inzwischen diese Consequenz des theoretisch für richtig Erkannten gezogen und hatte den ehelosen Stand abgethan. So sorgte Sickingen für die Träger der neuen Lehre. Die Welt hatte sich gedreht, wie Schwebel selbst einmal auseinandersetzt: die Bischöfe verlassen das Wort Gottes und wollen mit dem Schwert gewaltig unterdrücken. Aber die, welche bisher das Schwert gebraucht, nehmen plötzlich das Wort Gottes an und suchen mehr dessen Lob und Ehre als zeitliche Gewalt.
Unbestreitbar traf das bei Sickingen zu, doch mit einer gewissen Beschränkung. Sickingen war durchdrungen von der Wahrheit der Lehre Luthers, er bewies durch die That seine Opferfähigkeit, aber er ging in diesen Ideen nicht völlig auf. Es soll seines Orts gezeigt werden, wie eigenthümlich Geistiges und Irdisches bei ihm sich mischte. Eine solche Berührung mit weltlichen Tendenzen hatte aber die neu hergestellte evangelische Lehre zu scheuen allen Grund. Luthers vorsichtige Haltung in den ersten Jahren zeigt das deutlich. Das erklärt es auch, wie jene kühnen Prädicanten, trotz aller Dankbarkeit gegen ihren Schützer, doch bei Sickingen sich nicht eigentlich wohl fühlten. Am erkennbarsten ist das bei dem Mann, der von Franz geradezu berufen war, um sein Haus nach den Grundsätzen des Evangeliums einzurichten und dem dadurch die schöne Aufgabe zugefallen war als der erste die Formen der neuen Kirche wenigstens anzudeuten und vorzubereiten.

Johann Oecolampadius aus Weinsberg hatte in früher Jugend im Mißtrauen gegen seine Kraft das geistliche Amt mit dem Kloster vertauscht. Bald hatte es ihn nicht mehr gelitten zwischen den engen Mauern und den dumpf beschränkten Meinungen. Er hatte das Band zerrissen, welches ihn an das Birgittenkloster Altenmünster fesselte. Aber dem flüchtigen Ordensbruder wollte anfangs kein günstiger Stern leuchten. Da traf ihn die Aufforderung Sickingens die Stellung eines Schloßcaplans auf der Ebernburg einzunehmen. Er griff zu und spätestens im März 1522 muß er seine Obliegenheiten begonnen haben. Mit ungewöhnlichem Eifer faßte er seine Aufgabe an. Während der Fastenzeit ging auch alles ganz gut. Nach Ostern aber gebrach es den Hörern an der Zeit oder Lust lange Zeit in der Kapelle zuzubringen. Ja er mußte bemerken, daß die gewohnten Ceremonien dem Gesinde noch recht fest in dem Sinn steckten und daß dasselbe am Liebsten innerhalb dieser angelernten Formen sich bewegte. Da pflog er Rath mit seinem Brodherrn und dessen zugezogenen Freunden Diether von Dalberg und Hartmut von Kronberg. Es war eine vorwiegend praktische Frage, um welche die Berathung sich drehte. Die Laien meinten, man solle die Messe künftig nur Sonntags halten, an den Wochentagen aber predigen und das Wort Gottes verkünden, da beides nebeneinander zu viel Zeit erfordere. Oecolampadius verfocht dagegen siegreich seine Meinung an den gewohnten Umrissen des Gottesdienstes nichts vorerst zu ändern, aber bei der Messe Evangelium und Epistel künftig deutsch statt lateinisch zu verlesen und zu erläutern. Gleich am nächsten Sonntag ward die Neuerung durchgeführt, deren Bedeutung Oecolampad in einer Predigt auch bei dem schlichten Verstand der meisten Hörer klar zu machen bestrebt war. Auch ward sie trotz aller Anfechtungen, die nicht ausblieben, aufrecht erhalten. Ueberliefert ist nichts von den Anordnungen, die Sickingen außerhalb Ebernburgs auf seinen Besitzungen in dieser Beziehung erlassen hat, doch ist nicht zu zweifeln, daß überall der Gottesdienst in gleicher Weise reformirt wurde. Es steht zu vermuthen, daß auch das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgetheilt ward. Trotzdem fand Oecolampad nicht ganz seine Rechnung. Zu hart dünkte ihm das Gestein, auf das er seinen Samen ausstreuen sollte. Wohl mochten die üblen Sitten der Kriegsleute in des Ritters Sold nicht alsbald der Unterweisung des Predigers sich anbequemen. Der letztere sehnte sich daher seine Stelle zu verlassen, ohne doch irgendwie den Vorwurf der Undankbarkeit auf sich zu laden. Ein Anerbieten eines baseler Buchhändlers kam ihm gerade gelegen, um seine Beziehungen zu Sickingen zu lösen. Aber seine Mission war auch erfüllt. Auf der Burg eines Ritters an Deutschlands Westgrenze war dem reinen Gotteswort eine Stätte bereitet. Bald durfte Wittenberg wieder die Ehre und Gefahr der leitenden Stellung beanspruchen.
Es würde ein wichtiger Zug in dem Bilde fehlen, wollte ich nicht auch der Laien Erwähnung thun, welche in Sickingens Kreise an Eifer den gelehrten Theologen wahrlich nicht nachstanden. Vor allem neben Hutten die schon genannten Diether von Dalberg und Hartmut von Kronberg. Des Letzteren eifervolle Ueberzeugung hat fast etwas Puritanisches an sich. Mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie nur der übt, der von der Wahrheit seiner Sache aufs tiefste durchdrungen ist, trat er überall für Luther in die Schranken. Keine hervorragende Persönlichkeit, keine Behörde, keine Corporation war vor seinen Angriffen gesichert. Den Kurfürsten Richard von Trier hatte er schon 1521 während des Reichstags zu Worms gewarnt wegen seines Verhaltens gegen die auf das Wort Gottes gegründete neue Lehre. Kaiser und Reichsregiment, Papst und Luther, Sickingen wie die Bettelorden sahen sich in der Folge mit seinen Schreiben bedacht. Der Wahrheit und dem Wort Gottes Ehre und Platz zu geben, war der stets sich wiederholende Endreim seiner Auseinandersetzungen. Es war ihm heiliger Ernst. Einen gläubigeren Verehrer des der Reformation zu Grunde liegenden Princips, des Zurückgehens auf die Bibel, hat es nicht gegeben. Die Persönlichkeit ist in ihrer unerschütterlichen, charaktervollen Einseitigkeit interessant genug, um einmal eine eigene Lebensbeschreibung zu verdienen.


Sickingens Bemühungen für die Kirchenreformation sind erwachsen und gepflegt auf dem Boden friedlicher Ueberzeugung und berechtigter Machtausübung. Mit Gewaltsamkeit hat er, selbst als in Worms alles auf dem Spiel zu stehen schien, trotz Huttens Ungeduld nicht eingegriffen. Demselben Kaiser, dessen Aechtung lutherischer Meinungen er trotzig unbeachtet ließ bei seinen gottesdienstlichen Neuerungen, hat er im Kampf gegen Frankreich eben damals seine Kräfte gewidmet.

Der Feldzug an der Maaß
Aus der humanistisch-theologischen Atmosphäre der Ebernburg ward Franz von Sickingen plötzlich wieder zu kriegerischem Thun entrückt. Nicht den Handstreich auf den päpstlichen Legaten galt es auszuführen, den Hutten unermüdlich gepredigt; auch war es kein "Span" alter Art, der diesmal auszufechten war. Zum Dienst des jungen Kaisers ward der Ritter abberufen und zwar nicht nur als Chef seiner Reiterschaar, sondern als Befehlshaber eines kleinen Heeres, das er freilich selbst erst sammeln sollte. So brachte es die militärische Sitte der Zeit mit sich. Dem Monarchen, der eben über Luther die Reichsacht verhängt, lieh so dessen Verehrer und - wenn es seinem Willen nach gegangen wäre - dessen Beschützer seinen Arm. Ein in der That auf den ersten Blick überraschender Wechsel der Scene. Unwillkührlich sieht man sich nach Hutten um. Was konnte der heißblütige Kämpe zu einer solchen Vertagung des ihm am Herzen liegenden Kampfes sagen? Hieß es nicht gegen sein eigenes Fleisch wüthen, wenn man jetzt unter Karls Bannern focht? Gerade in Huttens Kreis war der Kampf gegen den Nachbar im Westen und seine Partisane äußerst populär. Dazu kam, daß Sickingen es nicht allein war, der noch Hoffnungen auf Karl setzte hinsichtlich einer bevorstehenden Wendung zu den Vertheidigern der neuen Lehre. Diese kurzsichtige Verblendung ist an sich schon ein vollgültiger Beweis, wie gering das Verständniß für reale Politik unter diesem ritterlichen Adel war. Freilich mochte es ehrlicher Geradheit nicht leicht werden sich allezeit in der gewundenen Politik des burgundischen Hofes zurechtzufinden.
So mag denn das Erstaunliche gesagt sein, daß Hutten sich von seinem Freund selbst zum Dienste des Kaisers anwerben ließ. Ob er jenem freilich ins Feld gefolgt ist, möchte sehr zu bezweifeln sein. Huttens Motive kümmern uns hier nicht. Jedoch drängt sich die Ueberzeugung auf, daß er zu meist, um dem Freund zur Seite zu bleiben und seinen Eifer für die gute Sache auch während des Feldzugs zu spornen, jenen Entschluß gefaßt hat. Daß er eine solche Ueberwachung noch immer für angebracht hielt, zeigt seine Strafpredigt im gleichen Sommer an Butzer, der, ohne den Freund zu befragen, seine Stellung bei Sickingen mit einem Dienst am Hofe des Pfalzgrafen Friedrich vertauscht hatte.
Man darf Angesichts des Ausgangs an dieser Stelle wohl die Frage aufwerfen: Kann Sickingen als ein guter General im modernen Sinn bezeichnet werden? So paradox es nun vielleicht erscheinen könnte, ist doch zu behaupten, daß seine Bedeutung auf einem anderen Felde zu suchen ist. Er hatte sich einen gefürchteten Namen gemacht durch den Ruf persönlicher Tapferkeit und kühner Unternehmungen. Es fehlte seinem Geist aber, wenn ich so sagen darf, der Sinn für das Planmäßige. Mangel an berechnender Voraussicht ist ohnedies charakteristisch für manche militärische Zeitgenossen. Man beachte z.B. auf wie unsichere Combinationen zuweilen Maximilian und Franz I. ihre Feldzüge gebaut haben. Kaum begonnen fehlte es oft an Geld oder, wie es Franz widerfuhr, der größte und geschulteste Theil seiner Infanterie ward durch politische Vorgänge seinen Fahnen entzogen. Der Grund dieser Erscheinung liegt in dem Werdeproceß der einzelnen Staaten sowohl, als in der reizbaren, fast fieberhaft bewegten Natur internationaler Beziehungen in jenen Tagen. Auch die Strategie selbst zeigte ein sonderbares Gesicht. Noch auf längere Zeit hinaus blieb das Vorkommen einer Feldschlacht beinahe Resultat freiwilliger Uebereinkunft oder des Zufalls: in Belagerungen fester Plätze erkannte man oft das eigentliche Ziel. Auch in dem Krieg, der Sickingen bevorstand, war das der Fall. Er hat in demselben keine Lorbeeren geerntet. Es scheint, daß er nicht nur selbst Pläne im größeren Styl nicht zu entwerfen verstand, sondern daß noch eine andere Eigenschaft ihm abging: die der Unterordnung und somit jede Möglichkeit fruchtbaren Zusammenwirkens mit Anderen. An die Ungebundenheit des adligen Lebens gewöhnt fiel es ihm nicht leicht sich in den Dienst zu schicken. Ein Edelmann von seinem Schlag konnte nicht, mit Verzicht auf politische Geltung, gleich einem aus anderem Holz geschnitzten Theil seiner Standesgenossen aus Fürstenhänden Glück und Ehre entgegennehmen. Er war zu stolz, um mit seinen Ketten zu klirren und des beruhigenden Glaubens zu leben Musik zu hören. Es giebt Menschen, die nur in Unternehmungen, welche durchaus ihrer Art zu denken entsprechen, zu Leistungen befähigt sind. Aus diesem Kreis herausgetreten bleiben sie selbst hinter bescheidenen Anforderungen zurück. Zu Diesen möchte ich Sickingen rechnen. Nur in freiester Ungebundenheit, gezügelt höchstens durch die Regeln ritterlicher Ehre, hatte er alle Hilfsmittel seines Geistes entfaltet, hatte er sich allen Wechselfällen gewachsen gezeigt. Im Dienst und im Kampf mit den Widerwärtigkeiten, die in Folge höherer aber aus der Ferne eingreifender Leitung einem Befehlshaber erwachsen, erlahmte seine Kraft. Er vermochte nicht auszuführen, was er nicht selber gedacht, nicht zu befehlen, während er gehorchte.
Der tiefgewurzelte Haß, welcher in dem König von Frankreich durch seine Niederlage bei der Kaiserwahl hervorgerufen war, mußte den Zeitgenossen den Grund abgeben für den verderblichen Krieg, der zwischen ihm und seinem glücklicheren Mitbewerber ausbrach. Wir sehen heute weiter. Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie viele Mißverständnisse zwischen Karl V. und Franz I. schwebten, wie zahlreiche Streitpunkte beide entzweiten. Zwischen Messina und London, zwischen dem Tajo und der Weichsel, welche politische Frage von einiger Wichtigkeit konnte da aufgeworfen werden, bei welcher beider Interessen nicht empfindlich an einander gestoßen, ihre Strebungen nicht unversöhnlich sich gekreuzt hätten? Der Boden, auf dem von Alters her die europäische Politik sich abspielte, schien zu eng für ein friedliches Nebeneinanderbestehen der Häuser Valois und Habsburg. Alle Verträge, in welchen man seit Jahren sorgsam beider Interessen gegen einander abzuwägen versucht, schoben nur den Eintritt der Krisis hinaus. Die sofortige Nichtachtung der kaum eingegangenen Verpflichtungen fügte den alten Klagen nur neue hinzu. Wie hätte man ernsthaft nachgeben können! Waren doch jedem der streitenden Häuser die Landstriche, welche man sich nicht gönnte, die Summen, welche man sich vorenthielt, die Ehren, die man einander versagte, nur ebensoviele Elemente zur Gewinnung einer vorwaltenden Stellung in Europa. Derselbe Tag, welcher der bereits vereinigten Macht von Oesterreich und Burgund einen neuen Zuwachs gab durch die königlichen Kronen von Kastilien und Aragonien mit ihren Nebenreichen in Neapel und den beiden Indien, gebar für Frankreich die Nothwendigkeit zu verhüten, daß nicht noch mittelst kaiserlicher Ansprüche der Rest der appeninischen Halbinsel in den Kreis dieser erstickenden Umschlingung dauernd hineingezogen würde. Der phantastische Plan Maximilians die Bretagne zu erheirathen, die von Karl nachher auf das Herzogthum Burgund geltend gemachten Forderungen zeichnen deutlich den Flug der habsburgischen Ideen. Der Kampf war unvermeidlich. Die an sich unscheinbarere aber concentrirte Macht des nationalen Königthums in Frankreich mußte sich messen mit dem ungeschlachten Koloß, der die Erbschaft Karls V. bildete. Gründe für ihre Ansprüche, Gründe für die Appellation an die Waffen waren auf beiden Seiten wohlfeil genug. Niemand mag gern als Störenfried erscheinen. Es könnte als glatte Rechnung gelten, hätte Franz zum Schwert gegriffen, weil unter Anderem Karl seiner vertragsmäßigen Pflicht nicht nachkam für seine von Frankreich abhängigen Grenzgebiete dem König Franz die Lehenshuldigung zu leisten. Andererseits schien doch die Keckheit blutige Ahndung zu heischen, mit der der Franzosenkönig als Herzog von Mailand dem gewählten Kaiser den Paß zum Römerzug versagte. Nur als vornehmer Reisender, d.h. ohne Heer, sollte er sich in der Weltstadt die Krone holen dürfen. Lange hielten beide an sich. Der Wunsch als der Bedrohte zu erscheinen hatte noch einen sehr reellen Grund. Immer wieder betonte König Heinrich VIII. von England, den Franz wie Karl mit Fug zu ihren Verbündeten zählten, seine Pflicht dem Angegriffenen beizuspringen. Der Bundesgenosse war ein wenig Zurückhaltung werth. Kein Theil ließ es an den scheinbarsten Deductionen seines Rechtes fehlen. Aber Frankreich in seinen Rüstungen vorgeschritten, mochte auf die Vortheile der Ueberraschung des Gegners nicht verzichten. Seine Politik zeigt darum ein doppeltes Gesicht. In allen Kundgebungen strömte man über von Friedensliebe; im Geheimen war man mit Gewandtheit bemüht dem Gegner auch gewaltsam Vortheile abzugewinnen und denselben durch unsichtbar geführte Stöße zur offenen Gegenwehr fortzureißen. Vortrefflich verstand man es dabei England gegenüber den unschuldig Gekränkten zu spielen. König Heinrich und sein Wolsey haben sich nicht täuschen lassen. Es war ihnen nicht schwer die Vermittlerstellung im geeigneten Augenblick mit der eines kaiserlichen Waffen- und Bundesgenossen zu wechseln. Ehe es dazu und mithin zu einem Waffengang im großartigsten Maßstab kam, fand gewissermaßen ein Vorspiel statt. In diesem hat Sickingen seine Rolle.
Wenn Frankreich durch einen maskirten Angriff auf die österreichischen Niederlande den Kaiser zum Losschlagen reizte, so genoß es zugleich einen weiteren Vortheil. Es ward Karl unmöglich gemacht seinem Wunsch gemäß in Rom sich krönen zu lassen und eine Verständigung mit dem Papst, die man zu hintertreiben allen Anlaß hatte, persönlich zu beschleunigen. Zugleich glaubte man ihn dadurch an der Reise nach Spanien zu hindern, woselbst, einer in seinem Kabinet stark vertretenen Meinung zufolge, seine Anwesenheit zur Unterdrückung der Unruhen dringend wünschenswerth war. Man rechnete um so sicherer auf das Gelingen des fein angelegten Planes als man der finanziellen Erschöpfung des Gegners gewiß zu sein meinte. So konnte man denn mit gutem Vertrauen die Meute loslassen, welche man bisher an der Koppel gehalten. Zur Unterstützung des Prätendenten von Navarra behauptete man durch den Vertrag von Noyon berechtigt, ja ersterem gegenüber verpflichtet zu sein. Die Urheberschaft eines zweiten Anfalls leugnete man einfach ab. Man machte es, erklärte der Kaiser damals den Kurfürsten, wie Leute, die einen Stein schleudern und dann die Hand zurückziehen. Nur Schade, daß die unschuldigste Miene zuweilen doch das schlechte Gewissen verräth.

Robert von der Mark, Herr zu Sedan und Herzog von Bouillon, der bei der Kaiserwahl so treffliche Dienste geleistet und noch bei der Krönung in Aachen seinem kaiserlichen Herrn aufgewartet, trägt nur wenige Monate nach dieser Kundgebung seiner Ergebenheit plötzlich eine seinem Oberlehensherrn entschieden feindliche Gesinnung zur Schau. Was trieb diesen unruhigen Kopf die erst vor nicht langer Zeit ergriffene Partei, an der sein Bruder, der Bischof von Lüttich, festhielt, so jäh zu verlassen, warum warf er sich wieder in die Arme des französischen Königs, von dem er sich doch schwer gekränkt glaubte? Die Sache ist an sich einfach genug. Vor geraumer Zeit war Streit entstanden um die zum Herzogthum Bouillon gehörige Burg Hierges in den Ardennen zwischen dem Fürsten von Chimay und dem Seigneur d'Emery. Der Lehensgerichtshof des Herzogthums, der den Anspruch erhob in höchster Instanz zu sprechen, entschied zu Gunsten des Erstgenannten, mit dessen Familie Robert von der Mark eng verschwägert war. Die behauptete "Souveränetät" des Gerichtshofes war nun freilich nicht über jeden Zweifel erhaben. Emery wenigstens, obwohl er den Franzosen zufolge nicht einmal rechtzeitig die Appellation eingewendet, gab seine Sache keineswegs verloren. Er besaß Connexionen am kaiserlichen Hof, die bis in die Familie des allmächtigen Chievres reichten, angeblich hätte er dem Kaiser selbst Verpflichtungen auferlegt: genug er wußte es durchzusetzen, daß der Hof von Brabant die Angelegenheit zur nochmaligen Entscheidung an sich zog. Es mag sein, daß das frühere Urtheil bereits Rechtskraft erhalten hatte: andernfalls müßte man das Verfahren in der Ordnung finden. Beide hadernde Parteien hatten als niederländische Vasallen ihren persönlichen Gerichtsstand an diesem Hof: das Herzogthum Bouillon, worin das strittige Gut gelegen war, galt als Reichslehen, der Herzog Robert war selbst Vasall des Kaisers als Herzog von Lützelburg. Die seit Langem im Besitz befindlichen Kinder des Fürsten von Chimay riefen, gegenüber der Wiedereröffnung des Processes und der ihnen gewordenen Vorladung, die Hilfe ihres Lehensherrn und Vormundes Robert von der Mark an. Dieser doppelten Pflicht sich bewußt wandte sich derselbe direct an den Kaiser. Karl fand die Veranlassung nicht darnach angethan in den Rechtsgang einzugreifen. Trotz alles Drängens konnte Robert keinen günstigen Bescheid erlangen. Vielmehr setzte sich in Folge eines, vermuthlich in contumaciam der abwesenden "Antworter", ergangenen Urtheils Emery mit gewaffneter Hand in den Besitz des strittigen Gutes. Da verlor Robert die Geduld. Als Herzog von Bouillon war er eidlich verbunden die Privilegien seiner "Pairs" und Lehensleute zu erhalten. Den rücksichtslosen Eingriff in seine wirklichen oder vermeintlichen Rechte wollte er nach so vielen geleisteten Diensten sich nicht gefallen lassen. Sein Unmuth ward genährt durch seine Gemahlin, eine Prinzessin des Hauses Chimay. Ein rascher Entschluß konnte den Riß heilen, der seit seinem Eintritt in den kaiserlichen Dienst unnatürlich seine Familie trennte. Sein ältester Sohn, der den Franzosen treu gebliebene Herr von Fleuranges, welcher seither die väterliche Schwelle nicht betreten, schürte im Verein mit den Damen des Hauses, die sich von französischen Sympathien erfüllt zeigen, den entfachten Brand. Mit offenen Armen ward der Reuige an dem mittlerweile durch Schaden klug gewordenen Hof des Königs aufgenommen. Es war wohl gethan den Herrn von Sedan und Bouillon mit Ehren zu überschütten. Sein Uebertritt raubte den niederländischen Besitzungen des Kaisers die natürliche Schutzwehr an der Maaß. Die Bedeutung dieser Position prägt sich am Klarsten aus in einem Gerücht, das kurz darauf am französischen Hof cursirte. Es ging nämlich das Gerede, Eberhard, Bischof von Lüttich, Roberts Bruder und ein eifriger Parteigänger des Kaisers sei gestorben. Sofort verlieh König Franz das jenem zugetheilte Bisthum Chartres an einen Sohn Roberts und sandte denselben nach Lüttich, um womöglich die Stimmen zu gewinnen; denn dann könnte man aus Frankreich in Herrn Roberts Gebiet, von da nach Lüttich und von da nach Geldern marschiren, ohne eins der kaiserlichen Lande zu berühren. Glücklicherweise lebte der Bischof noch, und Roberts eigene Macht war denn doch zu gering, um den Kaiser empfindlich zu schädigen. Vom französischen Hof ward ihm allerdings jeder bei Wahrung äußeren Scheines mögliche Vorschub gewährt, aber keine thätige Theilnahme. Viele junge "Gentlemen" des Hofes, die wußten, woher der Wind wehte, liehen ihm ihren Arm; seinen Werbungen ward auch sonst in Frankreich kein Hinderniß in den Weg gelegt. Da der Kaiser nur gereizt und beschäftigt werden sollte, ohne daß man große strategische Pläne befolgt hätte, konnte ein solcher Freibeuterzug vollkommen dem gehegten Zweck entsprechen. Vor einer heranrückenden Armee sollte sich Robert mit seinen Gehilfen nach Hause zurückziehen, nach dem Wiederabmarsch des Feindes sollte er sengend und brennend wieder vorgehen.


Es war nicht die Art des "Ebers der Ardennen" so vorsichtig Versteck zu spielen. Zwar daß er dem mächtigen Kaiser inmitten der Reichsversammlung zu Worms habe Fehde ankündigen lassen, ist freie Ausschmückung seines Thuns; aber allerdings ließ er ritterlicher Sitte gemäß der Stellvertreterin des Kaisers in den Niederlanden seine Absage thun. Wohl gleichzeitig begann er die Feindseligkeiten mit einem kleinen Heer, welches unter den Augen des französischen Königs in Frankreich, ja in Paris selbst zusammengebracht war. Außerdem waren Schweizer geworben, Artillerie führte Fleuranges herbei. Das Städtchen Virton im Luxemburgischen wurde berannt und beschossen. Unfähig den tapferen Widerstand der Einwohner zu überwinden, rächte sich Robert durch grausame Verheerung des kaiserlichen Landes. Der Erfolg konnte so gerade kein großer genannt werden, mit welchem zufrieden schon am 22. März 1521 der Herr von der Mark seinen Rückzug antrat. Die mehr oder weniger unfreiwilligen Befehle seines Soldherrn zwangen ihn dazu. England hatte bei diesem seine ernste Mahnung hören lassen.


Der König von Frankreich that nun, was den Verträgen zufolge gleich anfangs seine Pflicht gewesen wäre. Er verbot seinen Unterthanen sich für Robert anwerben zu lassen. Den Eidgenossen ließ er wissen, daß er mit dem Unternehmen, zu dem ihre Reisläufer gedungen, nichts zu thun habe. Die kurze Dauer des ganzen Einbruchs erleichterte ihm die der Welt gegenüber mit Hartnäckigkeit wiederholte Behauptung, daß er von vornherein die Absicht seines Untergebenen zu hindern sich bemüht habe. Glauben für eine so handgreifliche Verdrehung konnte er wenigstens in politischen Kreisen nicht erwarten. "Der Kaiser", berichtet der Herr von Fleuranges, "schlief indessen nicht." Und in der That hätte eine sehr kurzsichtige Verschlafenheit dazu gehört, um sich mittelst einer so groben List Sand in die Augen streuen zu lassen. Zum Himmel, so wird berichtet, habe Kaiser Karl dankend die Hände erhoben, als er die Kunde vernahm, und ausgerufen: "Ich danke dir Gott, daß ich diesen Krieg nicht begonnen habe und daß dieser König von Frankreich mich größer zu machen sucht als ich bin. Dank dir, daß du mir Mittel gegeben hast mich zu vertheidigen. Binnen Kurzem, hoffe ich, werde entweder ich ein armer Kaiser sein oder er ein armer König von Frankreich." So erzählte man sich. Es ist nicht des Kaisers Art seine Gefühle so kundzugeben. Mit aller Schärfe faßte er die politische Seite der Frage. Er erklärte den Angriff Roberts auch auf einen seiner Vasallen für einen Bruch der Verträge. Denn nur gegen Emery, der Hierges widerrechtlich occupirt, war nach französischer Auslegung Roberts Fehde gerichtet. Frankreich seinerseits sah in dieser bedingten Erklärung eine Kriegsansage. Gewandt wußte es sich auch in die Rolle des Angegriffenen zu schicken. Es begannen nun Unterhandlungen von keiner Seite mit rechtem Ernst geführt und nur mit Rücksicht auf den Willen Englands hingesponnen, welches aus seiner Stellung zwischen den Gegnern möglichst Vortheil für sich herauszuschlagen suchte.

Aber von dem schwankenden Ausgang diplomatischer Besprechungen konnte Karl V. die gebührende Ahndung des kecken Friedbruches nicht abhängig machen. Auch militärisch war es wichtig für den Fall des großen Kriegs jene Position zwischen der mittleren Maaß und dem Ardennerwald in der Hand zu haben. Ehrenhalber schien es dazu erforderlich die Züchtigung des übermüthigen Vasallen nicht aufzuschieben. Mit dieser Aufgabe ward daher Graf Heinrich von Nassau betraut, ein Mann, der bisher vorzugsweise im diplomatischen Dienst thätig gewesen war. Zur Unterstützung ward ihm Graf Felix von Werdenberg beigegeben, dessen Besitzungen bei Roberts räuberischem Einfall gleich denen des Kaisers behandelt worden waren. Die verwandte Truppenzahl war anfangs eine nicht bedeutende, erst während der Operationen ward dieselbe auf eine entsprechendere Stärke gebracht. Unter diesen Umständen war es besonders werthvoll, daß der eine der beiden Brüder Mark, Eberhard Bischof von Lüttich auch jetzt treu auf kaiserlicher Seite ausharrte; besonders seine Artillerie kam trefflich zu Statten. Nassaus Plan scheint es weniger gewesen zu sein, der strategisch wichtigen Stellung an der Maaß sich zu bemächtigen und dadurch den Herrn von Sedan von der Verbindung mit Frankreich abzuschneiden, als vielmehr der Deutschland und den Niederlanden näher gelegenen Burgen Roberts sich zu versichern. Es mag dahingestellt bleiben, ob er schon dadurch den trotzigen Sinn des Gegeners zu brechen meinte oder ob er sich zu der weiteren Aufgabe noch zu schwach dünkte. Vielleicht hat man auch schon hierin die Neigung zu einer vorsichtig-pedantischen Kriegsführung zu erkennen, welche nachher ein Hauptgrund zu dem für den Verlauf verhängnißvollen Zwist mit Sickingen ward.

Um Mitte April 1521, so scheint es, nachdem die feindlichen Truppen sich bereits zurückgezogen, brach Nassau los und warf sich zunächst auf Loignes. Nach anderthalbtägiger Beschießung ward das Schloß gestürmt und nach der Einnahme zerstört. Dann näherte er sich Werdenberg, der indessen über Florenville den Weg auf das feste Messincourt genommen hatte. Den vereinten Anstrengungen beider vermochte dieser unweit Chiers gelegene Platz nicht lange zu widerstehen. Nach tapferer Vertheidigung fiel der Ort in ihre Hände. Wie schon bei Loignes hielt Nassau auch hier über die Besatzung strenges Gericht. Kaiserliche Unterthanen, die unter den feindlichen Fahnen betroffen, wurden gehangen. Die Befestigungen wurden geschleift. Statt sich nun direct auf Sedan zu wenden, folgte Nassau südwärts erst dem Chiers und dann dem Loison, um Jametz anzugreifen, eine der Festungen des Feindes, die er unvorbereitet wähnte. Darin täuschte er sich. Weit rühriger als er selbst, war die Gegenpartei unter Führung der drei Söhne Roberts, der Herrn von Fleuranges, Jametz und Saucy. Durch glückliche Scharmützel mit der Besatzung von Ivois und Streifzüge in den Rücken des Feindes suchten sie diesem Abbruch zu thun. Vergeblich war dagegen der älteste der Brüder bei König Franz thätig gewesen, der zum Schutz seiner Grenzen bei Attigny ein Heer zusammenzuziehen begann. Die Weigerung des französischen Hofs etwas für den gefälligen Bundesgenossen zu thun, entmuthigte in keiner Weise dessen Kühnheit. Während Nassau mit methodischer Langsamkeit sich Jametz näherte, war es Fleuranges gelungen ihm zuvorzukommen, indem er mit den von Frankreich unter seinen Befehl gestellten gens d'armes Nachts unweit der Stellung Nassaus vorbeimarschirte und sich in die bedrohte Festung warf. Der kaiserliche Feldherr fand hier alles so gut zu seinem Empfang vorbereitet, daß er vorzog nach kurzem vergeblichen Versuch die Einschließung aufzugeben. So war, wie Fleuranges mit gerechter Genugthuung hervorheben durfte, zum großen Vortheil der französischen Grenze, nicht allein Sedan sondern auch Jametz durch rechtzeitige Maßregeln gerettet worden. Nassau wagte nicht die Kette von Befestigungen zu durchbrechen, die schon damals Frankreichs Nordostgrenze deckten. So wandte er sich ostwärts gegen Fleuranges (Floringen) bei Diedenhoven, die Burg, von der Roberts ältester Sohn den Namen trug. Hier commandirte der Seigneur de Jametz. Seine Landsknechte, durch Nassaus Drohungen eingeschüchtert, übergaben sich und das ihrer Obhut anvertraute Schloß. Auch diese ward rasirt. Dann trat eine längere Pause ein. Ehe das Schwert wieder zu thun bekam, hatte der Kampf einen anderen Charakter angenommen. Die Zwischenzeit im Juni und Juli 1521 ist ausgefüllt durch die Bestrebungen des englischen Ministers Wolsey beide Parteien zu einer Waffenruhe behufs einer unter seiner Vermittlung zu veranstaltenden Friedensconferenz zu bewegen. Aber seinen Wünschen auf Waffenstillstand setzten sich trotz aller Zusagen die Verhältnisse entgegen. Karl glaubte sich an sein anfänglich gegebenes Wort nicht mehr gebunden, nachdem die Franzosen in Navarra eingefallen waren und Pampeluna genommen hatten. Franz fühlte sich zu sehr im Vortheil, um gern den günstigen Moment entschlüpfen zu lassen. Seine Rüstungen waren vollendet. In Mailand und Guienne, in der Champagne wie in der Picardie hatte er Armeen aufgestellt. Er meinte auch aus den neuesten Vorgängen Grund zur Klage zu haben. Es scheint, daß bei dem Vorgehen wider Mark nicht immer die französische Grenze genügend respectirt worden ist. Gefangene waren von kaiserlichen Streifen in Artois und der Picardie gemacht worden. Inzwischen war auch die kaiserliche Armee unter Nassau recht eigentlich erst aufgestellt worden. Von allen Seiten strömten derselben Verstärkungen zu. Wo die Werbetrommel gerührt ward, war man überzeugt, daß es gegen Frankreich ginge und freute sich dessen. Ueberall im Südwesten, wo die angeworbenen Landsknechtschaaren passirten, um sich nach dem Sammelpunkt Lützelburg zu begeben, schloß sich ihnen an, was Kraft und Lust verspürte mit dem Franzmann den Tanz zu wagen. Seit Ende Juli 1521 hört man überallher von solchen Durchzügen. Nicht ganz unbegründet ging das Gerücht der Kaiser selbst wolle gegen den westlichen Nachbar zu Felde ziehen. Wolsey hielt es für nothwendig mit Hinweis auf die Ungewißheit des Erfolgs den jungen Kaiser zu warnen. Niemand anders als Franz von Sickingen war es, welchem Kaiser Karl sich anzuschließen dachte.
Der Ritter saß, seines Leibes zu pflegen, in guter Ruhe im Wildbad, als die kaiserliche Aufforderung an ihn gelangte, Truppen zu Roß und zu Fuß anzuwerben und ins Feld zu führen. Mit 2000 Reissigen und 15000 Mann zu Fuß sollte er Ende Juli 1521 bereits in Diedenhoven sein. Sickingen nahm das ruhmversprechende Anerbieten an.

Der Kaiser war freilich nicht in der Lage seinem General die nöthigen Summen zur Aufbringung einer Kriegsmacht zur Verfügung zu stellen. Sickingen, dem derselbe ohnedies noch 20000 Gulden schuldete, sollte auf seinen Credit Herrn und Knechte anwerben. Bei der vorschriftsmäßigen Stärke des Heers keine gewöhnliche Zumuthung an einen einfachen Edelmann! In der That konnte es hier mit einem Bestallungsbrief für den Ritter, wie man ihn sonst einem Kriegsobrist ertheilte, nicht gethan sein. Sein vertrauter Diener Peter Scher ging daher selbst nach Brüssel und erhielt aus des Kaisers Mund die Zusicherung, daß er sich auf seine Ehre zur Erstattung der aufgewendeten Mittel verpflichte. "Franziscus", schrieb Karl V. eigenhändig unter die nunmehr erst ausgefertigte Bestallung, "thut darin Euer Bestes, wir werden Euch gute Treue halten und es anerkennen."
Sickingen zögerte nun nicht länger. Er konnte um so weniger im Zweifel sein, weil er nach dem Wortlaut seiner Vollmacht ausdrücklich zum Krieg gegen den König von Frankreich bestimmt war. Er brauchte so nicht bedenklich zu sein wegen etwaiger Verwendung gegen Robert von der Mark, seinen Bundesgenossen. Vielleicht erfolgte die ausdrückliche Angabe des Kampfziels auf Sickingens Wunsch. Eigenthümlich wäre sonst diese ganz bestimmte Anwerbung "gegen den König von Frankreich" so lange beide Monarchen noch von friedlichen Betheuerungen überflossen. Freilich dauerte letzteres auch dann fort, als schon die offenen Feindseligkeiten begonnen hatten. Solche Doppelzüngigkeit galt damals der hohen Politik für nothwendig und weise. Mindereingeweihte können freilich ihr Erstaunen nicht bergen.
Die ursprüngliche Idee Karls an der Spitze des sickingischen Heers selbst gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen war, wenn ernsthaft gehegt, bald aufgegeben worden. Der junge Kaiser begnügte sich damit die Herrn seines Haushalts und seine Pensionäre aufzubieten, um in den Niederlanden für den Nothfall eine Art fliegender Reserve zu bilden. Denn außer dem Operationsheer Nassaus, zu dem Sickingen stoßen sollte, ward im Hennegau auf den Rath Wolseys noch ein zweites gebildet, um Flandern zu decken. Für beide sollte jene Reiterschaar einen Rückhalt abgeben.
Ende Juli 1521 spätestens war Sickingen kriegsbereit. Nach einer Nachricht haben Dietrich von Spät, die Grafen Eitelfritz von Zollern und Geroldseck unter ihm gedient. Um Anfang August 1521 fand im Luxemburgischen die Vereinigung der einzelnen Truppentheile statt. Der Ritter musterte hier einen stattlichen Heerhaufen. Zwar ist derselbe trotz mehrfach höherer Angaben schwerlich so stark gewesen als die aufgetragene Anzahl ausdrückte. Nicht nach Köpfen sondern nach Gagen war der Auftrag bemessen, so daß, da Hauptleute und Doppelsöldner mit eingerechnet werden sollten, die Gesammtziffer sich entsprechend niedriger stellte. Das stimmt mit den besten Zeugnissen, denen zufolge Sickingen etwa 15000 Mann ins Feld führte, 12000 Fußsoldaten und gegen 3000 Reiter. Es waren Truppen, von denen man das Beste erwarten durfte.
Inzwischen hatte Graf Nassau die Ruhe dazu benutzt, um auch unmittelbar Verstärkungen an sich zu ziehen, meist Niederdeutsche, oder Burgunder wie die Quellen sagen. Schon vor Sickingens Eintreffen hatte er sich wieder in Bewegung gesetzt, um die unvollkommenen Ergebnisse des ersten Angriffs zu vervollständigen. Durch Ueberrumpelung fiel Bouillon in seine Hand. Es blieben dem Herzog dieses Landes nur noch Jametz und sein Hauptsitz, das für uneinnehmbar gehaltene Sedan an der Maaß. Statt direct von Norden her auf dieses Bollwerk loszugehen, nahm Nassau seinen Weg wieder in das Lützelburgische, um von Südosten her Sedan sich zu nähern. Durch diese Bewegung ward die Vereinigung mit Sickingen um Mitte August 1521 vollzogen. Dem Lauf des Chiers folgend, der südlich von Sedan in die Maaß sich ergießt, marschirte nun Nassau auf Sedan selbst. Man glaubte wohl sich von dem Eber der Ardennen, der sich so auf seinen letzten Schlupfwinkel beschränkt sah, eines zähen Widerstands versehen zu müssen. Es sollte anders kommen. Zwar fand ein lebhafter Verkehr statt zwischen den Angegriffenen und dem französischen Hof; zwar hatte sich auf die erste Kunde von dem Nahen des kaiserlichen Heeres auch der so eifrig französisch gesinnte Fleuranges in die Festung geworfen: dennoch fand es Herr Robert unbehaglich alle Kräfte Deutschlands, wie man damals sagte, auf dem Arm zu haben. Es scheint, daß König Franz aus Gründen höherer Politik auch jetzt noch nicht wagte dem Kaiser bei seinem Vorgehen gegen den ungehorsamen Vasallen offen entgegenzutreten. Gar wunderbar wechselten die Stimmungen an diesem Hof. Gerade jetzt hatte Franz I. England gegenüber sich zum Waffenstillstand verpflichtet. Sollte sich Robert nach Verlust seiner letzten Feste ganz von der Gnade des Königs abhängig machen? Wir kennen ja seinen Wahlspruch es mit den Unterirdischen zu versuchen, wenn die Olympier ihn im Stiche ließen. Um so weniger Schwierigkeit mochte ihm ein Entschluß kosten, da im feindlichen Lager ein Freund des Hauses sich befand. Sickingen war es, der Unterhandlungen anknüpfte, während Nassau, wohl auf seinen Wunsch, unbeweglich im Lager zu Doncy verharrte. Nachdem beiderseitig Sicherheit gewährleistet war, fand in einem Dorf zwischen Stadt und Lager eine Unterredung zwischen Robert und Sickingen statt, die an einem der folgenden Tage wiederholt werden mußte. Da ward denn, indem ein vornehmer Bote des Königs Franz, der gerade mit Briefen in Sedan eingetroffen war, das mit ansehen mußte, Waffenstillstand geschlossen für sechs Wochen zwischen dem Kaiser und dem Herrn von Sedan. Nur Fleuranges wollte davon nichts wissen und zog mit seiner Gensd'armerie ab nach Frankreich. Sein Vater hingegen schien der Absicht nicht fremd auch nach Ablauf der Waffenpause dauernd in ein gutes Verhältniß zum Kaiser zurückzukehren.
So war mit wenig Blutvergießen der öffentlich kundgegebene Zweck des Krieges erreicht. Wohlfeile Lorbeeren hatten die kaiserlichen Feldherrn errungen. Sollten es die einzigen sein, und sollte mit denselben das stattliche Heer, das sie führten, sich begnügen? Es waren doch reichlich 30000 Mann, die kampfesfroh an der französischen Grenze aufgestellt waren. Außerdem stand in Italien die Vereinigung kaiserlicher und päpstlicher Truppen zum Angriff auf Mailand in sicherer Aussicht; Navarra, welches nebst der Hauptstadt Pampeluna De L'Esparre mit 6000 Franzosen erobert, war ihm durch die Spanier auch ohne Unterstützung ihres Königs wieder abgerungen worden. Im sicheren Vertrauen auf seine sich sammelnden Schaaren sowie auf die nicht fehlende Bundesgenossenschaft Englands wollte jetzt Karl den Krieg, der ihn, so hoffte er, mit einem Male aller Verbindlichkeiten entledigen werde. Es war nur Convenienz gegen den hohen Vermittler, Heinrich VIII., daß bisher die burgundischen Waffen noch nicht in den Nordosten Frankreichs getragen worden waren. Man hatte aber nur noch die Wahl anzugreifen oder selbst demnächst überzogen zu werden. Rastlos hatte Franz I. seine Rüstungen vervollständigt. In Burgund und der Champagne hatte er persönlich zum Rechten gesehen. In Italien ward Lautrec verstärkt, nach Guienne ward, um d'Esparres Scharte auszuwetzen, der Admiral Bonnivet gesandt. Eine dritte Heeresabtheilung führte in der Picardie der Herzog von Vendome, während Karl von Bourbon und der Herzog von Alencon in der Champagne befehligten. Nach den jüngsten Verträgen hatte man eidgenössische Hilfstruppen die Hülle und Fülle; besondere Aufmerksamkeit ward gewidmet der Deckung der Maaßlinie und des erst seit 1518 von den Engländern erworbenen Tournay mit dem zugehörigen Gebiet. König Franz selbst schätzte seine hier aufzustellende Macht auf etwa 30000 Mann Fußvolk und 2000 Lanzen, letzteres wohl übertrieben. Dazu noch die Besatzung der in gutem Stand befindlichen Festungen.

Beide Gegner erhielten während des Kampfes fortwährend Zuwachs an Streitkräften. Französischerseits wollte man noch nicht recht an einen offenen Angriff des Kaisers glauben. Man meinte er werde es so gut wie Frankreich vorher mit dem Parteigängerkrieg versuchen. Man wähnte gerade Sickingen zu dieser Rolle ausersehen. Dieser freilich war zu anderem Thun bestimmt. Nichts destoweniger ist's doch von Interesse an den fast vergessenen Namen des Mannes wieder zu erinnern, der zuerst die Thätlichkeiten unmittelbar wider Frankreich begonnen. Er hat damit das Signal zu einem langen und verderblichen Kampf gegeben. Anton von Ligne, Graf von Fauquembergue (Falkenberg) sah sich seit 1518 durch Frankreich aufs Gröblichste in seinen Interessen verletzt. In genanntem Jahr hatte England an Frankreich Tournay nebst Gebiet sowie St. Amand und Mortagne abgetreten. Letztere Stadt gehörte seit 1513 durch Kauf vom Herzog von Suffolk dem Baron von Ligne. Derselbe dachte nicht daran gutwillig auf seine Ansprüche zu verzichten, sondern war entschlossen sich mit Gewalt zur Wehr zu setzen. Aber da ihn auch der jugendliche Herrscher von Spanien und Burgund, dem damals die Pflege der Freundschaft mit Frankreich und Erhaltung guter Nachbarschaft nothwendig schien, zur Ruhe verwies, blieb ihm nichts übrig als sich vorerst in das Unvermeidliche zu fügen. Es begreift sich aber, daß dem schwer Gekränkten beim ersten Nahen eines Zerwürfnisses zwischen Franz und Karl das Schwert in der Scheide locker ward. Schon in der zweiten Hälfte Mai 1521 erbat er, wie der im gleichen Fall befindliche Seigneur d'Emery Urlaub vom Kaiser, um den Franzosen zu bekriegen. In der That ist es ihm auch vergönnt worden den ersten Streich zu führen. Während die kaiserliche Kriegsmacht noch mit der Züchtigung des Herzogs von Bouillon beschäftigt war, nahm er mit kühnem Handstreich das altberühmte St. Amand, um welches er mit dem Cardinal Louis de Bourbon haderte. Dann warf er sich auf Mortagne, das freilich erst etwas später erlag.
Alle diese Dinge gingen vor, während die französischen Gesandten in Calais auf den Cardinal Wolsey harrten, der von da sich nach Brügge zum Kaiser begeben hatte, angeblich, um denselben zu friedlicheren Entschlüssen zu stimmen. Streifzüge, wie die bisher angedeuteten, ließen sich allenfalls noch in officiellen Schriftstücken als Privatfehden, für die man keine Verantwortung übernehmen könne, hinstellen. Das öffentliche Recht war darin damals ziemlich nachsichtig. Hatte doch auch Franz I. nicht nur Robert von der Mark auf den Kaiser gehetzt, sondern letzterer machte auch mit Nachdruck die Klage geltend, daß seine Couriere und Briefe auf französischem Boden verschwunden seien. Also gewiß keine leichte Verletzung des zwischen beiden Monarchien bestehenden Friedens. Auch jetzt erfolgte noch keine Kriegserklärung: sondern Unterhandlungen und Feindseligkeiten gingen ruhig neben einander weiter. Noch auffallender aber ist es und - wenn es dessen bedürfte - ein neuer Beweis für die Unvermeidlichkeit des Kampfs zwischen Karl V. und Franz I., daß die militärischen Erfolge so wenig Einfluß ausüben auf die Verhandlungen in Calais. In ermüdender Eintönigkeit schleppen sich dieselben Monate lang fort, Städte werden belagert und erobert, Heere dringen vor und müssen sich zurückziehen; auf die Diplomatie bringt alles das keinen Eindruck hervor. Auf diesem Feld waren sich die Gegner um keines Zolles Breite näher gekommen. Es war eben einer jener Kriege, die bis zur gänzlichen Erschöpfung beider Theile ausgekämpft werden müssen.
Es bedarf keines Beweises, daß Nassau und Sickingen nur erhaltene Befehle ausführten, als sie nach der Capitulation Sedans auf französisches Gebiet übertraten und ihren Marsch stromaufwärts gegen Monzon richteten. Die Corps beider Feldherrn bildeten, wie es scheint, auch ferner gesonderte Ganze. Die Verhältnisse der kleinen Maaßfestung waren einem Angriff nicht ungünstig. Noch war die französische Ostarmee nicht planmäßig vervollständigt; die Schweizer waren erst im Anzug. Der Herzog von Alencon hatte eine Zeitlang mit einem größeren Heerestheil zur Abwehr feindlicher Angriffe bei Monzon gestanden, dann aber sich gegen Rheims zurückgezogen. So war der Commandant der nicht sehr starken Festung auf seine eigenen Hilfsmittel angewiesen. Die Besatzung bestand aus etwa 1500 Mann Fußvolk und 120 Lanzen. Auch soll es an Geschützen und Lebensmitteln gefehlt haben. Das Schlimmste war der schlechte Geist der unter der Besatzung eingerissen war und die offenbare Kopflosigkeit des an sich tapferen Commandanten, Seigneur de Montmor. Anfangs durch beruhigende Zusicherungen eingeschläfert, vermochte er dann nicht dem deutsch-burgundischen Heer den Uebergang über die Maaß zu wehren, ja beinahe nicht einmal seine Festung vor Ueberrumpelung zu bewahren. Eine von Sickingen ausgehende Aufforderung zur Uebergabe lehnte er ab. Er sei entschlossen den Platz zu halten, den sein König ihm anvertraut. In französischen Kreisen glaubte man oder gab sich wenigstens den Anschein, als ob Monzon Jahr und Tag eine Belagerung bestehen könnte. Man sollte bald schmerzlich eines Besseren belehrt werden. Die kaiserlichen Feldherrn begannen unverzüglich den Ernst zu zeigen. Auf den nordöstlichen Höhen nach Carignan hin ward die eine, auf den Wiesen im Westen jenseits des Flusses die andere große Batterie errichtet. Die Beschießung war wirksam genug. Die Kugeln aus der westlichen Batterie flogen über Fluß und Stadt hinweg und trafen die Vertheidiger der östlichen Mauer. Diese, zum Theil junge, kriegsungewohnte Truppen, empfanden es sehr übel sich so zwischen zwei Feuer genommen zu sehen. Nach kurzer Frist sah sich Montmor, um Schlimmeres zu vermeiden, gezwungen Unterhandlungen anzuknüpfen. Die durch einen Parlamentär überbrachte Bitte um Einstellung des Bombardements zum Zweck einer Besprechung ward zurückgewiesen. Der Commandant beging die Unvorsichtigkeit, die ihm schweren Vorwurf zuzog, zugleich mit seinem Stellvertreter, dem obersten Hauptmann des Fußvolkes, sich ins feindliche Lager zu begeben. Bei solcher Beflissenheit dem Kampfe ein Ende zu machen, war eine Verständigung nicht schwer. Nach nur zweitägiger Beschießung capitulirte die Besatzung gegen freien Abzug, jedoch mit Hinterlassung von Pferd und Harnisch sowie aller Waffen, nur den Stab in der Hand.
Die rasche und glückliche Waffenthat machte das größte Aufsehen. Mächtig hob sich der Muth der Kaiserlichen. Schon prophezeite man der Festung Mezières ein gleiches Schicksal. Nicht wenig erfreut waren auch der Cardinal Wolsey, der so eben in Brügge heimlich mit dem Kaiser zum Abschluß gekommen war, und sein königlicher Herr. Letzterer konnte sich das Vergnügen nicht versagen den ihm zugesandten Brief Nassaus, der leider nicht erhalten zu sein scheint, den Herrn seines Hofes vorzulesen. Franz I. suchte den Erfolg möglichst zu verkleinern. Seine Gesandten in Calais nahmen absichtlich eine um so höhere Miene an. Sie trugen die zuversichtliche Erwartung zur Schau, daß der weitere Verlauf des Kriegs ein ihnen günstigerer sein werde. Noch sei nicht aller Tage Ende. Wenig prahlen und gut ausführen, das sei im Krieg die richtige Maxime. Im Geheimen verbargen sie sich aber nicht den üblen Eindruck des fatalen Schlags. Gegen den unglücklichen Commandanten insbesondere war man an hoher und höchster Stelle sehr aufgebracht. Furcht sollte ihn zu ehrlosem Benehmen verleitet haben. Kaum fand sich eine Stimme, die dem Gescholtenen gerecht ward und den mißlichen Umständen, unter welchen er unterlegen, Rechnung trug.
Sickingen hatte an dem Erfolg seinen vollgemessenen Antheil. Nach dem einzigen etwas ausführlicheren Bericht, welchen wir besitzen, hatte er seine Stellung in der Ebene, woselbst jene verderblich wirkende Batterie errichtet war. Um so mehr glaubte er sich berechtigt und verpflichtet auch seine Meinung geltend zu machen, als in Frage kam, was nun weiter zu thun sei. Wohin sollte, nachdem die eroberte Stadt mit einer Besatzung versehen, das Heer seine Operationen richten? Entweder man setzte vorsichtig auf der Operationsbasis verharrend den Belagerungskrieg gegen die Grenzfestungen systematisch fort, oder man versuchte mit gesammter Macht im Innern Frankreichs dem Krieg ein Ende zu machen. Letzterer Gedanke ist nicht so modern als man glauben sollte. Franz von Sickingen war sein vornehmster Vertreter im kaiserlichen Heer. Ueber die Erwägungen, welche ihn leiteten, ist nichts überliefert. Vielleicht hielt er in Anbetracht des Umstandes, daß Monzon nicht unterstützt worden war, das französische Hauptheer für schwächer als es war. Allerdings konnte, falls die französischen Rüstungen noch nicht vollendet waren, ein energischer Vorstoß auf den Sammelpunkt Rheims verhängnißvoll wirken. Rieth doch eben damals auch der Cardinal Wolsey dem Franzosenkönig dringend von dem Wagniß einer Feldschlacht ab. Außer dem erwarteten Nachtheil für den Feind mochte Sickingen aus einer kraftvollen Offensive noch besondere Vortheile für sich erhoffen. Es wird später nachgewiesen werden, daß ihm aus der kaiserlichen Kasse keine Zahlungen geleistet wurden, so daß er seinen Truppen gegenüber in starke Verlegenheit kam. Die Idee dürfte ihm deswegen nahe gelegen haben seine Soldaten auf Feindes Kosten in Feindes Land zu ernähren. Der schließliche Erfolg würde bei Ausführung seiner Absicht freilich mehr als zweifelhaft gewesen sein. Eins aber darf als sicher betrachtet werden: Sickingen würde auf Jahrhunderte hinaus seinem Namen in Frankreich einen Klang gegeben haben, wie er sich mehr als hundert Jahre später an das Andenken Johanns von Werth knüpfte, vor dessen Reiterschaaren in Paris der Cardinal Richelieu selbst erzitterte. Sickingens Idee einer kühnen Offensive fand in dem bedächtigeren Nassau einen Gegner. Derselbe wollte zunächst die Grenzfestungen in sichere Hut nehmen. Der Gedanke mit einer an sich nicht überzahlreichen Macht ins Herz des volkreichen Frankreich vorzudringen erschien ihm abenteuerlich. Es war zu fürchten, daß die Franzosen beim weiteren Vormarsch die Kaiserlichen von allen Verbindungen in der Weise abschneiden würden, daß ihre Existenz gefährdet wäre.
Sehr berechtigte Bedenken eines Feldherrn! Aber bei der Gesammtlage der politischen und militärischen Dinge wäre es vielleicht doch das richtige gewesen den Feind zu überraschen und zu schlagen, ehe er vollkommen Herr seiner Kräfte war. Die pedantische Kriegsführung Nassaus hat dagegen demselben die Zeit gelassen, die er bedurfte. Das durch eine lange ergebnißlose Belagerung physisch und moralisch geschwächte Heer der Kaiserlichen war dann nicht mehr im Stande der Wucht des Angriffs zu widerstehen. - Graf Nassau war in der Lage seinem Willen Geltung zu verschaffen. Sickingen mußte sich fügen. Es ward beschlossen wieder stromabwärts sich zu wenden und die Festung Mezières anzugreifen, welche für nicht weniger verwahrlost galt als ihre bereits überwältigte Schwester an der Maaß. Fiel auch diese Schutzwehr in die Gewalt des kaiserlichen Heers, so hätte kein weiteres Bollwerk dem Einmarsch in die Champagne Hindernisse bereitet. Entweder sofort oder, wenn die Jahreszeit zu weit vorgerückt schien, mit aller Ruhe im nächsten Frühling konnten dann die burgundischen Banner auf altfranzösischem Boden entfaltet werden. Aber in Frankreich war man durch den erlittenen Schaden gewitzigt worden. Es geschah alles Mögliche, um die Feinde schon beim ersten Theil ihres Planes scheitern zu lassen.
Es kam darauf an, dieselben, welche sich so freiwillig vor Mezières an die Kette legten, recht lange daselbst festzuhalten. Ein glücklicher Griff gelang da dem König Franz. Er sendete der bedrohten Festung nebst den nöthigsten Verstärkungen einen Mann zum Befehlshaber, dessen Eigenart das Vertrauen rechtfertigte, daß er auf der letzten Bresche sterben werde, falls es ihm nicht gelinge seinen Posten bis zum Nahen des Entsatzes zu halten. Keinen besseren hätte er finden können zu dieser gefährlichen Ehre als "den guten Ritter ohne Furcht und Tadel", Pierre Bayard. Nicht um hunderttausend Thaler wäre dem kühnen Mann dieses Commando feil gewesen, berichtet sein Begleiter und Geschichtsschreiber, der sich den loyal serviteur nennt. Sein glühendster Wunsch war stets seinem Herrn zu dienen und Ehre dabei zu gewinnen. Als von den jungen Soldaten, die er mit sich in die Festung geführt, gleich beim Beginn des Bombardements ein Theil über die Mauern das Weite suchte, sprach er den Gebliebenen darüber seine Freude aus, weil sie bei einer noch größeren Zahl von Vertheidigern keine Ehre für ihren Widerstand gehabt haben würden. "Viel Feind' viel Ehre" war, wenn nicht sein Wahlspruch, doch die Grundanschauung seines Denkens. Er wußte die ganze Besatzung mit ähnlichem Geist zu erfüllen. Seine Soldaten glaubten ihm, wenn er die Aufforderung zur Kapitulation mit den Worten zurückwies, daß er, bevor er von seinem Abzug aus der ihm anvertrauten Stadt hören wolle, sich dazu eine Brücke von todten Feinden zu machen gedenke.
Man mag es ein eigenthümliches Zusammentreffen nennen, daß die bedeutendsten Repräsentanten des scheidenden Ritterthums in Deutschland und Frankreich, Sickingen und Bayard, sich so feindlich gegenübergestellt sahen. Bayard, durchaus Franzose vom Scheitel bis zur Sohle. Tapfer und edelmüthiger Aufwallungen fähig, dabei aber ebenso eitel als großsprecherisch. Sickingen kann nicht in gleicher Weise als Vertreter deutscher Art angesehen werden, die Dank ihrer vielgestaltigen Entwickelung keine Charaktere von so typischer Bedeutung hervorgebracht hat. Im Ganzen war Sickingen eine vielseitiger angelegte Natur. Sein Geist wagte sich an die höchsten Probleme. Der Wissenschaft war er ein mit eindringendem Verständniß begabter Verehrer, den Gelehrten ein warmer, aufopfernder Freund. So wenig er seine eigene Bedeutung unterschätzte, so sehr war ihm doch jede Ruhmredigkeit fremd. Alles gemachte, aufgeblasene Wesen verabscheute er bescheidenen Sinnes. So wohlthuend, ja bezaubernd seine Conversation sein konnte, so wenig liebte er es über sein eigenes Thun viel Worte zu machen. Dabei war er ebenso tapfer wie bescheiden und gleich Bayard gewaltthätig oder großmüthig, wie es der Augenblick mit sich brachte. Dagegen bewirkt seine Thätigkeit nicht in dem Maß wie die seines französischen Standesgenossen den Eindruck selbstloser Hingabe und uneigennütziger Aufopferung. Es lag das zum Theil an der sehr verschiedenen Entwicklungsphase, in welcher Frankreich und Deutschland sich befanden. Während letzteres dem ausgesprochensten Territorialsystem mit vollen Segeln zusteuerte, hatte sein westliches Nachbarland sich zu politischer Einheit zusammengeschlossen. Das starke Königthum, welches der Hebel der Umwälzung gewesen war, übte natürlich eine viel energischere Anziehungskraft auch auf die strebsamen Talente in der Nation aus. In Deutschland hat Sickingen zwischen französischem Einfluß und habsburgischer Herrschaft, zwischen kaiserlichem Regiment und autonomistischen Gelüsten scheinbar principlos hin und her geschwankt. Bayard ist dem Haus der Valois mit unerschütterlicher Standhaftigkeit zugethan. Der Edelmann geht bei ihm völlig im Soldaten auf, indem nur die Rauheit des Berufs durch ritterliche Sitte geglättet wird. Kein Sonderbestreben trübte seine rein patriotische Leistung. Nach einem Leben voll rühmlichster Tapferkeit endete er auf italienischem Schlachtfeld fest und treu bis zum Tod. Wie anders Sickingen!

Ich rede an dieser Stelle nicht von der rechnend haushälterischen Art, die gewissermaßen in der Familie traditionell war, nicht von den manchmal sehr eigenthümlichen Rechtsgrundlagen seiner Unternehmungen. Dagegen tritt es bei einer Vergleichung in stärkeren Linien hervor, wie weit mächtiger in ihm der trotzige Sinn für Autonomie war als die pflichtmäßige Erwägung des Gehorsams, wie viel mehr er Edelmann als Soldat war. Vor allem für sich und dann für seinen Stand hat er gearbeitet, dessen anerkanntes Haupt er wenigstens zeitweise gewesen. Auch als solches hat er die Erhöhung der eigenen Machtstellung unverwandt im Auge gehabt. Daher weist sein Leben neben Zügen reiner Hingabe an Ideen und Menschen, auch Thaten auf voll gesetzloser Wildheit, voll trotzigen Frevels. Charakteristisch unterscheidet sich auch sein Ende von dem Bayards. Nicht dem Vaterland war sein letzter Gedanke geweiht. Auf seiner zertrümmerten Burg fiel er, in Folge eines fehlgeschlagenen Unterfangens gegen die bestehende Ordnung der Dinge, ein Opfer seines persönlichsten Strebens. Ungerecht wäre es lediglich in ihm selbst die Schuld einer so wenig erfreulichen Richtung zu suchen. Es erfüllte sich eben auch an ihm der Fluch einer mehrhundertjährigen Entwicklung, unter deren geistigem Banne er stand. Wohl lebte in ihm ein großartiges Gefühl von der alten Kaiserherrlichkeit: aber Respekt und Glauben an eine nationale Centralmacht war diesem Geschlecht abhanden gekommen.
Doch kehren wir ins Feldlager zurück, in dem Sickingen - ohne es zu ahnen zum letzten Mal im kaiserlichen Dienst - eifrig seiner militärischen Schuldigkeit genügte. Auch Bayard zeigte sich in jeder Weise alten Ruhmes würdig. Sein Name allein wirkte fast Wunder. Mit ihm und durch sein Beispiel angefeuert warf sich eine Anzahl junger Leute aus den vornehmsten Häusern in die bedrohte Stadt, vor allen der Herr von Montmorency. Mit jener Schwungkraft, die dem französischen Charakter eigen ist, verwandelten sich diese feinen Cavaliere des Hofs in gute Soldaten. Nicht blos mit dem Schwert bewiesen sie, daß sie keine unnützen Esser in der Festung seien: auf Bayards Aufforderung standen die verwöhnten Herrn nicht an selbst eifrig Hand an zu legen an die Ausbesserung der arg vernachlässigten Befestigungen. Ihr Vorgang beeiferte die ganze Besatzung zu unerhörten Anstrengungen. Muth und Zuversicht erfüllte alle Herzen, als, nicht allzulange nach der Uebernahme des Commandos durch Bayard, die Feinde sich nahten. Wenige Tage hatten Dank dem Talente und der Energie eines einzigen Mannes hingereicht, um aus einem unansehnlichen Platz ein höchst respectables Bollwerk zu schaffen.
Auch von Natur bot Mezières einer Belagerung nicht unbedeutende Schwierigkeiten. Die Maaß von Monzon und Sedan her in nordwestlicher Richtung fließend wendet sich unterhalb Mezières nach Nordosten. Mezières selbst liegt innerhalb einer Schleife, welche der Fluß hier bildet, und war damals in der Weise erbaut, daß seine Befestigungen den einzigen, nach Osten gerichteten, Zugang zu dieser Halbinsel verschlossen. Im Norden und Süden bespülte die Maaß unmittelbar die Mauern der Stadt. Nach Westen hin lag zwischen der letzteren und dem Fluß ein Landstrich von mäßiger Ausdehnung.
Eine völlige Einschließung hatte so die größten Schwierigkeiten, die in der That sich nie ganz überwinden ließen. Der Zugang zur Stadt scheint nie vollständig abgeschnitten gewesen zu sein. Offenbar war auch das kaiserliche Heer mit Belagerungsgeräth nur in sehr ungenügender Weise versehen. Indessen griffen beide Feldherrn trotz ihrer zwiespältigen Grundanschauung die nächstliegende Aufgabe rüstig an. Seit Anfang September 1521 zeigten sie sich mit starker Macht vor der Stadt. Es ist nicht ganz leicht die Positionen des kaiserlichen Heeres festzustellen. Doch scheint folgendes erweisbar. Von einer Besetzung des im Westen der Stadt, zwischen derselben und dem Fluß, gelegenen Zipfels hört man nichts. Wahrscheinlich konnte man nicht wagen in so isolirter Stellung sich festzusetzen, da, wie die unausgesetzten Ausfälle beweisen, die Belagerten sich im Besitz von Brücken über den Strom behaupteten. Auch von Norden her scheint keine Beschießung erfolgt zu sein. Graf Nassau mit den Flamändern und Hennegauern, also den burgundischen Truppen, nahm seine Stellung östlich von der Stadt, vor dem Burgunderthor, das nach den Ardennen schaute. Ihm fiel demgemäß die Bestürmung von der einzig zugänglichen Seite zu. Sickingen stand dagegen auf dem linken, westlichen Maaßufer. Er befand sich mit den Deutschen innerhalb des Kreisbogens, welchen oberhalb Mezières der Strom macht, ehe er die oben erwähnte Schleife schlingt. Der Strom lag zwischen ihm und der Stadt, trennte ihn jedoch zugleich von dem unter Nassau stehenden Theil des Heers: eine bedenkliche Vereinzelung, wenn vor dem Fall der Stadt zu deren Entsatz in seinem Rücken sich feindliche Truppenkörper bildeten.
Nachdem Bayard die Aufforderung zur Kapitulation mit Stolz zurückgewiesen, sahen die kaiserlichen Feldherrn sich vor die erste ernstere Aufgabe dieses Kriegs gestellt. Ein vorläufiges Bombardement, welches mehrere Tage anhielt, vermochte nicht die Belagerten schwankend zu machen. Es herrschte in ihnen ein durchaus andrer Geist als unter der Besatzung von Monzon. Umfassendere Maßregeln wurden nothwendig. Schweres Geschütz ward herbeigebracht und die Stadt zum Sturm beschossen. Günstig genug ließ sich im ersten Drittel des Monats September 1521 die Sache an. Nassaus Voraussage einer leichten Eroberung schien sich zu bewahrheiten. Besonders that Sickingens geschickt postirte große Batterie dem Feind vielen Abbruch. Ein Theil der Mauer stürzte ein, die Stadt selbst war arg mitgenommen. Nassau glaubte den Augenblick gekommen die Festung mit Sturm zu ersteigen. Ob er dabei zu voreilig war etwa aus Besorgniß vor einem heranrückenden Entsatzheer mag dahingestellt bleiben. Gewiß ist, daß sein Befehl auf unüberwindliche Hindernisse stieß. Die Deutschen sowohl, an welche er sich zuerst wandte, wie dann die Burgunder verweigerten den Sturm. Wir erfahren leider nichts Näheres. Keinesfalls spielt hier jedoch der Gegensatz zwischen den beiden Feldherrn hinein. Möglich, daß die Knechte einen besonderen Sturmsold gefordert haben, den zu verabfolgen man nicht in der Lage war, da die kaiserliche Kasse nicht einmal im Stande war die rückständige Löhnung auszuzahlen. Die Belagerung ward also fortgesetzt; die Minirung sollte vervollständigen, was die Beschießung fertig gebracht. Die Belagerten waren inzwischen nicht müßig geblieben. Da die Cernirung keine vollständige war, blieben sie in beständiger Verbindung mit der sich sammelnden Hauptmacht. Fortwährende, oft glückliche Ausfälle bewiesen, daß die Eingeschlossenen noch voller Muth waren. Und als es dann bei fortgesetztem Kampf an Streitern und Proviant zu fehlen begann, da hielt die Hoffnung auch die weniger Entschlossenen aufrecht. Schon machte sich das Nahen des Entsatzes den Kaiserlichen auf unangenehme Weise fühlbar. Ein deutscher Hauptmann, Graf Reifferscheidt, sah sich bei einem Streifzug bei Rethel von überlegenen feindlichen Streitkräften angefallen und nach tapferer Gegenwehr überwältigt. Um Mitte September 1521 war König Franz selbst von Troyes aufgebrochen und nach Rheims geeilt. Hier sammelten sich um ihn seine Getreuen. Auch 12000 Schweizer waren bereits in der Nähe. La Palice stand schon zwischen Rheims und Mezières. Freilich wußten Eingeweihte, daß er vor dem Ende des Monats nicht an eine Schlacht denken könnte. Aber die Belagerer wenigstens zu beunruhigen waren seine vorgeschobenen Truppen, die bereits an der Aisne bei Attigny und Rethel standen, trefflich geeignet. Besonders gute Dienste leistete abermals Robert von der Mark, der bereits wieder heimliches Verständniß mit Frankreich angeknüpft hatte. Aus seinem festen Sedan machten eine Anzahl französischer Lanzen, denen er daselbst Unterschlupf gegeben, die Gegend in Flanke und Rücken der Kaiserlichen unsicher und hemmten deren Verpflegung. Dreimal gelang es die Transporte aufzuheben. Während so vor den Thoren bald Mangel eintrat, war es gelungen der Bedrängniß der Eingeschlossenen zu Hilfe zu kommen und Proviant und Verstärkung unter dem Schutz der Nacht in die Stadt zu schaffen. So schwand den Kaiserlichen die Frucht langer Mühen unter den Händen. Die Städter begannen nun wieder heftiger dem Geschützfeuer der Gegner zu antworten; die Gelegenheit doch noch einen Sturm zu unternehmen war jetzt unwiderruflich vorbei. Ein Entschluß mußte gefaßt werden; die Lage begann bedenklich zu werden. Ohne Ergebniß hatte sich der Feldzug in die Länge gezogen. Die regnerische Witterung, die mangelhafte Ernährung bei unausgesetzter Anstrengung hatten Krankheiten hervorgerufen und durch Desertion die Reihen der Kämpfer gelichtet. Das Vertrauen in die Führer mußte unter diesen Umständen um so mehr leiden, da die Löhnungen rückständig blieben. Auch sonstige Vorkehrungen scheinen nicht in dem zur Erreichung des Ziels erforderlichen Maß getroffen gewesen zu sein; fortwährende Versuche durch England Pulver geliefert zu erhalten lassen fast auf Mangel an diesem wichtigsten Erforderniß schließen.
Das deutsche Kriegsvolk in der Reformationszeit besaß nicht genug starre Disciplin, um durch so mißliche Uebelstände unerschüttert zu bleiben. Die zunftmäßige Gestalt des Kriegsgewerbes, die corporative Geltung der Masse machten den Feldherrn - und am meisten in kritischen Lagen - von seinen Soldaten abhängig. Sickingens Lage war keineswegs beneidenswerth, ja sie konnte leicht zu einer verzweifelten werden. Mit schlechtgenährten, nicht bezahlten Truppen hatte er eine sehr exponirte Stellung zu halten, eine Stellung von der anderen Hälfte des Heeres durch den Strom getrennt, gerade zwischen dem heranrückenden Entsatzheer und den Belagerten, denen seit der gelungenen Verstärkung und Verproviantirung der Muth wieder sehr gewachsen war. Daß in seinen Landsknechten nicht der beste Geist lebendig war, hatte sich schon gezeigt als sie, darin ihren burgundischen Brüdern mit üblem Beispiel vorangehend, sich geweigert hatten zu stürmen. Eine schwere Verantwortung lag unter solchen Umständen auf dem Führer. Eine Schlappe in dieser Position konnte nicht nur ihn vernichten, sondern auch den dann um die Hälfte geschwächten Nassau ins Verderben ziehen. Was außerdem der Verlust des großen Operationsheeres für Folgen haben konnte, z.B. veränderte Maßnahmen des noch ungewissen englischen Verbündeten, war nicht abzusehen. So scheint der Kaiser selbst angesichts der zu erwartenden Verluste das Unterlassen eines Sturms gebilligt zu haben. Dagegen war es sowohl sein Wille als es aus der Betrachtung der Lage sich ergab, nicht einfach sich zurückzuziehen, sondern dem heranrückenden Entsatzheer die Feldschlacht anzubieten. Karl V. schmeichelte sich mit der Idee, daß eine verlorene Schlacht für die Franzosen den Zwang bedeute, den Krieg zu enden. Warum ist es nun dazu nicht gekommen? Warum hat man andernfalls nicht zu der von Wolsey dringend befürworteten Maßregel sich entschlossen die nothwendige Aufhebung der Belagerung durch einen Waffenstillstand zu maskiren? Der genannte brittische Staatsmann hat sich später den Franzosen gegenüber ein Verdienst daraus gemacht den Abbruch der Belagerung veranlaßt zu haben. Diese Behauptung, deren Zweck leicht erkennbar, ist schief. Im Gegentheil war er sehr unangenehm berührt von dem Rollenaustausch, den plötzlich die Gegner vorgenommen. Der Schlüssel des Räthsels wird daher in militärischen Erwägungen zu suchen sein. Daß nun Sickingen irgendwie ein verrätherisches Einvernehmen mit dem Feind unterhalten habe, ist ein unbeweisbares Gerücht, dessen Entstehungsgrund oben drein klar genug ist. Dagegen sind sicher sein anfänglicher Widerwille gegen die Belagerung überhaupt, sowie die Mißhelligkeit mit Nassau neben der Rücksicht auf die Lage für ihn bestimmend gewesen. In fast epischer Weise hat ein französischer Zeitgenosse, der mehrgenannte Biograph Bayards, die ganze Reihe von Ursachen und Wirkungen auf einen Punkt zurückgeführt, nämlich eine Kriegslist seines Helden, des tapferen Vertheidigers von Mezières. Angesichts der Verheerungen, welche Sickingens Artillerie in der Stadt anrichtete, habe Bayard auf Mittel gedacht diesen Gegner zum Rückzug über das Wasser zu veranlassen. Daher habe er einen Brief des Inhalts an Robert von Sedan aufsetzen lassen. Er werde wohl wissen, wie er (Bayard) von zwei Seiten durch Nassau und Sickingen belagert sei. Vor einem halben Jahr habe er nun ihm mitgetheilt, daß er Mittel wisse den Grafen von Nassau in den Dienst ihres Herrn, des französischen Königs, zu bringen. Er (Bayard) wünsche das sehr. Doch müsse Robert die Entscheidung bald bewirken, denn in 24 Stunden würden 12000 Schweizer und 800 Lanzen zur Stelle sein, während er gleichzeitig einen Ausfall machen werde. Kein Mensch werde dann entrinnen können. Mit der Bitte die Sache geheim zu halten schließt das Schreiben.
Ich habe schon früher darauf hingewiesen, daß das Schriftstück, wie es vorliegt, nicht authentisch ist. In eine so plumpe Falle durfte man nicht hoffen jemand zu locken. Es ist schwer über diese Sache ins Reine zu kommen, da die zahlreichen sonstigen Nachrichten von einer Kriegslist Bayards durchaus nichts wissen. Dennoch findet ein Haupttheil der Angaben des Biographen von anderer Seite her eine merkwürdige Bestätigung. Es ergiebt sich, daß ein aus der Stadt kommender Brief den Beginn des Unheils, das bald zum bittern Hader zwischen Sickingen und Nassau führte, bewirkte.
Wir wissen aus Bayards Biographie, daß, wie beabsichtigt, der mit dem obenerwähnten Schreiben an Robert von Sedan abgesendete Bauer in Sickingens Hände fiel. Der Erfolg der Lectüre des Briefs sei gewesen, daß derselbe sich verrathen glaubend augenblicklich die Trommel habe rühren lassen, und allen Abmahnungen zum Trotz sofort auf das rechte Ufer der Maaß zurückgegangen sei. Dieser Theil der Erzählung ist, obwohl in den Motiven wohl ausgeschmückt, im Kern richtig. Auch das Lied eines Mitkämpfers schildert, wie ein Bote mit Brief und Stab aus der Stadt herbeischlich, und wie von diesem Augenblick an das Glück von den Belagerern gewichen sei. Es ist demnach unzweifelhaft, daß auf eine brieflich aus der Stadt erhaltene Kunde Sickingen einen Entschluß faßte, den freilich andere Umstände ihm schon längst nahe gelegt hatten. Was er gefürchtet, ob er wirklich dachte von Nassau im Stich gelassen zu werden, falls er von der Stadt und von der Aisne her zwischen zwei Feuer genommen würde, ist bei dem Stand der Quellen nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Nachdem die Belagerung etwa drei Wochen gewährt, ging er also zwischen dem 20. und 26. September 1521 in der That mit seinem ganzen Corps über die Maaß zurück, um auf deren östlichem Ufer wieder Fühlung mit Nassau zu bekommen.
Jetzt brach nun aber der längst glimmende Verdruß mit dem Oberbefehlshaber in helle Flammen aus. In Frankreich erzählte man sich Wunderdinge davon. Am Hof Franz I. ward dem englischen Gesandten mitgetheilt, Sickingen und Nassau wären so in Uneinigkeit gerathen, daß sie auf einander die Schwerter gezückt hätten. Bei Bayards Lebensbeschreiber ist daraus schon ein kampfbereites Gegenüberstehen der beiden Corps geworden, welche erst durch ein paar Kugeln, die die Belagerten ihnen zugesendet hätten, wieder an ihren gemeinschaftlichen Feind erinnert worden wären.
Die Zwistigkeiten der beiden Führer scheinen weitere gemeinsame Operationen unmöglich gemacht zu haben. Die Belagerung, die nie eine vollständige war, war durch Sickingens eigenmächtigen Schritt vollends aufgehoben. Ob strategische Erwägungen, ob Folgen des Zerwürfnisses es waren, auch die Stellung an der Maaß war nicht mehr zu behaupten. Selbst Monzon ward von der hineingelegten Besatzung verlassen und angebrannt. Auch empfahl die Schwächung der Streitkräfte, welche auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke zurückgeführt waren, sich den vom Kaiser inzwischen angesammelten Verstärkungen zu nähern. Dann gelang es vielleicht die Scharte durch ein anderes Unternehmen auszuwetzen. Nassau folgte dem dahin gehenden Befehl des Kaisers. Schon am 2. October 1521 war er abmarschirt, am 11. finden wir ihn bereits auf burgundischem Boden und Tags darauf bei seinem jugendlichen Gebieter, der inzwischen in Valenciennes eingezogen war. Die Bedrohung durch die haranrückende französische Uebermacht hatte zum weiteren Rückzug gezwungen; dieselbe veranlaßte bald den Kaiser selbst flüchtig aus dem Hennegau zu entweichen. Jetzt zeigten sich auch seine Gesandten in Calais zu dem Waffenstillstand geneigt, den sie vorher verschmäht. Derselbe war aber so billig nicht mehr zu haben. Der Kampf ging fort, zog sich aber, nachdem noch im Lauf des Jahres die Kaiserlichen Tournay eingenommen, in der Hauptsache in andere Gegenden.

Sickingen hatte an diesen Vorgängen keinen Antheil mehr. Als der Kaiser sein Heer zu sich rief, um an die Lösung anderer Aufgaben sich zu machen, ward auch Sickingen zu Karl V. persönlich erfordert. Wir wissen nicht mit Bestimmtheit, ob er im Anschluß an Nassau nach dem Hennegau zog. Bei den folgenden Heeresbewegungen an der Schelde, welche Frundsberg die Gelegenheit zu seinem berühmten Rückzuge gaben, tritt unser Ritter in keiner Weise hervor. Er scheint in einer Art Ungnade seiner Thätigkeit enthoben worden zu sein. Am Hofe suchte man alle Schuld des Mißlingens ihm zuzuschieben: "er versteht nicht zu kriegen". Mit seiner Berufung nach Brüssel zugleich war ihm der Befehl zugegangen sein Volk zu beurlauben, eine Weisung, der Sickingen nicht ohne große Schwierigkeiten nachkam. Denn da er kein Geld für seine Truppen erhalten konnte, vermochte er nur einen Theil zu befriedigen: der Rest mußte sich mit einem Versprechen begnügen. Aber nicht genug, daß Sickingens Credit bei dem Kriegsvolk durch langes Zurückhalten der ihm gebührenden Zahlungen bedenklich erschüttert werden mußte, scheute man sich auch nicht von anderer Seite her seinem guten Namen zu nahe zu treten. In des Kaisers Kriegsrath hatten Männer von der Feder, vor allem der Bischof von Valencia, dominirt. Ihr Unverstand, ihre Sorglosigkeit hatten im Großen den Mißerfolg verschuldet. Was war bequemer als den Mann zum Sündenbock zu machen, dessen eigenmächtiger Aufbruch für verfängliche Auffassungen nur zu viel Anhalt bot. Sicherlich war es nicht schwierig die Stimmung am Hof gegen den Ritter zu erregen, dessen Sympathien für Luther kein Geheimniß waren. Aus den höheren drang der Klatsch in die niederen Kreise. In Valenciennes, wo Karl weilte, bildete sich eine förmliche Localsage über Sickingens Verrätherei. Die Handhabe zu all' diesen Intriguen bot sich bequem und scheinbar genug. Ein Wort des französischen Königs war durch den beglaubigten englischen Gesandten an Wolsey und von diesem an den kaiserlichen Hof mitgetheilt worden, Sickingen habe Ende October 1521 ihm (Franz I.) seine Dienste angeboten für den Fall, daß er bezahle, was der Kaiser ihm und seinen Truppen schulde. Seinerseits sei das Erbieten abgelehnt worden. Viel wichtiger als diese Notiz, in welcher man wohl nur eine französische Kriegslist zu erblicken hat, könnte nun freilich eine Angabe erscheinen, die aus des Kaisers Kabinet selbst stammt. Hier wird in einer Darlegung über den üblen Zustand der Finanzen hervorgehoben, daß man auch Franziscus mehr als 100000 Gulden schuldig sei, der bereits drohe den Kaiser und dessen Unterthanen zu bekriegen, falls er nicht bezahlt werde. In ähnlicher Weise hätten einige deutsche Fürsten, wie der Pfalzgraf, den Bürgern von Antwerpen und Mecheln Fehdebriefe gesandt, mit der Drohung im Fall der Nichtentrichtung ihrer Pension sich an Leuten und Gütern dieser kaiserlichen Besitzungen schadlos zu halten. Ich bekenne, daß diese Nachricht mir nur eine Ableitung aus jenem angeblichen Dienstanerbieten an Franz I. zu sein scheint. Sollte jedoch nicht völlig aus der Luft gegriffen sein, was hier von Sickingen erzählt wird, so ist trotzdem nicht an einen verrätherischen Uebertritt zu Frankreich zu denken. Man mag sich die Sache dann so vorstellen, daß er beabsichtigte mit seiner unbezahlten Soldatesca auf kaiserlichem Gebiet sich durch Execution eine Art Pfand für seine Ansprüche zu verschaffen. Sicherlich war eine solche Drohung ein sehr drastisches Mittel; aber er hat es nachweisbar im Jahr darauf in derselben Angelegenheit gegen die Regentin Margarethe zur Anwendung gebracht. Auch hätte er äußersten Falles ja nichts anderes gethan, als was Höhere und dem Kaiser Näherstehende, wie obengenannte Fürsten, sich gleichfalls erlaubt. Durch seine Landsknechte, die ihren Sold verlangten, in die Enge getrieben, wäre es nicht undenkbar, daß der Ritter zu diesem Mittel seine Zuflucht genommen hätte.

Gegen das vage Gerücht verrätherischen Einverständnisses mit dem Feind darf neben den bereits geltend gemachten Erwägungen wohl auch einmal das Zeugniß der Thatsachen angerufen werden. Ein Mann, dem bald darauf, noch vor Ablauf des Jahres, der Kaiser, unter Anerkennung seiner Dienste, die geschuldeten Summen nach persönlichem Zusammentreffen zubilligt, konnte der ein Verräther sein? Würde mit letzterer Annahme die lässig wohlwollende Haltung stimmen, die man Karl und seinem Vertreter nachher Sickingens fernerem Thun gegenüber zum Vorwurf machte? Auch ließe sich nicht erklären, wie der Ritter dazu gekommen sein sollte nach seinem verunglückten Versuch auf Trier der Regentin Margarethe für den Kaiser oder den König von England seine disponiblen Truppen anzubieten, wäre sein Verhalten im verflossenen Jahr mit dem Brandmal der Treulosigkeit behaftet gewesen. Nein, Sickingen war kein Verräther und zweifellos war das auch die Meinung des Kaisers, als er den Ritter, der nach Brüssel geeilt war, zu sich nach Oudenarde beschied. Die Wolke, die seinen Ruf einen Augenblick beschattete, hatte sich rasch wieder zerstreut. Schon war der Rest seines Heers nach dem Oberrhein abmarschirt als er vor seinem Monarchen erschien. Ueber seinen Empfang wird nichts berichtet. Derselbe ist schwerlich ein sehr zuvorkommender gewesen, da Sickingen das begehrte, was man an Karls Hof am wenigsten hatte - baares Geld. Nach langem Harren und Feilschen hat er sich denn auch schließlich mit einem Abschied begnügen müssen, welcher ihm Zahlung seiner geprüften Forderung im Betrag von 76500 Goldgulden in verschiedenen Raten zusagte, dazu 150 Centner Kupfer für Geschütze, die im Dienst des Kaisers darauf gegangen waren. Bei der an diesem Hof herrschenden Finanzwirthschaft verstand es sich fast von selbst, daß die bestimmten Termine nicht eingehalten wurden. Vergebens erschienen Sickingens Diener in Lützelburg, um die erste Rate in Empfang zu nehmen. Nachdem sie wochenlang vergeblich daselbst eingelegen rief der Ritter die Vermittlung seines Kriegsgenossen des Grafen von Nassau an, um ein gleichzeitig an den Kaiser gerichtetes Schreiben zu befürworten. Es müsse zu seiner wie des Kaisers merklicher Beschwer gereichen, wenn er als armer Ritter, der Treue und Glauben verpfändet habe, um jenem mit unterthänigem Gehorsam zu dienen, trotz des abgeschlossenen Ausgleichs unbezahlt und außer Stande bleibe die dem Kriegsvolk gegenüber eingegangenen, noch ungelösten Verbindlichkeiten zu erfüllen. Trotzdem waren noch im folgenden Sommer 1522 seine Bemühungen umsonst. Ja man war nicht einmal im Stand dem ungestümen Mahner die wiederholt hinausgeschobenen Termine einzuhalten, welche man für Rückzahlung der bei der Krönung dargeliehenen 20000 Gulden bestimmt hatte. Die Regentin Margarethe, nicht ohne Besorgniß, daß die gegen Trier gemünzten Rüstungen einen Einfall in Luxemburg nach sich ziehen würden, bot dem Ritter statt der augenblicklich unaufbringbaren Hauptsumme eine jährliche Rente, angewiesen auf die Einnahmen des Landes Brabant. Ja wenn das nicht annehmbar befunden werde, wollte sie bei einem von Sickingen zu bezeichnenden Kaufmann in Antwerpen einen Theil ihrer Juwelen im Werth von 30000 Gulden niederlegen, über welche Sickingen nach Belieben sollte verfügen dürfen, falls der abermals hinausgeschobene Termin nicht eingehalten werde. So ging es der Stellvertreterin des Herrschers, in dessen Reich die Sonne nicht unterging. In den ihrer Obhut anvertrauten blühenden Landen wollte kein Mensch mehr auf ihre Schatzscheine Geld darleihen. Diese Art des Credits war schon übermäßig hoch angespannt. So wiederholte sich hier im engeren Kreis die damals allgemeine Klage, daß Geld so theuer sei. Sickingen konnte nichts thun, als möglichst gute Miene zum bösen Spiel machen. Nicht allein sein Credit war gefährdet, auch seine Hilfsmittel waren tief erschöpft. Für die im kaiserlichen Dienst eingebüßten Kanonen hat er bis an sein Lebensende vergeblich das auf die Magazine in Breisach angewiesene Kupfer verlangt. Wir wissen ferner aus dem Brief eines Vertrautesten, daß in seine Pulvervorräthe durch den Feldzug an der Maaß gleichfalls starke Lücken gerissen waren, Lücken, die damals so rasch nicht auszufüllen waren. Die Summen aber, welche ihn für seine Verluste entschädigen sollten, heischte er fortgesetzt vergebens.
So war für ihn das Resultat seiner Dienste unter den Bannern Habsburgs kein erfreuliches. Minderung seines militärischen Rufs, Abnahme seines Einflusses auf den waffentragenden Theil der Bevölkerung, Schwächung seines Materials an Waffen, Pulver und vor Allem an Geld. Es begreift sich, daß Sickingen an dieser Probe genug hatte und daß es ihn nicht gelüstete an dem Kampf wider Frankreich, der jetzt erst rechten Schwung bekam, weiter sich zu betheiligen. Er ging seinen eigenen Plänen nach, während Nassau, Frundsberg und andere Waffengefährten auch fortan als kaiserliche Officiere Ehre und Ruhm suchten. Sickingen blieb auch ferner Karls Kämmerer, Rath und Hauptmann; doch sind diese Titel auf seinen Lebenslauf künftig ohne besonderen Einfluß. Im wirklichen Dienst hat er zum letztenmal gestanden, als seine Geschütze eiserne Boten in das belagerte Mezières sandten. Wenn er, wie bemerkt, nach dem Scheitern seines Zugs gegen Trier, dem Kaiser durch die Regentin Margarethe aufs Neue seine Dienste anbot, so war das offenbar für ihn blos ein Mittel, um sich in bedenklicher Lage an der Spitze seiner Armee zu erhalten, deren Besoldung er selbst auf die Dauer nicht erschwingen konnte. Völlig frei verfügte er fortan über seine Kräfte. Das Amt mit seinen Fesseln hatte den Aufschwung derselben vielleicht gelähmt. Noch war er in den besten Jahren. Körperlich leidend, arbeiteten doch Verstand und Wille in ihm mit altem Feuer. Großen Dingen dachte er nach, und - wenn wir hierin einem Gegner glauben dürfen - angesichts der belagerten Stadt hatte er die günstige Gelegenheit benutzt unter seinen zahlreich versammelten Standesgenossen für seine Ideen zu werben. Ehe wir diesen Faden ergreifen, wird ein Blick auf die politische und sociale Stellung dieses ritterlichen Adels zur Orientierung förderlich sein.

Weiter hier:

Franz von Sickingen
__________________
a Finn: Haha, I saw a AFA-hippie meeting 30 minutes ago. They had even Lada with soviet flag. Where was the meeting held? In McDonald's of course. They promised to destroy capitalism when they finish their BigMacs.


The price good men pay for indifference to public affairs is to be ruled by evil men.

Plato
 

Bookmarks

Thread Tools
Display Modes

Posting Rules
You may not post new threads
You may not post replies
You may not post attachments
You may not edit your posts

BB code is On
Smilies are On
[IMG] code is On
HTML code is Off
Trackbacks are Off
Pingbacks are Off
Refbacks are Off


Similar Threads
Thread Thread Starter Forum Replies Last Post
Finis Germaniae? Aptrgangr Politische Diskussionen 1 Friday, June 12th, 2009 23:36
Das Gefecht bei Lüneburg am 2. April 1813 Aptrgangr Geschichte, Kunst & Kultur 0 Monday, August 6th, 2007 18:47
Der deutsche Ritterorden BlutundSchweiß Geschichte, Kunst & Kultur 1 Monday, May 16th, 2005 17:48
Du und deine Volksgenossen OTO Geschichte, Kunst & Kultur 0 Thursday, April 21st, 2005 12:15
Slawenlegende (Exposing Pan-Slavic lies) Zyklop Geschichte, Kunst & Kultur 3 Wednesday, January 26th, 2005 16:12

Locations of visitors to this page

Stirpes Stats

All times are GMT +2. The time now is 09:47.

Page generated in 6.1858239 seconds with 15 queries.


Powered by vBulletin® Version 3.8.1
Copyright ©2000 - 2010, Jelsoft Enterprises Ltd.
Search Engine Optimization by vBSEO 3.1.0